Samstag, 10. September 2016

Drüsiges Springkraut, Indisches Springkraut


Impatiens glandulifera

Jetzt im Spätsommer ziehen sie wieder alle Blicke auf sich, die hochgewachsenen Gruppen – bis zwei Meter – des Drüsigen (Indischen) Springkrauts. Sie stehen auf feuchten Böden, in Auen, an Waldrändern, auf Brachen. Dort sind sie Bestandteil der Ruderalflora, manchmal vergesellschaftet mit der Ackerkratzdistel, die wir letztes Mal kennengelernt haben.


Ganz schön auffällig!

Warum indisch oder drüsig, warum „Spring“-Kraut? Nun, die Pflanze kam im 19. Jahrhundert aus dem Himalaya („Indien“) nach Mitteleuropa; an den Blattstielen sitzen kleine gestielte Drüsen; die Samen „springen“ aus den aufplatzenden Samenkapseln.

Das Drüsige Springkraut wurde 1837 erstmals in Gärten in Dresden ausgesät. Seine Blüten stehen in lockeren Trauben am Stängel. Die Farbe changiert von rot über rosa zu weiß. Die Blüten haben nur eine Symmetrieebene; wenn man sie der Länge nach durchschneidet, stehen die beiden Hälften spiegelbildlich zueinander. Darin ähneln sie Orchideenblüten – „Bauernorchidee“ ist ein volkstümlicher Name des Springkrauts. Ein anderer ist „Balsamine“ – wegen des starken Dufts und ihrer Zugehörigkeit zur Familie der Balsaminengewächse.

Bauernorchidee

Die Samen reifen in keulenförmigen Früchten heran; die platzen bei geringster Erschütterung oder auch spontan auf und schleudern die Samen bis zu sieben Meter weit fort. So flogen die Balsaminen auch aus den sächsischen Hausgärten in die Freiheit. Die Ausbreitung des Drüsigen Springkrauts über ganz Europa hatte begonnen.
Explosionsgefahr! Keulenförmige Samenkapsel


Es hat peng gemacht!

 
Die Blüten bilden einen aufgeblähten Helm, der in einem kurzen Sporn endet. Dort befindet sich reichlich Nektar, vierzig Mal mehr als in einer vergleichbar großen heimischen Blüte. Klar, dass das Bienen und Hummeln schmeckt. Auch Imker trugen deshalb zur Ausbreitung des Springkrauts bei. Die Blüten riechen stark, manche meinen sogar, sie stinken. Der rote Stängel der Pflanze ist sehr kräftig, keine heimische Pflanze steht auf solchen Säulen.

Wo ist der Nektar? Blütenhelm mit Sporn
 
Nicht jeder ruht auf solchen Säulen
Das Drüsige Springkraut lebt nur ein Jahr. Mit dem ersten Frost ist alles vorbei. Die Pflanze hat keine Blattrosetten oder unterirdischen Organe, aus denen sie wieder auskeimen könnte, wie zum Beispiel die Ackerkratzdistel oder der Löwenzahn. Da hilft nur, kräftig für Nachwuchs zu sorgen – und das tut das Springkraut: Eine einzelne Pflanze kann Hunderte von Samen (bis zu 1.000) produzieren. Unter einer dichtbewachsenen Fläche fanden sich über 30.000 Samen auf dem Quadratmeter.


Samen-Massenproduktion

Für Biologen stellt das Jahr 1492 eine Zäsur dar. Mit der Landung Kolumbus‘ auf Hispaniola begann die Ära des „Kolumbischen Austauschs“ – der Verfrachtung von Organismen von Amerika nach Europa, Asien, Afrika und umgekehrt. Später geschah ähnliches auch in Tasmanien, Neuseeland und Australien – berühmt sind dort die verwilderten Hunde, Kamele und Ratten und vor allem die Kaninchen. Doch nicht alle neuen Arten verändern ihre neue Umwelt merklich negativ, die meisten sterben bald wieder aus. Andere siedeln sich unauffällig an, wie zum Beispiel der Regenwurm, der in Nordamerika während der letzten Eiszeit ausgestorben war und nach 1500, als blinder Passagier mit den Schiffen der Einwanderer kommend, zur Neueroberung des Kontinents aufbrach. Im Deutschen heißen Neuankömmlinge zusammengenommen Neobiota, neue Pflanzen heißen Neophyten, neue Tiere Neozooen. Angelsächsisch heißen sie alle zusammen einfach Aliens.
In reifen Ökosystemen haben Hereindrängende wenig Chancen; Pflanzenfresser, Fleischfresser, Zersetzer wie Pilze und Bakterien, licht- und schattenhungrige Pflanzen, pflanzliche und tierische Parasiten – alle haben sich eingenischt (sorry, das ist Biologen-Sprech) und lassen so schnell niemand Fremden aufkommen. Anders sieht es auf Ruderalflächen aus: Auf Aufschüttungen, neu ausgehobenen Gräben und Brachen können lichthungrige, schnellwachsende Aliens sich ungehindert ausbreiten. Manche von ihnen keimen aus kleinsten Pflanzenfragmenten zu vollständigen neuen Pflanzen aus, wie zum Beispiel der Japanische Knöterich, der in den letzten Jahren Bach- und Flussufer überwuchert. In einer BBC-Dokumentation über weeds – Unkräuter – belegte der Japanische Knöterich im Ranking der „bösen“ Aliens den ersten Platz, vor dem Sommerflieder, der als Futterstrauch für Schmetterlinge in Gärten immer beliebter wird und sich von dort im Freiland ausbreitet.
Auf Ruderalflächen lässt es sich gut ausbreiten!
Man schätzt, dass in reifen, stabilen Ökosystemen 5 % der Arten Neobiota sind. Auf Ruderalflächen jedoch machen Neophyten etwa 30 % aus. Hier wächst auch die Kanadische Goldrute, als aggressiver Neuankömmling inzwischen ziemlich gefürchtet.

„Das Drüsige Springkraut verdrängt einheimische Pflanzen“: Wenn eine so auffällige Art Jahr für Jahr auf – zumindest gefühlt – immer größeren Flächen aufwächst, werden Naturschützer schon mal unruhig. Doch ist dieser Alien wirklich gefährlich für die heimische Flora?
Sind keine guten Studien vorhanden – und manchmal sogar dann – hängt die Bewertung eines neu auftretenden ökologischen Problems oft davon ab, wie Beobachter die Welt ganz allgemein sehen: pessimistisch, optimistisch, alarmistisch, realistisch, moralistisch.

Auch im Fall unseres Springkrauts gehen die Meinungen auseinander. So liest man, dass Bienen und Hummeln heimische Pflanzen vernachlässigen sollen, weil sie sich schon am üppigen Nektarbüffet des Springkrauts vollgefressen haben. Es scheint aber keine zuverlässigen Studien dazu zu geben.

Gute Daten zum Konkurrenzverhalten des Drüsigen Springkrauts liefert das Bayerische Landesamt für Land- und Forstwirtschaft von Versuchsflächen im Alpenvorland. Danach beschattet es den Boden nicht so sehr, dass das Aufkommen von Jungbäumen behindert würde. Wenn man in einen Bestand des Springkrauts geht, sieht man tatsächlich, dass die Pflanzen ziemlich locker stehen und viel Licht auf den Boden lassen. Wenn man dazu bedenkt, dass die Bekämpfung des Springkrauts einfach ist – Mahd vor der Blüte über einige Jahre (wenn auch die letzten Samen im Boden abgestorben sind), scheint von ihm nur mäßige Gefahr für unsere Ökoysteme auszugehen.
Manche Experten leugnen, dass Neobiota überhaupt Probleme machen könnten. Sie meinen, dass die Wanderung von Organismen ein natürlicher Prozess sei und die Verdrängung von Arten immer vorkomme. Das Problem sei vielmehr die „Xenophobie“ der Neobiota-Pessimisten.

Dazu wieder, wie von einer Eulenblick-Stammleserin gewünscht, eine kleine Polemik:

Pauschale Aussagen sind beim Problem Neobiota – wie auch sonst im Leben – problematisch. Australien, Tasmanien, Neuseeland und viele Inseln in Pazifik und Indischem Ozean schlagen sich seit Jahrhunderten mit eingeschleppten Organismen herum. Andererseits stimmt auch, dass bei diesem Thema die Alarmsirenen oft sehr früh losgehen und besonders laut heulen.

Doch das eigentliche Problem hier ist in meinen Augen ein anderes, nämlich der leichtfertige Umgang mit dem Xenophobie-Begriff. Xenophobie ist etwas anderes als der Wunsch nach Bekämpfung von Neobiota. Es ist ein Unterschied, ob Naturschützer (auch im Übereifer) mit dem Flammenwerfer auf Kanadische Goldruten losgehen oder ob Asylbewerber bedroht werden. Mit dem nivellierenden Gebrauch des Xenophobie-Vorwurfs werden Rassismus und Ausländerhass verharmlost. Man sollte hier argumentativ abrüsten – und sei es noch so schön, den moralischen Zeigefinger auf die spießigen Blümchenschützer zu richten.
Fotos:
Angelika Schneider
wikipedia (2):
Impatiens_glandulifera_-_plants_(aka)
120px_Seeds_impatiens_glandulifera

Samstag, 30. Juli 2016

Acker-Kratzdistel



Acker-Kratzdistel

Cirsium arvense


Es kratzt sie nicht, die Acker-Kratzdistel (oder Ackerdistel) und sie macht sich noch lange nicht vom Acker, wenn der Bauer wieder einmal mit Häcksler und Hacke auf sie losgeht. Kleinste Bruchstücke ihrer unterirdischen waagrechten Wurzelausläufer keimen wieder zu einer vollständigen Pflanze aus. Die Ackerdistel ist ein großes Ärgernis in der Landwirtschaft– einzelne Pflanzen wachsen sich zu großen „Nestern“ aus und verdrängen Weizen, Rüben oder Kartoffeln. Sie wird mit vielen verschiedenen Methoden bekämpft – chemischen, biologischen oder mechanischen. Ein neuerer Versuch ist der Einsatz des  Rostpilzes Puccinia punctiformis - seine einzige Wirtspflanze ist die Acker-Kratzdistel und der setzt er ganz schön zu.
 
Acker-Ärgernis Acker-Kratzdistel

Ursprünglich eine Pflanze der Lichtungen und Waldränder, fand die Pflanze auf den im Hochmittelalter neu gerodeten Flächen gute Böden und viel Licht – Dinge, die ihr behagen. So begann das nun schon über tausend Jahre andauernde Bauerndratzn* der Ackerdistel.
Sie wird über einen Meter hoch, auf den verzweigten Stängeln sitzen meist mehrere kleine lilafarbene Körbchen. In ihnen sind die langen Röhrenblüten gebündelt. Vier Wochen nach der Blüte haben sich schon die kleinen geflügelten Früchte gebildet, in denen sich je ein winziger Same befindet. Die reifen Blütenstände schauen dann aus (und fühlen sich auch so an) wie seidige Wattebäusche, die aus den Körbchen herausquellen.


Vom Blütenköpfchen zum Samen-Wattebausch: Acker-Kratzdistel
 

Die Blätter der Acker-Kratzdistel sind lang und gebuchtet und mit vielen gelblichen Stacheln versehen. Der Stängel ist kahl – daran kann man sie von vielen ähnlichen Disteln unterscheiden, die alle bedornte Stängel aufweisen.
Außer auf Äckern wächst die Acker-Kratzdistel auch an Wegrändern, auf Baustellen und Ödland, als Teil der sogenannten Ruderalflora – also der Flora, die sich auf umgegrabenen und – gewälzten Böden einfindet. Solche Stellen sucht auch der „Vogel des Jahres 2016“ auf, der Stieglitz oder Distelfink.

Stieglitz auf der Distel

 

Eine solide Ehe mit der Botanik, eine leidenschaftliche Affäre mit der Ornithologie – das ist keine schlechte Kombination, liebe Freunde des Eulenblick! Im Fall von Distel und Distelfink fallen Pflicht und Neigung sogar zusammen.


Auch für Non-Ornis leicht zu erkennen: der Stieglitz
Jetzt im Spätsommer sitzen sie – oft in kleinen Gruppen - auf den Köpfen der Disteln und picken nach den heranreifenden Samen. Ihr typischer Ruf beim Auffliegen, das „tiglitt“, ihr schwarz-weiß-roter Kopf und die aufblitzenden gelben Flügelbinden, machen den Stieglitz auch für Non-Ornis leicht erkennbar. In Dorf und Feld früher sehr häufig, kämpft der Stieglitz gegen verschiedene Widrigkeiten, die die Moderne ihm bereitet: Im Acker als Unkraut bekämpft, in geleckten Gärten unerwünscht, auf Brachflächen durch „Begrünung“ vertrieben, sind seine Nahrungspflanzen, die verschiedenen Disteln, vielerorts knapp geworden. Seine Nominierung zum Vogel des Jahres ist ein Zeichen dafür, dass es ihm so gut nicht mehr geht.

Früher kannten Menschen den Stieglitz genau. Seine Art, Disteln („Dornen“) aufzusuchen, machte ihn in der christlichen Symbolik zu einem Boten der Passion Christi. Ein berühmtes Bild des nur mit dem superlativsten Superlativ zu beschreibenden Raffael, die „Madonna mit dem Distelfink“ von 1506, hat dies zum Thema. Der Spielkamerad des Jesusknaben, der Heilige Johannes, reicht ihm einen Distelfink. Er prophezeit Jesus damit den kommenden Martertod.


File:Detail Madonna del Cardellino.jpg

Superlativster Superlativ: die Madonna del Cardellino von Raffael
2008 wurde die Restaurierung der Madonna del Cardellino (Cardo ital. Distel, cardellino Distelfink) nach jahrelangen Arbeiten abgeschlossen. Das Bild hängt jetzt wieder in den Uffizien von Florenz.

 *Bairisch für Bauernquälen
 
Ein Video zeigt Stieglitze auf Acker-Kratzdisteln:
https://www.youtube.com/watch?v=9VDIa_FY78I




Bildnachweis:
Angelika SchneiderWolf Schröder wikmedia commons:
Raffaello Sanzio - Madonna del Cardellino - Google Art Project.jpg
Otto Wilhelm von Thome:
Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Gera 1883
flickriver.com/Groups/1399444@N21/pool


 
 

Donnerstag, 30. Juni 2016

Wollgras

Wollgras
Eriophorum spec.

Moos und Filz

Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren breiteten sich Wälder aus, Bodenbildung setzte ein. In flachen Niederungen und Senken sehr regenreicher Gebiete Mittel- und Nordeuropas, des Alpenvorlandes, Skandinaviens, Irlands und Sibiriens lag der Grundwasserspiegel so hoch, dass abgestorbene Pflanzenteile sich unter Sauerstoffabschluss nicht zersetzten. Hier wuchs kein Wald, es bildete sich Torf, der sich zu immer dickeren Schichten aufhäufte. Moore entstanden.
Zwischen Orchideen steht das Wollgras im Niedermoor

In verlandenden Seen, Flussniederungen, Ebenen bildeten sich Niedermoore. Das Grundwasser reicht bis an die Oberfläche; manche Niedermoore können in Trockenperioden sogar eine Zeitlang trockenfallen. Der Mensch nutzte sie schon früh, als (schlechte) Weide oder zur Mahd. Das Mähgut wurde in den Ställen als Einstreu für das Vieh verwendet. Solche Niedermoore, auch Streuwiesen genannt, sind sehr artenreich, viele stehen unter Naturschutz. Zwischen Schilf, Riedgras und Binsen blühen Enzian, Schwertlilien, Orchideen in lila, gelb und weiß, dazwischen stehen die nickenden Köpfchen der Wollgräser.

In diesem Lebensraum wachsen zwei Arten von Wollgräsern, das breitblättrige und das schmalblättrige Wollgras. Im Juni sieht man jetzt überall die nickenden weißen Köpfchen. Doch „blühen“ sie jetzt nicht - die wolligen Ährchen sind die Fruchtstände des Wollgrases. Will sagen: es sind die winzigen Samen, an denen die bis fünf Zentimeter langen Haare hängen. Der Wind verfrachtet sie mitunter kilometerweit.
Im Boris-Johnson-Look: Schmalblättriges Wollgras

Beide Arten haben mehrere (bis 12) Ährchen am Stängel, die Blätter des breitblättrigen Wollgrases sind breiter, aber auch nicht mehr als acht Millimeter; die Stiele seiner Ährchen fühlen sich etwas rau an. Das schmalblättrige Wollgras ist häufiger als sein Zwilling; es wächst auf saureren, kalkärmeren Böden.
Zwillinge, die man nicht kennt, verwechselt man leicht. So tut sich auch der munter einherschreitende Wanderer schwer, die beiden Arten im Vorübergehen auseinander zu halten. Auf einer botanischen Exkursion rätselte sogar der Fachmann, der ein Wollgras in der Hand hatte, ob breit- oder schmalblättrig. Und auch bei der unterfertigten Bloggerin hier lösen sich die diesbezüglichen Nebel erst allmählich. Und raunte nicht schon damals, im fernen Mittelalter, die Heilige Hildegard: “Ein Wollgras ist ein Wollgras ist ein Wollgras?“
Schmalblättriges Wollgras
 

 
Breitblättriges Wollgras
Scheiden-Wollgras

In sehr kalten und kühlen Klimaten, wo der Abbau der Pflanzen besonders langsam vor sich geht, wächst der Torf immer mehr in die Höhe. Deshalb sprechen wir von einem Hochmoor. Mit der Zeit – in Jahrhunderten bis Jahrtausenden - verlieren die Wurzeln der Pflanzen den Kontakt zum Grundwasser. Das Moor wird nur noch durch den Regen gespeist. Im Torf bildet sich ein eigener, sekundärer Grundwasserspiegel aus. Mineralstoffe werden ausgewaschen, der Torf wird immer saurer. Nur hochspezialisierte Pflanzen können hier überleben. Am häufigsten sind die rötlichen Torfmoose, sie bilden Polster, die sogenannten Bulten, die sich uhrglasförmig krümmen. Zwischen den Torfmoosen wächst die Rosmarinheide, (weder verwandt noch verschwägert mit dem Küchenkraut), der fleischfressende Sonnentau und ein weiteres Wollgras, das Scheiden-Wollgras. Und dieses macht es uns leicht, es von seinen Geschwistern zu unterscheiden, denn es bildet nur ein einziges Ährchen aus. Es wächst in sehr dichten Polstern, die zu den stärksten Torfbildnern gehören. Sie hängen über die vielen unterirdischen Ausläufer zusammen, die das Scheiden-Wollgras bildet.

Nur ein Ährchen: Scheiden-Wollgras im schottischen Hochmoor
 
In Bayern unterscheidet die Sprache genau zwischen Nieder- und Hochmoor. Ersteres ist ein Moos, letzteres ein Filz. In vielen Flurnamen kommen Moos (pl. Möser) und Filz vor, etwa Murnauer Moos, Donaumoos, Sindelsdorfer Filz, Kendlfilz.
Polster des Scheiden-Wollgrases, davor...
...rötliches Torfmoos und sprießende Nadeln der Rosmarinheide

Schon früh begann die Trockenlegung der Moore in Europa. Die älteste bekannte Entsumpfung ist jene des Forums in Rom durch den Bau der Cloaca Maxima. Im frühen Mittelalter legten fleißige Mönche Sümpfe trocken, vor allem Zisterzienser und Benediktiner. Viele Klöster stehen an sumpfigen Orten; zum Beispiel das Kloster Benediktbeuern, von wo aus die Mönche ab dem 9. Jahrhundert ins Moor zogen.
Entzieht man einem Moor das Wasser, durch Gräben, Drainagen oder Flussregulierungen, löst es sich buchstäblich in Luft auf. Der poröse Torf fällt beim Trocknen in sich zusammen, er baut sich unter Sauerstoffeinwirkung ab. Im ehemaligen Donaumoos etwa liegt der Boden heute drei Meter tiefer als vor der Entwässerung. Getrockneter Torf wurde in Moorgegenden über Jahrhunderte als - sehr unergiebiger - Brennstoff verwendet. Geologisch betrachtet stellt Torf die erste Stufe der Kohlebildung dar - unter Druck und Hitze verwandelt er sich unter der Erdoberfläche und in Jahrmillionen zuerst in Braunkohle, dann in Steinkohle und zuletzt in Anthrazit.
In ganz Europa sind über Jahrhunderte sehr viele Moore verschwunden. Manche geschädigten Moore in Naturschutzgebieten versucht man zu restaurieren. Niedermoore, also Möser, regenerieren sich relativ schnell, wenn der Grundwasserspiegel wieder angehoben wird. Die Torfbildung setzt ein, und auch die typischen Pflanzen kommen zurück.
Bei Hochmooren, also Filzen, ist es komplizierter. Wenn sie entwässert werden, wird der eigene Regen-Grundwasserspiegel zerstört. Torfmoose bauen sich ab, die gewölbten Bulten verschwinden. Bei der Wiedervernässung kann es Jahrhunderte dauern, bis die typischen Strukturen sich wieder bilden. Zu den wichtigsten Torfbildnern gehört dabei – da schau her – das Scheiden-Wollgras durch seine dichten Horste und die vielen unterirdischen Ausläufer.
Verfilzte unterirdische Ausläufer des Scheiden-Wollgrases: wichtigste Torfbildner
 
Zuletzt eine kleine Polemik: 
Wenn man manche Naturschützer fragt, warum Moore denn wichtig wären, wird man, so fürchte ich, leider oft hören: "Sie sind wichtig für den Klimaschutz". Das stimmt insofern, als Moore ja Pflanzen konservieren und das in ihnen gespeicherte Kohlendioxid erst frei wird, wenn sie austrocknen und verwesen. Im Publikum entsteht aber leider, so mein Eindruck, oft das Missverständnis, dass der viele Torf per se das Klima schützt. Nach einem solchen Argument wären aber Erdöl- und Schiefergaslager am allerwichtigsten "für den Klimaschutz", so lange sie in der Erde ruhen. Moore "schützen" das Klima nur insofern, als sie eine Kohlendioxidsenke darstellen, wenn neu abgestorbene Pflanzenteile nicht verrotten, sondern konserviert und langsam zu Torf werden. Doch macht das gebundene Kohlendioxid in dieser "Senke" nicht allzu viel her . Ich schätzte mal grob, dass das Murnauer Moos im Jahr nicht so viel Kohlendioxid neu speichert, als die Lastwagen für den Transport von Biojoghurt in die Supermärkte der Gegend in die Luft blasen.
Abgedroschene Klimaschutzformeln laufen Gefahr, die Öffentlichkeit zu ermüden und zu verdrießen. Und etwas weniger Denkfaulheit würde die richtig starken (meiner subjektiven Meinung nach) Argumente hervorbringen:
  • Biologische: Die große Artenvielfalt nicht nur an Pflanzen, sondern auch an seltenen Vögeln (Bodenbrütern) und Insekten
  • Ästhetische: Die großen Möser und kleinen Filze machen zusammen mit Wäldern und Seen (und Bergen im Hintergrund) den Reiz vieler europäischer Landschaften aus
  • Kulturhistorische: Um Nutzung und Bewirtschaftung der Moore in früheren Zeiten spannen sich viele Bräuche, Riten, Regeln und Gesetze, Arbeitsabläufe, Geräte, die der Zustand der heutigen Moore widerspiegelt.
Dann wäre auch das Klimaschutzargument gefragt, wenn man es differenziert in seiner Größenordnung darstellt.

Fotos:
A. Schneider 4
W. Schröder 1
Wikipedia Commons je 1:
de.wikibooks.org
uneberg.org/nordflor
Elke Freese
Janus (Jan Kops)






 






 


Montag, 30. Mai 2016

Wolliger Schnellball


Wolliger Schneeball
Viburnum lantana

Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen, ob sie gleich nahe gegen einander über standen.
Die Wahlverwandtschaften. Goethe. 1809
Fell und Leder gegen die Kälte, ein Grasumhang gegen den Regen, ein Rucksack mit Proviant, Zunderschwamm zum Feuermachen, ein Dolch aus Feuerstein, eine Axt aus Kupfer – an der Ausrüstung lag es nicht, dass der Mann auf über 3000 m Meereshöhe zu Tode kam. Die Waffen waren das Problem: Der Bogen aus Eibenholz war nicht fertig geschnitzt, von den zwölf Pfeilen im Köcher waren erst zwei mit Pfeilspitze und Federn versehen. Als sein Mörder kam, war Ötzi unbewaffnet.

Achtzehn verschiedene Hölzer waren in seinen Habseligkeiten verarbeitet, darunter Lärche, Haselnuss, Hartriegel, Linde und Birke. Ihre differenzierte Verwendung zeugt vom Erfahrungswissen des Mannes vom Hauslabjoch, von der intimen Kenntnis seiner Umwelt, dem souveränen Umgang mit den Materialien. Für den Bogen hatte er Eibe verwendet, für die Pfeilschäfte unsere Pflanze des Monats, den Wolligen Schneeballs.

Aus Wolligem Schneeball: Ötzis Pfeile


Der Wollige Schneeball bildet vom Boden weg sehr viele Schößlinge. Mit zwei oder drei Jahren haben  diese Stämmchen den richtigen Durchmesser für Pfeile; das Holz ist sehr zäh und elastisch, dabei formstabil und reißfest. Nach 5000 Jahren sind Schneeball und Eibe in der Bogenbauerszene noch genauso aktuell wie damals. Natürlich waren auch die furchtbarsten Waffen des Mittelalters, die englischen Langbögen, aus Eibe geschnitzt.

Weißblühende Sträucher können bei botanischen Laien Verwirrung stiften – zu viele sind es und zu ähnlich sehen sie sich. Deshalb versprach ich der werten Leserschaft, jedes Jahr im Frühling einen davon vorzustellen. Vor dem Wolligen Schneeball waren schon Traubenkirsche (Mai 2015) und Weißdorn (Mai 2012) dran.

Der Wollige Schneeball wächst gerne an Waldrändern, denn schön sonnig muss er es haben. Auch beim Boden gibt er sich preziös; der soll recht fett sein, mit genügend Lehm und Kalk.
...schön sonnig muss er es haben
„Wollig“ ist beim Wolligen Schneeball die Unterseite seiner eiförmigen Blätter, die am Zweig „gegen einander über“ stehen, wie Goethe es elegant formulierte. Botaniker nennen eine solche Anordnung „gegenständig“. In den Wahlverwandtschaften war es von "gegen einander über" zu "durcheinander" ein kurzer Weg, doch ist das ein anderes Thema.
Wollige Unterseite.....
 
....gegenständiger Blätter


Die Knospen weisen eine Besonderheit auf. Sie sind nicht, wie bei den meisten Sträuchern, von Knospenschuppen umgeben, sondern von nicht fertig ausgebildeten Laubblättern, die im folgenden Frühjahr auswachsen.

Seltsame Knospe....
Sehr auffällig – nicht nur für Menschenaugen, sondern auch für bestäubende Insekten, sind die Blütenstände, sogenannte Schirmrispen. Was das ist? Na, das:
Schirmrispe macht Schaublüte
Eine solche Rispe besteht aus sehr vielen Einzelblüten, die zusammengenommen Schaufunktion haben und Insekten effektiver anlocken als eine kleine Einzelblüte. So einer Funktion von Blütenständen sind wir bei Löwenzahn, Gänseblümchen oder Edelweiß schon begegnet.
Schön auffällig, diese Blütenrispen
Die Blüten duften stark, Bestäuber kommen gerne angeflogen. Mit der Verbreitung hapert es aber: Vögel nehmen die Beeren nur, wenn sie gar nichts anderes mehr finden. Spät im Winter hängen die Beeren oft noch an den Zweigen. Wahrscheinlich schmecken sie den Vögeln nicht, sind zu bitter. Einen Trick hat der Wollige Schneeball aber: Die Beeren reifen nicht alle auf einmal, sodass reife schwarze neben unreifen roten und grünen stehen. Dieses Farbenterzett sollte einer Drossel oder einem Star schon einmal gefallen.

Farbenterzett der Beeren lockt Vögel an
Der andere Schneeball unserer Breiten, der Gewöhnliche Schneeball (Viburnum opulus) umgibt seinen Blütenstand mit großen sterilen Schaublüten. Die ziehen alle Blicke auf sich, wie man an sich selbst auf Streifzügen in Wald und Flur feststellen kann. Auf die Spitze treibt diese ästhetische Maßlosigkeit die Gartenform des Gewöhnlichen Schneeballs. Sie weist nur noch noch sterile Blüten auf.

Nur gut zum Angeben: die sterilen Schaublüten des Gemeinen Schneeballs
Hier ist alles steril: Gartenform des Gemeinen Schneeballs
Die beiden Schneebälle kann man auch leicht an den Blättern unterscheiden – die des Gewöhnlichen erinnern an kleine Ahornblätter. Und auch sie stehen „gegen einander über“.

gegen einander über





Fotos:
Angelika Schneider
Südtiroler Archäologiemuseum 1. v. oben
Tigerente 8. v. oben

 

 

 

 

 

 


 

 

Samstag, 30. April 2016

Hohler Lerchensporn

 
Hohler Lerchensporn
Corydalis cava
 
 
Heute widmen wir uns einer Pflanze, die nach der Zehe eines Vogels benannt ist – schon schräg, oder? Viele Menschen kennen diesen Vogel nicht mehr, und seine Zehen schon gar nicht. Dabei hatte die Lerche einen Stammplatz bei Dichtern und Musikern. "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche": Aber dass ausgerechnet ein Engländer auf die Idee kommt, jemand könnte diese beiden Gesänge verwechseln! Franz Schubert und sein Textdichter Wilhelm Müller hörten genau hin: "Die Lerche wirbelt in der Luft..". Hier der Beweis:

 
Hohle Knolle, gespornte Blüte, viele kleine Samen

 

In manchen Jahren, so wie heuer, ist vom Frühling nicht viel zu spüren. Doch Frühblüher müssen trotzdem raus, sie müssen geblüht haben und Samen gebildet, bevor Sträucher und Bäume Blätter bilden und den Boden beschatten. Veilchen, Buschwindröschen und Leberblümchen sind solche Frühblüher, genauso wie unsere Pflanze des Monats, der  wenig bekannte Hohle Lerchensporn.
 
Frühblüher müssen früh raus: Weißer und lila Lerchensporn
 
Der Lerchensporn ist die verlängerte hintere Zehe einer Feldlerche. Wie aber kam dieser Körperteil eines Vogels so sehr ins Bewusstsein der Menschen, dass er sogar als Namengeber für eine Frühlingspflanze diente, die ihrerseits genau bekannt war?  

Sorgenkind der Naturschützer mit Zehensporn
 

Die Feldlerche kam in der alten traditionellen Feldflur in Massen vor. Ältere Leute (also wir..) erinnern sich an die jubilierenden Rufe der hoch in den Himmel steigenden Flugkünstlerin, mit denen sie näher kommende Feinde, Füchse oder Marder, von ihrem Bodengelege ablenkt. Die Stimme der Lerche ist die lauteste Vogelstimme in Europa. Die Lerche ist eigentlich ein Steppenvogel, der in niedriger, schütterer Vegetation brütet. In der Feldflur des Mittelalters und frühen Neuzeit, in aufgelockerten Kornfeldern, nährstoffarmen Wiesen und Weiden fand sie (wie viele andere Bodenbrüter auch) äußerst komfortable Sekundärlebensräume. Die heutige intensive Landwirtschaft, die Maisäcker und Odelwiesen, lassen keinen Platz für die Nester der Feldlerche, die häufige Mahd keine Zeit zum Brüten. Auch zum Fressen findet die Lerche nichts mehr; die vielen Pestizide vernichten ihre Nahrung, die Insekten. Heute ist der einstige Allerweltsvogel Feldlerche zum Sorgenkind der Naturschützer geworden.

Feldlerche im Speckmantel – einen solchen Leckerbissen ließen sich Menschen, die oft genug nichts zum Essen hatten, nicht entgehen (...und meist hatten sie keinen Speck zum Würzen). Zu Abermillionen wurden Lerchen (und andere Vögel) in Europa gefangen und gegessen – mit Netzen, Leimruten und auf „Vogelherden“ – Plätzen, auf denen man in Schlagfallen Vögel fing.  Viele Menschen hielten also Feldlerchen in Händen, wussten was ein Lerchensporn war. In Südeuropa werden Feldlerchen heute noch gefangen, was zu erbitterten Kontroversen mit Vogelschützern führt.

Sicherung des Mittagessens am Vogelherd
Und wie kam unser Hohler Lerchensporn zu seinem Namen?  Der wissenschaftliche Gattungsname „Corydalis“ ist griechisch und bedeutet „Heidelerche“. Sie ist eine wärmeliebende Lerche, die vor allem in Südeuropa vorkommt. Und natürlich besitzt auch sie eine gespornte Hinterzehe.  Die Blüten des Hohlen Lerchsporns sind unregelmäßig geformt. Im namengebenden verlängerten Ende, dem „Sporn“, schlummert der Nektar, dessen Duft Bienen und Hummeln in rasende Begierde verfallen lässt. Doch vor die Belohnung hat Blumengöttin Flora den Schweiß gesetzt: Die angehenden Bestäuber müssen sich durch die eng zusammenstehenden Blütenblätter raufen, um ans hintere Ende zu gelangen. Dabei bleibt Pollen an ihrem Pelz hängen, mit dem sie dann die nächste Blüte bestäuben. Sie bringen selber auch Pollen von vorher besuchten Blüten mit.
 
In den Kapseln liegen viele kleine Samen
Die Blüten des Hohlen Lerchensporns sind weiß, lila oder violett; sie verblühen nach wenigen Tagen, nachdem sie in kleinen Kapseln sehr viele winzige Samen gebildet haben. Danach stirbt der gesamte oberirdische Teil der Pflanze mit Blättern und Stängel ab. Wie bei den meisten Frühblühern wandern Nährstoffe in unterirdische Speicherorgane – verdickte Spross- oder Wurzelteile. Beim Lerchensporn ist es ein hohler, verdickter Spross, also ein in den Untergrund gewanderter Teil des Stängels. Eine solche Pflanze ist ein Geophyth. Die Knolle ist innen hohl, manchmal mit Tochterknollen gefüllt. Der Artname „cava“, lat. „hohl“, stammt daher.
 
Das unterirdische Speicherorgan, die (hohle) Knolle
 
Manchen Hummeln ist das zu mühsam – sie beißen den Sporn von außen auf und schlecken den Nektar weg. Doch dadurch wird der Lerchensporn um seine Bestäubung gebracht. Ist der Lerchensporn dabei, durch Nektarräuber in eine evolutive Sackgasse zu geraten? Gemach! Die Blüten stehen dicht gedrängt in einer Traube – das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die eine oder andere ungebissen davonkommt. Die Traube hat auch Schaufunktion, mit der sie verschiedene Bestäuber anlockt. Da sind dann hoffentlich nicht nur Diebe dabei!
 

Hier hat ein Nektarraub stattgefunden: Hummelbiss am Sporn der Blüte

 
 

 

 

 
Bildnachweis (von oben nach unten):
Finavon
Walcoford
EnDumE
Tacuinum sanitatis Cod. Vind.
A.Schneider
Aelwyn
Fritz Geller-Grimm
 
 
 
 
 

Sonntag, 20. März 2016

Tulpen


Tulpen

Tulipa

....Tulpen vor Wien

Tulpen sind die ersten Schnittblumen der Saison. Die unweigerliche Assoziation dazu sind die neuzeitlichen bonbonfarbenen„Triumph“- Tulpen aus der holländischen Massenproduktion.
Seit Jahrhunderten sind die Niederlande mit der Tulpe verbunden. Dort züchtete man Hunderte verschiedener Sorten, dort löste der Tulpenwahn die erste Spekulationsblase der Geschichte aus, dort liegen die quietschbunten Tulpenfelder.
Die Tulpe ist ein Geschöpf des Orients – von persischen Gärten ausgehend wanderte sie aus in die Türkei und von dort nach Europa. Ogier Ghislain de Busbeqb, Österreichischer Gesandter des Kaisers bei Suleyman dem Prächtigen, brachte 1554 die ersten Tulpen nach Wien.
Wilde Tulpen wachsen in über 100 Arten vor allem in Südosteuropa und Nordafrika. Hotspots sind die Türkei, der Kaukasus, aber auch Afghanistan. Die Zuchttulpe wurde im Lauf von Jahrhunderten aus mehreren wilden Tulpen gewonnen.

Im botanischen Garten München kann man verschiedene frühblühende wilde Tulpen bewundern. Sie sind kleiner und zarter als Zuchttulpen; Betrachter reagieren entzückt.

Die wilde Felsentulpe, Tulipa saxatilis

Die einzige wilde Tulpe Mitteleuropas, die Waldtulpe (Tulipa sylvestris), wächst an warmen Standorten, zum Beispiel in Weinbergen oder Trockenrasen. Möglicherweise brachten sie die Römer mit oder sie kam aus Andalusien, wohin die Mauren sie aus Nordafrika eingeführt hatten.

Einzige wilde Tulpe Mitteleuropas: die Waldtulpe

Erst von Wien aus gelangte die Tulpe nach Holland. Carolus Clusius brachte Zwiebeln aus dem Kaiserlichen Botanischen Garten Wien nach Leiden. Die Tulpen weckten Begehrlichkeiten bei den Niederländern. Sie „säten“ sie in allen ihre 17 Provinzen aus. Doch ist die Vermehrung von Tulpen aus Samen schwierig: Tulpensamen treiben erst nach sieben Jahren aus und die Tochtertulpen ähneln den Eltern nicht. Bei Tulpen haben wir es, ähnlich wie beim Apfel, mit Heterogamie zu tun – einer riesigen, nicht vorhersehbaren genetischen Variabilität. Die Vermehrung der Zuchttulpen verläuft über Tochterzwiebeln, die sich unterirdisch an den Tulpenzwiebeln bilden. Trotzdem waren die wilden Tulpenmischungen, die sie in ihren Beeten hatten, der ganze Stolz der Holländer.  

Der Tulpen bitterer Duft

Im 17. Jahrhundert waren die Niederlande die reichste Nation Europas. Im Goldenen Zeitalter ab etwa 1630 kontrollierten sie die Hälfte des Welthandels über ihre Kolonien – beherrscht von den mächtigen Niederländischen Handelskompanien. Die größte unter ihnen, die Ostindisch-Niederländische Handelskompanie, ein Staat im Staate, baute vor allem in Java, Indonesien und Ceylon Gewürzmonopole auf Pfeffer und andere Gewürze auf. Die holländischen Händler und Reeder, die „Pfeffersäcke“ bauten sich ihre prächtigen Stadthäuser an den Grachten von Amsterdam. Sie zeigen ihren Reichtum ohne Scheu – nach der calvinistischen Prädestinationslehre war Reichtum auf Erden Anlass für Hoffnung auf das Paradies, ein Zeichen göttlicher Bevorzugung.
Ansonsten aber verbot das strenge calvinistische Überich alles, was nach Überflüssigem und Eitlem, nach Glamour und Bling-Bling aussah. Passte die Tulpe hier nicht gut dazu?
Zbignew Herbert schreibt in seinem Roman „Der Tulpen bitterer Duft“: „Die Tulpe lässt sich bewundern, sie weckt aber keine heftigen Gefühle“. Regelmäßige Drei- und Zweizähligkeit – sechs Blütenblätter, sechs Staubbeutel, dreizählige Narbe, dreiteiliger Fruchtknoten, zwei oder vier Blätter – nüchtern kommt die Tulpe daher, kühl, distanziert. Leidenschaft lässt sie nicht entstehen – sie fügte sich gut in die disziplinierte, verklemmte Welt des holländischen Calvinismus. Die alten Griechen hätten Tulpen (und den Calvinismus) der apollinischen Sphäre zugeschlagen – der Welt des Maßes, der Nüchterheit, der Ordnung.

Dionysos übernimmt die Macht

1634 aber übernahm Dionysos, der leidenschaftliche, verrückte, trunkene Gegenspieler Apollons das Zepter und ließ die Holländer für Jahre in eine Raserei verfallen, die viele von ihnen in den Ruin trieb und die als die erste Spekulationsblase in die Wirtschaftsgeschichte eingehen sollte.
Lange Zeit hatten Tulpenliebhaber in den Niederlanden Zwiebeln nur getauscht. Die Reputation einer Blüte hing ab von ihrer Seltenheit und Schönheit. Begehrte Zwiebeln verschwanden auch gern aus den Gärten. So beklagte Clusius den Diebstahl von über 100 Zwiebeln aus seinem botanischen Garten in Leiden.

Aus einem Tulpenkatalog

Bizarr verlängerte, nadelspitz zulaufende Blütenblätter – sie standen symbolisch für den türkischen Dolch – waren besonders groß in Mode. Die Blüten waren geflammt, gestrichelt, gesprenkelt, gestreift. Nach Jahrzehnten der quietschbunten Tulpen sieht man bei uns auf den Märkten wieder manche solcher „gebrochenen“ Blüten. Das „Brechen“, die Musterung, ging auf eine Infektion der Zwiebel (und ihrer Tochterzwiebeln) mit dem Tulpenmosaikvirus zurück. Erst im 20. Jahrhundert kam man dem Virus auf die Schliche. In den 1630 Jahren wurden in den Niederlanden über 800 Tulpensorten in dicken Katalogen aufgelistet. Diese Mannigfaltigkeit ist heute verloren, Tulpensorten sind nicht leicht zu bewahren, besonders nicht gebrochene Sorten, deren Brutzwiebeln vom Virus geschwächt werden.
Die weiß-purpurne „Semper Augustus“(Immer erhaben) wurde 1634 zur größten Gefahr für die geistige Gesundheit der holländischen Tulpenzüchter. Ihre apollinische Kühle war kombiniert mit dem dionysisch emporzüngelnden, purpurfarbenen, eigenwilligen Muster, das fast über den Blütenrand hinaus schlug. Die Semper Augustus nun trieb die vernunftgeleiteten Calvinisten vollkommen in die orientalische Entgrenzung. Sie war die teuerste Tulpe der Welt: 10.000 Gulden für eine einzige Zwiebel zahlte man auf dem Höhepunkt der „Tulpenmanie“!

Nebenwirkung Massenwahn: die Semper Augustus

Schon vor den Dreißiger Jahren waren Tulpen nicht nur getauscht worden, sondern auch gehandelt. Ab 1630 begannen die Preise zu steigen, langsam zuerst, dann immer schneller. Bald handelte man mit Zwiebeln, die noch in der Erde waren. Die Bezahlung der Tulpenzwiebeln (oder auch nur von Anteilen davon) war bei der Ernte fällig, beim „Roden“ nach der Blüte. Heute würde man so etwas ein Termingeschäft nennen. Die Tulpen waren Spekulationsobjekte geworden –Spekulanten kauften sie nicht mehr zur Zucht und zum Auspflanzen, sondern spekulierten auf steigende Preise. Man hoffte, die gekauften Tulpen (oder die virtuellen, auf coopcedulle, Gutscheinen,vermerkten Anteile einer Zwiebel), zu einem noch höheren Preis zu verkaufen. Der Handel fand nicht an der Börse, sondern in Herbergen und Schänken statt. Die Manie hielt so lange an, als ein Verkäufer einen Käufer fand, der einen höheren Preis zu zahlen bereit war, weil er seinerseits hoffte, noch noch teurer verkaufen zu können.
Ein riskantes Geschäft – niemand wusste, wie die Zwiebeln bei der Ernte aussehen würden und zu welchem Preis man sie weiterverkaufen konnte. Doch die Preise stiegen und stiegen, die Spekulationsblase levitierte, Reiche und Arme verpfändeten ihr Hab und Gut, verfielen dem Massenwahn. Der Höhepunkt erfolgte Anfang 1637 – drei Zwiebeln einer Semper Augustus wurden für 30.000 Gulden verkauft. Ein Pracht-Stadthaus an der teuersten Grachtenlage in Amsterdam war für 10.000 Gulden zu haben.


Versteigerungszettel von Alkmaar
 
 
Am 5. Februar 1637 waren bei einer Versteigerung in Alkmaar 99 Posten Zwiebeln zu 90.000 Gulden verkauft worden. Doch schon zwei Tage vorher hatte ein Händler erstmals für einen verlangten Preis keinen Abnehmer mehr gefunden. Nun brachen die Preise in sich zusammen, innerhalb von Wochen fielen sie um 90 %. Nun merkten all die Händler, dass sie nicht ein Versprechen auf künftigen Wohlstand in der Hand hielten, sondern eine verderbliche, müffelnde Zwiebel. Der Müller, der seine Mühle für eine Tulpenzwiebel verpfändet hatte, war ruiniert, genauso wie der Pfeffersack aus Amsterdam, der Haus und Geschäft für eine Zwiebel eingetauscht hatte. So fühlte sich der Gastgeber, dessen Gast eine Tulpenzwiebel für Gemüse gehalten und aufgegessen hatte (1.500 Gulden), wahrscheinlich nicht mehr als der einzige Idiot im Lande.

So schnell kann's gehen: Preissturz 1637