Dienstag, 28. Februar 2017

Schilfrohr, Schilf

  
 

Ein Rispengras mit komplexen kleinen Blüten

Eiche: (seufzend) „Ich fürchte mich schon vor dem nächsten Vollmond. Da kommen wieder die tree hugger und der Schamane mit seiner verstimmten Trommel, schreien rum und zertrampeln meine Wurzeln. Hoffentlich ist das Wetter schlecht, dann kommen weniger. “
Linde: „Ich weiß, was du meinst. Bei mir waren sie wieder am 21. März, zu Frühlingsbeginn, mit stundenlangen Tänzen und Lobgesängen auf Mutter Erde und anschließender Sonnenanbetung im Morgengrauen. A Schmarrn, wie die Bayern sagen.“

Schilfrohr: „Ihr seid alt und riesig – deshalb nennen sie euch heilig und anbetungswürdig. Komisch nur, dass um mich niemand herumtanzt, wo ich so groß bin wie ein halber See und 8.000 Jahre alt werde.“

Die Frage ausbleibender vollmondnächtlicher Tänze um das Schilfrohr (Phragmites australis) kann der Eulenblick nicht beantworten. Ehrfurchtgebietende Größe, ehrwürdiges Alter, die meist genannten Gründe dafür, dass Bäume in die sakrale Sphäre vorrücken, könnte auch das Schilfrohr, unsere Pflanze des Monats, vorweisen. Vielleicht ist es zu unscheinbar, zu unglamourös, um transzendentale Zuschreibungen auf sich zu ziehen?

Schilfrohr oder Schilf, das unsere Seeufer säumt und in Teichen und Mooren steht, wächst aus dem Rhizom heraus, dem unterirdischen Teil des Stängels. Dieses Rhizom schiebt sich an seiner Spitze unaufhörlich weiter (am Tag bis zu drei Zentimeter während der Vegetationsperiode), während es an seinem Ende abstirbt. Aus den Rhizomen wachsen Ausläufer, die bis 20 m lang werden und immer neue Halme austreiben und nach oben wachsen lassen. So kann ein ganzer Schilfbestand aus einem einzigen Individuum erwachsen. Das Rhizom überlebt auch, wenn die Schilfhalme im Herbst absterben. Es ist quasi unsterblich – im Donaudelta sollen Schilfpflanzen leben, die an die 8000 Jahre alt sind!
Das immer weiter in Richtung Gewässermitte vordringende Schilf leitet die Verlandung von Seen ein. Zwischen den dichten Stängeln und unterirdischen Rhizomen sammelt sich viel Schlick und Sand, zusammen mit dem abgestorbenen Pflanzenmaterial setzt eine erste Bodenbildung ein. Unsere voralpinen Seen sind Relikte der Eiszeit, manche sind in den letzten Jahrtausenden verlandet, dank des fleißigen Schilfwachstums. So sind die heutigen Moore des Alpenvorlandes meist verlandete nacheiszeitliche Seen – auch in ihnen finden wir mehr oder weniger ausgeprägte Röhrichte, wie man Schilfbestände nennt. Schilf findet man in bis zu einem Meter tiefen Wasser. Schilfhalme werden drei bis vier Meter hoch. Das im Sommer grüne Schilf bildet im Winter und Frühjahr die charakteristischen hellbraunen Schilfgürtel.

Im Sommer grün, im Winter braun


Lässt nacheiszeitliche Seen verlanden: Schilf

Schilf ist ein Gras, ein Rispengras. Die charakteristische Rispe ist groß, mit vielen kleinen Ährchen besetzt. Jedes dieses Ährchen enthält vier bis sechs winzige Blüten; die unterste Blüte ist männlich, die anderen sind zwittrig. Die Pollen der Gräser werden durch den Wind verbreitet – leidgeprüfte Allergiker können ein Lied davon singen.
Charles Darwin hat uns gezeigt, warum nur Fremdbestäubung die Evolution von Organismen vorantreiben kann (s. Artikel über den „Stern von Madagskar“). Wenn nun die rein männlichen Blüten unten an den Ährchen sitzen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Pollen nicht auf die darüber liegenden Blüten gelangt, sondern vom Wind seitlich verblasen wird - die Wahrscheinlichkeit von Frembestäubung nimmt zu.

Die kleinen Samen des Schilfrohrs sind behaart – so werden sie vom Wind weit verblasen. Die langen lanzettlichen Blätter haben zwei quer verlaufende Zick-Zack-Linien, „Eselsbiss“ genannt. Die Blätter können nicht benetzt werden – Schilfblätter weisen den Lotuseffekt auf, von dem im Eulenblick ja schon ausführlich die Rede war.
Da hat der Esel hineingebissen
 

Rohrdommel, Schilf-, Teich-, Drossel-, Sumpfrohrsänger – Schilf ist ein gemütliches Heim für viele Vogelarten. Sie hängen ihre Nester an die Halme oder setzen sie an trockeneren Stellen auf den Boden. Füchse, Marder und andere Bösewichter würden sich nasse Füße holen bei der Nesträuberei – das lässt die wasserscheuen Räuber oft vor Untaten zurückschrecken. Im Schilf brüten auch diverse unscheinbare Schwirle, aber auch solche beauties wie Blaukehlchen oder Rohrammer.


Do bin i dahoam: Blaukehlchen
Auch in vielen Ortsnamen finden wir das Schilfrohr wie in Rohrmoos, Rohrbach, Rohrfeld oder in Familiennamen wie Rohrmoser oder Rohrmann.

Schilf ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Spätestens seit der Sesshaftwerdung der Menschen in der Jungsteinzeit vor über 11.000 Jahren war Schilf der Rohstoff für Dächer, Wände (in Lehm eingebettet), Matten. Bis weit ins Mittelalter lebten Arme in elenden Schilfhütten, überall dort, wo es reichlich Schilf gab, zum Beispiel an Seen oder in Flusstälern.

Nach so vielen Jahrtausenden hat Schilf heute noch Bedeutung als Baustoff, zum Beispiel für die Reetdächer Norddeutschlands und Skandinaviens. In manchen Orten auf Nordseeinseln, wie z.B. in Kampen auf Sylt, müssen alle Häuser mit Reet, also Schilf, gedeckt werden. Doch auch Dämmplatten, Schilfmatten, Sichtschutzblenden werden aus Schilf hergestellt.

Einer der ältesten Werkstoffe der Menschheit...
Bildergebnis für federseemuseum
...in der Jungsteinzeit (Rekonstruktion)

..im Mittelalter

...und heute

Auch in Schilfkläranlagen leistet Schilf gute Dienste; die hohlen Stängelteile belüften das Wasser; an den vielen Feinwurzeln des Schilfs („Wurzelhaare“) mit ihren großen Oberflächen siedeln die Bakterien, die die eingeschwemmten organischen Substanzen abbauen.


Bildnachweis:
Angelika Schneider 3
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Rasbak 1
Anker Tiedemann 1


 
 


 
 

Dienstag, 31. Januar 2017

Stern von Madagaskar



Dieser Stern kommt nur in Madagaskar vor


Er schrieb ein vierbändiges Werk über Seepocken – die kleinen warzenförmigen Muscheln an Schiffsrümpfen und Klippen. Diese Arbeit kostete ihn acht Jahre seines Lebens. Eine zärtliche Zuneigung hegte er auch gegenüber dem Regenwurm – ihn studierte er 38 Jahre lang und würdigte ihn in einer 326 Seiten langen Abhandlung. Zuletzt versammelte er seine Erkenntnisse zu einer bahnbrechenden wissenschaftlichen Lehre. Leute, die schon etwas herumgekommen sind, ahnen es bereits: Nur ein Engländer kann sich solch exzentrischen Aufgaben so begeistert hingeben. Tatsächlich ist hier von Charles Darwin (1809-1892) die Rede, dem Mann der die dicksten Bretter der biologischen Wissenschaften bohrte (so meine persönlichen Einschätzung).
 
Wissenschaftlicher Dickbrettbohrer: Charles Darwin (1809-1892)



 

Ein so akribischer Naturbeobachter wie Darwin schaute natürlich zweimal hin, als er 1860 zum ersten Mal unserer erstaunlichen Pflanze des Monats, der Orchidee
 
Stern von Madagaskar (Angraecum sesquipedale )
ansichtig wurde.
 
 

 

Diese Orchidee war 1820 „entdeckt“, sprich erstmals wissenschaftlich beschrieben worden. Sie kommt nur auf Madagaskar vor. Die fast handspannengroßen sternförmigen weißen Blüten haben einen bis 40 cm langen grünen Sporn – deshalb der lateinische Artname sesquipedale - eineinhalbfüßig - ; die ledrigen Blätter sind zweizeilig angeordnet. Es war dieser lange Sporn, der Darwin ins Grübeln brachte und ihn letztlich eine kühne Vorhersage treffen ließ.
 

Brachte Darwin ins Grübeln: der Sporn

 

 Mehr noch als Zoologe war Darwin Botaniker, trotz all der Seepocken, Regenwürmer und Darwinfinken. In fünf großen Gewächshäusern in seinem Garten spürte er ab 1840 den Geheimnissen von Bohnen, Primeln, Azaleen und Rhododendren nach. Das Handwerk als Botaniker hatte er bei John Stevens Henslow gelernt, einem berühmten Naturforscher aus Cambridge, der seine Studenten auf erschöpfende botanische Exkursionen in die fens, die Feuchtgebiete rings um Cambridge mitschleppte und ihnen systematisches Sammeln und Bestimmen von Pflanzen abverlangte.
Schon 1837 hatte Darwin in seinen Notizen über das Problem von Selbst- und Fremdbestäubung bei Pflanzen gegrübelt. Die meisten Blütenpflanzen sind Zwitter, sie enthalten weibliche (Narbe) und männliche (Staubbeutel) Geschlechtsorgane. Deshalb ging man lange davon aus, dass Pflanzen sich selbst befruchten. Diese Ansicht aber war für Darwin unbefriedigend – er wusste, dass sich die Erbsubstanz von Individuen einer Art mischen musste, denn nur so können sich - außer durch spontane Mutationen -  neue Eigenschaften herausbilden, an denen die natürliche Selektion ansetzen kann. Dazu bedienen Pflanzen sich bestäubender Insekten – Bienen, Hummeln, Schmetterlinge; die saugen Nektar vom Grund der Blüten, berühren dabei die Staubbeutel mit dem Pollen, der auf ihnen haften bleibt. Bei der nächsten Blüte, die sie besuchen, gelangt dieser Pollen auf die Narbe – eine Art von Pollen-UPS; die Blüte wird mit Fremd-Erbsubstanz bestäubt.

Beim Stern von Madagaskar sitzt der Nektar nun am Ende des langen Sporns. Diese Orchidee verbreitet nachts einen intensiven Geruch; dies und der Umstand, dass ähnliche Orchideen von nächtlichen Schwärmern besucht werden, ließ Darwin sofort an einen Riesen-Schwärmer als Bestäuber denken. Schwärmer „stehen“ bei derAufnahme des Nektars in einem Schwirrflug, ähnlich jenem von Kolibris vor der Blüte. Dabei haftet sich der Pollen an ihren Kopf an, er bleibt bei der nächsten Blüte an der Narbe haften. Allein – ein solcher Riesenschwärmer war auf Madagskar unbekannt.
 
 

Ein Schwärmer - hier aus Plastik - sucht den Grund des Sporns

 

Darwin war so überzeugt davon, dass es einen auf den Stern von Madagaskar zugeschnittenen Schwärmer geben musste, dass er 1860 die Existenz eines langrüsseligen, nachtfliegenden Schwärmers voraussagte und in seiner Abhandlung von 1862 On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects (Über die verschiedenen Einrichtungen durch welche Orchideen von Insecten befruchtet werden) darüber schrieb.
 
Hohn und Häme – natürlich war das die Reaktion auf Darwins exzentrische Spekulation. 1903 aber entdeckte man Xanthopan morgani praedicta, die vorhergesagte Schwärmerform mit dem riesenlangen Rüssel. Da war Darwin schon lange tot; seine stiff upper lip hätte sich wohl amüsiert nach oben gekräuselt, wäre ihm sein Triumph zu Lebzeiten vergönnt gewesen.
 
Der Vorhergesagte

Erst 1979 gelang es dann, den Befruchtungstanz zwischen Orchidee und Schwärmer zu filmen: https://www.youtube.com/watch?v=VUiZDhs0JrA
Darwin hatte recht behalten, nicht nur mit seinem Schwärmer, sondern auch mit seiner ganzen Evolutionslehre, die er noch als "natürliche Zuchtwahl" bezeichnet hatte. Vernunftbegabte Menschen können heut nicht mehr daran zweifeln, dass Arten sich verändern, eine aus der anderen hervorgeht, neu entstehen und vergehen. Andere, wie Mike Pence, seines Zeichens Vizepräsident der Vereinigten Staaten, versuchen sie als „nur eine Theorie“ zu diskreditieren. Sie sollten neben anderen „Theorien“, wie der Young Earth „Theory“, wonach die Erde nicht älter als 6000 Jahre alt sein soll, in staatlichen Schulen gelehrt werden. So z.B. in Indiana, wo Pence Gouverneur war.

Fact or fake? Fakt ist jedenfalls, dass Mike Pence ein kreationistischer Vollkoffer ist. Aber lassen wir das, der Mann ist mit seinem Chef gestraft genug.

Fotos:
Angelika Schneider 3
MNH London 1
Esculapio 1

 



 



Samstag, 31. Dezember 2016

Weihrauch

Weihrauch
Boswellia sacra

Die Teilnehmer an der Führung durch die Wartburg hielten größtmöglichen Abstand zu ihm. Luther in seiner Studierstube dort hätte ihn für den Leibhaftigen gehalten und das berühmte Tintenfass nach ihm geworfen, denn dieser Mensch strömte einen geradezu luziferischen Körpergeruch aus. Auch ein neues Rosenwunder samt Rosenduft der mittelalterlichen Hausherrin der Wartburg, der Hl. Elisabeth von Thüringen, hätte hier nicht mehr geholfen. Hier hätte es etwas Stärkeres gebraucht – das Jahrtausende alte Antidot gegen Miasmen jeglicher Art, gegen alle Geruchsnuancen der nach oben offenen Stänkerskala, das Harz unserer Pflanze des Monats, den Weihrauch.
 

Von ihr kommt der Weihrauch: Blätter, Blüte, Früchte der Weihrauchpflanze

Heute waschen sich die meisten Leute doch hin und wieder und olfaktorische Herausforderungen wie die oben beschriebene sind zum Glück selten. In vorhygienischen Zeiten war das noch anders; Nasen waren zwar abgehärtet, doch wenn Menschen dichtgedrängt zusammenstanden, war Cloaca-maxima-Alarm. Also verglühte man Weihrauch in den Straßen Roms und, vor allem, in den mittelalterlichen Kathedralen. Doch nicht nur Gestank sollte er vertreiben, sondern auch das Böse – der wîhrou(c)h (ahd.), das Heilige Räucherwerk, war Teil von Kult und Gottesdienst. In Santiago de Compostela schwingt der gewaltige botafumeiro, das 1,6 m hohe Weihrauchfass, hoch über den Köpfen der Pilger durch das ganze Querschiff der Kathedrale, über eine Strecke von 66 Metern, an einem Seil, das von acht Männern in Schwingung versetzt wird**.

Treibt teuflische Gerüche aus:
der Botafumeiro

Schon die alten Ägypter gebrauchten Weihrauch im Kult, Plinius gar empfahl ihn als Mittel der Wahl bei Vergiftung durch den Wasserschierling. Dann, im Mittelalter, sah Avicenna eine ganze Reihe von Krankheiten durch Weihrauch geheilt. Die moderne Wissenschaft machte, wie so oft, den Spielverderber: Sie fand keine belastbaren Beweise für den Weihrauch als Medizin – mit Ausnahme der unten beschriebenen Hemmung von Entzündungen. Krebs besiegen, wie manche kolportieren, kann er auch nicht.
Weihrauchharz, auch Olibanum genannt, wird von mehreren Boswellia-Arten geerntet, die auf verschiedenen Kontinenten wachsen. Der indische Weihrauch wird schon lange in der Ayurveda-Therapie angewandt. Klinische Studien deuten darauf hin, dass Säuren im Weihrauch gegen Magengeschwüre und Gelenksentzündungen wirken können. Der indische Weihrauch-Baum (Salaibaum, Boswellia serrata) ist auf dem Subkontinent vor allem als Alleebaum beliebt.

Weihrauch, wie das Abendland ihn kannte, stammt vom Äthiopischen oder Somalischen Weihrauch, Boswellia sacra. Das ist ein sehr zähes Gewächs, das in Steppen und Halbwüsten gedeiht, die aber eine gewisse Luftfeuchtigkeit aufweisen müssen. Nächtliche Nebel behagen ihm besonders. Die Weihrauchbäume wachsen in großen Abständen zueinander, bilden Savannen. Sie sind kleine, stark verzweigte Bäume oder Sträucher von gedrungener Gestalt. Die wichtigsten Wuchsgebiete liegen in Arabien und am Horn von Afrika, in der Hadramut-Region in Somalia, in der Dhofar-Region im Oman und im Jemen. Die Weihrauch-Pflanze hat kleine zarte hellgrüne bis rosarote Blütentrauben und gefiederte Blätter, die in der Trockenzeit abfallen.


Zähes Gewächs: Weihrauchpflanze
Der „Weihrauch“ ist das Harz des Baumes. Um ihn zu ernten, schälen die arabischen Bauern die papierdünne grünliche Rinde flach von Stamm und Ästen und schneiden durch bis ins Lebende, in das sogenannte Kambium. Ein Milchsaft tritt nun über dieser Verwundung aus; bei Luftkontakt härtet er aus – das ist Weihrauch. Aus einem solchen Schnitt wird nun über Monate immer wieder das Harz geerntet. Dann darf die Wunde heilen, im Jahr darauf schälen die Bauern an anderer Stelle. Je öfter eine Stelle abgeschabt wird, desto besser wird die Qualität des Harzes. Im Laufe der Saison wird es immer heller und die Brocken, die auskristallisieren, werden größer. Die Ernte beginnt im April, zu Beginn der Trockenzeit.
Heraus quillt die Kostbarkeit
Bis heute weiß niemand, wie man Weihrauchbäume züchtet, weder aus Samen noch aus Setzlingen. Der Weihrauch wird von wildwachsenden Bäumen geerntet. Das geschieht meist pfleglich und die Pflanzen tragen keinen Schaden davon; andere Gefahren drohen heute dem Weihrauchbaum: Weidetiere wie Dromedare oder Ziegen fressen an Rinde und Blättern, auch Brände oder Überwucherung durch Akazien setzen den Bäumen an manchen Orten zu. Doch im Großen und Ganzen ist der Baum kaum gefährdet.


Pfleglicher Umgang
Das ganze Mittelalter hindurch kannte niemand in Europa das Ursprungsgebiet des Weihrauchs. Über Jahrtausende gelangten aus der Tiefe Arabiens Dromedarkarawanen auf der Weihrauchstraße über die Arabische Halbinsel zum Mittelmeer. In 100 Tagesmärschen legten sie die 3400 km lange Strecke zurück, vorbei an Städten, deren Namen heute noch einen mythischen Klang haben: Sanaa, Saba, Petra, Damaskus. Sie wurden reich durch Handel, Zölle, Schmiergelder. Ab dem 2. Jahrtausend vor Christus begann der Handel mit Weihrauch und anderen arabischen Gewürzen (Sandelholz, Myrrhe, Moschus) und Spezereien. Möglich wurde dies durch die Domestikation des Dromedars* zu jener Zeit. In der Antike gelangten im Durchschnitt jährlich 3000 Tonnen Weihrauch auf 7.000 bis 10.000 Dromedarrücken ans Mittelmeer; die Hälfte davon landete im Römischen Reich. Gewürze, Seide, Damast und indische Edelsteine, die auf der Weihrauchstraße eingetauscht wurden und nach Europa gelangten, ließen den Mythos der Arabia Felix entstehen, die Sehnsucht der Europäer nach den Reichtümern des Morgenlandes erwachen.

Mystischer Duft der Arabia Felix

Die Heiligen Drei Könige kamen von dort, aus dem Osten nach Bethlehem gezogen und brachten die Schätze des Orients mit – Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Neuen Testament ist von Königen nicht die Rede und auch nicht von der Zahl drei. Die Legendenbildung erst brachte die vielen magischen und symbolischen Elemente hervor. So war Gold Symbol der Macht, Weihrauch der Anbetung, Myrrhe der Reinheit. Erst im Mittelalter wurden die Heiligen Drei Könige Symbol für die Lebensalter und die Erdteile: Balthasar der Alte kam aus Europa, Melchior der erwachsene Mann aus Asien, Caspar der Jüngling aus Afrika. Melchior war auch jener, der den Weihrauch brachte.

Ursprünglich waren die Heiligen Drei Könige, die „Weisen aus dem Morgenland“, persisch-babylonische Priestergelehrte, aus der angesehenen Kaste der Magier. Sie waren Sterndeuter, also Astronomen, die den Lauf der Gestirne studierten. Der „Stern“, dem sie folgten, war wahrscheinlich der Planet Jupiter, der am 5. Dezember im Jahr 7 v. Christus (dem eigentlichen Geburtsjahr Jesu) in Konjunktion (also sich scheinbar berührend) mit dem Saturn stand – zum dritten Mal in jenem Jahr. Eine solche dreifache Konjunktion kommt sehr selten vor – die darauffolgende trat erst 1603/4 wieder ein. Die gewieften babylonischen Sterndeuter wussten von der Seltenheit dieser Konstellation, ebenso wie sie schon den Saroszyklus kannten, die Wiederkehr gleich verlaufender Mondfinsternisse im Abstand von 18,3 Jahren. Von Babylon aus standen die beiden Planeten im Westen, und dorthin, nach Palästina, zogen die Magier, wo sie in Bethlehem das Jesuskind fanden. Jüdische Rabbiner in Babylon glaubten, dass die beiden Planeten die Geburt des Königs, des Messias ankündigten.
Gentile da Fabriano: Adorazione dei Magi (Ausschnitt)
Florenz, Uffizien; 1423

Die Magier-Könige wurden sehr bald zu bedeutenden Gestalten der Weihnachtserzählungen der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche. Um 300 n.Chr. soll Kaiserin Helena ihre Gebeine nach Konstantinopel überführt haben. Wenige Jahre später befanden sich die Reliquien dann im Dom von Mailand. 1158 eroberte Friedrich I Barbarossa Mailand; sein Kanzler Rainald von Dassel brachte die Gebeine der Re Magi, der Magierkönige, nach Köln, wo sie seitdem im goldenen Dreikönigschrein ruhen und die Stadt als Patrone beschützen.

Auch Volksbräuche gibt es um die Heiligen Drei Könige – das Sternsingen rund um den 6. Januar, die Zeichen an den Türstöcken, CMB – eigentlich Christus mansionem benedicat – aber eben auch in der Bedeutung von Caspar, Melchior, Balthasar oder, für uns Kinder damals, C(K)as, Milch, Butter.

*eine kleine Eselsbrücke zur Unterscheidung von Kamel und Dromedar, aus der Volksschule, von der Italienischlehrerin:
cammello    - zwei m - zwei Höcker
dromedario - ein m  - ein Höcker
Kamele sind Tiere der asiatischen Kältessteppen, in der Sahara und Arabien verkehren Dromedare. Die Tiere sind nahe Verwandte.


**Hier saust der Botafumeiro in Santiago de Compostela: https://www.youtube.com/watch?v=2QFd_55El1I



Bilder:
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wikimedia commons: Polo Museale Fiorentino 1
                                        Snotch 1
                                        Basilio 1
Creative commons:    Mauro Raffaelli 1
             

 








 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mittwoch, 30. November 2016

Thuja

Thuja
Thuja plicata
 
 
Die Thuja wird – wenn sie darf – ein großer Baum; bis über 40 m hoch, schlank und spitz, majestätisch. Sie ist ein Nadelbaum, die „Nadeln“ sind zu kleinen Schuppen geschrumpft, die, in vier Reihen versetzt, an dünnen Zweigen haften. Die Zweige sind so angeordnet, dass sie in ihrer Form an Farnblätter erinnern. Die Borke der jungen Stämme ist rot, die alten Stämme werden grau. Grauwerden, das kennen wir ja von uns auch. Macht sie irgendwie schon mal sympathisch, die Thuja.
File:Giant cedar in South Whidbey State Park.JPG
Majestät am Pazifik: die Thuja
Schuppenförmige Nadeln an Zweigen, die wie Farne aussehen
Die Borke ist außerdem dick, weich und faserig. Dies und das weiche, aber sehr dauerhafte Holz machte die Thuja für die Menschen so wichtig. Die Zweige duften aromatisch, wenn man an den Knospen reibt; sie enthalten das Gift Thujon, das in hoher Dosis tödlich sein kann. Auch das Holz und die Zapfen enthalten das Gift. An den kleinen Zapfen mit wenigen Schuppen kann man die Thuja von ihren Verwandten unterscheiden – Zypresse, Scheinzypresse, Küsten-Mammutbaum, die auch schuppenförmige Nadeln aufweisen.
An ihren Zapfen sollt ihr sie erkennen
Die Thuja, auch Lebensbaum genannt, ist ein Baum des borealen Regenwaldes an der Pazifikküste Nordamerikas, der sich von Kalifornien über Oregon nach Britisch-Kolumbien in Kanada erstreckt. Warme Meeresströmungen lassen feuchtwarme Winde aufsteigen, sie steigen am Küstengebirge empor, regnen sich ab. Deshalb regnet, regnet und regnet es, es hört gar nicht mehr auf zu regnen – der mittlere Jahresniederschlag beträgt 3000 mm (Jahresniederschlag Bayern 933 mm). Das Küstengebirge hält auch kalte Winde aus dem Nordosten, aus der Arktis kommend, ab.
 
Die meisten denken beim Thema „Regenwald“ an den Kongo oder Amazonas. Doch der unablässige Regen am Pazifik ließ auch dort immergrüne Regenwälder entstehen, mit Bäumen, die unter der milden Dusche mit dem Wachsen gar nicht mehr aufhören wollen. So stehen dort die größten Bäume der Welt, die zwei Arten von Mammutbäumen (Riesen-Mammutbaum – Sequoiadendron giganteum; Küstenmammutbaum – Sequoia sempervirens), 3000 Jahre alt und über 100 Meter hoch. Zu ihnen gesellen sich weitere mächtige Arten wie der Hemlock-Baum und die Sitka-Fichte. Dazwischen wächst als Einzelbaum oder in kleinen Gruppen die Thuja, die red cedar, wie sie von den amerikanischen Ureinwohnern genannt wird.
Keine andere Pflanze, kein Tier spielte im Leben der Ureinwohner des pazifischen Nordostens eine solche Rolle wie ihre Red cedar. Man nannte die Thuja auch den Grundpfeiler der Indianerkulturen dort.
 
So wurden Holz und Bast der Rinde gebraucht für die Herstellung von Körben, Schachteln, Kisten und Haken für den Heringsfang - und für die prächtigen Kanus und Paddel.
Alles aus red cedar: Kanu, Paddel, Regenhüte
Die Thuja war auch der einzige Baum, der als Bauholz geeignet war; Häuser und Hütten waren ausschließlich aus Brettern und Pfosten der Red cedar erbaut. Schindeln aus ihrem Holz sind eine historische und moderne Art, Dächer zu decken. Thuja-Schindeln gelten wegen der vielen ätherischen Öle und des Harzes in ihrem Inneren als unverwüstlich. Auch die Kanus der Leute waren ausschließlich aus dem Holz der Red cedar.
File:Haida house pole (UBC-2009).jpg
Pfosten für Häuser der Haida an der Westküste Kanadas
Die vielseitigste Verwendung fand die Rinde - kein anderes Material stand bei den Küstenindianern in so ubiquitärem Einsatz. Chehalis-Frauen waren ständig mit dem Zerreiben und Zerstoßen von Rinde zugange. Aus den weichen Fasern, die sie daraus gewannen, stellten sie Verbände, Windeln, weiche Polster für die Wiege her. Die Makah schnitten faserige Rinde in Streifen, verflochten sie zu Matten, aber auch zu wasserdichten Teller und Schüsseln. Große Borkenstücke dienten als Capes oder Kleider. Auch die charakteristischen Regenhüte der Quinault, Quileutl und Makah waren aus Rindenstreifen gewoben.
 
Seile, aus dem versponnenen Bast der Thuja gewonnen, waren so stark, dass die Walfänger, zum Beispiel der Makah, die toten Wale damit auf den Strand zogen. Die Wurzeln wurden in feine Fäden getrennt und verwoben. Die ätherischen Öle in den Knospen nahm man gegen Erkältungen und Zahnschmerzen. Doch musste man mit dem Gift aufpassen!
 
Vor der Ankunft der Weißen wurden kaum Bäume gefällt. Stattdessen schälten die Menschen Bretter von unten nach oben von den Bäumen; als Werkzeuge verwandten sie Geweihe.
 In den Regenwäldern finden sich viele solcher culturally modified trees. Das sind Bäume verschiedener Arten, die Spuren menschlicher Bearbeitung aufzeigen – eingeritzte Zeichen, Schnitzereien, Bemalungen und die Spuren der abgelösten Bretter auf den Red cedars. Seit einigen Jahrzehnten drängen die indigenen Völker Kanadas und der USA auf die Erfassung und den Schutz solcher Bäume, die sie als wichtig für ihre Historie und Identität ansehen. Mittlerweile stehen zum Beispiel auf der kleinen Flores-Insel im Westen von Vancouver Island 71 solcher CMT unter Schutz.
File:Culturally modified tree.jpg
Da fehlt ein Brett: culturally modified tree
 
 

Kulturkampf am Gartenzaun

 

Bei uns in Europa tritt die mäjestätische Red Cedar meist als undurchdringliche? – hässliche? – nützliche? Thujenhecke auf. Der Baum ist für viele die ideale Hecke – immergrün, blickdicht und vollkommen unempfindlich gegen häufigen oder kräftigen Schnitt.
Hässlich? Nützlich!

Fürchtet keine Heckenschere
Medienbeiträge über Thujenhecken lassen die Volksseele verlässlich schäumen; im Internet werden Kulturkämpfe darum ausgetragen. Da finden aufgeklärte Urbane eine weitere ideale Gelegenheit, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem verächtlichen Herabschauen auf engstirnige Kleinbürger. Und die halten mit dem Posten von Hassmails heftig dagegen.

Hier eine kleine Auswahl (aus ca. 130 Beiträgen) aus einem Forum des österreichischen Standard (mit der Original-Rechtschreibung):
Thujen sind wie Bundesheer-Soldaten
sie stehen unmotiviert in einer Landschaft,
die ohne sie viel schöner wäre,
und können nix dafür,
und jede Diskussion mit denen,
die sie aufgestellt haben,
ist eine verlorene Liebesmüh'
 
der neben mir (nachbar ist der keiner) hat so eine hecke, um die er sich - außer dass er unmengen wasser verschleudert - nicht kümmert. den dreck - das ist schon eine ganze menge - und schatten habe ich.
 
thujen: nicht einmal unkraut.
 
 Die Lehre sollte sein, dass man vorsichtig sein sollte, wo und wann man Klischees, die eine Gruppe verächtlichmachend charakterisieren sollen, verwendet. Wer sich über Hutträger, Thujenheckengärtner, Gemeindebauprolos, Bobos, Capuchinomütter, Fußballprolos, Esoterikspinner, ungebildete F-Wähler, Gutmenschen, usw. aufregt, sollte aufpassen, dass ihm diese nicht gegenüberstehen und angemessen darauf reagieren.
 
Wer eine braucht um sich wohlzufühlen, soll sie auch haben dürfen. Nicht jeder kann ein soziales Wesen sein.
 
Wenigstens der letzte Beitrag hat etwas Versöhnliches.
Und überhaupt: Vor ein paar Jahren auf einer herbstlichen Exkursion, zur Beobachtung der Hirschbrunft. Th. führte uns. Eine Teilnehmerin hatte den moralischen Zeigefinger sehr weit ausgestreckt und deutete damit (metaphorisch) auf böse Touristen, Spaziergänger, Radfahrer, Politiker. Als dann im Spektiv ein Jäger auftauchte, der weit draußen auf einen Hochsitz stieg, begann die Empörungsmaschinerie in ihrem Inneren zu rattern wie ein mit frischen Batterien ausgestatteter Trommelhase. Zuletzt schrie sie: „Man sollte ihn herunterschießen.“ Th., trotz seiner Jugend in sich ruhend, sprach daraufhin den unnachahmlich weisen Satz: „Vielleicht ist das ja ganz ein netter Mensch.“
Sollte man sich diesen Ausspruch nicht öfter mal zu Herzen nehmen? Zum Beispiel, wenn es um die Menschen geht, die Thujen nicht ausstehen können? Oder um jene, die hinter Thujenhecken leben? Vielleicht sind manche von ihnen ja ganz nette Menschen?
Vielleicht wohnt dahinter ein netter Mensch.


Fotos:
Angelika Schneider 5
US Forest Service 1
JTmorgan1
Leoboudo1
Susan Clarke1
 
 
 
 
 

 

 

 
 
 
 
 


Samstag, 29. Oktober 2016

Lotus

Lotus
Nelumbo nucifera

 

Der perfekte rosa-weiße Blütenstern ist Sitz und Kindbett von Göttern. Auch essen kann man die Pflanze – die Wurzelknolle, Samen und Sprossen werden in ganz Asien genossen. Und sie ist Symbol dafür, wie aus Schmutz vollkommene Reinheit erwächst, und zwar nicht nur metaphorisch, sondern auch physikalisch, denn kein Staubkorn kann die Lotuspflanze besudeln. Lotusblätter werden weder schmutzig noch nass.

Kindbett von Göttern: die Lotusblüte
 

Der gelbe Nordamerikanische und der weiß-rosa Indische Lotus bilden eine eigene Gattung Nelumbo; im folgenden Beitrag werden wir uns den Indischen Lotus näher anschauen. Lotus und Seerosen werden oft verwechselt. Die Blätter von Seerosen schwimmen auf dem Wasser, die großen runden Blätterpfannen des Lotus schweben darüber. Regen benetzt Seerosenblätter; von den Lotusblättern perlt er ab. Tatsächlich sind Seerosen mit dem Lotus gar nicht enger verwandt – eine der nächsten Verwandten ist z.B. die Platane.
Wasser perlt ab: der Lotuseffekt
Aus asiatischen Sümpfen, Tümpeln, Schlamm und Drecklöchern wächst der Lotus mit zwei oder mehr Meter langen Stängeln aus seiner Wurzelknolle, dem Rhizom, über die Wasserfläche hinaus. Dort entfaltet er seine runden, schildförmigen, bis 60 cm breiten Blätterpfannen und seine rosa-weißen Blütenkelche. Sehr viele Staubbeutel umringen ein zylinderförmiges Fruchtblatt, aus der die große Frucht des Lotus erwächst. Sie hat auf ihrer Breitseite runde Einsenkungen, in denen sich je ein Samen befindet. Jede dieser Senken ist die Kinderstube für eine neue Lotusblume – in der Regenzeit gelangt Wasser in die Löcher; die Samen beginnen zu keimen. Die morsche absterbende Frucht lässt bald den Kopf hängen, bis unter Wasser. Dort entlässt sie die Keimlinge in das schlammige Keimbett, wo sie Wurzeln schlagen und zu einer neuen Pflanze heranwachsen. Die Lotusblume ist unkompliziert in ihrer Fortpflanzung; außer aus den Samen wachsen auch aus Bruchstücken des unterirdischen Rhizoms ganze neue Pflanzen heran.
Große Blätterpfannen des Lotus

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Lotus umfasst große Teile Asiens: China, Japan, Indien und Südostasien. In Europa findet man sie in botanischen Gärten; in Mitteleuropa auch im Freien; das Rhizom ist recht winterhart und keimt im Frühjahr wieder aus, während der oberirdische Teil des Lotus im Herbst abstirbt. Das passt gut zum Befund der Wissenschaft, wonach Lotus Kälte gut verträgt, weil die ursprüngliche Heimat des Lotus die großen Gebirge Asiens sind. Wenn er auch Wärme nicht unbedingt braucht, ist er doch äußerst lichthungrig.
In manchen Gegenden Australiens und Europas hat sich der Lotus im Freiland ausgebreitet; in Italien findet er sich zum Beispiel in drei flachen Seen, die Mantua in der Poebene umgeben.
Lotusfrucht mit Keimlingen; vor und nach dem Fall in das Keimbett im Wasser
 
Geboren in einem Dreckloch, sich erhebend aus dem Sumpf, aufsteigend gegen den Himmel – diese Pflanze musste zum Symbol für Transzendenz werden. Und das tat sie auch gleich in zwei Weltreligionen: im Buddhismus und Hinduismus.
Om mani padme hum – o Kleinod im Lotus: In der Vorstellung der Buddhisten ist Buddha ohne den Lotus nicht denkbar. Der Legende nach ist Buddha aus einer Lotusblüte geboren – er ist das Kleinod im Lotus. Auf unzähligen Abbildungen thront Buddha auf einer halboffenen Lotusblüte, dem Symbol für das erwachende Bewusstsein. Buddha, der Erleuchtete bewacht dieses Erwachen. Der Weg des Buddhisten ist der aus dem Schmutz der verderbten Welt in die Reinheit des Nirwana. Was für ein passenderes Symbol als den Lotus gäbe es dafür?

O Kleinod im Lotus

Im Hinduismus steht die vollkommene Symmetrie der Lotusblüte für die Vollkommenheit des Universums. Ebenso ist Lotus Symbol der ganzen Schöpfung: Brahma, der Schöpfergott wurde aus einem Lotus geboren, der aus dem Nabel Vishnus erwächst. Somit entsteht das ganze Universum aus dem Lotus, mit dem Stängel, der sich aus dem Urmeer erhebt, als Weltenachse.
Im hinduistischen Götterhimmel steht der Lotus für Götter und mythologische Wesen: Der rote Lotus ist Symbol für die Göttin des Glücks Sri Lakshmi; sie wird oft mit weißen Elefanten dargestellt, den Glücksbringern par excellence. Im Yoga kennen wir den Lotussitz; Lotus begegnet uns in unzähligen Darstellungen in Tempeln und Pagoden. So ist das Dach des Taj Mahal eine umgekehrte; der moderne Baha’i Tempel in Neu Delhi eine sich öffnende Lotusblüte.

Und wie – wer war’s noch gleich –schon sagte: “Religion ist Lotus für das Volk“.
Lakshmi, die indische Glücksgöttin: Religion ist Lotus für das Volk

Baha'i Tempel in New Delhi - ein sich öffnender Lotus
Porzellan, Edelstahl, Glas – überall im Haus, wo es besonders sauber sein soll, sind die Oberflächen glatt. Deshalb ging Wilhelm Barthlott (70), Botanikprofessor und Direktor des botanischen Gartens in Bonn, der Frage nach, warum Blätter mit glatten Oberflächen leicht schmutzig werden, samtig-rauhe wie jene des Lotus aber ohne Makel bleiben: Erde, Staub, Honig, Klebstoff (wahr!) – alles perlt restlos ab. Barthlott legte Lotusblätter unters Elektronenmikroskop und siehe da: Millionen von winzigen Wachspapillen bedeckten die Blattoberfläche*.
Diese Papillen machen die Blattoberfläche, die Kutikula super-wasserabstoßend. Das hat mit den Eigenschaften des Wassers selbst zu tun: Seine hohe Oberflächenspannung zwingt es, sich zu Kügelchen zusammenzuziehen; auf den wächsernen kleinen Noppen des Lotusblatt liegen die Wassertropfen nur mit ein oder zwei Prozent ihrer Oberfläche auf – das Blatt wird praktisch nicht benetzt. Auch Schmutzteilchen liegen locker auf den Wachspapillen auf. Schmutz haftet besser am Wasser als an der Oberfläche des Blattes – Wasser perlt ab und nimmt die Schmutzteilchen mit; das Lotusblatt bleibt ohne Makel.

 

"Der Lotuseffekt existiert nur in der Phantasie der Autoren"
Die Befunde Professor Barthlotts sind kontraintuitiv – rauh ist sauberer als glatt. Als Barthlott in den 70er Jahren seine Ergebnisste veröffentlichen wollte, schrieb einer der Gutachter: „Der Lotuseffekt existiert nur in der Phantasie der Autoren“. Neuheiten haben es oft schwer, sich durchzusetzen. Inzwischen ist der Name geschützt – Lotuseffect ist ein eingetragenes Markenzeichen. Heute gibt es verschiedene technische Anwendungen des Lotuseffekts: Pfannen mit Mikrobeschichtung, auf denen nichts anbrennt, wartungsfreie Glasoberflächen, der Wandanstrich „Lotusan“, der Wände frei von Schmutz, Schimmel und Ruß hält.
Unbeschmutzbar durch Lotuseffekt
 
Ein Problem scheint zu sein, dass die Lotusbeschichtung gegen Abrieb empfindlich ist. Da hat es die Lotuspflanze besser; ihre Wachspapillen wachsen ständig nach.
 
Der Herbst ist Grünkohlzeit. Koch W. will es nicht gelingen, Grünkohlblätter zu waschen, sie wollen nicht nass werden. Doch ist das gar nicht nötig: Die Blätter des Grünkohls arbeiten ebenso mit dem Lotuseffekt; Schmutz perlt einfach ab. So ist es auch bei Kapuzinerkresse und bei vielen Insektenflügeln, deren Sauberkeit für die Flugeigenschaften eines Tieres überlebenswichtig sein können.

*10-20 micron hoch, 10-15 mikron auseinander stehend; 1 Mikron = 1 Tausendstel Millimeter
hier ein Video zum Lotuseffekt:
 
Bilder:
A.Schneider 3
Shin 1
Hdamm 1
A.Savin Wiki Photo Space 1
Xyzx124 1
Christophpostel.de 1
Mukki1
W. Barthlott1
Unbekannt/Gemeinfrei 1
 



 

 
 

Samstag, 10. September 2016

Drüsiges Springkraut, Indisches Springkraut


Impatiens glandulifera

Jetzt im Spätsommer ziehen sie wieder alle Blicke auf sich, die hochgewachsenen Gruppen – bis zwei Meter – des Drüsigen (Indischen) Springkrauts. Sie stehen auf feuchten Böden, in Auen, an Waldrändern, auf Brachen. Dort sind sie Bestandteil der Ruderalflora, manchmal vergesellschaftet mit der Ackerkratzdistel, die wir letztes Mal kennengelernt haben.


Ganz schön auffällig!

Warum indisch oder drüsig, warum „Spring“-Kraut? Nun, die Pflanze kam im 19. Jahrhundert aus dem Himalaya („Indien“) nach Mitteleuropa; an den Blattstielen sitzen kleine gestielte Drüsen; die Samen „springen“ aus den aufplatzenden Samenkapseln.

Das Drüsige Springkraut wurde 1837 erstmals in Gärten in Dresden ausgesät. Seine Blüten stehen in lockeren Trauben am Stängel. Die Farbe changiert von rot über rosa zu weiß. Die Blüten haben nur eine Symmetrieebene; wenn man sie der Länge nach durchschneidet, stehen die beiden Hälften spiegelbildlich zueinander. Darin ähneln sie Orchideenblüten – „Bauernorchidee“ ist ein volkstümlicher Name des Springkrauts. Ein anderer ist „Balsamine“ – wegen des starken Dufts und ihrer Zugehörigkeit zur Familie der Balsaminengewächse.

Bauernorchidee

Die Samen reifen in keulenförmigen Früchten heran; die platzen bei geringster Erschütterung oder auch spontan auf und schleudern die Samen bis zu sieben Meter weit fort. So flogen die Balsaminen auch aus den sächsischen Hausgärten in die Freiheit. Die Ausbreitung des Drüsigen Springkrauts über ganz Europa hatte begonnen.
Explosionsgefahr! Keulenförmige Samenkapsel


Es hat peng gemacht!

 
Die Blüten bilden einen aufgeblähten Helm, der in einem kurzen Sporn endet. Dort befindet sich reichlich Nektar, vierzig Mal mehr als in einer vergleichbar großen heimischen Blüte. Klar, dass das Bienen und Hummeln schmeckt. Auch Imker trugen deshalb zur Ausbreitung des Springkrauts bei. Die Blüten riechen stark, manche meinen sogar, sie stinken. Der rote Stängel der Pflanze ist sehr kräftig, keine heimische Pflanze steht auf solchen Säulen.

Wo ist der Nektar? Blütenhelm mit Sporn
 
Nicht jeder ruht auf solchen Säulen
Das Drüsige Springkraut lebt nur ein Jahr. Mit dem ersten Frost ist alles vorbei. Die Pflanze hat keine Blattrosetten oder unterirdischen Organe, aus denen sie wieder auskeimen könnte, wie zum Beispiel die Ackerkratzdistel oder der Löwenzahn. Da hilft nur, kräftig für Nachwuchs zu sorgen – und das tut das Springkraut: Eine einzelne Pflanze kann Hunderte von Samen (bis zu 1.000) produzieren. Unter einer dichtbewachsenen Fläche fanden sich über 30.000 Samen auf dem Quadratmeter.


Samen-Massenproduktion

Für Biologen stellt das Jahr 1492 eine Zäsur dar. Mit der Landung Kolumbus‘ auf Hispaniola begann die Ära des „Kolumbischen Austauschs“ – der Verfrachtung von Organismen von Amerika nach Europa, Asien, Afrika und umgekehrt. Später geschah ähnliches auch in Tasmanien, Neuseeland und Australien – berühmt sind dort die verwilderten Hunde, Kamele und Ratten und vor allem die Kaninchen. Doch nicht alle neuen Arten verändern ihre neue Umwelt merklich negativ, die meisten sterben bald wieder aus. Andere siedeln sich unauffällig an, wie zum Beispiel der Regenwurm, der in Nordamerika während der letzten Eiszeit ausgestorben war und nach 1500, als blinder Passagier mit den Schiffen der Einwanderer kommend, zur Neueroberung des Kontinents aufbrach. Im Deutschen heißen Neuankömmlinge zusammengenommen Neobiota, neue Pflanzen heißen Neophyten, neue Tiere Neozooen. Angelsächsisch heißen sie alle zusammen einfach Aliens.
In reifen Ökosystemen haben Hereindrängende wenig Chancen; Pflanzenfresser, Fleischfresser, Zersetzer wie Pilze und Bakterien, licht- und schattenhungrige Pflanzen, pflanzliche und tierische Parasiten – alle haben sich eingenischt (sorry, das ist Biologen-Sprech) und lassen so schnell niemand Fremden aufkommen. Anders sieht es auf Ruderalflächen aus: Auf Aufschüttungen, neu ausgehobenen Gräben und Brachen können lichthungrige, schnellwachsende Aliens sich ungehindert ausbreiten. Manche von ihnen keimen aus kleinsten Pflanzenfragmenten zu vollständigen neuen Pflanzen aus, wie zum Beispiel der Japanische Knöterich, der in den letzten Jahren Bach- und Flussufer überwuchert. In einer BBC-Dokumentation über weeds – Unkräuter – belegte der Japanische Knöterich im Ranking der „bösen“ Aliens den ersten Platz, vor dem Sommerflieder, der als Futterstrauch für Schmetterlinge in Gärten immer beliebter wird und sich von dort im Freiland ausbreitet.
Auf Ruderalflächen lässt es sich gut ausbreiten!
Man schätzt, dass in reifen, stabilen Ökosystemen 5 % der Arten Neobiota sind. Auf Ruderalflächen jedoch machen Neophyten etwa 30 % aus. Hier wächst auch die Kanadische Goldrute, als aggressiver Neuankömmling inzwischen ziemlich gefürchtet.

„Das Drüsige Springkraut verdrängt einheimische Pflanzen“: Wenn eine so auffällige Art Jahr für Jahr auf – zumindest gefühlt – immer größeren Flächen aufwächst, werden Naturschützer schon mal unruhig. Doch ist dieser Alien wirklich gefährlich für die heimische Flora?
Sind keine guten Studien vorhanden – und manchmal sogar dann – hängt die Bewertung eines neu auftretenden ökologischen Problems oft davon ab, wie Beobachter die Welt ganz allgemein sehen: pessimistisch, optimistisch, alarmistisch, realistisch, moralistisch.

Auch im Fall unseres Springkrauts gehen die Meinungen auseinander. So liest man, dass Bienen und Hummeln heimische Pflanzen vernachlässigen sollen, weil sie sich schon am üppigen Nektarbüffet des Springkrauts vollgefressen haben. Es scheint aber keine zuverlässigen Studien dazu zu geben.

Gute Daten zum Konkurrenzverhalten des Drüsigen Springkrauts liefert das Bayerische Landesamt für Land- und Forstwirtschaft von Versuchsflächen im Alpenvorland. Danach beschattet es den Boden nicht so sehr, dass das Aufkommen von Jungbäumen behindert würde. Wenn man in einen Bestand des Springkrauts geht, sieht man tatsächlich, dass die Pflanzen ziemlich locker stehen und viel Licht auf den Boden lassen. Wenn man dazu bedenkt, dass die Bekämpfung des Springkrauts einfach ist – Mahd vor der Blüte über einige Jahre (wenn auch die letzten Samen im Boden abgestorben sind), scheint von ihm nur mäßige Gefahr für unsere Ökoysteme auszugehen.
Manche Experten leugnen, dass Neobiota überhaupt Probleme machen könnten. Sie meinen, dass die Wanderung von Organismen ein natürlicher Prozess sei und die Verdrängung von Arten immer vorkomme. Das Problem sei vielmehr die „Xenophobie“ der Neobiota-Pessimisten.

Dazu wieder, wie von einer Eulenblick-Stammleserin gewünscht, eine kleine Polemik:

Pauschale Aussagen sind beim Problem Neobiota – wie auch sonst im Leben – problematisch. Australien, Tasmanien, Neuseeland und viele Inseln in Pazifik und Indischem Ozean schlagen sich seit Jahrhunderten mit eingeschleppten Organismen herum. Andererseits stimmt auch, dass bei diesem Thema die Alarmsirenen oft sehr früh losgehen und besonders laut heulen.

Doch das eigentliche Problem hier ist in meinen Augen ein anderes, nämlich der leichtfertige Umgang mit dem Xenophobie-Begriff. Xenophobie ist etwas anderes als der Wunsch nach Bekämpfung von Neobiota. Es ist ein Unterschied, ob Naturschützer (auch im Übereifer) mit dem Flammenwerfer auf Kanadische Goldruten losgehen oder ob Asylbewerber bedroht werden. Mit dem nivellierenden Gebrauch des Xenophobie-Vorwurfs werden Rassismus und Ausländerhass verharmlost. Man sollte hier argumentativ abrüsten – und sei es noch so schön, den moralischen Zeigefinger auf die spießigen Blümchenschützer zu richten.
Fotos:
Angelika Schneider
wikipedia (2):
Impatiens_glandulifera_-_plants_(aka)
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