Mittwoch, 30. November 2016

Thuja

Thuja
Thuja plicata
 
 
Die Thuja wird – wenn sie darf – ein großer Baum; bis über 40 m hoch, schlank und spitz, majestätisch. Sie ist ein Nadelbaum, die „Nadeln“ sind zu kleinen Schuppen geschrumpft, die, in vier Reihen versetzt, an dünnen Zweigen haften. Die Zweige sind so angeordnet, dass sie in ihrer Form an Farnblätter erinnern. Die Borke der jungen Stämme ist rot, die alten Stämme werden grau. Grauwerden, das kennen wir ja von uns auch. Macht sie irgendwie schon mal sympathisch, die Thuja.
File:Giant cedar in South Whidbey State Park.JPG
Majestät am Pazifik: die Thuja
Schuppenförmige Nadeln an Zweigen, die wie Farne aussehen
Die Borke ist außerdem dick, weich und faserig. Dies und das weiche, aber sehr dauerhafte Holz machte die Thuja für die Menschen so wichtig. Die Zweige duften aromatisch, wenn man an den Knospen reibt; sie enthalten das Gift Thujon, das in hoher Dosis tödlich sein kann. Auch das Holz und die Zapfen enthalten das Gift. An den kleinen Zapfen mit wenigen Schuppen kann man die Thuja von ihren Verwandten unterscheiden – Zypresse, Scheinzypresse, Küsten-Mammutbaum, die auch schuppenförmige Nadeln aufweisen.
An ihren Zapfen sollt ihr sie erkennen
Die Thuja, auch Lebensbaum genannt, ist ein Baum des borealen Regenwaldes an der Pazifikküste Nordamerikas, der sich von Kalifornien über Oregon nach Britisch-Kolumbien in Kanada erstreckt. Warme Meeresströmungen lassen feuchtwarme Winde aufsteigen, sie steigen am Küstengebirge empor, regnen sich ab. Deshalb regnet, regnet und regnet es, es hört gar nicht mehr auf zu regnen – der mittlere Jahresniederschlag beträgt 3000 mm (Jahresniederschlag Bayern 933 mm). Das Küstengebirge hält auch kalte Winde aus dem Nordosten, aus der Arktis kommend, ab.
 
Die meisten denken beim Thema „Regenwald“ an den Kongo oder Amazonas. Doch der unablässige Regen am Pazifik ließ auch dort immergrüne Regenwälder entstehen, mit Bäumen, die unter der milden Dusche mit dem Wachsen gar nicht mehr aufhören wollen. So stehen dort die größten Bäume der Welt, die zwei Arten von Mammutbäumen (Riesen-Mammutbaum – Sequoiadendron giganteum; Küstenmammutbaum – Sequoia sempervirens), 3000 Jahre alt und über 100 Meter hoch. Zu ihnen gesellen sich weitere mächtige Arten wie der Hemlock-Baum und die Sitka-Fichte. Dazwischen wächst als Einzelbaum oder in kleinen Gruppen die Thuja, die red cedar, wie sie von den amerikanischen Ureinwohnern genannt wird.
Keine andere Pflanze, kein Tier spielte im Leben der Ureinwohner des pazifischen Nordostens eine solche Rolle wie ihre Red cedar. Man nannte die Thuja auch den Grundpfeiler der Indianerkulturen dort.
 
So wurden Holz und Bast der Rinde gebraucht für die Herstellung von Körben, Schachteln, Kisten und Haken für den Heringsfang - und für die prächtigen Kanus und Paddel.
Alles aus red cedar: Kanu, Paddel, Regenhüte
Die Thuja war auch der einzige Baum, der als Bauholz geeignet war; Häuser und Hütten waren ausschließlich aus Brettern und Pfosten der Red cedar erbaut. Schindeln aus ihrem Holz sind eine historische und moderne Art, Dächer zu decken. Thuja-Schindeln gelten wegen der vielen ätherischen Öle und des Harzes in ihrem Inneren als unverwüstlich. Auch die Kanus der Leute waren ausschließlich aus dem Holz der Red cedar.
File:Haida house pole (UBC-2009).jpg
Pfosten für Häuser der Haida an der Westküste Kanadas
Die vielseitigste Verwendung fand die Rinde - kein anderes Material stand bei den Küstenindianern in so ubiquitärem Einsatz. Chehalis-Frauen waren ständig mit dem Zerreiben und Zerstoßen von Rinde zugange. Aus den weichen Fasern, die sie daraus gewannen, stellten sie Verbände, Windeln, weiche Polster für die Wiege her. Die Makah schnitten faserige Rinde in Streifen, verflochten sie zu Matten, aber auch zu wasserdichten Teller und Schüsseln. Große Borkenstücke dienten als Capes oder Kleider. Auch die charakteristischen Regenhüte der Quinault, Quileutl und Makah waren aus Rindenstreifen gewoben.
 
Seile, aus dem versponnenen Bast der Thuja gewonnen, waren so stark, dass die Walfänger, zum Beispiel der Makah, die toten Wale damit auf den Strand zogen. Die Wurzeln wurden in feine Fäden getrennt und verwoben. Die ätherischen Öle in den Knospen nahm man gegen Erkältungen und Zahnschmerzen. Doch musste man mit dem Gift aufpassen!
 
Vor der Ankunft der Weißen wurden kaum Bäume gefällt. Stattdessen schälten die Menschen Bretter von unten nach oben von den Bäumen; als Werkzeuge verwandten sie Geweihe.
 In den Regenwäldern finden sich viele solcher culturally modified trees. Das sind Bäume verschiedener Arten, die Spuren menschlicher Bearbeitung aufzeigen – eingeritzte Zeichen, Schnitzereien, Bemalungen und die Spuren der abgelösten Bretter auf den Red cedars. Seit einigen Jahrzehnten drängen die indigenen Völker Kanadas und der USA auf die Erfassung und den Schutz solcher Bäume, die sie als wichtig für ihre Historie und Identität ansehen. Mittlerweile stehen zum Beispiel auf der kleinen Flores-Insel im Westen von Vancouver Island 71 solcher CMT unter Schutz.
File:Culturally modified tree.jpg
Da fehlt ein Brett: culturally modified tree
 
 

Kulturkampf am Gartenzaun

 

Bei uns in Europa tritt die mäjestätische Red Cedar meist als undurchdringliche? – hässliche? – nützliche? Thujenhecke auf. Der Baum ist für viele die ideale Hecke – immergrün, blickdicht und vollkommen unempfindlich gegen häufigen oder kräftigen Schnitt.
Hässlich? Nützlich!

Fürchtet keine Heckenschere
Medienbeiträge über Thujenhecken lassen die Volksseele verlässlich schäumen; im Internet werden Kulturkämpfe darum ausgetragen. Da finden aufgeklärte Urbane eine weitere ideale Gelegenheit, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem verächtlichen Herabschauen auf engstirnige Kleinbürger. Und die halten mit dem Posten von Hassmails heftig dagegen.

Hier eine kleine Auswahl (aus ca. 130 Beiträgen) aus einem Forum des österreichischen Standard (mit der Original-Rechtschreibung):
Thujen sind wie Bundesheer-Soldaten
sie stehen unmotiviert in einer Landschaft,
die ohne sie viel schöner wäre,
und können nix dafür,
und jede Diskussion mit denen,
die sie aufgestellt haben,
ist eine verlorene Liebesmüh'
 
der neben mir (nachbar ist der keiner) hat so eine hecke, um die er sich - außer dass er unmengen wasser verschleudert - nicht kümmert. den dreck - das ist schon eine ganze menge - und schatten habe ich.
 
thujen: nicht einmal unkraut.
 
 Die Lehre sollte sein, dass man vorsichtig sein sollte, wo und wann man Klischees, die eine Gruppe verächtlichmachend charakterisieren sollen, verwendet. Wer sich über Hutträger, Thujenheckengärtner, Gemeindebauprolos, Bobos, Capuchinomütter, Fußballprolos, Esoterikspinner, ungebildete F-Wähler, Gutmenschen, usw. aufregt, sollte aufpassen, dass ihm diese nicht gegenüberstehen und angemessen darauf reagieren.
 
Wer eine braucht um sich wohlzufühlen, soll sie auch haben dürfen. Nicht jeder kann ein soziales Wesen sein.
 
Wenigstens der letzte Beitrag hat etwas Versöhnliches.
Und überhaupt: Vor ein paar Jahren auf einer herbstlichen Exkursion, zur Beobachtung der Hirschbrunft. Th. führte uns. Eine Teilnehmerin hatte den moralischen Zeigefinger sehr weit ausgestreckt und deutete damit (metaphorisch) auf böse Touristen, Spaziergänger, Radfahrer, Politiker. Als dann im Spektiv ein Jäger auftauchte, der weit draußen auf einen Hochsitz stieg, begann die Empörungsmaschinerie in ihrem Inneren zu rattern wie ein mit frischen Batterien ausgestatteter Trommelhase. Zuletzt schrie sie: „Man sollte ihn herunterschießen.“ Th., trotz seiner Jugend in sich ruhend, sprach daraufhin den unnachahmlich weisen Satz: „Vielleicht ist das ja ganz ein netter Mensch.“
Sollte man sich diesen Ausspruch nicht öfter mal zu Herzen nehmen? Zum Beispiel, wenn es um die Menschen geht, die Thujen nicht ausstehen können? Oder um jene, die hinter Thujenhecken leben? Vielleicht sind manche von ihnen ja ganz nette Menschen?
Vielleicht wohnt dahinter ein netter Mensch.


Fotos:
Angelika Schneider 5
US Forest Service 1
JTmorgan1
Leoboudo1
Susan Clarke1
 
 
 
 
 

 

 

 
 
 
 
 


Samstag, 29. Oktober 2016

Lotus

Lotus
Nelumbo nucifera

 

Der perfekte rosa-weiße Blütenstern ist Sitz und Kindbett von Göttern. Auch essen kann man die Pflanze – die Wurzelknolle, Samen und Sprossen werden in ganz Asien genossen. Und sie ist Symbol dafür, wie aus Schmutz vollkommene Reinheit erwächst, und zwar nicht nur metaphorisch, sondern auch physikalisch, denn kein Staubkorn kann die Lotuspflanze besudeln. Lotusblätter werden weder schmutzig noch nass.

Kindbett von Göttern: die Lotusblüte
 

Der gelbe Nordamerikanische und der weiß-rosa Indische Lotus bilden eine eigene Gattung Nelumbo; im folgenden Beitrag werden wir uns den Indischen Lotus näher anschauen. Lotus und Seerosen werden oft verwechselt. Die Blätter von Seerosen schwimmen auf dem Wasser, die großen runden Blätterpfannen des Lotus schweben darüber. Regen benetzt Seerosenblätter; von den Lotusblättern perlt er ab. Tatsächlich sind Seerosen mit dem Lotus gar nicht enger verwandt – eine der nächsten Verwandten ist z.B. die Platane.
Wasser perlt ab: der Lotuseffekt
Aus asiatischen Sümpfen, Tümpeln, Schlamm und Drecklöchern wächst der Lotus mit zwei oder mehr Meter langen Stängeln aus seiner Wurzelknolle, dem Rhizom, über die Wasserfläche hinaus. Dort entfaltet er seine runden, schildförmigen, bis 60 cm breiten Blätterpfannen und seine rosa-weißen Blütenkelche. Sehr viele Staubbeutel umringen ein zylinderförmiges Fruchtblatt, aus der die große Frucht des Lotus erwächst. Sie hat auf ihrer Breitseite runde Einsenkungen, in denen sich je ein Samen befindet. Jede dieser Senken ist die Kinderstube für eine neue Lotusblume – in der Regenzeit gelangt Wasser in die Löcher; die Samen beginnen zu keimen. Die morsche absterbende Frucht lässt bald den Kopf hängen, bis unter Wasser. Dort entlässt sie die Keimlinge in das schlammige Keimbett, wo sie Wurzeln schlagen und zu einer neuen Pflanze heranwachsen. Die Lotusblume ist unkompliziert in ihrer Fortpflanzung; außer aus den Samen wachsen auch aus Bruchstücken des unterirdischen Rhizoms ganze neue Pflanzen heran.
Große Blätterpfannen des Lotus

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Lotus umfasst große Teile Asiens: China, Japan, Indien und Südostasien. In Europa findet man sie in botanischen Gärten; in Mitteleuropa auch im Freien; das Rhizom ist recht winterhart und keimt im Frühjahr wieder aus, während der oberirdische Teil des Lotus im Herbst abstirbt. Das passt gut zum Befund der Wissenschaft, wonach Lotus Kälte gut verträgt, weil die ursprüngliche Heimat des Lotus die großen Gebirge Asiens sind. Wenn er auch Wärme nicht unbedingt braucht, ist er doch äußerst lichthungrig.
In manchen Gegenden Australiens und Europas hat sich der Lotus im Freiland ausgebreitet; in Italien findet er sich zum Beispiel in drei flachen Seen, die Mantua in der Poebene umgeben.
Lotusfrucht mit Keimlingen; vor und nach dem Fall in das Keimbett im Wasser
 
Geboren in einem Dreckloch, sich erhebend aus dem Sumpf, aufsteigend gegen den Himmel – diese Pflanze musste zum Symbol für Transzendenz werden. Und das tat sie auch gleich in zwei Weltreligionen: im Buddhismus und Hinduismus.
Om mani padme hum – o Kleinod im Lotus: In der Vorstellung der Buddhisten ist Buddha ohne den Lotus nicht denkbar. Der Legende nach ist Buddha aus einer Lotusblüte geboren – er ist das Kleinod im Lotus. Auf unzähligen Abbildungen thront Buddha auf einer halboffenen Lotusblüte, dem Symbol für das erwachende Bewusstsein. Buddha, der Erleuchtete bewacht dieses Erwachen. Der Weg des Buddhisten ist der aus dem Schmutz der verderbten Welt in die Reinheit des Nirwana. Was für ein passenderes Symbol als den Lotus gäbe es dafür?

O Kleinod im Lotus

Im Hinduismus steht die vollkommene Symmetrie der Lotusblüte für die Vollkommenheit des Universums. Ebenso ist Lotus Symbol der ganzen Schöpfung: Brahma, der Schöpfergott wurde aus einem Lotus geboren, der aus dem Nabel Vishnus erwächst. Somit entsteht das ganze Universum aus dem Lotus, mit dem Stängel, der sich aus dem Urmeer erhebt, als Weltenachse.
Im hinduistischen Götterhimmel steht der Lotus für Götter und mythologische Wesen: Der rote Lotus ist Symbol für die Göttin des Glücks Sri Lakshmi; sie wird oft mit weißen Elefanten dargestellt, den Glücksbringern par excellence. Im Yoga kennen wir den Lotussitz; Lotus begegnet uns in unzähligen Darstellungen in Tempeln und Pagoden. So ist das Dach des Taj Mahal eine umgekehrte; der moderne Baha’i Tempel in Neu Delhi eine sich öffnende Lotusblüte.

Und wie – wer war’s noch gleich –schon sagte: “Religion ist Lotus für das Volk“.
Lakshmi, die indische Glücksgöttin: Religion ist Lotus für das Volk

Baha'i Tempel in New Delhi - ein sich öffnender Lotus
Porzellan, Edelstahl, Glas – überall im Haus, wo es besonders sauber sein soll, sind die Oberflächen glatt. Deshalb ging Wilhelm Barthlott (70), Botanikprofessor und Direktor des botanischen Gartens in Bonn, der Frage nach, warum Blätter mit glatten Oberflächen leicht schmutzig werden, samtig-rauhe wie jene des Lotus aber ohne Makel bleiben: Erde, Staub, Honig, Klebstoff (wahr!) – alles perlt restlos ab. Barthlott legte Lotusblätter unters Elektronenmikroskop und siehe da: Millionen von winzigen Wachspapillen bedeckten die Blattoberfläche*.
Diese Papillen machen die Blattoberfläche, die Kutikula super-wasserabstoßend. Das hat mit den Eigenschaften des Wassers selbst zu tun: Seine hohe Oberflächenspannung zwingt es, sich zu Kügelchen zusammenzuziehen; auf den wächsernen kleinen Noppen des Lotusblatt liegen die Wassertropfen nur mit ein oder zwei Prozent ihrer Oberfläche auf – das Blatt wird praktisch nicht benetzt. Auch Schmutzteilchen liegen locker auf den Wachspapillen auf. Schmutz haftet besser am Wasser als an der Oberfläche des Blattes – Wasser perlt ab und nimmt die Schmutzteilchen mit; das Lotusblatt bleibt ohne Makel.

 

"Der Lotuseffekt existiert nur in der Phantasie der Autoren"
Die Befunde Professor Barthlotts sind kontraintuitiv – rauh ist sauberer als glatt. Als Barthlott in den 70er Jahren seine Ergebnisste veröffentlichen wollte, schrieb einer der Gutachter: „Der Lotuseffekt existiert nur in der Phantasie der Autoren“. Neuheiten haben es oft schwer, sich durchzusetzen. Inzwischen ist der Name geschützt – Lotuseffect ist ein eingetragenes Markenzeichen. Heute gibt es verschiedene technische Anwendungen des Lotuseffekts: Pfannen mit Mikrobeschichtung, auf denen nichts anbrennt, wartungsfreie Glasoberflächen, der Wandanstrich „Lotusan“, der Wände frei von Schmutz, Schimmel und Ruß hält.
Unbeschmutzbar durch Lotuseffekt
 
Ein Problem scheint zu sein, dass die Lotusbeschichtung gegen Abrieb empfindlich ist. Da hat es die Lotuspflanze besser; ihre Wachspapillen wachsen ständig nach.
 
Der Herbst ist Grünkohlzeit. Koch W. will es nicht gelingen, Grünkohlblätter zu waschen, sie wollen nicht nass werden. Doch ist das gar nicht nötig: Die Blätter des Grünkohls arbeiten ebenso mit dem Lotuseffekt; Schmutz perlt einfach ab. So ist es auch bei Kapuzinerkresse und bei vielen Insektenflügeln, deren Sauberkeit für die Flugeigenschaften eines Tieres überlebenswichtig sein können.

*10-20 micron hoch, 10-15 mikron auseinander stehend; 1 Mikron = 1 Tausendstel Millimeter
hier ein Video zum Lotuseffekt:
 
Bilder:
A.Schneider 3
Shin 1
Hdamm 1
A.Savin Wiki Photo Space 1
Xyzx124 1
Christophpostel.de 1
Mukki1
W. Barthlott1
Unbekannt/Gemeinfrei 1
 



 

 
 

Samstag, 10. September 2016

Drüsiges Springkraut, Indisches Springkraut


Impatiens glandulifera

Jetzt im Spätsommer ziehen sie wieder alle Blicke auf sich, die hochgewachsenen Gruppen – bis zwei Meter – des Drüsigen (Indischen) Springkrauts. Sie stehen auf feuchten Böden, in Auen, an Waldrändern, auf Brachen. Dort sind sie Bestandteil der Ruderalflora, manchmal vergesellschaftet mit der Ackerkratzdistel, die wir letztes Mal kennengelernt haben.


Ganz schön auffällig!

Warum indisch oder drüsig, warum „Spring“-Kraut? Nun, die Pflanze kam im 19. Jahrhundert aus dem Himalaya („Indien“) nach Mitteleuropa; an den Blattstielen sitzen kleine gestielte Drüsen; die Samen „springen“ aus den aufplatzenden Samenkapseln.

Das Drüsige Springkraut wurde 1837 erstmals in Gärten in Dresden ausgesät. Seine Blüten stehen in lockeren Trauben am Stängel. Die Farbe changiert von rot über rosa zu weiß. Die Blüten haben nur eine Symmetrieebene; wenn man sie der Länge nach durchschneidet, stehen die beiden Hälften spiegelbildlich zueinander. Darin ähneln sie Orchideenblüten – „Bauernorchidee“ ist ein volkstümlicher Name des Springkrauts. Ein anderer ist „Balsamine“ – wegen des starken Dufts und ihrer Zugehörigkeit zur Familie der Balsaminengewächse.

Bauernorchidee

Die Samen reifen in keulenförmigen Früchten heran; die platzen bei geringster Erschütterung oder auch spontan auf und schleudern die Samen bis zu sieben Meter weit fort. So flogen die Balsaminen auch aus den sächsischen Hausgärten in die Freiheit. Die Ausbreitung des Drüsigen Springkrauts über ganz Europa hatte begonnen.
Explosionsgefahr! Keulenförmige Samenkapsel


Es hat peng gemacht!

 
Die Blüten bilden einen aufgeblähten Helm, der in einem kurzen Sporn endet. Dort befindet sich reichlich Nektar, vierzig Mal mehr als in einer vergleichbar großen heimischen Blüte. Klar, dass das Bienen und Hummeln schmeckt. Auch Imker trugen deshalb zur Ausbreitung des Springkrauts bei. Die Blüten riechen stark, manche meinen sogar, sie stinken. Der rote Stängel der Pflanze ist sehr kräftig, keine heimische Pflanze steht auf solchen Säulen.

Wo ist der Nektar? Blütenhelm mit Sporn
 
Nicht jeder ruht auf solchen Säulen
Das Drüsige Springkraut lebt nur ein Jahr. Mit dem ersten Frost ist alles vorbei. Die Pflanze hat keine Blattrosetten oder unterirdischen Organe, aus denen sie wieder auskeimen könnte, wie zum Beispiel die Ackerkratzdistel oder der Löwenzahn. Da hilft nur, kräftig für Nachwuchs zu sorgen – und das tut das Springkraut: Eine einzelne Pflanze kann Hunderte von Samen (bis zu 1.000) produzieren. Unter einer dichtbewachsenen Fläche fanden sich über 30.000 Samen auf dem Quadratmeter.


Samen-Massenproduktion

Für Biologen stellt das Jahr 1492 eine Zäsur dar. Mit der Landung Kolumbus‘ auf Hispaniola begann die Ära des „Kolumbischen Austauschs“ – der Verfrachtung von Organismen von Amerika nach Europa, Asien, Afrika und umgekehrt. Später geschah ähnliches auch in Tasmanien, Neuseeland und Australien – berühmt sind dort die verwilderten Hunde, Kamele und Ratten und vor allem die Kaninchen. Doch nicht alle neuen Arten verändern ihre neue Umwelt merklich negativ, die meisten sterben bald wieder aus. Andere siedeln sich unauffällig an, wie zum Beispiel der Regenwurm, der in Nordamerika während der letzten Eiszeit ausgestorben war und nach 1500, als blinder Passagier mit den Schiffen der Einwanderer kommend, zur Neueroberung des Kontinents aufbrach. Im Deutschen heißen Neuankömmlinge zusammengenommen Neobiota, neue Pflanzen heißen Neophyten, neue Tiere Neozooen. Angelsächsisch heißen sie alle zusammen einfach Aliens.
In reifen Ökosystemen haben Hereindrängende wenig Chancen; Pflanzenfresser, Fleischfresser, Zersetzer wie Pilze und Bakterien, licht- und schattenhungrige Pflanzen, pflanzliche und tierische Parasiten – alle haben sich eingenischt (sorry, das ist Biologen-Sprech) und lassen so schnell niemand Fremden aufkommen. Anders sieht es auf Ruderalflächen aus: Auf Aufschüttungen, neu ausgehobenen Gräben und Brachen können lichthungrige, schnellwachsende Aliens sich ungehindert ausbreiten. Manche von ihnen keimen aus kleinsten Pflanzenfragmenten zu vollständigen neuen Pflanzen aus, wie zum Beispiel der Japanische Knöterich, der in den letzten Jahren Bach- und Flussufer überwuchert. In einer BBC-Dokumentation über weeds – Unkräuter – belegte der Japanische Knöterich im Ranking der „bösen“ Aliens den ersten Platz, vor dem Sommerflieder, der als Futterstrauch für Schmetterlinge in Gärten immer beliebter wird und sich von dort im Freiland ausbreitet.
Auf Ruderalflächen lässt es sich gut ausbreiten!
Man schätzt, dass in reifen, stabilen Ökosystemen 5 % der Arten Neobiota sind. Auf Ruderalflächen jedoch machen Neophyten etwa 30 % aus. Hier wächst auch die Kanadische Goldrute, als aggressiver Neuankömmling inzwischen ziemlich gefürchtet.

„Das Drüsige Springkraut verdrängt einheimische Pflanzen“: Wenn eine so auffällige Art Jahr für Jahr auf – zumindest gefühlt – immer größeren Flächen aufwächst, werden Naturschützer schon mal unruhig. Doch ist dieser Alien wirklich gefährlich für die heimische Flora?
Sind keine guten Studien vorhanden – und manchmal sogar dann – hängt die Bewertung eines neu auftretenden ökologischen Problems oft davon ab, wie Beobachter die Welt ganz allgemein sehen: pessimistisch, optimistisch, alarmistisch, realistisch, moralistisch.

Auch im Fall unseres Springkrauts gehen die Meinungen auseinander. So liest man, dass Bienen und Hummeln heimische Pflanzen vernachlässigen sollen, weil sie sich schon am üppigen Nektarbüffet des Springkrauts vollgefressen haben. Es scheint aber keine zuverlässigen Studien dazu zu geben.

Gute Daten zum Konkurrenzverhalten des Drüsigen Springkrauts liefert das Bayerische Landesamt für Land- und Forstwirtschaft von Versuchsflächen im Alpenvorland. Danach beschattet es den Boden nicht so sehr, dass das Aufkommen von Jungbäumen behindert würde. Wenn man in einen Bestand des Springkrauts geht, sieht man tatsächlich, dass die Pflanzen ziemlich locker stehen und viel Licht auf den Boden lassen. Wenn man dazu bedenkt, dass die Bekämpfung des Springkrauts einfach ist – Mahd vor der Blüte über einige Jahre (wenn auch die letzten Samen im Boden abgestorben sind), scheint von ihm nur mäßige Gefahr für unsere Ökoysteme auszugehen.
Manche Experten leugnen, dass Neobiota überhaupt Probleme machen könnten. Sie meinen, dass die Wanderung von Organismen ein natürlicher Prozess sei und die Verdrängung von Arten immer vorkomme. Das Problem sei vielmehr die „Xenophobie“ der Neobiota-Pessimisten.

Dazu wieder, wie von einer Eulenblick-Stammleserin gewünscht, eine kleine Polemik:

Pauschale Aussagen sind beim Problem Neobiota – wie auch sonst im Leben – problematisch. Australien, Tasmanien, Neuseeland und viele Inseln in Pazifik und Indischem Ozean schlagen sich seit Jahrhunderten mit eingeschleppten Organismen herum. Andererseits stimmt auch, dass bei diesem Thema die Alarmsirenen oft sehr früh losgehen und besonders laut heulen.

Doch das eigentliche Problem hier ist in meinen Augen ein anderes, nämlich der leichtfertige Umgang mit dem Xenophobie-Begriff. Xenophobie ist etwas anderes als der Wunsch nach Bekämpfung von Neobiota. Es ist ein Unterschied, ob Naturschützer (auch im Übereifer) mit dem Flammenwerfer auf Kanadische Goldruten losgehen oder ob Asylbewerber bedroht werden. Mit dem nivellierenden Gebrauch des Xenophobie-Vorwurfs werden Rassismus und Ausländerhass verharmlost. Man sollte hier argumentativ abrüsten – und sei es noch so schön, den moralischen Zeigefinger auf die spießigen Blümchenschützer zu richten.
Fotos:
Angelika Schneider
wikipedia (2):
Impatiens_glandulifera_-_plants_(aka)
120px_Seeds_impatiens_glandulifera

Samstag, 30. Juli 2016

Acker-Kratzdistel



Acker-Kratzdistel

Cirsium arvense


Es kratzt sie nicht, die Acker-Kratzdistel (oder Ackerdistel) und sie macht sich noch lange nicht vom Acker, wenn der Bauer wieder einmal mit Häcksler und Hacke auf sie losgeht. Kleinste Bruchstücke ihrer unterirdischen waagrechten Wurzelausläufer keimen wieder zu einer vollständigen Pflanze aus. Die Ackerdistel ist ein großes Ärgernis in der Landwirtschaft– einzelne Pflanzen wachsen sich zu großen „Nestern“ aus und verdrängen Weizen, Rüben oder Kartoffeln. Sie wird mit vielen verschiedenen Methoden bekämpft – chemischen, biologischen oder mechanischen. Ein neuerer Versuch ist der Einsatz des  Rostpilzes Puccinia punctiformis - seine einzige Wirtspflanze ist die Acker-Kratzdistel und der setzt er ganz schön zu.
 
Acker-Ärgernis Acker-Kratzdistel

Ursprünglich eine Pflanze der Lichtungen und Waldränder, fand die Pflanze auf den im Hochmittelalter neu gerodeten Flächen gute Böden und viel Licht – Dinge, die ihr behagen. So begann das nun schon über tausend Jahre andauernde Bauerndratzn* der Ackerdistel.
Sie wird über einen Meter hoch, auf den verzweigten Stängeln sitzen meist mehrere kleine lilafarbene Körbchen. In ihnen sind die langen Röhrenblüten gebündelt. Vier Wochen nach der Blüte haben sich schon die kleinen geflügelten Früchte gebildet, in denen sich je ein winziger Same befindet. Die reifen Blütenstände schauen dann aus (und fühlen sich auch so an) wie seidige Wattebäusche, die aus den Körbchen herausquellen.


Vom Blütenköpfchen zum Samen-Wattebausch: Acker-Kratzdistel
 

Die Blätter der Acker-Kratzdistel sind lang und gebuchtet und mit vielen gelblichen Stacheln versehen. Der Stängel ist kahl – daran kann man sie von vielen ähnlichen Disteln unterscheiden, die alle bedornte Stängel aufweisen.
Außer auf Äckern wächst die Acker-Kratzdistel auch an Wegrändern, auf Baustellen und Ödland, als Teil der sogenannten Ruderalflora – also der Flora, die sich auf umgegrabenen und – gewälzten Böden einfindet. Solche Stellen sucht auch der „Vogel des Jahres 2016“ auf, der Stieglitz oder Distelfink.

Stieglitz auf der Distel

 

Eine solide Ehe mit der Botanik, eine leidenschaftliche Affäre mit der Ornithologie – das ist keine schlechte Kombination, liebe Freunde des Eulenblick! Im Fall von Distel und Distelfink fallen Pflicht und Neigung sogar zusammen.


Auch für Non-Ornis leicht zu erkennen: der Stieglitz
Jetzt im Spätsommer sitzen sie – oft in kleinen Gruppen - auf den Köpfen der Disteln und picken nach den heranreifenden Samen. Ihr typischer Ruf beim Auffliegen, das „tiglitt“, ihr schwarz-weiß-roter Kopf und die aufblitzenden gelben Flügelbinden, machen den Stieglitz auch für Non-Ornis leicht erkennbar. In Dorf und Feld früher sehr häufig, kämpft der Stieglitz gegen verschiedene Widrigkeiten, die die Moderne ihm bereitet: Im Acker als Unkraut bekämpft, in geleckten Gärten unerwünscht, auf Brachflächen durch „Begrünung“ vertrieben, sind seine Nahrungspflanzen, die verschiedenen Disteln, vielerorts knapp geworden. Seine Nominierung zum Vogel des Jahres ist ein Zeichen dafür, dass es ihm so gut nicht mehr geht.

Früher kannten Menschen den Stieglitz genau. Seine Art, Disteln („Dornen“) aufzusuchen, machte ihn in der christlichen Symbolik zu einem Boten der Passion Christi. Ein berühmtes Bild des nur mit dem superlativsten Superlativ zu beschreibenden Raffael, die „Madonna mit dem Distelfink“ von 1506, hat dies zum Thema. Der Spielkamerad des Jesusknaben, der Heilige Johannes, reicht ihm einen Distelfink. Er prophezeit Jesus damit den kommenden Martertod.


File:Detail Madonna del Cardellino.jpg

Superlativster Superlativ: die Madonna del Cardellino von Raffael
2008 wurde die Restaurierung der Madonna del Cardellino (Cardo ital. Distel, cardellino Distelfink) nach jahrelangen Arbeiten abgeschlossen. Das Bild hängt jetzt wieder in den Uffizien von Florenz.

 *Bairisch für Bauernquälen
 
Ein Video zeigt Stieglitze auf Acker-Kratzdisteln:
https://www.youtube.com/watch?v=9VDIa_FY78I




Bildnachweis:
Angelika SchneiderWolf Schröder wikmedia commons:
Raffaello Sanzio - Madonna del Cardellino - Google Art Project.jpg
Otto Wilhelm von Thome:
Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Gera 1883
flickriver.com/Groups/1399444@N21/pool


 
 

Donnerstag, 30. Juni 2016

Wollgras

Wollgras
Eriophorum spec.

Moos und Filz

Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren breiteten sich Wälder aus, Bodenbildung setzte ein. In flachen Niederungen und Senken sehr regenreicher Gebiete Mittel- und Nordeuropas, des Alpenvorlandes, Skandinaviens, Irlands und Sibiriens lag der Grundwasserspiegel so hoch, dass abgestorbene Pflanzenteile sich unter Sauerstoffabschluss nicht zersetzten. Hier wuchs kein Wald, es bildete sich Torf, der sich zu immer dickeren Schichten aufhäufte. Moore entstanden.
Zwischen Orchideen steht das Wollgras im Niedermoor

In verlandenden Seen, Flussniederungen, Ebenen bildeten sich Niedermoore. Das Grundwasser reicht bis an die Oberfläche; manche Niedermoore können in Trockenperioden sogar eine Zeitlang trockenfallen. Der Mensch nutzte sie schon früh, als (schlechte) Weide oder zur Mahd. Das Mähgut wurde in den Ställen als Einstreu für das Vieh verwendet. Solche Niedermoore, auch Streuwiesen genannt, sind sehr artenreich, viele stehen unter Naturschutz. Zwischen Schilf, Riedgras und Binsen blühen Enzian, Schwertlilien, Orchideen in lila, gelb und weiß, dazwischen stehen die nickenden Köpfchen der Wollgräser.

In diesem Lebensraum wachsen zwei Arten von Wollgräsern, das breitblättrige und das schmalblättrige Wollgras. Im Juni sieht man jetzt überall die nickenden weißen Köpfchen. Doch „blühen“ sie jetzt nicht - die wolligen Ährchen sind die Fruchtstände des Wollgrases. Will sagen: es sind die winzigen Samen, an denen die bis fünf Zentimeter langen Haare hängen. Der Wind verfrachtet sie mitunter kilometerweit.
Im Boris-Johnson-Look: Schmalblättriges Wollgras

Beide Arten haben mehrere (bis 12) Ährchen am Stängel, die Blätter des breitblättrigen Wollgrases sind breiter, aber auch nicht mehr als acht Millimeter; die Stiele seiner Ährchen fühlen sich etwas rau an. Das schmalblättrige Wollgras ist häufiger als sein Zwilling; es wächst auf saureren, kalkärmeren Böden.
Zwillinge, die man nicht kennt, verwechselt man leicht. So tut sich auch der munter einherschreitende Wanderer schwer, die beiden Arten im Vorübergehen auseinander zu halten. Auf einer botanischen Exkursion rätselte sogar der Fachmann, der ein Wollgras in der Hand hatte, ob breit- oder schmalblättrig. Und auch bei der unterfertigten Bloggerin hier lösen sich die diesbezüglichen Nebel erst allmählich. Und raunte nicht schon damals, im fernen Mittelalter, die Heilige Hildegard: “Ein Wollgras ist ein Wollgras ist ein Wollgras?“
Schmalblättriges Wollgras
 

 
Breitblättriges Wollgras
Scheiden-Wollgras

In sehr kalten und kühlen Klimaten, wo der Abbau der Pflanzen besonders langsam vor sich geht, wächst der Torf immer mehr in die Höhe. Deshalb sprechen wir von einem Hochmoor. Mit der Zeit – in Jahrhunderten bis Jahrtausenden - verlieren die Wurzeln der Pflanzen den Kontakt zum Grundwasser. Das Moor wird nur noch durch den Regen gespeist. Im Torf bildet sich ein eigener, sekundärer Grundwasserspiegel aus. Mineralstoffe werden ausgewaschen, der Torf wird immer saurer. Nur hochspezialisierte Pflanzen können hier überleben. Am häufigsten sind die rötlichen Torfmoose, sie bilden Polster, die sogenannten Bulten, die sich uhrglasförmig krümmen. Zwischen den Torfmoosen wächst die Rosmarinheide, (weder verwandt noch verschwägert mit dem Küchenkraut), der fleischfressende Sonnentau und ein weiteres Wollgras, das Scheiden-Wollgras. Und dieses macht es uns leicht, es von seinen Geschwistern zu unterscheiden, denn es bildet nur ein einziges Ährchen aus. Es wächst in sehr dichten Polstern, die zu den stärksten Torfbildnern gehören. Sie hängen über die vielen unterirdischen Ausläufer zusammen, die das Scheiden-Wollgras bildet.

Nur ein Ährchen: Scheiden-Wollgras im schottischen Hochmoor
 
In Bayern unterscheidet die Sprache genau zwischen Nieder- und Hochmoor. Ersteres ist ein Moos, letzteres ein Filz. In vielen Flurnamen kommen Moos (pl. Möser) und Filz vor, etwa Murnauer Moos, Donaumoos, Sindelsdorfer Filz, Kendlfilz.
Polster des Scheiden-Wollgrases, davor...
...rötliches Torfmoos und sprießende Nadeln der Rosmarinheide

Schon früh begann die Trockenlegung der Moore in Europa. Die älteste bekannte Entsumpfung ist jene des Forums in Rom durch den Bau der Cloaca Maxima. Im frühen Mittelalter legten fleißige Mönche Sümpfe trocken, vor allem Zisterzienser und Benediktiner. Viele Klöster stehen an sumpfigen Orten; zum Beispiel das Kloster Benediktbeuern, von wo aus die Mönche ab dem 9. Jahrhundert ins Moor zogen.
Entzieht man einem Moor das Wasser, durch Gräben, Drainagen oder Flussregulierungen, löst es sich buchstäblich in Luft auf. Der poröse Torf fällt beim Trocknen in sich zusammen, er baut sich unter Sauerstoffeinwirkung ab. Im ehemaligen Donaumoos etwa liegt der Boden heute drei Meter tiefer als vor der Entwässerung. Getrockneter Torf wurde in Moorgegenden über Jahrhunderte als - sehr unergiebiger - Brennstoff verwendet. Geologisch betrachtet stellt Torf die erste Stufe der Kohlebildung dar - unter Druck und Hitze verwandelt er sich unter der Erdoberfläche und in Jahrmillionen zuerst in Braunkohle, dann in Steinkohle und zuletzt in Anthrazit.
In ganz Europa sind über Jahrhunderte sehr viele Moore verschwunden. Manche geschädigten Moore in Naturschutzgebieten versucht man zu restaurieren. Niedermoore, also Möser, regenerieren sich relativ schnell, wenn der Grundwasserspiegel wieder angehoben wird. Die Torfbildung setzt ein, und auch die typischen Pflanzen kommen zurück.
Bei Hochmooren, also Filzen, ist es komplizierter. Wenn sie entwässert werden, wird der eigene Regen-Grundwasserspiegel zerstört. Torfmoose bauen sich ab, die gewölbten Bulten verschwinden. Bei der Wiedervernässung kann es Jahrhunderte dauern, bis die typischen Strukturen sich wieder bilden. Zu den wichtigsten Torfbildnern gehört dabei – da schau her – das Scheiden-Wollgras durch seine dichten Horste und die vielen unterirdischen Ausläufer.
Verfilzte unterirdische Ausläufer des Scheiden-Wollgrases: wichtigste Torfbildner
 
Zuletzt eine kleine Polemik: 
Wenn man manche Naturschützer fragt, warum Moore denn wichtig wären, wird man, so fürchte ich, leider oft hören: "Sie sind wichtig für den Klimaschutz". Das stimmt insofern, als Moore ja Pflanzen konservieren und das in ihnen gespeicherte Kohlendioxid erst frei wird, wenn sie austrocknen und verwesen. Im Publikum entsteht aber leider, so mein Eindruck, oft das Missverständnis, dass der viele Torf per se das Klima schützt. Nach einem solchen Argument wären aber Erdöl- und Schiefergaslager am allerwichtigsten "für den Klimaschutz", so lange sie in der Erde ruhen. Moore "schützen" das Klima nur insofern, als sie eine Kohlendioxidsenke darstellen, wenn neu abgestorbene Pflanzenteile nicht verrotten, sondern konserviert und langsam zu Torf werden. Doch macht das gebundene Kohlendioxid in dieser "Senke" nicht allzu viel her . Ich schätzte mal grob, dass das Murnauer Moos im Jahr nicht so viel Kohlendioxid neu speichert, als die Lastwagen für den Transport von Biojoghurt in die Supermärkte der Gegend in die Luft blasen.
Abgedroschene Klimaschutzformeln laufen Gefahr, die Öffentlichkeit zu ermüden und zu verdrießen. Und etwas weniger Denkfaulheit würde die richtig starken (meiner subjektiven Meinung nach) Argumente hervorbringen:
  • Biologische: Die große Artenvielfalt nicht nur an Pflanzen, sondern auch an seltenen Vögeln (Bodenbrütern) und Insekten
  • Ästhetische: Die großen Möser und kleinen Filze machen zusammen mit Wäldern und Seen (und Bergen im Hintergrund) den Reiz vieler europäischer Landschaften aus
  • Kulturhistorische: Um Nutzung und Bewirtschaftung der Moore in früheren Zeiten spannen sich viele Bräuche, Riten, Regeln und Gesetze, Arbeitsabläufe, Geräte, die der Zustand der heutigen Moore widerspiegelt.
Dann wäre auch das Klimaschutzargument gefragt, wenn man es differenziert in seiner Größenordnung darstellt.

Fotos:
A. Schneider 4
W. Schröder 1
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Elke Freese
Janus (Jan Kops)