Donnerstag, 31. August 2017

Schirmpinie, Strandkiefer


Che soave zeffiretto
Questa sera spirerà…
Sotto i pini del boschetto.
Welch sanfter Abendwind…
Wird an diesem Abend wehen!
Unter den Pinien des Wäldchens.
Le nozze di Figaro. Lorenzo da Ponte/Mozart 1768

Pinien sind emblematische Pflanzen des Mediterranen, ähnlich wie Zypressen oder Oliven. Der pino di Posillipo in Neapel, mit dem Vesuv im Hintergrund, millionenfach auf Postkarten abgebildet, gilt als Mythos und als berühmtester Baum Italiens. Ottorino Respighi besang in seinem symphonischen Gemälde I pini di Roma die Pinien Roms an der Villa Borghese, am Hügel Giannicolo, an der Via Appia und bei “einer Katakombe“.

Pino di Posillipo mit dem Vesuv im Hintergrund
Diese Pinien sind Schirmpinien (Pinus pinea), leicht zu erkennen an ihrer abgeflachten, schirmförmigen Krone. Pinien wurden vom Menschen so weit verbreitet, dass ihre natürliche Verbreitung nicht mehr festgestellt werden kann. Die Schirmpinie hat ihre Heimat in Anatolien und an der Schwarzmeerküste, in Italien kommt sie wahrscheinlich von Natur aus nicht vor.
Was machte besonders die Schirmpinie für den Menschen so interessant? Neben dem Bauholz, das aus dem bis 30 m hohen, zylindrischen Stamm gewonnen und im Schiff- und Hausbau eingesetzt wurde, waren es das Harz und die Kerne, die pinoli.


Zapfen, Kerne und ganz drinnen die leckeren Pinoli
Die Zweige in jungen Pinien sind nach oben gebogen, sodass die Krone eine Kugel bildet. Erst die erwachsenen Pinien bilden die charakteristischen Schirmkronen aus. Pinien bilden eine sehr tiefe Pfahlwurzel aus, die den Baum unverrückbar im Boden verankert. Der ärmste Boden genügt der Pinie; sie wächst auch auf Steinen und blankem Sand. Die rotbraune Rinde läuft in länglichen Streifen den Stamm herunter, die langen spitzen Nadeln sind zu zweit gebündelt. Die Zapfen reifen erst im dritten Jahr nach der Blüte. Im ersten Jahr sind sie nicht größer als 1 cm, im zweiten Jahr nussgroß. Dann schieben sie an und wachsen zu den großen Zapfen aus mit den starken Schuppen, die je zwei Kerne mit harter Schale enthalten. Die Kerne, mit schwarzem Staub bedeckt, enthalten die nahrhaften Pinoli.

Wenn die Zapfen in der Sommerhitze aufspringen, sind Nager wie Eichhörnchen, Siebenschläfer und Eichelhäher gleich am Knabbern, ähnlich wie Mäuse oder Wildschweine am Boden. Da müssen Menschen sich dranhalten, wollen sie noch welche erwischen. Das ist nicht so einfach – Schütteln (mit Maschinen) schädigt die nicht ausgereiften jungen Zapfen, ebenso wie das Herunterschlagen mit Stangen. Es geht nur die vornehme Methode: Piniennüsschen sind handgepflückt – von Baumkletterern. Sie turnen in die Baumkronen und schneiden die reifen Zapfen mit Haken, die auf Stangen sitzen, ab. Deshalb sind die Pinoli auch so teuer – bis 80 Euro pro Kilo. Im Depot trocknen die Zapfen, platzen auf, das Ziel des Begehrens, die pinoli, werden geerntet.
Weniger glamourös als die Schirmpinie, weniger geliebt vom Menschen, hat die Strandkiefer (Pinus pinaster) eine dienende Funktion – sie steht in Streifen direkt an der Küstenlinie, vor Beständen der Schirmpinie und fängt die von den Winden Afrikas, dem Libeccio und Scirocco, herangepeitschte Salzluft ab. Strandkiefern ähneln der Schirmpinie, sind aber an der zerzausten Krone zu unterscheiden.

Pinie und Kiefer werden synonym verwendet – die Strandkiefer, oder Seestrandkiefer, wie sie auch genannt wird, gehört ebenso wie die Schirmpinie der Gattung Pinus an, einer der größten unter den Nadelbäumen. Weltweit sind Kiefern die wichtigsten Holzlieferanten, es gibt ca. 113 Arten davon. Eine Kiefer, die im Eulenblick schon besprochen wurde, ist die Zirbelkiefer, Pinus cembra.

Die Strandkiefer verträgt ein etwas rauheres Klima und braucht mehr Feuchtigkeit als die Schirmpinie. In Italien kommt sie sicher von Natur aus vor, auch in großen Beständen. Sie bildet ihre Schirmkrone aus; ist immer etwas zerzaust. Junge Kiefern wachsen sehr schnell, nach wenigen Jahren blühen und fruchten sie schon. Die Samen haben lange Flügel, breiten sich leicht aus.
Zum Keimen braucht die Strandkiefer viel Licht und nackten Boden. Deshalb ist sie oft die erste, die auf Waldbrandflächen aufkommt. Tatsächlich hat sie im Laufe der Evolution einen erstaunlichen ökologischen Pakt mit den heißen mediterranen Sommern geschlossen: Die harzreichen, hermetisch verschlossenen Zapfen öffnen sich im Feuer und entlassen die Samen, die schnell und ungehindert in der mineralreichen Asche keimen können, unbeschattet vom verbrannten Unterholz. Wenn die Brände allerdings zu häufig sind, verschwindet auch die Kiefer, weil sie verbrennt, bevor sie wieder Samen bilden kann. In der letzten Waldbrandsaison brannte es überall im Mittelmeer – in Portugal, Spanien, Griechenland, Italien. Man las von „Monokulturen“, die an den Bränden schuld seien. Das gilt vor allem für Eukalyptusplantagen, die zur Bodenbefestigung oder Zellstoffgewinnung angepflanzt wurden. Bei den Pinienwäldern wird hier aber Ursache und Wirkung verwechselt – die Strandkiefern wachsen nach einem Waldbrand, bedecken den Boden und schützen ihn vor Erosion. Bei ungestörter Entwicklung würde sich ein artenreicher mediterraner Steineichenwald herausbilden, der sich nur schwer abfackeln ließe.


Nach dem Brand: geöffnete Zapfen der Strandkiefer

Die Strandkiefer wird nicht sehr alt – kaum 200 Jahre, aber sehr hoch – 40 Meter. Ihre Nadeln sind länger als jene der Schirmpinie, bis 20 cm, genauso lang werden die konisch-länglichen Zapfen.
Sie ist vor allem im westlichen Mittelmeerraum und westlichen Nordafrika heimisch; breitet sich bis an den Atlantik aus. Dort, in Les Landes, begann man 1798, riesige Bestände von Strandkiefern zu pflanzen, zum Schutz der Dünen vor den Stürmen des Ozeans. Die atlantica-Form der Strandiefer erreicht besonders majestätische Dimensionen.

Am Atlantik war ein Parasit der Strandkiefer lange verbreitet. Erst in den Siebziger Jahren wanderte die Schildlaus Matsucoccus feytaudi in den Mittelmeeraum ein, wahrscheinlich mit dem Westwind, der die kleinen Insekten mit den großen Flügeln verweht. Aber auch eine Verbreitung längs der Autobahnen; mit Luftverwirbelungen und in Autoreifen ist denkbar. In Italien trat Matsucoccus Ende der Neunziger Jahre auf; die befallenen Bäume erkennt man an den vielen abgestorbenen roten Nadeln. Auch in Portugal und Spanien richtet das Insekt große Schäden an. Doch dort und in Marokko gibt es schon resistente Pinien, denen Matsucoccus nicht viel anhaben kann.


Zerzauste Kronen: die Strandkiefer
tal, qual di ramo in ramo si raccoglie
per la pineta in su ’l lito di Chiassi,
quand’Ëolo scilocco fuor discioglie»

Gleichwie von Ast zu Aste schwillt das Brausen
Hin durch den Pinienhain an Chiassis Küste
Wenn Äolus lässt den Scirocco sausen.
Dante Alighieri, Divina Commedia, Purgatorio XXVIII

Dante lässt den Scirocco an die Küsten der Adria prallen. Er kannte die Gegend, und sicher auch den Lido di Classe, hatte er sich in den letzten Jahren seines Lebens doch in Ravenna aufgehalten, wo er 1321 verstarb. Die Pineta di Classe istTeil des großen Waldkomplexes der Pineta di Ravenna. Dieser Wald ist 2000 Jahre alt, die Römer haben ihn gepflanzt, wahrscheinlich zur Zeit Augustus‘.

Was hatten sie für Gründe, längs der Küste Pinienpflanzungen anzulegen? Hauptsächlich waren sie auf die dicken geraden Stämme der Pinien aus, die sie als Bauholz für den Hafenausbau, für den Schiffbau, für Häuser und Pfähle verwandten. Pinoli als Nebenprodukt waren auch begehrt. Das Harz diente zum Kalfatern der Schiffe. Die Dynamik der Küstenlinie bei Ravenna ist bekannt; das ganze Gebiet ist Teil des Po-Deltas. Ravenna liegt heute 8 km vom Meer entfernt, ebenso wie sein einstiger Hafen Classe. Zu römischen Zeiten lagen beide am Meer. Doch hat sich nicht nur Land in die Adria vorgeschoben, an manchen Stellen holte sich das Wasser Land zurück. Und hier kommt der Scirocco Dantes ins Spiel – heftige Winde aus Afrika sind besonders gefährlich für Sandküsten. Leicht werden sie fortgespült, Pinien, besonders die Strandkiefer, helfen, den Strand mit seinen Dünen zu befestigen.

Immer wieder war die Pineta di Ravenna Abholzung und Zerstörung unterworfen. Im harten Winter von 1879-80 schlugen die frierenden Menschen große Flächen des Waldes ein; im ersten Weltkrieg dann wurden große Teile komplett zerstört, andere schwer geschädigt, das Holz der Pinien für Militärzwecke gebraucht. Heute ist die Pineta di Ravenna auf 2000 ha restauriert und ein bedeutendes Naturschutz- und Erholungsgebiet. 

Auch an der toskanischen Küste gibt es große vom Menschen angepflanzte Pinienwälder. Im Naturpark Uccellina säumt die majestätische Pineta Granducale die Küste. Sie entstand zur Zeit der großen Trockenlegung der Maremma im 19. Jahrhundert unter dem Großherzog, dem Granduca, Leopoldo II (1797-1870) von Habsburg-Lothringen. Große Stämme für Bauholz und Pinoli sind auch hier die begehrtesten Produkte. Da Schirmpinien sehr empfindlich auf die Salzluft des Meeres, die salsedine, reagieren, steht ein cordon sanitaire von Strandkiefern gegen das Meer vor ihnen. Strandkiefern sind zähe Wesen, sie krallen sich mit ihren Wurzeln in den reinen Sandboden und trotzen dem salzigen Libeccio, dem Wind, der im Winter aus Libyen kommt. Doch gegen die Erosion der Strände, die in den letzten Jahrzehnten die Uccellina traf, kann auch die stärkste Kiefer nicht allzuviel ausrichten: Das Meer frisst die vorgelagerten Dünen weg oder überrollt sie; Salzwasser dringt in die Pinienwälder ein und gefährdet das Süßwasser im Untergrund.

Pineta Granducale im Naturpark Uccellina
Neben den Pinoli war Harz das begehrteste Produkt der Pinien. In Wäldern findet man alte Kiefern mit fischgratförmigen Rillen, von denen das Harz in ein Töpfchen floss. Die Ausbeute war sehr ergiebig (bis 300 l pro Hektar), als Nebenprodukt gewann man die gerade gewachsenen, dicken Stämme als Bauholz. Mussolini vertrat das nationalistische Ziel der autarchia Italiens, mit der battaglia del grano zum Beispiel die Versorgung der Bevölkerung mit Weizen. 1940 wurde in Pisa die Compagnia resiniera italiana, die italienische Harzgesellschaft, gegründet. Harz aus den Pinien sollte in der chemischen Industrie zur Produktion von Farben, Lacken und Kolophonium verwendet werden. In den Pinienwäldern von San Rossore und Migliarino an der Küste der Toskana wurden 10.000 Bäume angezapft, 1,5 Liter Harz lieferte ein Baum im Jahr – jede Pinie eine kleine Chemiefabrik. Heute ersetzen Erdölderivate das Harz, die Harzgewinnung an den Pinien hat aufgehört.

Jede Pinie eine kleine Chemiefabrik

Bildnachweis:
Giorgio Sommer 1 Asabengurtza1 Patrick Verdier1 MGR1 Vincenzo Crimi1 Angelika Schneider1
 
 
 
 



 

Montag, 31. Juli 2017

Armleuchteralge

 

Alte Freundin der Familie: Was kommt als nächstes im Eulenblick?
Ich (arglos): die Armleuchteralge!
Sie: Echt jetzt? Das hast du doch soeben erfunden!
Nicht einmal eine Pflanze: Armleuchteralge
 
Nein, hatte ich nicht. Armleuchteralgen (Chara spec.) haben ihren Namen von den in Etagen angeordneten fädigen Quirlen. Junge Leute der Led-Generation wissen heute vielleicht gar nicht mehr, wie ein Armleuchter aussieht. Deshalb hier ein Prachtexemplar vom belgischen Königshof:
Was für ein Armleuchter!
Und sie sind auch keineswegs die Armleuchter unter den Algen, sie sind nicht einmal Algen, ja, eigentlich sind sie gar keine „Pflanzen“. In der Systematik der Lebewesen stellen sie eine eigene Klasse dar, ähnlich wie Pilze oder Flechten, die von Botanikern ebenfalls nicht zum Pflanzenreich gezählt werden. Armleuchteralgen sind sehr urtümlich, es gab sie schon vor 400 Millionen Jahren, im oberen Perm. Solche erdgeschichtlichen Alten nennt man „lebende Fossilien“.
Sie schauen allerdings wie "richtige“ Pflanzen aus. Sie sind grün; im Boden haften sie nicht sehr stark mit wurzelähnlichen Rhizoiden, die sich leicht herausziehen lassen. Ihre „Stängel“ sind ein bis drei Meter lang, an ihnen stehen die namengebenden quirligen Ästchen. 
Carl von Linné, der Entdecker der Ordnung im Tier- und Pflanzenreich, verlieh den Armleuchteralgen den wissenschaftlichen Namen „Chara“. Woher Linné diesen Namen hatte, weiß man nicht genau. Weltweit gibt es etwa 300 Arten. Die ähneln sich sehr stark, viele sind nur unter dem Mikroskop zu unterscheiden.
Armleuchteralgen können in ein bis zwei Meter tiefen stehenden oder langsam fließenden Gewässern große Flächen („Chara-Wiesen“) bedecken.

In Seen mit flachen Ufern muss man beim Schwimmen zuerst diese Chara-Wiesen überwinden, um ins Tiefe zu gelangen. Die langen Armleuchteralgen winden sich um Hals, Arme oder Beine – wie verdrängte Gefühle, die aus dem dunkel drohenden See des Unbewussten nach oben fassen. Dieser kleine Exkurs in die Küchenpsychologie drängt sich auf – schon Freud und C.G.Jung sahen Quelle, See und Meer als Symbol des Unbewussten an. Die Reaktion mancher Badender auf die Algen ist oft Unbehagen oder sogar Angst; doch tun Armleuchteralgen wirklich nichts – sie stechen nicht, sie brennen nicht, sie wollen nicht mal spielen.

Freundliche Menschen mähen vor Strandbädern manchmal von einem Boot aus mit der Sense Armleuchteralgen ab, um freie Schwimmbahnen zu schaffen – eine vergebliche Maßnahme, wachsen doch schon kleinste Schnipsel wieder zu ganzen Pflanzen und großen Unterwasserwiesen heran. Hier haben wir die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Armleuchteralge vor uns; mit ihrer Hilfe kann sie rasch neue Gewässer besiedeln oder sich regenerieren, wenn sie von stürmischem Wasser davongetragen oder von Tieren abgefressen wurde.

Auf den Algen findet man manchmal auch Geschlechtszellen: Die weiblichen Oogonien, die je eine Eizelle enthalten und die Antheridien, die aus langen Fäden einzellige Spermien freilassen und sich orange einfärben, wenn sie reif sind. Die Oogonien haben eine mit Kalk verstärkte Zellwand. Es sind praktisch unzerstörbare Strukturen, die den Magen von Fischen oder Wasservögeln unbeschadet passieren. Mit den Ausscheidungen der Tiere werden die Oogonien weiterverbreitet. Die verkalkten Oogonien tauchen auch als Fossilien in Kalkgestein auf.

Weiblich braune und männliche Orange Geschlechtszellen
Versteinerte Oogonien - 20 Millionen Jahre alt
Grüner Algenschleim in Gewässern hat keinen guten Ruf, zeugt er doch von belastenden Nitraten im Wasser, eingeschwemmt von gedüngten Feldern oder aus Kläranlagen. Auch hier sind Armleuchteralgen anders – sie mögen sauberes kalkhaltiges Wasser.

Lieben Armleuchteralgen: Kolbenenten
Kolbenenten haben’s gut: Menschen finden sie so süß! Wichtiger noch: Seen in Mitteleuropa sind in den letzten Jahrzehnten immer sauberer geworden, Armleuchteralgen wachsen und gedeihen. Sie sind das Lieblingsfutter der Kolbenenten; wenn möglich, fressen sie nichts anderes. Mehr sauber, mehr Futter, mehr Ente: ein perfektes Beispiel für eine funktionierende Nahrungskette!

 

Fotos:
Christian Fischer 2
Keisotyo 1
Duncan Wright 1
Nat Archiev 1

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 



 

 
 

Freitag, 30. Juni 2017

Silberwurz


Großer Name, große Geschichte: Die Silberwurz, Dryas octopetala, hat einem ganzen geologischen Zeitabschnitt den Namen gegeben, dem letzten Abschnitt der letzten Eiszeit - in den Alpen Würm-, in Mittel- und Nordeuropa Weichseleiszeit genannt. Der Name Dryas selbst stammt von der Baumnymphe Dryas aus der griechischen Mythologie.

Über 100.000 Jahre lang war es kalt gewesen, sehr kalt: Eisschilde bedeckten große Teile Eurasiens und Nordamerikas, Wälder gab es nur ganz im Süden, riesige Tundren säumten die Gletscherränder. Dann, vor 14.000 Jahren, wurde es milder, Gletscher schmolzen ab, zogen sich zurück, Wälder begannen, sich nach Norden auszubreiten. Das Ende der Eiszeit - war es gekommen?

Vor etwa 12.700 Jahren kam der Rückschlag. Plötzlich wurde es wieder sehr kalt, Gebirgsgletscher wuchsen, in Skandinavien verschwanden die Nadelwälder, Tundren breiteten sich aus. "Plötzlich" ist hier durchaus wörtlich zu verstehen - der Umschwung geschah innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten. Die typische Pflanze hier, ganze Landschaften dominierend, war die Silberwurz. Nach ihr benannte man die ganze Periode - die Dryas-Kaltzeit. Über die Ursachen für den Klimaumschwung streiten die Wissenschaftler; am wahrscheinlichsten ist, dass auf dem Nordamerikanischen Kontinent riesige, mit dem Schmelzwasser der tauenden Gletscher gefüllte Seen ausbrachen, sich in den Atlantik ergossen und den Golfstrom zum Erliegen brachten. Dieses Ereignis ist nach dem Geologen Louis Agassiz (1807-1873) benannt, einem Geologen, der die Theorie der Eiszeiten als erster formuliert hatte.

Die Dryas-Kaltzeit ging vor 10.000 Jahren zu Ende. Es begann das Holozän, die letzte, bis heute andauernde Zwischeneiszeit.

Pflanze der subarktischen Tundren

Die Silberwurz kommt auch heute noch in den Tundren des Hohen Nordens vor, in Skandinavien, Sibirien oder Island. Wir Alpenbewohner kennen sie vor allem als Pflanze des Hochgebirges, als ein Eiszeitrelikt, das sich, als das Klima immer wärmer wurde, in große Höhen zurückzog (bis 2500 m), wo sie das ihr behagende subarktische Klima vorfindet.

Pionierpflanze und Kalkzeiger - diese beiden Eigenschaften gehören noch zur Stellenbeschreibung der Silberwurz. Sie kommt nur auf kalkhaltigem Gestein vor; sie ist eine sogenannte Zeigerpflanze für Kalk im Boden. In den Alpen findet man sie vor allem auf Karen, den Schutthalden am Fuß der Dolomitenwände. Dort tritt sie als Pionierpflanze auf, was bedeutet, dass sie nackte Böden besiedelt. 

Die Silberwurz ist ein niederliegender immergrüner Zwergstrauch; aus Knospen auf ihren verholzten Zweigen wachsen die gezähnten Blätter mit der namengebenden silberhaarigen Unterseite. Die Silberhaare an der Unterseite der Blätter sind eine Anpassung an das raue Klima: Der Silberschimmer reflektiert die starke Sonnenstrahlung des Hochgebirges; die Haare halten eine windstille Luftschicht über dem Blatt und bewahren es vor Austrocknung durch den Wind. Die Silberwurz wächst zu flachen Matten aus, die sich auf dem Schutt ausbreiten. Diese Matten werden bis zu 100 Jahre alt; an manchen Stellen sterben sie ab, wachsen an anderen weiter.

Pionierpflanze und Kalkzeiger: Matten der Silberwurz auf Kalkschutt


An einem Ende sterben sie ab, am anderen wachsen sie weiter
Zwischen den Blättern leuchten die weißen Blüten hervor, mit den 8 (7-9) ebenfalls namengebenden Kronblättern. Octopetala bedeutet ja "mit acht Petalen", also acht Kronblättern. Die verblühte Silberwurz trägt einen langen haarigen Schopf - jeder "Haar" trägt an seinem unteren Ende einen Samen. Die Verbreitung der Samen übernimmt der Wind.

Mit acht Kronblättern: Silberwurz


Fliegt, Samen, fliegt
 
In den Hochlagen der Gebirge findet man viele niederliegende Sträucher und Polsterpflanzen, die sie an den Boden schmiegen - eine Anpassung an das Klima des Hochgebirges; die Pflanzen ducken sich unter dem Wind und bleiben auch länger unter der Schneedecke geborgen. Auf "reifen" Matten der Silberwurz siedeln sich bald andere Pflanzen an. Zwischen den Blättern und Zweigen sammeln sich feuchte Lehm- und feine Sandteilchen, in denen es sich gut keimen lässt. Die Wurzeln unter den Matten befestigen die rutschenden Kare; im untersten Teil der Hänge, der zur Ruhe gekommen ist, verschwindet die Silberwurz immer mehr, andere Pflanzen überwuchern die Matten.


Bereitet den Boden für andere: hier Alpen-Wundklee

Fotos:
Angelika Schneider 3
Michael Haferkamp 2002
Velela
Hansueli Krapf




Montag, 29. Mai 2017

Zottiger Klappertopf

 
 
Ein Halbschmarotzer
 
Jetzt im Mai sieht man auf manchen Wiesen die gelben Blütentrauben des Zottigen Klappertopfs. Man kann ihn leicht aus dem Boden ziehen. Er erspart es sich, einen großen Wurzelapparat auszubilden, lässt nur kleine Würzelchen sprießen, mit denen er Wirtspflanzen - oft Gräser - anzapft. Er ist nämlich ein Schmarotzer, genauer ein Halbschmarotzer.

Licht, Energie, Prana, Qi – das sind die Zutaten für die äußerst kalorienarme Eso-Suppe, die der österreichische Filmemacher Peter-Arthur Straubinger in seinem Film „Am Anfang war das Licht“ dem staunenden Publikum auftischt. Im Zentrum steht die Behauptung, Menschen könnten sich, ohne zu essen, allein von Licht ernähren, von „feinstofflichlicher“ Energie. Leider waren die Folgen für mindestens drei Menschen von eher grobstofflicher Art – sie sind verhungert und verdurstet. Diese Leute waren natürlich selbst schuld; Ellen Greve, vulgo„Jasmuheen“, eine australische Lichtdiätetikern, behauptete von einem Opfer, es sei nicht „rein“ gewesen. Muss eine nette Frau sein, die Jasmuheen, und so mitfühlend!
Ich selbst bin zu wenig – wie soll ich sagen – erleuchtet?, um an die Lichtnahrung zu glauben und bleibe lieber bei dem drögen wissenschaftlichen Gemeinplatz, wonach es allein die grünen Pflanzen sind, die ihre Nahrung mit Hilfe von Sonnenenergie herstellen und damit die Nahrungskette für alle anderen Lebewesen in Gang setzen.

Pflanzen sind die einzigen und wahren Licht-Diätetiker. Sie betreiben Photosynthese: Das Sonnenlicht, das auf den grünen Pflanzenfarbstoff Chlorophyll auftrifft, setzt eine biochemische Reaktionskette in Gang, bei der aus Wasser und dem Kohlendioxid aus der Luft Sauerstoff und Traubenzucker entstehen. Traubenzucker liefert die Energie für alle Lebensvorgänge der Pflanze und den Luftsauerstoff, den Tiere einatmen. Das Chlorophyll sitzt auf dicht gefalteten Membranen in den Chloroplasten, den kleinen ovalen Organellen in den Blättern und anderen grünen Teilen der Blütenpflanzen.
 
Hier findet Photosynthese statt - in den grünen Kügelchen, den Chloroplasten

 
Dichtgepackte Membranen vergrößern die Oberfläche in den Chloroplasten
Autotroph nennt man grüne Pflanzen deswegen, selbsternährend. Tiere ernähren sich von Pflanzen – sie können ihre Nahrung nicht selbst herstellen, sie sind heterotroph.
Doch allein von Licht und Kohlendoxid können Pflanzen nicht leben. Bekanntlich brauchen sie Wasser, das sie mit den Wurzeln aus dem Boden aufnehmen und darin gelöste Mineralsalze, zum Beispiel Magnesium oder Eisen. Bestimmte Schlaumeier im Pflanzenreich sind nun im Laufe der Evolution darauf gekommen, sich die Photosynthese ganz zu ersparen und andere Pflanzen anzuzapfen. Das sind Schmarotzer, wie zum Beispiel die Schuppenwurz, die keine grünen Teile besitzt und kränklich-braun in feuchten Wäldern steht.
Dann gibt es wieder andere, die den goldenen Mittelweg gehen. Sie stellen einen Teil der Nahrung selbst her – haben Chlorophyll – und zapfen gleichzeitig ihre Wirtspflanzen um Wasser und Nährsalze an. Das sind sogenannte Halbschmarotzer. Ein sehr bekannter Vertreter, die Mistel, ist im Eulenblick schon besprochen worden.

Unsere Pflanze des Monats, der Zottige Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus) ist auch ein Halbschmarotzer. Er hat grüne Blätter, betreibt also Photosynthese. Zottig heißt er wegen der dichten Behaarung von Stängel, Blütenständen und Deckblättern, die die einzelnen Blüten umhüllen. Daran ist er leicht zu erkennen, ebenso am millimeterkurzen blauen „Zahn“ der aus der helmartigen gelben Blüte lugt. Bis zu 80 cm hoch kann die Pflanze werden. Die Blätter sind eiförmig-lanzettlich und gezackt.
Zottig und mit blauem Zahn
Der Klappertopf heißt so, weil die reifen Samen in dem trockenen aufgeblasenen Blütenkelch klappern. Der Wind fährt in diesen Hohlraum und hilft bei der Verbreitung der Samen.
Der Klappertopf steht gerne im Batz – er ist eine Zeigerpflanze für lehmige Böden. Er wächst aber auch auf ungedüngten Magerwiesen, Viehweiden und Getreideäckern. Überall dort findet er seine Wirtspflanzen. Er ist über ganz Europa verbreitet, gegen Norden wird er immer seltener.
Naturschützer freut's: Wiese voller Klappertöpfe
Auf wenig gedüngten Wiesen oder Weiden kommt er häufig vor. Er schmarotzt gerne auf Futtergräsern und schwächt sie in ihrem Wachstum. Er ist leicht giftig, deshalb muss man auf Pferdeweiden aufpassen, dass die Pferde nicht zuviel von ihm erwischen. Im Herbst bauen sich die Giftstoffe, sog. Glycoside, ab. Auch im Heu muss man das Gift des Klappertopfs nicht fürchten. Früher, vor der Erfindung von Pestiziden, war er in Getreidefeldern weit verbreitet. Er schmarotzte an den Wurzeln von Weizen, Roggen oder Gerste und ließ ein Feld recht ausgemagert erscheinen. Das machte den Klappertopf bei den Bauern verständlicherweise unbeliebt.
Naturschützer freuen sich über den Klappertopf und noch mehr über die heute seltenen Magerwiesen, die ihn beherbergen.

Außer dem Zottigen Klappertopf gibt es noch andere Klappertopfarten; sie alle sind Halbschmarotzer.

Bildnachweis
Angelika Schneider 2
Kristian Peters Fabelfroh 1
Wikipedia commons 1
Biolib.de/Thomé 1