Freitag, 25. Mai 2018

Europäische Lärche

„A Larch unterm Doch isch a ewige Soch.“

Es gibt Dinge, die kann man nicht nicht wissen. Wie der Eiffelturm aussieht zum Beispiel, oder ein Zebra. Wie eine Birke aussieht, gehört auch zu jedermanns Weltwissen, Alpenbewohner kennen auch die Lärche (Larix decidua), den einzigen europäische Nadelbaum, der sich im Herbst gelb färbt, bevor er seine Nadeln abwirft. Aus mittleren Höhen bis zur Waldgrenze leuchten Lärchen aus den dunkelgrünen Wäldern hervor, bevor sie dann im Spätherbst grau, nackt und kahl dastehen.
Bis 40 m hoch kann der Baum werden; in der Jugend wächst er sehr rasch, im Alter lässt vor allem das Höhenwachstum nach, die Lärche bildet ihre typische knorrige, unregelmäßige Krone aus. Lärchen gehören zu den ältesten Bäumen Eurasiens – die sogenannten Urlärchen aus dem Ultental in Südtirol sind älter als 2000 Jahre. Ich selber habe an einer Lärche an der Waldgrenze im Südtiroler Pfitschtal 700 Jahrringe gezählt. Dieser Baum hatte einen Durchmesser von etwas über 50 cm, war also kein Riese – dafür waren die Jahrringe so eng, dass sie nur im Mikroskop auseinander zu halten waren.
Tiefe starke Wurzeln machen die Lärche widerstandsfähig gegen Stürme. Die rotbraune Borke, von tiefen Rissen durchzogen, wird bis zu 20 cm dick. Die Nadeln sind hellgrün und weich – ihnen fehlt die Wachsschicht, wie sie für Nadelbäume sonst typisch ist. Der Wachsüberzug schützt die Nadeln vor Wasserverlust durch den Frost des Winters („Frosttrocknis“), das braucht die Lärche nicht. Die Nadeln sind 3 bis 4 cm lang; an den Langtrieben am Ende der Zweige stehen sie einzeln; dahinter wachsen sie in Büscheln aus den charakteristischen Knöpfchen, bis zu dreißig oder vierzig Nädelchen.
 
Die sommerliche Modefarbe der Lärche ist hellgrün, die Farbe ihrer Nadeln. Im Frühjahr kombiniert sie das winterliche Grau ihrer Erscheinung mit dem wunderschönen Beerenrot der weiblichen Blüten, aus denen im Herbst die kleinen Zapfen reifen. Die männlichen Blüten ergänzen das Frühjahrskostüm mit dezenten gelben Tupfen, der Farbe des Pollens.
 
Die kleinen Zapfen sitzen auf kurzen, nach oben gebogenen Stielen. Die Lärche ist ein einhäusiger Baum, ein Individuum trägt männliche und weibliche Blüten. Alle fünf bis sechs Jahre sind Blüte und Samenproduktion der Lärche besonders stark – wir haben ein Mastjahr.

Rote weibliche, gelbe männliche Lärchenblüten
 
Weich, hellgrün, gebündelt: Lärchennadeln
 
Unverwechselbar ist die Lärche auch wegen ihrer dicken rotbraunen, rissigen Borke (bis 20 cm dick) und wegen ihres Holzes mit dem dunkelroten Kernholz und dem hellgelben äußeren Splint. Das Lärchenholz gehört zu den härtesten Nadelhölzern, es ist ein gutes Brennholz und durch den hohen Harzgehalt sehr widerstandsfähig gegen Fäulnis. Blockhütten auf Almen, Dachbalken und Dächer aus Lärchenschindeln können Jahrhunderte lang halten: A Larch unterm Doch isch a ewige Soch.
 

Die Lärche wächst in Mischwäldern, vor allem mit Fichte und, in hohen Lagen, mit der Zirbelkiefer. In den Alpen steigt sie bis auf über 2000 m, bildet mit Zirbe und einzelnen Fichten die Waldgrenze. Der wichtigste Faktor für ihre Verbreitung ist ein kontinentales, winterkaltes und sommertrockenes Klima.

Goldener Lärchenherbst im Gebirge
Die Lärche ist sehr „lichthungrig“, wie Botaniker sagen; Schatten und Nebel verträgt sie nicht. Auf nackten Böden, zum Beispiel nach Bränden, in Lawinenbahnen oder auf Windwürfen, tritt sie als Pionierpflanze auf, das heißt, sie besiedelt als erste Rohböden, kann auf den ärmsten Böden Wurzeln schlagen.
Wenn nun viele Lärchensämlinge gleichzeitig aufkommen, bildet sich im Laufe von Jahrzehnten ein reiner Lärchenwald. In so einem Wald ist es für Lärchensämlinge bald zu dunkel, sie können nicht aufkommen. Bei ungestörter Entwicklung wachsen mit der Zeit schattentolerante Arten auf, Fichten und Zirben. Zuletzt haben wir einen Fichtenwald vor uns oder einen Fichten-Zirbenwald, mit wechselnden Anteilen alter Lärchen. Ein reifes Stadium in einem Ökosystem wird Klimaxstadium genannt. Fällt ein solcher Wald Stürmen, Feuer oder Lawinen zum Opfer, beginnt der Zyklus von vorn. Ein solcher, hier idealtypisch nachgezeichneter Zyklus, kann einige Jahrhunderte dauern. Doch greift der Mensch durch die Nutzung der Wälder in diese Entwicklung ein – soll die Lärche gefördert werden, wird durch kräftiges Ausdünnen Licht auf den Boden gebracht, so dass Lärchensamen wieder auskeimen können. Allein in den italienischen Alpen gibt es 360.000 ha reinen Lärchenwald.
 

Wiesenlärche/Lärchenwiese
Hungrig nach Licht ist die Lärche, schattenwerfende Bedränger kann sie gar nicht ab, sie bildet sehr lockere Bestände. Im Frühjahr trägt sie noch keine Nadeln – deshalb gedeihen unter ihrem Schirm lichthungrige Gräser und Kräuter für die Viehweide, oder zur Heugewinnung. Im Herbst düngen die herabfallenden Nadeln den Boden.
 
Wald und Weide zugleich: Lärchenwiese in Südtirol

Die Doppelnutzung von Wald und Weide, die Lärchenwiese, ist wahrscheinlich Jahrtausende alt – in der Schweiz fand man in Mooren Pollen aus der Bronzezeit von Lärchen und Weidepflanzen in der gleichen Schicht. Lärchenwiesen gibt es vor allem auf Hochebenen des Alpenhauptkamms oder der Alpensüdseite, in Südtirol und der Schweiz. Die meisten von ihnen stammen aus dem Mittelalter – der hochmittelalterliche Siedlungsausbau ließ die Bevölkerung wachsen, das Vieh der Bauern drang immer weiter in die Wälder vor. Die Waldweide lichtete den Wald auf, das begünstigte das Aufkommen der Lärche, Gräser und Kräuter wuchsen dem Vieh ins Maul.
Die halboffene Landschaft der Lärchenwiese – strukturell einer Savanne ähnlich – ist ein artenreiches Ökosystem, in dem viele seltene Arten leben: Neuntöter, Ringdrosseln, Baumpieper, auch Orchideen.
 
Zur ökologischen kommt die kulturhistorische Bedeutung dieser Landschaftsform, die durch die bergbäuerliche Arbeit entstanden war. Durch die Aufgabe der Viehweide drohen Lärchenwiesen zu verbuschen, oder durch Nutzungsintensivierung (Düngung, Fällen der Lärchen) seltene Arten zu verschwinden. In Schutzgebieten, wie zum Beispiel dem Naturpark Trudener Horn im äußersten Südwesten Südtirols, versucht man, Lärchenwiesen zu erhalten.


Lörget
„Das Lörget ziecht“, murmelt er vor sich hin, „ziecht alles Gift und alle Unreinigkeit aus dem Geblüet, und das Murmentenschmalz hilft mit, hat alleweil noch geholfen!“
„Der Schmierberlugges“
von Karl Schönherr

 
Dicke Harzkanäle durchziehen das Lärchenholz, seine Holzscheite machen klebrige Finger. Das duftende Harz enthält die Allheilmittel der Volksmedizin, ätherische Öle. Lärchenpech oder „Lörget“ galt als schleimlösend, wassertreibend, durchblutungsfördernd, antiseptisch; es sollte gegen Katarrh, Krämpfe, Geschwüre, Rheuma, Zerrungen wirken. Eine klebrige Salbe aus Lärchenpech, auf Leinen aufgetragen, war das viel gebrauchte Lärchenpflaster. Wichtig war Lörget bei Mensch und Tier auch als Zugsalbe für einen „Schiefer“ (tirolerisch für Splitter).  

In Tirol gibt es den schönen Nachnamen Lörgetbohrer – jener, der Lärchen anbohrt, um Harz zu gewinnen. Auf einer Wanderung im Naturpark Trudener Horn sah ich vor kurzem zum ersten Mal auf einer Lärchenwiese frisch angebohrte Bäume – nahe am Boden die mit einem Spund verschlossenen Bohrlöcher, darüber das Zeichen desjenigen, der die Lizenz zum Bohren hat. Im Bohrloch sammelt sich das Lörget, das Lärchenharz, das nach ein paar Wochen mit einem eisernen Drehstab entfernt wird. Ein Baum gibt an die 300 g Harz im Jahr, höchstens vier Kilogramm. Das Bohren kann das Wachstum des Baumes stören, erst zehn Jahre vor dem Fällen beginnt man deshalb mit dem Bohren.
Das Lörgetbohren ist eine Nutzungsform der Vergangenheit; nur wenige Bäume werden noch angebohrt. Im Naturpark wird es noch gepflegt. In der Vergangenheit war das Harz sehr begehrt und wurde weit gehandelt. Durch Wasserdampfdestillation gewann man Terpentinöl (Trementina di Venezia) als Basis für Lacke und Klebstoffe. 
Lörgetbohrer am Werk

Hinterm Spund das Harz



Lizenz zum Bohren


 

 

 

 

Samstag, 17. März 2018

Usambaraveilchen


Kleine Umleitung zur Einleitung

Mit zygomorpher Blüte: Wildform des Usambarveilchens
Werner Bätzing, der bekannte Alpenforscher, betont die Rolle der Alpenstädte für die Zukunft der Alpen. Die mittelgroßen Städte im Inneren des Gebirges und an seinem Nord- und Südrand sollen die wirtschaftliche und kulturelle Marginalisierung des Alpenraums abmildern, in einer Kombination aus regionaler Wertschöpfung, Produktion von Qualitätsprodukten, neuem Tourismus, neuer Mobilität und Vernetzung der Städte untereinander.
Bätzing würde Trento, zu Deutsch Trient, wohl in diese Kategorie von zukunftswichtigen Alpenstädten einreihen. Trient (117.000 Einwohner), Hauptort des Trentino, liegt an der Etsch zwischen Bozen und Verona. Vielen ist das Konzil von Trient (1545 bis 1563) ein Begriff, das die Gegenreformation einleitete. Bis 1918 war Trient Teil Österreich-Ungarns, Hauptort „Welschtirols“. Bekannt sind Bauten aus Mittelalter und Renaissance im alten Zentrum.
Auf einer riesigen Industriebrache am Stadtrand, einer ehemaligen Michelin-Reifenfabrik, entstand in den letzten Jahren ein neues Quartier, konzipiert nach besten ökologischen und städtebaulichen Standards: nachhaltige Energieversorgung, eingeschränkter Verkehr, gemischte Gebäudenutzung mit Wohnungen und Büros, Geschäfte, Restaurants, Spielplätze, Lauben und Bäume. Am Nordende das spektakuläre neue Naturkundemuseum, in Form eines Berggipfels, als Reverenz an die Berge des Trentino - wie die ganze neue Stadt geplant von Renzo Piano.
Spektakulär: das neue Naturkundemuseum in Trient

Ein langer Korridor führt vom Museum in ein Treibhaus mit Pflanzen eines tropischen Bergregenwaldes aus den Udzungwabergen Tanzanias. Gleich hinter dem Eingang leuchten aus einer kleinen Felswand dunkelviolette Blütensterne, die viele von uns eher auf Omas Couchtischchen vermuten würden, als im tropischen Afrika: Usambaraveilchen, die überaus gewöhnlichen, alltäglichen, bescheidenen Topfpflanzen. Ihren Namen haben sie von den Usambarabergen, wie die Udzungwaberge Teil der Eastern Arc Mountains, die sich vom äußersten Südosten Kenias in den Nordosten Tanzanias hinein erstrecken. Von hier traten sie ihre Reise in die Gärtnereien in aller Welt an. Die Wildform des Usambaraveilchens wächst nur in den Eastern Arc Mountains.
 
Eindruck aus aus den Udzungwabergen

Eine Pflanze für kleine Leute, ohne Glamour, nichts zum Angeben – das arme Usambaraveilchen hat ein Spießerimage. Doch das ist völlig unverdient – diese Blümchen wartet mit einer spannenden Geschichte auf.

Kein „Veilchen“

Usambaraveilchen sind, wenig überraschend, keine Veilchen. Sie haben nur die Blütenfarbe mit ihnen gemein. Die Stängel sind niedrig und behaart, die Blüte hat fünf Kelchblätter; auffallend sind die zwei gelben Staubbeutel. Die samtigen behaarten Blätter bilden eine Blattrosette aus; die Pflanze ist ein Flachwurzler. Die Blüten der Wildform sind etwas unregelmäßig geformt, spiegelsymmetrisch(„zygomorph), die Blüten der Kulturformen sind meist symmetrisch. Das Usambaraveilchen wächst in schattigen, feuchten, bemoosten Schluchten.

Hübsch, unempfindlich, preiswert und Erinnerungen an die Kindheit weckend: Nicht umsonst ist das Usambaraveilchen eine der beliebtesten Zimmerpflanzen. Die Wildform hat 11 Unterarten; aus ihnen und der „Mutterpflanze“ Saintpaulia ionantha züchteten Gärtner die vielen Kulturformen. Allein in den Usa – zusammen mit Russland der wichtigste Markt für die Pflanze – gibt es über 2000 Sorten, in Farben von weiß über rosa, hellblau, dunkelblau, lila bis schwarzviolett, mit glatten oder gefransten Blütenblättern, behaarten, glatten, fleischigen, dünnen Blättern, ein-oder zweifarbigen Blüten. Die Zuchtformen sind größer als die Wildform, sie bilden mehr Blüten aus.

Die Pflanzen sind äußerst pflegeleicht und unempfindlich; „dankbar“ – ein altmodisches Wort für unser altmodisches Topfpflänzchen.

Eine von Tausenden Kulturformen

„Aus Afrika“

Bei ihrem Anblick im Treibhaus des Museums in Trient fiel mir ein, dass ich als Kind gehört hatte, das Usambaraveilchen stamme „aus Afrika“. Fragt sich, wie es aus Afrika ausgewandert ist. Die Antwortet ist, wenig überraschend: Kolonialismus.

Die Usambaraberge bestehen aus uraltem, 600 Millionen Jahre altem Gestein, mit steilen Hängen und tiefen Klüften. Sie sind in ein Ost- und ein größeres Westgebirge geteilt. Die Nähe zum Indischen Ozean beschert ihnen hohe Niederschläge (bis 2.000 mm/Jahr). Der ozeanische Einfluss milderte trockene und kalte Perioden während der Eiszeiten. Auch heute sind die Usambaraberge viel nasser als andere Gegenden auf demselben Breitengrad. Durch diese Klimakonstanz sind die Wälder der Usambaraberge seit 30 Millionen Jahren unverändert. Das hat zwei Folgen: Erstens ist der Artenreichtum extrem hoch und zweitens hyperventilieren Biologen vor Begeisterung. Besonders reich sind die Berge an biologisch extrem kostbaren Endemiten, an Pflanzen und Tieren, die nur hier und sonst nirgends auf der Welt vorkommen. Allein 40 Baumarten kommen nur im östlichen Teil des Gebirges vor; Usambara-Uhu, Rote Usambara-Vogelspinne und der Grüne Waldsteigerfrosch leben gut versteckt im Bergnebelwald. Unser Usambaraveilchen gilt als teilendemisch; es kommt ja auch in den anderen Teilen der Eastern Arc Mountains vor.

Von Wilhelmstal nach Herrenhausen

Ab 1895 waren die Usambaraberge Teil Deutsch-Ostafrikas. Im kühlen Bergklima, in dem es keine Malaria gab, legten die deutschen Kolonialherren Farmen, Plantagen und Missionsstationen an. In Wilhelmstal, dem heutigen Lushoto, verbrachten sie ihre Sommerfrische Sie chillten aber nicht nur in der schönen Bergluft, sondern holzten in den Urwäldern, was die Säge hergab. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Tanzania („Tanganjika“) britisches Protektorat. Es wurde munter weitergesägt, bis in die Siebziger Jahre, in denen die Finnen ein Sägewerk betrieben. Sie waren es auch, die erste Initiativen zum Schutz der Wälder starteten. Heute sind 30 % der ursprünglichen Regenwälder erhalten, sehr viele Schutzgebiete sind eingerichtet. Tanzania verfolgt hier wie auch in den berühmten Savannen-Nationalparks wie der Serengeti eine entschlossene Naturschutzpolitik. Wegen der großen Zahl von Endemiten sind die östlichen Usambaraberge seit dem Jahr 2000 als biodiversity hotspot der UNESCO ausgewiesen, als einer von nur 34 auf dem gesamten Planeten.
Wilhelmtal, heute Lushoto, in den Usambarabergen

Touristisch ist das Gebiet wenig erschlossen, doch gibt es Trekkingwege und Programme für Naturliebhaber. Lushoto ist Ausgangspunkt für Ausflüge und naturkundliche Wanderungen in die Usambaraberge. Ein großes Problem ist der Bevölkerungsdruck im Gebiet; die Usambaraberge gehören zu den ärmsten Gebieten Tanzanias. Die Geburtenrate ist mit 4 % doppelt so hoch wie im Rest des Landes.

Das Zeitalter der großen Entdeckungen und des Kolonialismus richtete bei den „Entdeckten“ und Kolonisierten großes Unheil an. Weniger unerfreulich war, dass das Interesse für exotische Pflanzen und Tiere in Europa erwachte, Forscher auf ihren Expeditionen Tausende neuer Arten sammelten, beschrieben und versandten. Die Obsession der Briten für Pflanzen aller Art stammt aus jener Zeit; von George Banks, der mit Captain Cook nach Australien reiste, war auf dieser Seite im Kapitel über die Brotfrucht schon die Rede. Peter Collins war im 18. Jahrhundert Importeur Tausender nordamerikanischer Pflanzen nach England, gesammelt und verschifft von John Bartram. In Deutschland (eigentlich in Preußen) waren es vor allem Vater und Sohn Forster (letzterer mit Cook auf dessen zweiter Reise auf dem Schiff) und natürlich Alexander von Humboldt, die Nachrichten, Proben, Material mitbrachten. Sie bedienten die Neugier auf und das Interesse für fremde Länder, das Studium der belebten und unbelebten Natur im Zeitalter der Aufklärung.

In dieser Tradition stand auch Adalbert Emil Walter Redliffe le Tanneux von St. Paul-Ilaire („Baron Walter“), deutscher Gouverneur des Distrikts Usambara, als er 1882 einige Exemplare und Samen einer unscheinbaren Pflanze in die Heimat sandte. Hermann Wendland, Oberhofgärtner der Herrenhofer Gärten in Hannover bestimmte und beschrieb 1893 die Pflanze, benannte sie wissenschaftlich Saintpaulia zu Ehren des Einsenders. So kam das Usambaraveilchen „aus Afrika“ nach Europa.

Walter von St.Paul-Ilaire, der Namengeber

Die barocken Herrenhäuser Gärten waren mehr als hundert Jahre zuvor der Ort gewesen, in dem Gottfried Wilhelm Leibniz Tausende von Stunden sinnierend und philosophierend verbracht hatte. Die Lehre der „Monaden“ als letzte Elemente der Wirklichkeit ersann er hier. Die Blätter der Hecken, eines den anderen gleich und trotzdem verschieden, erhellten ihm die Vielheit in der Einheit der Natur. Auch hier ein hotspot also, diesmal der europäischen Philosophie.
Herrenhäuser Gärten, in denen sich ....
 
...Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erging.

 
Abbildungen:
Andrew Evans 1
C:W. Allers 1
Ekenaes 1
andresfib 1
Wildfeuer1
Jens Bludau 1
Herzog Anton Ulrich Museum 1
 

 


 

 

 

 

Mittwoch, 31. Januar 2018

Geweihfarne



Gegen den Mittwinter-Blues hilft manchmal ein Besuch in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens. Doch das feuchtheiße Tropenklima im Geweihfarnpavillon des Tropenhauses war letzthin dazu angetan, die Sehnsucht nach den Tropen, nach bizarren Pflanzengestalten, eher anzustacheln, als sie zu stillen, vor allem durch den Anblick der Geweihfarne, Pflanzenkugeln mit heraushängenden gelappten Wedeln (Platycerium sp.). Denen möchte man in ihrer Heimat  doch zu gerne mal nachspüren!
Große Pflanzenkugeln mit gelappten Wedeln 

Diese Farne bestehen aus großen, übereinanderliegenden Blättern. Immer neue Blätter, die sich außen anlegen, lassen die Farnkugeln bis zu einem Meter groß werden. Diese Blätter sind steril, sie bilden den Körper der Geweihfarne. Die „Geweih“-Wedel sind fertil, fruchtbar, auf ihrer Unterseite liegen Sporen in samtigen kleinen Teppichen. Die Kugeln entspringen aus einem Rhizom – einem verdickten Teil des Stängels, voll mit Nährstoffen. Bekannte Rhizome sind z.B. Ingwerknollen.


Zum Kugeln: Immer neue Blätter und Wedel

Der rote aride Kontinent, der durstige Outback, der feuchtheiße Regenwald – halt, Regenwald in Australien? Im Osten, in Queensland und New South Wales und weiter entfernt in Neuguinea, dampfen tatsächlich tropische Regenwälder vor sich hin – heiß, feucht und dunkel. Dunkelheit nun ist für grüne Pflanzen problematisch – sie brauchen Licht für die Photosynthese, mit der sie ihre Nahrung – Traubenzucker, Stärke – selbst herstellen. Licht gibt es in den Kronen der Tropenbäume, deshalb wachsen manche Pflanzen dort oben. „Aufsitzerpflanzen“ sind das – sie wachsen in Astgabeln oder klammern sich an Rinde und Borke. Sie zapfen ihre Wirtsbäume nicht an, sind keine Schmarotzer. Die Luft in ihrem Lebensraum ist mit Wasserdampf gesättigt, Wurzeln ziehen Wasser aus der Luft. Die Luftwurzeln der bekanntesten Aufsitzerpflanzen, der Orchideen, schlängeln sich aus vielen Blumentöpfen heraus in den Luftraum unserer Wohnzimmer. Bromelien und Geweihfarne, gehören zu den anderen großen Gruppen der Aufsitzerpflanzen.

Durch Aufsitzen zum Licht

Geweihfarne sind auf allen Kontinenten beliebt, als Garten- und Zimmerpflanzen. In feuchtheißen Klimazonen übertreiben sie es aber mit dem Wuchern: In Florida sind Geweihfarne verwildert, in Hawaii sogar als invasive Art klassifiziert.

Farne sind erdgeschichtliche Oldtimer; mit ihnen wurde es auf der Erde erst richtig grün. Als erste Pflanzengruppe bildeten sie Leitungsbahnen aus, für den Transport von Wasser und Nährstoffen. Damals, vor über 400 Millionen Jahren, begann auch ihre unfassbar lange Herrschaft über das Pflanzenreich. Es sollte Hunderte von Millionen Jahre dauern. Ihre größte Zeit war vor 350 Millionen Jahren, im Karbon. In seinem feuchtwarmen Klima waren Farne (und Schachtelhalme) so groß wie Bäume. Nach ihrem Absterben sanken sie in flache Gewässer und Sümpfe. Sie zersetzten sich nicht, gerieten immer tiefer in die Erde. Unter hohen Temperaturen und Drücken bildete sich Kohle aus. Es ist die Bergwerks -Kohle , die vor 200 Jahren die Industrielle Revolution einleitete. Heute tritt Kohle als Energieträger wegen ihrer schlechten Kohlendioxid-Bilanz in den Hintergrund.
 
Riesenfarne und andere Seltsamkeiten in Wäldern des Karbon

Vor 120 Millionen Jahr dann, in der Kreidezeit, entwickelten sich die Samenpflanzen mit ihrem komplizierten Fortpflanzungsappart, der Blüte. Sie brachten die Farne in die Defensive, breiteten sich schnell aus. Heute stehen 300.000 Blütenpflanzen nur noch 11.000 Farnarten gegenüber. Die meisten von ihnen kommen auch heute noch in feuchtwarmem Klima vor.

Geweihfarne sind prüde: Sie vermehren sich am liebsten ungeschlechtlich. Aus Bruchteilen von Rhizomen entstehen neue Pflanzen. Die Farne bilden weder Blüten noch Samen aus, entlassen aber Milliarden mikroskopisch kleiner Sporen aus den Sori, Sporenkapseln, von der Unterseite der Geweihwedel. Die Sporen sind mit der Mutterpflanze genetisch identisch; auf feuchtem Untergrund wachsen sie zu neuen Pflanzen heran. Neben dem Wuchs aus dem Rhizom ist das eine zweite Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung. Doch Geweihfarne haben, wie alle Farne (s. Artikel über den Adlerfarn), auch Sex, diskret, im Verborgenen: Sporen keimen aus, auf feuchtem Untergrund. Sie bilden Eizellen und Spermazellen aus. Die Befruchtung findet im Wasser statt. Die befruchtete Eizelle wächst dann zu einem seltsam-schleimigen Gebilde heran, dem Prothallium. Aus ihm bildet sich über Monate ein neuer Farn. Die ungeschlechtliche Vermehrung durch Sporen ist viel häufiger, schneller und einfacher als die geschlechtliche – doch nur mit letzterer vermischt sich das Erbgut zu neuen genetischen Kombinationen und ist so den Kräften der Selektion ausgeliefert.


Lebe lieber ungeschlechtlich: Sporenteppiche auf der Blattunterseite
 

Abb.:
Angelika Schneider 3
Bernard Dupont
Meyers Konverationslexikon
 



 

 
 


Sonntag, 17. Dezember 2017

Gemeiner Wacholder





Wacholder, Kranebitt, Machandel
 
Gar nicht so häufig und doch bekannt: der Wacholder (Juniperus communis). Auf Viehweiden, an sonnigen Hängen, auf Magerrasen stehen die aufrechten, säulenförmigen Baumgestalten; oft teilt sich der Stamm vom Boden weg in mehrere Teile auf. Die braune Borke hängt in fransigen Streifen vom Stamm; sie duftet aromatisch, genauso wie das Holz. Die spitzen Nadeln des Wacholders stehen in dreizähligen Wirteln an den Zweigen – das garantiert ihnen maximales Stechpotential nach allen Seiten. An ihrer Oberseite trägt jede Nadel einen weißen Wachsstreifen. Die blaubereiften Wacholderbeeren sind eigentlich Zapfen, der Wacholder ist ja ein Nadelbaum. Nach der Befruchtung der weiblichen Blüten lösen sich ihre kleinen Schuppen fleischig auf und verschmelzen miteinander. Die Wacholderbeeren reifen dann heran. In ihrem Inneren liegen die 1-2 mm kleinen Samen.

Zottig-gestreifte Borke des Wacholders

Die Blüten des Wacholders sind sehr unauffällig; die männlichen gelben Blüten werden 5 mm lang, die grünen weiblichen nur 2-3 mm. Männliche und weibliche Blüten sitzen auf verschiedenen Pflanzen – der Wacholder ist zweihäusig. Wenn an einem Wacholder Beeren hängen, haben wir also eine weibliche Pflanze vor uns. Die Beeren reifen erst im dritten Jahr, unreife Beeren sind hellgrün. Sie enthalten bis zu 30 % Zucker und ätherische Öle. Dass sie Wildbraten und Sauerkraut würzen, ist nicht ihre erste Bestimmung. Sie sollen Vögel anlocken, die für die Verbreitung der Samen sorgen. Vor allem Drosseln erfüllen diese Aufgabe – Sing- und Misteldrosseln (die natürlich auch die Misteln verbreiten – Eulenblick vom Dezember 2014) und die Wacholderdrossel, die ihre Berufsbezeichnung im Namen führt.

Die Beeren beweisen's: Es ist ein Mädchen!

Krammetsvogel wird die Wacholderdrossel auch genannt – von Kranewitt, einem der vielen Volksnamen des weit verbreiteten und auffälligen Wacholders. Ein nordischer Namen des Wacholders ist "Machandel". Die Wurzel des Wortes Wacholder ist indogermanisch – Wacholder für „weg“, das mit weben und knüpfen zu tun hat, denn die Zweige des Wacholders lassen sich gut flechten. Das Suffix „-der“ wiederum findet sich in vielen germanischen Sprachen in der Bedeutung für Baum. Auch der Flieder, Holunder und der Maßholder (Feldahorn) gehören hierher. Die Silbe „deru“ ist noch älter – es steht im indoeuropäischen Raum in vielen Sprachen für Baum – stark, fest, verlässlich. Gotisch-triu-Baum; Sanskrit-darvi-hölzern, Farsi-dar-Holz, griechisch-drys-Holz, mykenisch-drus-Baum; altirisch-daur-Eiche; lateinisch-durus-fest, hart; englisch-true.

Auch im Gin steckt der Wacholder, wörtlich (von Juniperus) und – wörtlich: Hauptgewürz im Gin sind Wacholderbeeren. Bei der Destillation werden die Alkoholdämpfe entweder direkt über die Beeren geleitet oder im Alkohol eingelegt und dann erhitzt.
 
Blaubereifte Zapfen, die Wacholderbeeren

Der Arzt Francois de la Boe „erfand“ den Ginschnaps, den Genever, im Holland des 17. Jahrhunderts. Wilhelm III. von Oranien-Nassau bestieg1689 den englischen Thron und brachte den Genever nach England. Daraus wurde der Gin, das englische Nationalgetränk. Seit 1769 versorgten die Gordon Companies die englische Marine mit dreifach gebranntem Gin. Der englische Gin wurde steuerlich begünstigt, Importalkoholika mit hohen Steuern belegt. Das viele billige Getreide aus den englischen Kolonien in Nordamerika, das zollfrei eingeführt werden konnte, machte den Gin in England so billig, dass sich arme Leute zu Tausenden in die Gosse tranken (Gin-Krise). 1791 machte der Gin-Act den Schnaps teuer; hohe Steuern und Kontrollen schränkten den Zugang der Armen zum Gin ein. Gin wurde fashionable für die Oberschicht, bis heute. „Beste lebende Werbung für Gin“ hieß Queen Mum vor ihrem Ableben; auch ihre Tochter lässt sich ihren täglichen Gin Tonic munden. 101 Jahre lebte die Mutter, 91 Jahre so far die Tochter – ob der Wacholder im Gin hier ein wenig konservierend wirkt?


Letzter Gruß eines Royalisten an Queen Mum 

Der Wacholder ist über die ganze nördliche Hemisphäre verbreitet. Er ist sehr lichthungrig; in dichten Wäldern kommt er nicht vor. Von Natur aus wuchs er nur auf sonnigen waldfreien Felsen oder in lichten Kiefernwäldern. Es war der Mensch, der seine Ausbreitung begünstigte, mit seinem Weidevieh, vor allem Schaf und Ziege. Die Weiden lagen auf armen Böden, die für den Ackerbau nicht geeignet waren. Schafe und Ziegen fraßen nur die weichen und saftigen Gräser und Kräuter und ließen stachlige und giftige Pflanzen stehen; Küchenschellen, Silberdisteln, Wacholder. Manche Böden wurden durch die Schafweide so strapaziert, dass sich das unverwüstliche Heidekraut stark ausbreitete. Heidschnucken, Wacholder, Heidekraut – die Lüneburger Heide ist die bekannteste Wacholderheide. Andere große Heiden findet man auf der Schwäbischen Alb und in der Eifel, im Westen Frankreichs, in Belgien. Außer Wacholder und Heidekraut leben in den Heiden andere, sehr spezielle Pflanzen und Tiere, angepasst an nährstoffarme, warme, offene Standorte. Orchideen, Waldhyazinthen, Smaragedeidechsen, Enziane; seltene Vögel wie Heidelerche, Haselhuhn, Raubwürger; besonders aber die vielen Insektenarten, Schmetterlinge wie der Brombeer-Zipfelfalter, Großer Fuchs, Scheckenfalter, Schwalbenschwanz – Wacholderheiden sind die artenreichsten Biotope Mitteleuropas.


"Wie konnte es dazu kommen...."

„Wie konnte es dazu kommen, dass man die übermäßig genutzte Lüneburger Heide für ein Paradies oder eine schöne Natur hielt“, fragt der Landschaftshistoriker Hansjörg Küster. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Schafhaltung langsam zurück; Heidschnucken konnten der Konkurrenz durch billige Wollimporte aus Neuseeland und Australien kaum noch widerstehen. Mit dem einsetzenden Verschwinden der Wacholderheiden begann auch ihre Idealisierung. Andreas de Luc, ein Freund Rousseaus, besuchte 1781 die Lüneburger Heide, er war, wie sein Freund, auf dem Weg retour à la nature. Dabei unterlag er einem auch heute noch häufig auftretenden Missverständnis: Viele Formen der Landnutzung, und brächten sie auch noch so tiefgreifende Veränderungen mit sich, werden für konform mit der Natur gehalten. Historisch gewachsene Kulturlandschaften werden als natürlich und unveränderlich empfunden. Wenn sie sich verändern, gelten sie bald als bedroht, man versucht, sie zu schützen.
Die Motive für Unterschutzstellungen verändern sich im Laufe der Zeit. 1909 begann mit dem „Verein Naturschutzpark“ der Schutz der Lüneburger Heide. Der Verein kaufte Heidehöfe, finanzierte Heidschnucken und Schäfer. 1910 erwarb der Verein den mitten in der Heide gelegenen Wilseder Berg. 1921 wurde die Lüneburger Heide zusammen mit dem Neandertal erstes deutsches Naturschutzgebiet. Die Motive für den Schutz der Heide waren ästhetisch-sentimental: die „schöne“ Landschaft, die pastorale Idylle, das Heimatgefühl, das die Heide heraufbeschwor.

Heute sind Wacholderheiden europaweit durch verschiedene Gesetze geschützt: FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-), EU-Vogelschutzrichtlinie, Natura 2000. Die Begründungen für die Schutzbemühungen haben sich gewandelt – nicht mehr Ästhetik oder Kulturhistorie stehen im Vordergrund, sondern der Schutz der unzähligen seltenen Tiere und Pflanzen. Dazu muss der Status quo auf möglichst großen Flächen erhalten bleiben, sonst verschwinden Orchideen, Heidelerchen und auch der Wacholder bald. Solange die Wanderschäfer mit ihren Schafen über die Heiden zogen, stachen sie die borstigen und giftigen Pflanzen mit ihrer Schäferschippe aus. Wenn die Schafweide aufhört, verbuschen die Flächen bald, am Ende entsteht Wald. Amtliche und ehrenamtliche Naturschützer engagieren sich heute in der Pflege der Wacholderheiden, drängen herandrängenden Wald und Büsche zurück.

Bildnachweis
Angelika Schneider 2
Isidre Blanc 1
Axel Hindemith 1
Koehler's Medizinalpflanzen 1
suprmchaos. com 1

Dienstag, 31. Oktober 2017

Riesenfenchel, Gemeines Rutenkraut, Gemeines Steckenkraut

Kein Geringerer als Plinius der Jüngere erweist uns heute die Ehre, die Pflanze des Monats vorzustellen: „Die Ferula heißt bei den Griechen Narthex, hat einen knotigen, auswendig festen, inwendig mit lockerem Mark gefüllten Stamm; die Blätter kommen aus den Knoten. Keine Pflanze gibt so leichte Stöcke; deswegen dienen diese alten Leuten als Stütze. …Gekocht und eingemacht ist die Pflanze essbar, auch dient sie als Arznei…. Prometheus soll die Kunst erfunden haben, Feuer in einer Ferula aufzubewahren.“ Zwei der vielen Namen dieser Pflanze - Ferula und Narthex - erwähnt Plinius hier schon; ihre deutschen Bezeichnungen  sind Riesenfenchel, Ruten-oder Steckenkraut, der wissenschaftliche Name Ferula communis. Mit einem Pinienzapfen gekrönt war sie ein Attribut Dionysos‘ und wurde Thyrsos genannt.


"Keine Pflanze gibt so leichte Stöcke..."

Auf Wiesen und Weiden, zwischen Tempeln und Ruinen war der Riesenfenchel auf unserer Kultur- und Wanderreise in Griechenland unübersehbar – eine Art Riesenkarotte, bis drei Meter hoch, jetzt im Herbst mit trockenen buschigen Dolden versehen, die ihre vielen Samen entließen und mit großen, vielfach gefiederten Blättern.

Seltene gelbe Doldenblüten

Der Riesenfenchel gehört wie andere Fenchelarten zu den Doldenblütlern, zum Beispiel Karotten oder Kümmel. Im Frühling sind seine Blüten leuchtend gelb; zum Unterschied von den anderen meist weißblühenden Doldenblütlern. Viele Doldenblütler sind wegen der ätherischen Öle, die sie enthalten, Heilpflanzen; viele, wie der gefährliche Riesenbärenklau, sind giftig. Auch der Schierling, der Sokrates den Tod brachte, war ein Doldenblütler.
Der Stängel des Riesenfenchels ist sehr dick, aber dünnwandig und mit einem porösen Mark gefüllt. Deshalb ist er sehr leicht, dabei aber stabil. Auf unseren Wanderungen in Griechenland bewährte sich das Steckenkraut als Wanderstab auf steinigen Pfaden, auf denen Spartaner und Mykener schon vor über 2000 Jahren vorübergezogen waren.

Carl von Linné, von dem im Eulenblick schon öfter die Rede war, schrieb über den Riesenfenchel: „Die Ruthen dieser Pflanzen sind sehr zäh, deren Mark wird, wenn es trocken wird, als Zunder gebraucht.“ Funktionieren kann das nur, weil das leicht entzündliche, schwammige Mark des Stängels sehr langsam und schwelend verbrennt, ohne die Rinde des Stängels völlig zu zerstören. Deshalb wurden die Narthex-Stängel in der Antike als Zunder beim Feuermachen verwendet oder um Glut in den Stängeln zu verwahren und zu transportieren. Manche griechischen Inselbewohner trugen noch im 20. Jahrhundert Feuer im Stängel von Ferula von einem Platz zum anderen.
Spenderin des Feuers, Bewahrerin der Glut, und das im antiken Griechenland – diese Pflanze hatte mythologisches Potential! Tatsächlich war der Stängel des Riesenfenchels ein unentbehrliches Requisit für die Großtat Prometheus‘, den Menschen das Feuer zu bringen.

Prometheus entstammte dem Göttergeschlecht der Titanen. Gegenüber Zeus ließ er es an Respekt ermangeln – bei einem Tieropfer überließ er Zeus die minderen Teile und verteilte die Bratenstücke an die Menschen, denn er war ein Menschenfreund. Daraufhin nahm Zeus den Sterblichen das Feuer weg, doch Prometheus entzündete am vorüberziehenden Sonnenwagen den Narthex und brachte die Glut zu den Menschen.

Lass dich nicht erwischen, Prometheus!
Das lässt sich Zeus nicht gefallen; er bringt den Rotzlöffel zur Raison, indem er ihn an einen Felsen im Kaukasus schmiedet. Ein Adler fliegt jeden Tag vorbei und frisst an seiner Leber, die sich tagtäglich erneuert. Deshalb ist Prometheus auch der Schutzpatron der Alkoholiker (ein blöder Witz, pardon). Herakles tötet schließlich den Adler, Zeus begnadigt Prometheus.
Prometheus, der Rebell, der Zeus herausfordert, hintergeht, verspottet und verhöhnt – war er nicht die ideale Identifikationsfigur für die Achtundsechziger des 18. Jahrhunderts, die Stürmer und Dränger, allen voran Herder, Goethe und Schiller? In ihren Werken beschworen sie den Sturz der Götter, die Auflehnung gegen Adel, Absolutismus und das verknöcherte Bürgertum. Genie, Kraft, Kerl waren ihre Schlüsselbegriffe. Goethes Prometheus, sein Werther, Schillers Räuber – Weicheier waren das keine.
Überhaupt: Goethe und der Rutenstab! Er soll einen solchen auf seinen Wanderungen auf Sizilien mit sich geführt und ihn nach seiner italienischen Reise 1788 in sein Haus nach Weimar mitgebracht haben, wo er sich heute noch befinden soll. Er war allerdings kein Freund eines Auftauchens des Narthex in Gedichten. In seinem berühmten Sturm-und-Drang Gedicht, dem Prometheus, ist letzterer als sich selbst ins Göttliche ermächtigendes, die Götter verspottendes Kraftgenie dargestellt, beneidet von den Göttern um die Glut seines Herdes. 

Wie die Glut in den Herd des Prometheus kam, führte Goethe nicht weiter aus, und er riet die Erwähnung des Narthex auch A.W.Schlegel gegenüber ab, der ebenfalls ein ellenlanges Prometheusgedicht verfasst hatte. Schlegel sollte keine trockenen mediterranen Stängel besingen, auch wenn sich in ihnen der Zunder befand, mit Hilfe dessen Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen hatte. Schlegel berichtet 1797 in einem Brief an Schiller von Goethes Tadel: „Ich habe jetzt eine Änderung versucht, wobey die Erwähnung des Sonnenwagens ganz wegbleibt, und die näheren Umstände des Entwendens etwas mehr ins Dunkel gerückt werden. Zugleich kommt auch dadurch das als Lunte dienende Rohr, der narthex oder Ferulastab der alten Fabel, den mir Göthe als gegen die Pracht des Sonnenwagens abstechend und kleinlich tadelte, weg.“
 
Der Stab des Riesenfenchels war auch dem größten Betrunkowitsch der Antike, dem Gott des Weines Dionysos und seinem Gefolge heilig, den wilden Satyrn und rasenden Mänaden. Bei ihren orgiastischen Festen und Umzügen wurden wilde Tiere zerrissen und aufgefressen, betrunkene Sterbliche und Unsterbliche paarten sich ungehemmt -  so wild ging es zu, dass keiner mehr sicher auf den Beinen war, und wäre er auch ein Gott gewesen. Der Thyrsos, wie der mit Pinienzapfen versehene Narthex hieß, bot den Schwankenden eine Stütze. So leicht, wie er war, konnte er auch bei Schlägereien keinen größeren Schaden anrichten. Nach dem Ausnüchtern waren Sterbliche und Unsterbliche wahrscheinlich gleichermaßen froh darüber.


Auf geht's zum nächsten Gelage! Dionysos und sein Thyrsos

In Mitteleuropa, in Friaul, kam der Riesenfenchel in einem alten Feldkult zum Einsatz. Der Historiker Carlo Ginzburg (geb. 1939) hatte in Archiven in Akten zu Inquisitionsprozessen aus dem 16. und 17. Jahrhundert von den Benandanti , den „Wohlfahrenden“ gelesen, die an vier Donnerstagen im Jahr nächtens auf Feldern kämpften, um die Ernte gegen Hexen und böse Geister zu verteidigen. Diese Benandanti waren Nachkommen von Schamanen; sie waren bei der Geburt mit einer Glückshaube, einem Rest der Eihaut, also der Fruchtblase, bedeckt. In vielen Kulturen galten solche Kinder als besonders, als Glücksbringer und vom Glück Ausersehene. In der Literatur trugenTill Eulenspiegel und David Copperfield solche Glückshauben, in der Historie zum Beispiel Karl der Große, Napoleon oder Sigmund Freud. Die Benandanti, gute Wesen und Verteidiger der Fruchtbarkeit, vertrieben die bösen Geister mit ihrer Waffe, dem Stängel des Riesenfenchels! Obwohl sie gegen Hexen kämpften, gerieten sie bald selbst in das Blickfeld der Inquisitoren. Carlo Ginzburg: „Die überlieferten Prozesse gaben in meinen Augen sehr klar zu erkennen, dass die Menschen, die ursprünglich gegen die Hexen gekämpft hatten, am Ende selbst zu Hexen geworden waren."
In Sizilien gibt es noch Imker, die Bienenbeuten aus dem Narthex-Stängel bauen. Eine Reminiszenz an die glorreichen Zeiten der Magna Graecia?
 



Bienenhaus und Bienenbeuten aus dem Stängel der Ferula in Sizilien

Und vielleicht überlegt sich mancher Leser schon die ganze Zeit, wie der Goethesche Prometheus wieder ging? Bitte sehr, hier ist er:
Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh'n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn' als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
 
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Bilder:
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