Dienstag, 31. Oktober 2017

Riesenfenchel, Gemeines Rutenkraut, Gemeines Steckenkraut

Kein Geringerer als Plinius der Jüngere erweist uns heute die Ehre, die Pflanze des Monats vorzustellen: „Die Ferula heißt bei den Griechen Narthex, hat einen knotigen, auswendig festen, inwendig mit lockerem Mark gefüllten Stamm; die Blätter kommen aus den Knoten. Keine Pflanze gibt so leichte Stöcke; deswegen dienen diese alten Leuten als Stütze. …Gekocht und eingemacht ist die Pflanze essbar, auch dient sie als Arznei…. Prometheus soll die Kunst erfunden haben, Feuer in einer Ferula aufzubewahren.“ Zwei der vielen Namen dieser Pflanze - Ferula und Narthex - erwähnt Plinius hier schon; ihre deutschen Bezeichnungen  sind Riesenfenchel, Ruten-oder Steckenkraut, der wissenschaftliche Name Ferula communis. Mit einem Pinienzapfen gekrönt war sie ein Attribut Dionysos‘ und wurde Thyrsos genannt.


"Keine Pflanze gibt so leichte Stöcke..."

Auf Wiesen und Weiden, zwischen Tempeln und Ruinen war der Riesenfenchel auf unserer Kultur- und Wanderreise in Griechenland unübersehbar – eine Art Riesenkarotte, bis drei Meter hoch, jetzt im Herbst mit trockenen buschigen Dolden versehen, die ihre vielen Samen entließen und mit großen, vielfach gefiederten Blättern.

Seltene gelbe Doldenblüten

Der Riesenfenchel gehört wie andere Fenchelarten zu den Doldenblütlern, zum Beispiel Karotten oder Kümmel. Im Frühling sind seine Blüten leuchtend gelb; zum Unterschied von den anderen meist weißblühenden Doldenblütlern. Viele Doldenblütler sind wegen der ätherischen Öle, die sie enthalten, Heilpflanzen; viele, wie der gefährliche Riesenbärenklau, sind giftig. Auch der Schierling, der Sokrates den Tod brachte, war ein Doldenblütler.
Der Stängel des Riesenfenchels ist sehr dick, aber dünnwandig und mit einem porösen Mark gefüllt. Deshalb ist er sehr leicht, dabei aber stabil. Auf unseren Wanderungen in Griechenland bewährte sich das Steckenkraut als Wanderstab auf steinigen Pfaden, auf denen Spartaner und Mykener schon vor über 2000 Jahren vorübergezogen waren.

Carl von Linné, von dem im Eulenblick schon öfter die Rede war, schrieb über den Riesenfenchel: „Die Ruthen dieser Pflanzen sind sehr zäh, deren Mark wird, wenn es trocken wird, als Zunder gebraucht.“ Funktionieren kann das nur, weil das leicht entzündliche, schwammige Mark des Stängels sehr langsam und schwelend verbrennt, ohne die Rinde des Stängels völlig zu zerstören. Deshalb wurden die Narthex-Stängel in der Antike als Zunder beim Feuermachen verwendet oder um Glut in den Stängeln zu verwahren und zu transportieren. Manche griechischen Inselbewohner trugen noch im 20. Jahrhundert Feuer im Stängel von Ferula von einem Platz zum anderen.
Spenderin des Feuers, Bewahrerin der Glut, und das im antiken Griechenland – diese Pflanze hatte mythologisches Potential! Tatsächlich war der Stängel des Riesenfenchels ein unentbehrliches Requisit für die Großtat Prometheus‘, den Menschen das Feuer zu bringen.

Prometheus entstammte dem Göttergeschlecht der Titanen. Gegenüber Zeus ließ er es an Respekt ermangeln – bei einem Tieropfer überließ er Zeus die minderen Teile und verteilte die Bratenstücke an die Menschen, denn er war ein Menschenfreund. Daraufhin nahm Zeus den Sterblichen das Feuer weg, doch Prometheus entzündete am vorüberziehenden Sonnenwagen den Narthex und brachte die Glut zu den Menschen.

Lass dich nicht erwischen, Prometheus!
Das lässt sich Zeus nicht gefallen; er bringt den Rotzlöffel zur Raison, indem er ihn an einen Felsen im Kaukasus schmiedet. Ein Adler fliegt jeden Tag vorbei und frisst an seiner Leber, die sich tagtäglich erneuert. Deshalb ist Prometheus auch der Schutzpatron der Alkoholiker (ein blöder Witz, pardon). Herakles tötet schließlich den Adler, Zeus begnadigt Prometheus.
Prometheus, der Rebell, der Zeus herausfordert, hintergeht, verspottet und verhöhnt – war er nicht die ideale Identifikationsfigur für die Achtundsechziger des 18. Jahrhunderts, die Stürmer und Dränger, allen voran Herder, Goethe und Schiller? In ihren Werken beschworen sie den Sturz der Götter, die Auflehnung gegen Adel, Absolutismus und das verknöcherte Bürgertum. Genie, Kraft, Kerl waren ihre Schlüsselbegriffe. Goethes Prometheus, sein Werther, Schillers Räuber – Weicheier waren das keine.
Überhaupt: Goethe und der Rutenstab! Er soll einen solchen auf seinen Wanderungen auf Sizilien mit sich geführt und ihn nach seiner italienischen Reise 1788 in sein Haus nach Weimar mitgebracht haben, wo er sich heute noch befinden soll. Er war allerdings kein Freund eines Auftauchens des Narthex in Gedichten. In seinem berühmten Sturm-und-Drang Gedicht, dem Prometheus, ist letzterer als sich selbst ins Göttliche ermächtigendes, die Götter verspottendes Kraftgenie dargestellt, beneidet von den Göttern um die Glut seines Herdes. 

Wie die Glut in den Herd des Prometheus kam, führte Goethe nicht weiter aus, und er riet die Erwähnung des Narthex auch A.W.Schlegel gegenüber ab, der ebenfalls ein ellenlanges Prometheusgedicht verfasst hatte. Schlegel sollte keine trockenen mediterranen Stängel besingen, auch wenn sich in ihnen der Zunder befand, mit Hilfe dessen Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen hatte. Schlegel berichtet 1797 in einem Brief an Schiller von Goethes Tadel: „Ich habe jetzt eine Änderung versucht, wobey die Erwähnung des Sonnenwagens ganz wegbleibt, und die näheren Umstände des Entwendens etwas mehr ins Dunkel gerückt werden. Zugleich kommt auch dadurch das als Lunte dienende Rohr, der narthex oder Ferulastab der alten Fabel, den mir Göthe als gegen die Pracht des Sonnenwagens abstechend und kleinlich tadelte, weg.“
 
Der Stab des Riesenfenchels war auch dem größten Betrunkowitsch der Antike, dem Gott des Weines Dionysos und seinem Gefolge heilig, den wilden Satyrn und rasenden Mänaden. Bei ihren orgiastischen Festen und Umzügen wurden wilde Tiere zerrissen und aufgefressen, betrunkene Sterbliche und Unsterbliche paarten sich ungehemmt -  so wild ging es zu, dass keiner mehr sicher auf den Beinen war, und wäre er auch ein Gott gewesen. Der Thyrsos, wie der mit Pinienzapfen versehene Narthex hieß, bot den Schwankenden eine Stütze. So leicht, wie er war, konnte er auch bei Schlägereien keinen größeren Schaden anrichten. Nach dem Ausnüchtern waren Sterbliche und Unsterbliche wahrscheinlich gleichermaßen froh darüber.


Auf geht's zum nächsten Gelage! Dionysos und sein Thyrsos

In Mitteleuropa, in Friaul, kam der Riesenfenchel in einem alten Feldkult zum Einsatz. Der Historiker Carlo Ginzburg (geb. 1939) hatte in Archiven in Akten zu Inquisitionsprozessen aus dem 16. und 17. Jahrhundert von den Benandanti , den „Wohlfahrenden“ gelesen, die an vier Donnerstagen im Jahr nächtens auf Feldern kämpften, um die Ernte gegen Hexen und böse Geister zu verteidigen. Diese Benandanti waren Nachkommen von Schamanen; sie waren bei der Geburt mit einer Glückshaube, einem Rest der Eihaut, also der Fruchtblase, bedeckt. In vielen Kulturen galten solche Kinder als besonders, als Glücksbringer und vom Glück Ausersehene. In der Literatur trugenTill Eulenspiegel und David Copperfield solche Glückshauben, in der Historie zum Beispiel Karl der Große, Napoleon oder Sigmund Freud. Die Benandanti, gute Wesen und Verteidiger der Fruchtbarkeit, vertrieben die bösen Geister mit ihrer Waffe, dem Stängel des Riesenfenchels! Obwohl sie gegen Hexen kämpften, gerieten sie bald selbst in das Blickfeld der Inquisitoren. Carlo Ginzburg: „Die überlieferten Prozesse gaben in meinen Augen sehr klar zu erkennen, dass die Menschen, die ursprünglich gegen die Hexen gekämpft hatten, am Ende selbst zu Hexen geworden waren."
In Sizilien gibt es noch Imker, die Bienenbeuten aus dem Narthex-Stängel bauen. Eine Reminiszenz an die glorreichen Zeiten der Magna Graecia?
 



Bienenhaus und Bienenbeuten aus dem Stängel der Ferula in Sizilien

Und vielleicht überlegt sich mancher Leser schon die ganze Zeit, wie der Goethesche Prometheus wieder ging? Bitte sehr, hier ist er:
Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh'n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn' als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
 
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Bilder:
Wolf Schröder 1
Tigerente 1
 Prado Museum 1
Yann Forget 1
Grifone Santi Longo 2

 





 

Freitag, 29. September 2017

Rosmarinheide

Die Rosmarinheide (Andromeda polifolia) muss ein Model sein – so dünn das Stämmchen, so rosig das Köpfchen. Zu essen braucht sie auch nichts, sie steht ja zwischen Torfmoosen im Hochmoor, wo der Boden so arm, die Mineralstoffe so selten sind, dass nur Hungerkünstler überleben.
Torfmoose haben große leere Zellen, die sich mitWasser füllen. Das gibt ihnen eine schwammartige Struktur. Sie nehmen Mineralsalze aus dem Wasser auf, gleichzeitig geben sie Säuren an die Umgebung ab. Sie schaffen so eine extrem saure Umgebung – so sauer, dass auch kaum Bakterien überleben. Deshalb werden abgestorbene Pflanzenteile nicht zersetzt – Torfmoose wachsen also auf den Leichenbergen ihrer Vorfahren immer mehr in die Höhe. Es entstehen Hochmoore – näher beschrieben im Kapitel über Wollgras im Eulenblick. Die Rosmarinheide überlebt in dieser Säurehölle mit Hilfe von Pilzen an ihren Wurzeln, der sog. Mykorrhiza, die ihr hilft, doch ein paar Mineralsalze zu erschließen.
Silbrig glänzende Blattunterseiten, aus Tormoosen wachsend
Die Rosmarinheide, ein immergrüner Zwergstrauch, gehört zur Familie der Erikagewächse, wie viele andere Zwergsträucher auch, zum Beispiel Erika, Heidekraut, Preiselbeere, Moosbeere, Krähenbeere. Mit der Gewürzpflanze Rosmarin, einem Lippenblütler, ist sie nicht näher verwandt. Doch die Blätter der beiden Pflanzen ähneln sich – sie sind lang, schmal, spitz, oben glänzend grün, unten mit weißen Streifen versehen. Letztere lassen die Rosmarinheide aus den Torfmoosen hervorschimmern.
Ihre Blüten sind rosa-weiße Glöckchen, die sich zu zarten roten Fruchtständen mit vielen winzigen Samen ausbilden.
So rosig das Köpfchen....
...so zart die Frucht.
Zusammen mit den roten Moosbeeren und den zwischen grün, braun und rot changierenden Torfmoosen bildet die Rosmarinheide gerade im Herbst wunderschöne Ensembles, kaum fußhohe kleine Pflanzenwelten.
Kleine herbstliche Pflanzenwelten
Karl von Linné, der schwedische Naturforscher und Entdecker des Ordnungssystems der Organismen liebte die Pflanze, die in den skandinavischen Mooren weit verbreitet ist. Er benannte sie nach Andromeda, der Prinzessin aus der griechischen Mythologie, Tochter der Kassiopeia und Frau Perseus‘; nach anderer Lesart dachte Linné an das Sternbild der Andromeda, das am Nordhimmel die Gegenden überspannt, in denen die Rosmarinheide wächst.
Die Rosmarinheide ist stark giftig. Sie enthält Andromedotoxin und verschiedene Glykoside. Aus Österreich sind einige – nicht tödliche – Fälle von Vergiftungen mit Honig bekannt, die Pollen von Rosmarinheide enthielten.
Ein alter deutscher Name für die Rosmarinheide ist „Polei-Gränke“. Polei scheint aus dem Slawischen zu kommen von „polje“ für Feld – hier wohl für die offenen Moorflächen, wo die Gränke wächst. Die Bedeutung des Wortes „Gränke“ konnte ich nicht herausfinden. Vielleicht kommen ja Ideen aus der werten Leserschaft.
 
Abb.:
Angelika Schneider 3
Hajatthu 1

 
 

 

 


Donnerstag, 31. August 2017

Schirmpinie, Strandkiefer


Che soave zeffiretto
Questa sera spirerà…
Sotto i pini del boschetto.
Welch sanfter Abendwind…
Wird an diesem Abend wehen!
Unter den Pinien des Wäldchens.
Le nozze di Figaro. Lorenzo da Ponte/Mozart 1768

Pinien sind emblematische Pflanzen des Mediterranen, ähnlich wie Zypressen oder Oliven. Der pino di Posillipo in Neapel, mit dem Vesuv im Hintergrund, millionenfach auf Postkarten abgebildet, gilt als Mythos und als berühmtester Baum Italiens. Ottorino Respighi besang in seinem symphonischen Gemälde I pini di Roma die Pinien Roms an der Villa Borghese, am Hügel Giannicolo, an der Via Appia und bei “einer Katakombe“.

Pino di Posillipo mit dem Vesuv im Hintergrund
Diese Pinien sind Schirmpinien (Pinus pinea), leicht zu erkennen an ihrer abgeflachten, schirmförmigen Krone. Pinien wurden vom Menschen so weit verbreitet, dass ihre natürliche Verbreitung nicht mehr festgestellt werden kann. Die Schirmpinie hat ihre Heimat in Anatolien und an der Schwarzmeerküste, in Italien kommt sie wahrscheinlich von Natur aus nicht vor.
Was machte besonders die Schirmpinie für den Menschen so interessant? Neben dem Bauholz, das aus dem bis 30 m hohen, zylindrischen Stamm gewonnen und im Schiff- und Hausbau eingesetzt wurde, waren es das Harz und die Kerne, die pinoli.


Zapfen, Kerne und ganz drinnen die leckeren Pinoli
Die Zweige in jungen Pinien sind nach oben gebogen, sodass die Krone eine Kugel bildet. Erst die erwachsenen Pinien bilden die charakteristischen Schirmkronen aus. Pinien bilden eine sehr tiefe Pfahlwurzel aus, die den Baum unverrückbar im Boden verankert. Der ärmste Boden genügt der Pinie; sie wächst auch auf Steinen und blankem Sand. Die rotbraune Rinde läuft in länglichen Streifen den Stamm herunter, die langen spitzen Nadeln sind zu zweit gebündelt. Die Zapfen reifen erst im dritten Jahr nach der Blüte. Im ersten Jahr sind sie nicht größer als 1 cm, im zweiten Jahr nussgroß. Dann schieben sie an und wachsen zu den großen Zapfen aus mit den starken Schuppen, die je zwei Kerne mit harter Schale enthalten. Die Kerne, mit schwarzem Staub bedeckt, enthalten die nahrhaften Pinoli.

Wenn die Zapfen in der Sommerhitze aufspringen, sind Nager wie Eichhörnchen, Siebenschläfer und Eichelhäher gleich am Knabbern, ähnlich wie Mäuse oder Wildschweine am Boden. Da müssen Menschen sich dranhalten, wollen sie noch welche erwischen. Das ist nicht so einfach – Schütteln (mit Maschinen) schädigt die nicht ausgereiften jungen Zapfen, ebenso wie das Herunterschlagen mit Stangen. Es geht nur die vornehme Methode: Piniennüsschen sind handgepflückt – von Baumkletterern. Sie turnen in die Baumkronen und schneiden die reifen Zapfen mit Haken, die auf Stangen sitzen, ab. Deshalb sind die Pinoli auch so teuer – bis 80 Euro pro Kilo. Im Depot trocknen die Zapfen, platzen auf, das Ziel des Begehrens, die pinoli, werden geerntet.
Weniger glamourös als die Schirmpinie, weniger geliebt vom Menschen, hat die Strandkiefer (Pinus pinaster) eine dienende Funktion – sie steht in Streifen direkt an der Küstenlinie, vor Beständen der Schirmpinie und fängt die von den Winden Afrikas, dem Libeccio und Scirocco, herangepeitschte Salzluft ab. Strandkiefern ähneln der Schirmpinie, sind aber an der zerzausten Krone zu unterscheiden.

Pinie und Kiefer werden synonym verwendet – die Strandkiefer, oder Seestrandkiefer, wie sie auch genannt wird, gehört ebenso wie die Schirmpinie der Gattung Pinus an, einer der größten unter den Nadelbäumen. Weltweit sind Kiefern die wichtigsten Holzlieferanten, es gibt ca. 113 Arten davon. Eine Kiefer, die im Eulenblick schon besprochen wurde, ist die Zirbelkiefer, Pinus cembra.

Die Strandkiefer verträgt ein etwas rauheres Klima und braucht mehr Feuchtigkeit als die Schirmpinie. In Italien kommt sie sicher von Natur aus vor, auch in großen Beständen. Sie bildet ihre Schirmkrone aus; ist immer etwas zerzaust. Junge Kiefern wachsen sehr schnell, nach wenigen Jahren blühen und fruchten sie schon. Die Samen haben lange Flügel, breiten sich leicht aus.
Zum Keimen braucht die Strandkiefer viel Licht und nackten Boden. Deshalb ist sie oft die erste, die auf Waldbrandflächen aufkommt. Tatsächlich hat sie im Laufe der Evolution einen erstaunlichen ökologischen Pakt mit den heißen mediterranen Sommern geschlossen: Die harzreichen, hermetisch verschlossenen Zapfen öffnen sich im Feuer und entlassen die Samen, die schnell und ungehindert in der mineralreichen Asche keimen können, unbeschattet vom verbrannten Unterholz. Wenn die Brände allerdings zu häufig sind, verschwindet auch die Kiefer, weil sie verbrennt, bevor sie wieder Samen bilden kann. In der letzten Waldbrandsaison brannte es überall im Mittelmeer – in Portugal, Spanien, Griechenland, Italien. Man las von „Monokulturen“, die an den Bränden schuld seien. Das gilt vor allem für Eukalyptusplantagen, die zur Bodenbefestigung oder Zellstoffgewinnung angepflanzt wurden. Bei den Pinienwäldern wird hier aber Ursache und Wirkung verwechselt – die Strandkiefern wachsen nach einem Waldbrand, bedecken den Boden und schützen ihn vor Erosion. Bei ungestörter Entwicklung würde sich ein artenreicher mediterraner Steineichenwald herausbilden, der sich nur schwer abfackeln ließe.


Nach dem Brand: geöffnete Zapfen der Strandkiefer

Die Strandkiefer wird nicht sehr alt – kaum 200 Jahre, aber sehr hoch – 40 Meter. Ihre Nadeln sind länger als jene der Schirmpinie, bis 20 cm, genauso lang werden die konisch-länglichen Zapfen.
Sie ist vor allem im westlichen Mittelmeerraum und westlichen Nordafrika heimisch; breitet sich bis an den Atlantik aus. Dort, in Les Landes, begann man 1798, riesige Bestände von Strandkiefern zu pflanzen, zum Schutz der Dünen vor den Stürmen des Ozeans. Die atlantica-Form der Strandiefer erreicht besonders majestätische Dimensionen.

Am Atlantik war ein Parasit der Strandkiefer lange verbreitet. Erst in den Siebziger Jahren wanderte die Schildlaus Matsucoccus feytaudi in den Mittelmeeraum ein, wahrscheinlich mit dem Westwind, der die kleinen Insekten mit den großen Flügeln verweht. Aber auch eine Verbreitung längs der Autobahnen; mit Luftverwirbelungen und in Autoreifen ist denkbar. In Italien trat Matsucoccus Ende der Neunziger Jahre auf; die befallenen Bäume erkennt man an den vielen abgestorbenen roten Nadeln. Auch in Portugal und Spanien richtet das Insekt große Schäden an. Doch dort und in Marokko gibt es schon resistente Pinien, denen Matsucoccus nicht viel anhaben kann.


Zerzauste Kronen: die Strandkiefer
tal, qual di ramo in ramo si raccoglie
per la pineta in su ’l lito di Chiassi,
quand’Ëolo scilocco fuor discioglie»

Gleichwie von Ast zu Aste schwillt das Brausen
Hin durch den Pinienhain an Chiassis Küste
Wenn Äolus lässt den Scirocco sausen.
Dante Alighieri, Divina Commedia, Purgatorio XXVIII

Dante lässt den Scirocco an die Küsten der Adria prallen. Er kannte die Gegend, und sicher auch den Lido di Classe, hatte er sich in den letzten Jahren seines Lebens doch in Ravenna aufgehalten, wo er 1321 verstarb. Die Pineta di Classe istTeil des großen Waldkomplexes der Pineta di Ravenna. Dieser Wald ist 2000 Jahre alt, die Römer haben ihn gepflanzt, wahrscheinlich zur Zeit Augustus‘.

Was hatten sie für Gründe, längs der Küste Pinienpflanzungen anzulegen? Hauptsächlich waren sie auf die dicken geraden Stämme der Pinien aus, die sie als Bauholz für den Hafenausbau, für den Schiffbau, für Häuser und Pfähle verwandten. Pinoli als Nebenprodukt waren auch begehrt. Das Harz diente zum Kalfatern der Schiffe. Die Dynamik der Küstenlinie bei Ravenna ist bekannt; das ganze Gebiet ist Teil des Po-Deltas. Ravenna liegt heute 8 km vom Meer entfernt, ebenso wie sein einstiger Hafen Classe. Zu römischen Zeiten lagen beide am Meer. Doch hat sich nicht nur Land in die Adria vorgeschoben, an manchen Stellen holte sich das Wasser Land zurück. Und hier kommt der Scirocco Dantes ins Spiel – heftige Winde aus Afrika sind besonders gefährlich für Sandküsten. Leicht werden sie fortgespült, Pinien, besonders die Strandkiefer, helfen, den Strand mit seinen Dünen zu befestigen.

Immer wieder war die Pineta di Ravenna Abholzung und Zerstörung unterworfen. Im harten Winter von 1879-80 schlugen die frierenden Menschen große Flächen des Waldes ein; im ersten Weltkrieg dann wurden große Teile komplett zerstört, andere schwer geschädigt, das Holz der Pinien für Militärzwecke gebraucht. Heute ist die Pineta di Ravenna auf 2000 ha restauriert und ein bedeutendes Naturschutz- und Erholungsgebiet. 

Auch an der toskanischen Küste gibt es große vom Menschen angepflanzte Pinienwälder. Im Naturpark Uccellina säumt die majestätische Pineta Granducale die Küste. Sie entstand zur Zeit der großen Trockenlegung der Maremma im 19. Jahrhundert unter dem Großherzog, dem Granduca, Leopoldo II (1797-1870) von Habsburg-Lothringen. Große Stämme für Bauholz und Pinoli sind auch hier die begehrtesten Produkte. Da Schirmpinien sehr empfindlich auf die Salzluft des Meeres, die salsedine, reagieren, steht ein cordon sanitaire von Strandkiefern gegen das Meer vor ihnen. Strandkiefern sind zähe Wesen, sie krallen sich mit ihren Wurzeln in den reinen Sandboden und trotzen dem salzigen Libeccio, dem Wind, der im Winter aus Libyen kommt. Doch gegen die Erosion der Strände, die in den letzten Jahrzehnten die Uccellina traf, kann auch die stärkste Kiefer nicht allzuviel ausrichten: Das Meer frisst die vorgelagerten Dünen weg oder überrollt sie; Salzwasser dringt in die Pinienwälder ein und gefährdet das Süßwasser im Untergrund.

Pineta Granducale im Naturpark Uccellina
Neben den Pinoli war Harz das begehrteste Produkt der Pinien. In Wäldern findet man alte Kiefern mit fischgratförmigen Rillen, von denen das Harz in ein Töpfchen floss. Die Ausbeute war sehr ergiebig (bis 300 l pro Hektar), als Nebenprodukt gewann man die gerade gewachsenen, dicken Stämme als Bauholz. Mussolini vertrat das nationalistische Ziel der autarchia Italiens, mit der battaglia del grano zum Beispiel die Versorgung der Bevölkerung mit Weizen. 1940 wurde in Pisa die Compagnia resiniera italiana, die italienische Harzgesellschaft, gegründet. Harz aus den Pinien sollte in der chemischen Industrie zur Produktion von Farben, Lacken und Kolophonium verwendet werden. In den Pinienwäldern von San Rossore und Migliarino an der Küste der Toskana wurden 10.000 Bäume angezapft, 1,5 Liter Harz lieferte ein Baum im Jahr – jede Pinie eine kleine Chemiefabrik. Heute ersetzen Erdölderivate das Harz, die Harzgewinnung an den Pinien hat aufgehört.

Jede Pinie eine kleine Chemiefabrik

Bildnachweis:
Giorgio Sommer 1 Asabengurtza1 Patrick Verdier1 MGR1 Vincenzo Crimi1 Angelika Schneider1
 
 
 
 



 

Montag, 31. Juli 2017

Armleuchteralge

 

Alte Freundin der Familie: Was kommt als nächstes im Eulenblick?
Ich (arglos): die Armleuchteralge!
Sie: Echt jetzt? Das hast du doch soeben erfunden!
Nicht einmal eine Pflanze: Armleuchteralge
 
Nein, hatte ich nicht. Armleuchteralgen (Chara spec.) haben ihren Namen von den in Etagen angeordneten fädigen Quirlen. Junge Leute der Led-Generation wissen heute vielleicht gar nicht mehr, wie ein Armleuchter aussieht. Deshalb hier ein Prachtexemplar vom belgischen Königshof:
Was für ein Armleuchter!
Und sie sind auch keineswegs die Armleuchter unter den Algen, sie sind nicht einmal Algen, ja, eigentlich sind sie gar keine „Pflanzen“. In der Systematik der Lebewesen stellen sie eine eigene Klasse dar, ähnlich wie Pilze oder Flechten, die von Botanikern ebenfalls nicht zum Pflanzenreich gezählt werden. Armleuchteralgen sind sehr urtümlich, es gab sie schon vor 400 Millionen Jahren, im oberen Perm. Solche erdgeschichtlichen Alten nennt man „lebende Fossilien“.
Sie schauen allerdings wie "richtige“ Pflanzen aus. Sie sind grün; im Boden haften sie nicht sehr stark mit wurzelähnlichen Rhizoiden, die sich leicht herausziehen lassen. Ihre „Stängel“ sind ein bis drei Meter lang, an ihnen stehen die namengebenden quirligen Ästchen. 
Carl von Linné, der Entdecker der Ordnung im Tier- und Pflanzenreich, verlieh den Armleuchteralgen den wissenschaftlichen Namen „Chara“. Woher Linné diesen Namen hatte, weiß man nicht genau. Weltweit gibt es etwa 300 Arten. Die ähneln sich sehr stark, viele sind nur unter dem Mikroskop zu unterscheiden.
Armleuchteralgen können in ein bis zwei Meter tiefen stehenden oder langsam fließenden Gewässern große Flächen („Chara-Wiesen“) bedecken.

In Seen mit flachen Ufern muss man beim Schwimmen zuerst diese Chara-Wiesen überwinden, um ins Tiefe zu gelangen. Die langen Armleuchteralgen winden sich um Hals, Arme oder Beine – wie verdrängte Gefühle, die aus dem dunkel drohenden See des Unbewussten nach oben fassen. Dieser kleine Exkurs in die Küchenpsychologie drängt sich auf – schon Freud und C.G.Jung sahen Quelle, See und Meer als Symbol des Unbewussten an. Die Reaktion mancher Badender auf die Algen ist oft Unbehagen oder sogar Angst; doch tun Armleuchteralgen wirklich nichts – sie stechen nicht, sie brennen nicht, sie wollen nicht mal spielen.

Freundliche Menschen mähen vor Strandbädern manchmal von einem Boot aus mit der Sense Armleuchteralgen ab, um freie Schwimmbahnen zu schaffen – eine vergebliche Maßnahme, wachsen doch schon kleinste Schnipsel wieder zu ganzen Pflanzen und großen Unterwasserwiesen heran. Hier haben wir die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Armleuchteralge vor uns; mit ihrer Hilfe kann sie rasch neue Gewässer besiedeln oder sich regenerieren, wenn sie von stürmischem Wasser davongetragen oder von Tieren abgefressen wurde.

Auf den Algen findet man manchmal auch Geschlechtszellen: Die weiblichen Oogonien, die je eine Eizelle enthalten und die Antheridien, die aus langen Fäden einzellige Spermien freilassen und sich orange einfärben, wenn sie reif sind. Die Oogonien haben eine mit Kalk verstärkte Zellwand. Es sind praktisch unzerstörbare Strukturen, die den Magen von Fischen oder Wasservögeln unbeschadet passieren. Mit den Ausscheidungen der Tiere werden die Oogonien weiterverbreitet. Die verkalkten Oogonien tauchen auch als Fossilien in Kalkgestein auf.

Weiblich braune und männliche Orange Geschlechtszellen
Versteinerte Oogonien - 20 Millionen Jahre alt
Grüner Algenschleim in Gewässern hat keinen guten Ruf, zeugt er doch von belastenden Nitraten im Wasser, eingeschwemmt von gedüngten Feldern oder aus Kläranlagen. Auch hier sind Armleuchteralgen anders – sie mögen sauberes kalkhaltiges Wasser.

Lieben Armleuchteralgen: Kolbenenten
Kolbenenten haben’s gut: Menschen finden sie so süß! Wichtiger noch: Seen in Mitteleuropa sind in den letzten Jahrzehnten immer sauberer geworden, Armleuchteralgen wachsen und gedeihen. Sie sind das Lieblingsfutter der Kolbenenten; wenn möglich, fressen sie nichts anderes. Mehr sauber, mehr Futter, mehr Ente: ein perfektes Beispiel für eine funktionierende Nahrungskette!

 

Fotos:
Christian Fischer 2
Keisotyo 1
Duncan Wright 1
Nat Archiev 1