Freitag, 30. Juni 2017

Silberwurz


Großer Name, große Geschichte: Die Silberwurz, Dryas octopetala, hat einem ganzen geologischen Zeitabschnitt den Namen gegeben, dem letzten Abschnitt der letzten Eiszeit - in den Alpen Würm-, in Mittel- und Nordeuropa Weichseleiszeit genannt. Der Name Dryas selbst stammt von der Baumnymphe Dryas aus der griechischen Mythologie.

Über 100.000 Jahre lang war es kalt gewesen, sehr kalt: Eisschilde bedeckten große Teile Eurasiens und Nordamerikas, Wälder gab es nur ganz im Süden, riesige Tundren säumten die Gletscherränder. Dann, vor 14.000 Jahren, wurde es milder, Gletscher schmolzen ab, zogen sich zurück, Wälder begannen, sich nach Norden auszubreiten. Das Ende der Eiszeit - war es gekommen?

Vor etwa 12.700 Jahren kam der Rückschlag. Plötzlich wurde es wieder sehr kalt, Gebirgsgletscher wuchsen, in Skandinavien verschwanden die Nadelwälder, Tundren breiteten sich aus. "Plötzlich" ist hier durchaus wörtlich zu verstehen - der Umschwung geschah innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten. Die typische Pflanze hier, ganze Landschaften dominierend, war die Silberwurz. Nach ihr benannte man die ganze Periode - die Dryas-Kaltzeit. Über die Ursachen für den Klimaumschwung streiten die Wissenschaftler; am wahrscheinlichsten ist, dass auf dem Nordamerikanischen Kontinent riesige, mit dem Schmelzwasser der tauenden Gletscher gefüllte Seen ausbrachen, sich in den Atlantik ergossen und den Golfstrom zum Erliegen brachten. Dieses Ereignis ist nach dem Geologen Louis Agassiz (1807-1873) benannt, einem Geologen, der die Theorie der Eiszeiten als erster formuliert hatte.

Die Dryas-Kaltzeit ging vor 10.000 Jahren zu Ende. Es begann das Holozän, die letzte, bis heute andauernde Zwischeneiszeit.

Pflanze der subarktischen Tundren

Die Silberwurz kommt auch heute noch in den Tundren des Hohen Nordens vor, in Skandinavien, Sibirien oder Island. Wir Alpenbewohner kennen sie vor allem als Pflanze des Hochgebirges, als ein Eiszeitrelikt, das sich, als das Klima immer wärmer wurde, in große Höhen zurückzog (bis 2500 m), wo sie das ihr behagende subarktische Klima vorfindet.

Pionierpflanze und Kalkzeiger - diese beiden Eigenschaften gehören noch zur Stellenbeschreibung der Silberwurz. Sie kommt nur auf kalkhaltigem Gestein vor; sie ist eine sogenannte Zeigerpflanze für Kalk im Boden. In den Alpen findet man sie vor allem auf Karen, den Schutthalden am Fuß der Dolomitenwände. Dort tritt sie als Pionierpflanze auf, was bedeutet, dass sie nackte Böden besiedelt. 

Die Silberwurz ist ein niederliegender immergrüner Zwergstrauch; aus Knospen auf ihren verholzten Zweigen wachsen die gezähnten Blätter mit der namengebenden silberhaarigen Unterseite. Die Silberhaare an der Unterseite der Blätter sind eine Anpassung an das raue Klima: Der Silberschimmer reflektiert die starke Sonnenstrahlung des Hochgebirges; die Haare halten eine windstille Luftschicht über dem Blatt und bewahren es vor Austrocknung durch den Wind. Die Silberwurz wächst zu flachen Matten aus, die sich auf dem Schutt ausbreiten. Diese Matten werden bis zu 100 Jahre alt; an manchen Stellen sterben sie ab, wachsen an anderen weiter.

Pionierpflanze und Kalkzeiger: Matten der Silberwurz auf Kalkschutt


An einem Ende sterben sie ab, am anderen wachsen sie weiter
Zwischen den Blättern leuchten die weißen Blüten hervor, mit den 8 (7-9) ebenfalls namengebenden Kronblättern. Octopetala bedeutet ja "mit acht Petalen", also acht Kronblättern. Die verblühte Silberwurz trägt einen langen haarigen Schopf - jeder "Haar" trägt an seinem unteren Ende einen Samen. Die Verbreitung der Samen übernimmt der Wind.

Mit acht Kronblättern: Silberwurz


Fliegt, Samen, fliegt
 
In den Hochlagen der Gebirge findet man viele niederliegende Sträucher und Polsterpflanzen, die sie an den Boden schmiegen - eine Anpassung an das Klima des Hochgebirges; die Pflanzen ducken sich unter dem Wind und bleiben auch länger unter der Schneedecke geborgen. Auf "reifen" Matten der Silberwurz siedeln sich bald andere Pflanzen an. Zwischen den Blättern und Zweigen sammeln sich feuchte Lehm- und feine Sandteilchen, in denen es sich gut keimen lässt. Die Wurzeln unter den Matten befestigen die rutschenden Kare; im untersten Teil der Hänge, der zur Ruhe gekommen ist, verschwindet die Silberwurz immer mehr, andere Pflanzen überwuchern die Matten.


Bereitet den Boden für andere: hier Alpen-Wundklee

Fotos:
Angelika Schneider 3
Michael Haferkamp 2002
Velela
Hansueli Krapf




Montag, 29. Mai 2017

Zottiger Klappertopf

 
 
Ein Halbschmarotzer
 
Jetzt im Mai sieht man auf manchen Wiesen die gelben Blütentrauben des Zottigen Klappertopfs. Man kann ihn leicht aus dem Boden ziehen. Er erspart es sich, einen großen Wurzelapparat auszubilden, lässt nur kleine Würzelchen sprießen, mit denen er Wirtspflanzen - oft Gräser - anzapft. Er ist nämlich ein Schmarotzer, genauer ein Halbschmarotzer.

Licht, Energie, Prana, Qi – das sind die Zutaten für die äußerst kalorienarme Eso-Suppe, die der österreichische Filmemacher Peter-Arthur Straubinger in seinem Film „Am Anfang war das Licht“ dem staunenden Publikum auftischt. Im Zentrum steht die Behauptung, Menschen könnten sich, ohne zu essen, allein von Licht ernähren, von „feinstofflichlicher“ Energie. Leider waren die Folgen für mindestens drei Menschen von eher grobstofflicher Art – sie sind verhungert und verdurstet. Diese Leute waren natürlich selbst schuld; Ellen Greve, vulgo„Jasmuheen“, eine australische Lichtdiätetikern, behauptete von einem Opfer, es sei nicht „rein“ gewesen. Muss eine nette Frau sein, die Jasmuheen, und so mitfühlend!
Ich selbst bin zu wenig – wie soll ich sagen – erleuchtet?, um an die Lichtnahrung zu glauben und bleibe lieber bei dem drögen wissenschaftlichen Gemeinplatz, wonach es allein die grünen Pflanzen sind, die ihre Nahrung mit Hilfe von Sonnenenergie herstellen und damit die Nahrungskette für alle anderen Lebewesen in Gang setzen.

Pflanzen sind die einzigen und wahren Licht-Diätetiker. Sie betreiben Photosynthese: Das Sonnenlicht, das auf den grünen Pflanzenfarbstoff Chlorophyll auftrifft, setzt eine biochemische Reaktionskette in Gang, bei der aus Wasser und dem Kohlendioxid aus der Luft Sauerstoff und Traubenzucker entstehen. Traubenzucker liefert die Energie für alle Lebensvorgänge der Pflanze und den Luftsauerstoff, den Tiere einatmen. Das Chlorophyll sitzt auf dicht gefalteten Membranen in den Chloroplasten, den kleinen ovalen Organellen in den Blättern und anderen grünen Teilen der Blütenpflanzen.
 
Hier findet Photosynthese statt - in den grünen Kügelchen, den Chloroplasten

 
Dichtgepackte Membranen vergrößern die Oberfläche in den Chloroplasten
Autotroph nennt man grüne Pflanzen deswegen, selbsternährend. Tiere ernähren sich von Pflanzen – sie können ihre Nahrung nicht selbst herstellen, sie sind heterotroph.
Doch allein von Licht und Kohlendoxid können Pflanzen nicht leben. Bekanntlich brauchen sie Wasser, das sie mit den Wurzeln aus dem Boden aufnehmen und darin gelöste Mineralsalze, zum Beispiel Magnesium oder Eisen. Bestimmte Schlaumeier im Pflanzenreich sind nun im Laufe der Evolution darauf gekommen, sich die Photosynthese ganz zu ersparen und andere Pflanzen anzuzapfen. Das sind Schmarotzer, wie zum Beispiel die Schuppenwurz, die keine grünen Teile besitzt und kränklich-braun in feuchten Wäldern steht.
Dann gibt es wieder andere, die den goldenen Mittelweg gehen. Sie stellen einen Teil der Nahrung selbst her – haben Chlorophyll – und zapfen gleichzeitig ihre Wirtspflanzen um Wasser und Nährsalze an. Das sind sogenannte Halbschmarotzer. Ein sehr bekannter Vertreter, die Mistel, ist im Eulenblick schon besprochen worden.

Unsere Pflanze des Monats, der Zottige Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus) ist auch ein Halbschmarotzer. Er hat grüne Blätter, betreibt also Photosynthese. Zottig heißt er wegen der dichten Behaarung von Stängel, Blütenständen und Deckblättern, die die einzelnen Blüten umhüllen. Daran ist er leicht zu erkennen, ebenso am millimeterkurzen blauen „Zahn“ der aus der helmartigen gelben Blüte lugt. Bis zu 80 cm hoch kann die Pflanze werden. Die Blätter sind eiförmig-lanzettlich und gezackt.
Zottig und mit blauem Zahn
Der Klappertopf heißt so, weil die reifen Samen in dem trockenen aufgeblasenen Blütenkelch klappern. Der Wind fährt in diesen Hohlraum und hilft bei der Verbreitung der Samen.
Der Klappertopf steht gerne im Batz – er ist eine Zeigerpflanze für lehmige Böden. Er wächst aber auch auf ungedüngten Magerwiesen, Viehweiden und Getreideäckern. Überall dort findet er seine Wirtspflanzen. Er ist über ganz Europa verbreitet, gegen Norden wird er immer seltener.
Naturschützer freut's: Wiese voller Klappertöpfe
Auf wenig gedüngten Wiesen oder Weiden kommt er häufig vor. Er schmarotzt gerne auf Futtergräsern und schwächt sie in ihrem Wachstum. Er ist leicht giftig, deshalb muss man auf Pferdeweiden aufpassen, dass die Pferde nicht zuviel von ihm erwischen. Im Herbst bauen sich die Giftstoffe, sog. Glycoside, ab. Auch im Heu muss man das Gift des Klappertopfs nicht fürchten. Früher, vor der Erfindung von Pestiziden, war er in Getreidefeldern weit verbreitet. Er schmarotzte an den Wurzeln von Weizen, Roggen oder Gerste und ließ ein Feld recht ausgemagert erscheinen. Das machte den Klappertopf bei den Bauern verständlicherweise unbeliebt.
Naturschützer freuen sich über den Klappertopf und noch mehr über die heute seltenen Magerwiesen, die ihn beherbergen.

Außer dem Zottigen Klappertopf gibt es noch andere Klappertopfarten; sie alle sind Halbschmarotzer.

Bildnachweis
Angelika Schneider 2
Kristian Peters Fabelfroh 1
Wikipedia commons 1
Biolib.de/Thomé 1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 
 

 


 

 

Sonntag, 30. April 2017

Schehdorn, Schlehe

Wenn der Schlehdorn blüht am Hag, wird es Frühling auf einen Schlag
Diesen Monat geht es im Eulenblick wieder um einen weißblühenden Frühlingsstrauch. In den letzten Jahren haben wir schon Weißdorn, Traubenkirsche und Wolligen Schneeball besprochen. Diesmal wenden wir uns dem Schlehdorn (Prunus spinosa) zu. Andere Namen sind Schlehe oder Schwarzdorn. Die weißblühenden Gebüschreihen, die zur Zeit an Waldrändern oder Feldgrenzen auffallen, sind Schlehenhecken: Über und über mit zarten weißen Blüten bestückt, die dornigen Zweige noch ohne Blätter. Damit kann man die Schlehe auch leicht vom Weißdorn unterscheiden, dessen Blüten von frischen grünen Blättern umrahmt sind.

Schlehdorn, Schlehe, Schwarzdorn

über und über mit zarten weißen Blüten bedeckt
Die im Durchmesser 1,5 Zentimeter großen Blüten der Schlehe haben fünf zarte weiße Blütenblätter, an die zwanzig gelbe oder rötliche Staubblätter, die einen einzigen Griffel umgeben. Sie duften nach Mandeln und enthalten viel Nektar. Der ist wichtig für Insekten, etwa Hummeln, Bienen oder Schmetterlinge, bei denen Futter im zeitigen Frühjahr oft knapp ist. Die Insekten bestäuben die Blüten der Schlehe. Der Mandelduft stammt vom Amygdalin, dem Giftstoff der Mandel, der sich in vielen der Mandel verwandten Sträuchern findet. Die Blätter sind klein, fein gezähnt und spitz-oval.

Schlehenhecken bilden mit ihren dornigen, sparrigen Zweigen undurchdringliche lebende Zäune, grüne Mauern. Der mittelalterliche „Hag“, die Einfriedung der Felder durch Hecken, die Weidetiere draußen hielt, ist heute weitgehend aus der Landschaft verschwunden. Und damit auch eine ökologisch äußerst wertvolle Struktur: Hecken, nicht nur mit Schlehe, sondern auch mit vielen anderen Sträuchern (Weißdorn, Feldahorn, Feldulme, Pfaffenhütchen, Kornelkirsche) beherbergen neben vielen Insekten auch Säuger wie Igel, Wiesel oder Marder und Vögel wie den Neuntöter, der sich mit seiner Beute -  Käfern, Fröschen oder Mäusen - einen Vorrat auf den Dornen der Hecke aufspießt.
Blüten vor Blättern


Hag und Hecke: der Schlehdorn
 
 

Liebt Dornen: der Neuntöter

Im Herbst hängen die Schlehen voller blauer bereifter Früchte: Sehr saure Minipflaumen, die zunächst nicht einmal von Vögeln gefressen werden. Ein Tipp zum Vokabellernen mit allen Sinnen? Bitte sehr: Man zerkaue eine unreife Schlehenfrucht, dabei lernt man fürs Leben, was adstringierend heißt. Für alle diejenigen, die grad keine unreife Schlehe zur Hand haben – es bedeutet „zusammenziehend“. Nach dem ersten Frost werden Schlehenbeeren genießbar und können zu Marmelade, Likör oder Schnaps verarbeitet werden.


bereift und adstringierend

Schwarz-weiß ohne Grün: Etwas Unheimliches umgab diese Pflanze schon immer: die Blüten scheinen direkt aus der schwarzen Rinde zu wachsen, die Blätter fehlen noch. Zu den weißen Blüten steht die schwarze Rinde der Schlehe („Schwarzdorn“) in starkem Kontrast; das ließ sie zum Lebens- und Todessymbol werden. In Irland wohnen die Lunantishees, „kleine Leute“ – Feen – in der Schlehe.
Das Holz der Schlehe ist sehr hart. Früher waren die Zähne der Rechen aus Schlehenholz. Eine besondere Verwendung finden Schlehenzweige in Anlagen zur Salzgewinnung, in Gradierwerken. Sole fließt über die Zweige; dabei verdunstet Wasser, die Konzentration erhöht sich. Salz setzt sich an den Zweigen ab.


Sparriges Gradierwerk mit Sole
Das Wort Schlehe stammt vom indogermanischen sli für bläulich. Damit verwandt ist das slawische Sliwa für Zwetschge. Deshalb wird man vom Slivovitz auch so blau – nein, blöder Witz. Doch darauf jetzt doch ein Stamperle Schlehenbrand! Prosit!
 
Bildnachweis:
A. Schneider 3
Kurt Stüber 1
Kaeptn Chemnitz 1
Ulrich Stelnzer 1










Dienstag, 28. Februar 2017

Schilfrohr, Schilf

  
 

Ein Rispengras mit komplexen kleinen Blüten

Eiche: (seufzend) „Ich fürchte mich schon vor dem nächsten Vollmond. Da kommen wieder die tree hugger und der Schamane mit seiner verstimmten Trommel, schreien rum und zertrampeln meine Wurzeln. Hoffentlich ist das Wetter schlecht, dann kommen weniger. “
Linde: „Ich weiß, was du meinst. Bei mir waren sie wieder am 21. März, zu Frühlingsbeginn, mit stundenlangen Tänzen und Lobgesängen auf Mutter Erde und anschließender Sonnenanbetung im Morgengrauen. A Schmarrn, wie die Bayern sagen.“

Schilfrohr: „Ihr seid alt und riesig – deshalb nennen sie euch heilig und anbetungswürdig. Komisch nur, dass um mich niemand herumtanzt, wo ich so groß bin wie ein halber See und 8.000 Jahre alt werde.“

Die Frage ausbleibender vollmondnächtlicher Tänze um das Schilfrohr (Phragmites australis) kann der Eulenblick nicht beantworten. Ehrfurchtgebietende Größe, ehrwürdiges Alter, die meist genannten Gründe dafür, dass Bäume in die sakrale Sphäre vorrücken, könnte auch das Schilfrohr, unsere Pflanze des Monats, vorweisen. Vielleicht ist es zu unscheinbar, zu unglamourös, um transzendentale Zuschreibungen auf sich zu ziehen?

Schilfrohr oder Schilf, das unsere Seeufer säumt und in Teichen und Mooren steht, wächst aus dem Rhizom heraus, dem unterirdischen Teil des Stängels. Dieses Rhizom schiebt sich an seiner Spitze unaufhörlich weiter (am Tag bis zu drei Zentimeter während der Vegetationsperiode), während es an seinem Ende abstirbt. Aus den Rhizomen wachsen Ausläufer, die bis 20 m lang werden und immer neue Halme austreiben und nach oben wachsen lassen. So kann ein ganzer Schilfbestand aus einem einzigen Individuum erwachsen. Das Rhizom überlebt auch, wenn die Schilfhalme im Herbst absterben. Es ist quasi unsterblich – im Donaudelta sollen Schilfpflanzen leben, die an die 8000 Jahre alt sind!
Das immer weiter in Richtung Gewässermitte vordringende Schilf leitet die Verlandung von Seen ein. Zwischen den dichten Stängeln und unterirdischen Rhizomen sammelt sich viel Schlick und Sand, zusammen mit dem abgestorbenen Pflanzenmaterial setzt eine erste Bodenbildung ein. Unsere voralpinen Seen sind Relikte der Eiszeit, manche sind in den letzten Jahrtausenden verlandet, dank des fleißigen Schilfwachstums. So sind die heutigen Moore des Alpenvorlandes meist verlandete nacheiszeitliche Seen – auch in ihnen finden wir mehr oder weniger ausgeprägte Röhrichte, wie man Schilfbestände nennt. Schilf findet man in bis zu einem Meter tiefen Wasser. Schilfhalme werden drei bis vier Meter hoch. Das im Sommer grüne Schilf bildet im Winter und Frühjahr die charakteristischen hellbraunen Schilfgürtel.

Im Sommer grün, im Winter braun


Lässt nacheiszeitliche Seen verlanden: Schilf

Schilf ist ein Gras, ein Rispengras. Die charakteristische Rispe ist groß, mit vielen kleinen Ährchen besetzt. Jedes dieses Ährchen enthält vier bis sechs winzige Blüten; die unterste Blüte ist männlich, die anderen sind zwittrig. Die Pollen der Gräser werden durch den Wind verbreitet – leidgeprüfte Allergiker können ein Lied davon singen.
Charles Darwin hat uns gezeigt, warum nur Fremdbestäubung die Evolution von Organismen vorantreiben kann (s. Artikel über den „Stern von Madagskar“). Wenn nun die rein männlichen Blüten unten an den Ährchen sitzen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Pollen nicht auf die darüber liegenden Blüten gelangt, sondern vom Wind seitlich verblasen wird - die Wahrscheinlichkeit von Frembestäubung nimmt zu.

Die kleinen Samen des Schilfrohrs sind behaart – so werden sie vom Wind weit verblasen. Die langen lanzettlichen Blätter haben zwei quer verlaufende Zick-Zack-Linien, „Eselsbiss“ genannt. Die Blätter können nicht benetzt werden – Schilfblätter weisen den Lotuseffekt auf, von dem im Eulenblick ja schon ausführlich die Rede war.
Da hat der Esel hineingebissen
 

Rohrdommel, Schilf-, Teich-, Drossel-, Sumpfrohrsänger – Schilf ist ein gemütliches Heim für viele Vogelarten. Sie hängen ihre Nester an die Halme oder setzen sie an trockeneren Stellen auf den Boden. Füchse, Marder und andere Bösewichter würden sich nasse Füße holen bei der Nesträuberei – das lässt die wasserscheuen Räuber oft vor Untaten zurückschrecken. Im Schilf brüten auch diverse unscheinbare Schwirle, aber auch solche beauties wie Blaukehlchen oder Rohrammer.


Do bin i dahoam: Blaukehlchen
Auch in vielen Ortsnamen finden wir das Schilfrohr wie in Rohrmoos, Rohrbach, Rohrfeld oder in Familiennamen wie Rohrmoser oder Rohrmann.

Schilf ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Spätestens seit der Sesshaftwerdung der Menschen in der Jungsteinzeit vor über 11.000 Jahren war Schilf der Rohstoff für Dächer, Wände (in Lehm eingebettet), Matten. Bis weit ins Mittelalter lebten Arme in elenden Schilfhütten, überall dort, wo es reichlich Schilf gab, zum Beispiel an Seen oder in Flusstälern.

Nach so vielen Jahrtausenden hat Schilf heute noch Bedeutung als Baustoff, zum Beispiel für die Reetdächer Norddeutschlands und Skandinaviens. In manchen Orten auf Nordseeinseln, wie z.B. in Kampen auf Sylt, müssen alle Häuser mit Reet, also Schilf, gedeckt werden. Doch auch Dämmplatten, Schilfmatten, Sichtschutzblenden werden aus Schilf hergestellt.

Einer der ältesten Werkstoffe der Menschheit...
Bildergebnis für federseemuseum
...in der Jungsteinzeit (Rekonstruktion)

..im Mittelalter

...und heute

Auch in Schilfkläranlagen leistet Schilf gute Dienste; die hohlen Stängelteile belüften das Wasser; an den vielen Feinwurzeln des Schilfs („Wurzelhaare“) mit ihren großen Oberflächen siedeln die Bakterien, die die eingeschwemmten organischen Substanzen abbauen.


Bildnachweis:
Angelika Schneider 3
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Rasbak 1
Anker Tiedemann 1


 
 


 
 

Dienstag, 31. Januar 2017

Stern von Madagaskar



Dieser Stern kommt nur in Madagaskar vor


Er schrieb ein vierbändiges Werk über Seepocken – die kleinen warzenförmigen Muscheln an Schiffsrümpfen und Klippen. Diese Arbeit kostete ihn acht Jahre seines Lebens. Eine zärtliche Zuneigung hegte er auch gegenüber dem Regenwurm – ihn studierte er 38 Jahre lang und würdigte ihn in einer 326 Seiten langen Abhandlung. Zuletzt versammelte er seine Erkenntnisse zu einer bahnbrechenden wissenschaftlichen Lehre. Leute, die schon etwas herumgekommen sind, ahnen es bereits: Nur ein Engländer kann sich solch exzentrischen Aufgaben so begeistert hingeben. Tatsächlich ist hier von Charles Darwin (1809-1892) die Rede, dem Mann der die dicksten Bretter der biologischen Wissenschaften bohrte (so meine persönlichen Einschätzung).
 
Wissenschaftlicher Dickbrettbohrer: Charles Darwin (1809-1892)



 

Ein so akribischer Naturbeobachter wie Darwin schaute natürlich zweimal hin, als er 1860 zum ersten Mal unserer erstaunlichen Pflanze des Monats, der Orchidee
 
Stern von Madagaskar (Angraecum sesquipedale )
ansichtig wurde.
 
 

 

Diese Orchidee war 1820 „entdeckt“, sprich erstmals wissenschaftlich beschrieben worden. Sie kommt nur auf Madagaskar vor. Die fast handspannengroßen sternförmigen weißen Blüten haben einen bis 40 cm langen grünen Sporn – deshalb der lateinische Artname sesquipedale - eineinhalbfüßig - ; die ledrigen Blätter sind zweizeilig angeordnet. Es war dieser lange Sporn, der Darwin ins Grübeln brachte und ihn letztlich eine kühne Vorhersage treffen ließ.
 

Brachte Darwin ins Grübeln: der Sporn

 

 Mehr noch als Zoologe war Darwin Botaniker, trotz all der Seepocken, Regenwürmer und Darwinfinken. In fünf großen Gewächshäusern in seinem Garten spürte er ab 1840 den Geheimnissen von Bohnen, Primeln, Azaleen und Rhododendren nach. Das Handwerk als Botaniker hatte er bei John Stevens Henslow gelernt, einem berühmten Naturforscher aus Cambridge, der seine Studenten auf erschöpfende botanische Exkursionen in die fens, die Feuchtgebiete rings um Cambridge mitschleppte und ihnen systematisches Sammeln und Bestimmen von Pflanzen abverlangte.
Schon 1837 hatte Darwin in seinen Notizen über das Problem von Selbst- und Fremdbestäubung bei Pflanzen gegrübelt. Die meisten Blütenpflanzen sind Zwitter, sie enthalten weibliche (Narbe) und männliche (Staubbeutel) Geschlechtsorgane. Deshalb ging man lange davon aus, dass Pflanzen sich selbst befruchten. Diese Ansicht aber war für Darwin unbefriedigend – er wusste, dass sich die Erbsubstanz von Individuen einer Art mischen musste, denn nur so können sich - außer durch spontane Mutationen -  neue Eigenschaften herausbilden, an denen die natürliche Selektion ansetzen kann. Dazu bedienen Pflanzen sich bestäubender Insekten – Bienen, Hummeln, Schmetterlinge; die saugen Nektar vom Grund der Blüten, berühren dabei die Staubbeutel mit dem Pollen, der auf ihnen haften bleibt. Bei der nächsten Blüte, die sie besuchen, gelangt dieser Pollen auf die Narbe – eine Art von Pollen-UPS; die Blüte wird mit Fremd-Erbsubstanz bestäubt.

Beim Stern von Madagaskar sitzt der Nektar nun am Ende des langen Sporns. Diese Orchidee verbreitet nachts einen intensiven Geruch; dies und der Umstand, dass ähnliche Orchideen von nächtlichen Schwärmern besucht werden, ließ Darwin sofort an einen Riesen-Schwärmer als Bestäuber denken. Schwärmer „stehen“ bei derAufnahme des Nektars in einem Schwirrflug, ähnlich jenem von Kolibris vor der Blüte. Dabei haftet sich der Pollen an ihren Kopf an, er bleibt bei der nächsten Blüte an der Narbe haften. Allein – ein solcher Riesenschwärmer war auf Madagskar unbekannt.
 
 

Ein Schwärmer - hier aus Plastik - sucht den Grund des Sporns

 

Darwin war so überzeugt davon, dass es einen auf den Stern von Madagaskar zugeschnittenen Schwärmer geben musste, dass er 1860 die Existenz eines langrüsseligen, nachtfliegenden Schwärmers voraussagte und in seiner Abhandlung von 1862 On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects (Über die verschiedenen Einrichtungen durch welche Orchideen von Insecten befruchtet werden) darüber schrieb.
 
Hohn und Häme – natürlich war das die Reaktion auf Darwins exzentrische Spekulation. 1903 aber entdeckte man Xanthopan morgani praedicta, die vorhergesagte Schwärmerform mit dem riesenlangen Rüssel. Da war Darwin schon lange tot; seine stiff upper lip hätte sich wohl amüsiert nach oben gekräuselt, wäre ihm sein Triumph zu Lebzeiten vergönnt gewesen.
 
Der Vorhergesagte

Erst 1979 gelang es dann, den Befruchtungstanz zwischen Orchidee und Schwärmer zu filmen: https://www.youtube.com/watch?v=VUiZDhs0JrA
Darwin hatte recht behalten, nicht nur mit seinem Schwärmer, sondern auch mit seiner ganzen Evolutionslehre, die er noch als "natürliche Zuchtwahl" bezeichnet hatte. Vernunftbegabte Menschen können heut nicht mehr daran zweifeln, dass Arten sich verändern, eine aus der anderen hervorgeht, neu entstehen und vergehen. Andere, wie Mike Pence, seines Zeichens Vizepräsident der Vereinigten Staaten, versuchen sie als „nur eine Theorie“ zu diskreditieren. Sie sollten neben anderen „Theorien“, wie der Young Earth „Theory“, wonach die Erde nicht älter als 6000 Jahre alt sein soll, in staatlichen Schulen gelehrt werden. So z.B. in Indiana, wo Pence Gouverneur war.

Fact or fake? Fakt ist jedenfalls, dass Mike Pence ein kreationistischer Vollkoffer ist. Aber lassen wir das, der Mann ist mit seinem Chef gestraft genug.

Fotos:
Angelika Schneider 3
MNH London 1
Esculapio 1

 



 



Samstag, 31. Dezember 2016

Weihrauch

Weihrauch
Boswellia sacra

Die Teilnehmer an der Führung durch die Wartburg hielten größtmöglichen Abstand zu ihm. Luther in seiner Studierstube dort hätte ihn für den Leibhaftigen gehalten und das berühmte Tintenfass nach ihm geworfen, denn dieser Mensch strömte einen geradezu luziferischen Körpergeruch aus. Auch ein neues Rosenwunder samt Rosenduft der mittelalterlichen Hausherrin der Wartburg, der Hl. Elisabeth von Thüringen, hätte hier nicht mehr geholfen. Hier hätte es etwas Stärkeres gebraucht – das Jahrtausende alte Antidot gegen Miasmen jeglicher Art, gegen alle Geruchsnuancen der nach oben offenen Stänkerskala, das Harz unserer Pflanze des Monats, den Weihrauch.
 

Von ihr kommt der Weihrauch: Blätter, Blüte, Früchte der Weihrauchpflanze

Heute waschen sich die meisten Leute doch hin und wieder und olfaktorische Herausforderungen wie die oben beschriebene sind zum Glück selten. In vorhygienischen Zeiten war das noch anders; Nasen waren zwar abgehärtet, doch wenn Menschen dichtgedrängt zusammenstanden, war Cloaca-maxima-Alarm. Also verglühte man Weihrauch in den Straßen Roms und, vor allem, in den mittelalterlichen Kathedralen. Doch nicht nur Gestank sollte er vertreiben, sondern auch das Böse – der wîhrou(c)h (ahd.), das Heilige Räucherwerk, war Teil von Kult und Gottesdienst. In Santiago de Compostela schwingt der gewaltige botafumeiro, das 1,6 m hohe Weihrauchfass, hoch über den Köpfen der Pilger durch das ganze Querschiff der Kathedrale, über eine Strecke von 66 Metern, an einem Seil, das von acht Männern in Schwingung versetzt wird**.

Treibt teuflische Gerüche aus:
der Botafumeiro

Schon die alten Ägypter gebrauchten Weihrauch im Kult, Plinius gar empfahl ihn als Mittel der Wahl bei Vergiftung durch den Wasserschierling. Dann, im Mittelalter, sah Avicenna eine ganze Reihe von Krankheiten durch Weihrauch geheilt. Die moderne Wissenschaft machte, wie so oft, den Spielverderber: Sie fand keine belastbaren Beweise für den Weihrauch als Medizin – mit Ausnahme der unten beschriebenen Hemmung von Entzündungen. Krebs besiegen, wie manche kolportieren, kann er auch nicht.
Weihrauchharz, auch Olibanum genannt, wird von mehreren Boswellia-Arten geerntet, die auf verschiedenen Kontinenten wachsen. Der indische Weihrauch wird schon lange in der Ayurveda-Therapie angewandt. Klinische Studien deuten darauf hin, dass Säuren im Weihrauch gegen Magengeschwüre und Gelenksentzündungen wirken können. Der indische Weihrauch-Baum (Salaibaum, Boswellia serrata) ist auf dem Subkontinent vor allem als Alleebaum beliebt.

Weihrauch, wie das Abendland ihn kannte, stammt vom Äthiopischen oder Somalischen Weihrauch, Boswellia sacra. Das ist ein sehr zähes Gewächs, das in Steppen und Halbwüsten gedeiht, die aber eine gewisse Luftfeuchtigkeit aufweisen müssen. Nächtliche Nebel behagen ihm besonders. Die Weihrauchbäume wachsen in großen Abständen zueinander, bilden Savannen. Sie sind kleine, stark verzweigte Bäume oder Sträucher von gedrungener Gestalt. Die wichtigsten Wuchsgebiete liegen in Arabien und am Horn von Afrika, in der Hadramut-Region in Somalia, in der Dhofar-Region im Oman und im Jemen. Die Weihrauch-Pflanze hat kleine zarte hellgrüne bis rosarote Blütentrauben und gefiederte Blätter, die in der Trockenzeit abfallen.


Zähes Gewächs: Weihrauchpflanze
Der „Weihrauch“ ist das Harz des Baumes. Um ihn zu ernten, schälen die arabischen Bauern die papierdünne grünliche Rinde flach von Stamm und Ästen und schneiden durch bis ins Lebende, in das sogenannte Kambium. Ein Milchsaft tritt nun über dieser Verwundung aus; bei Luftkontakt härtet er aus – das ist Weihrauch. Aus einem solchen Schnitt wird nun über Monate immer wieder das Harz geerntet. Dann darf die Wunde heilen, im Jahr darauf schälen die Bauern an anderer Stelle. Je öfter eine Stelle abgeschabt wird, desto besser wird die Qualität des Harzes. Im Laufe der Saison wird es immer heller und die Brocken, die auskristallisieren, werden größer. Die Ernte beginnt im April, zu Beginn der Trockenzeit.
Heraus quillt die Kostbarkeit
Bis heute weiß niemand, wie man Weihrauchbäume züchtet, weder aus Samen noch aus Setzlingen. Der Weihrauch wird von wildwachsenden Bäumen geerntet. Das geschieht meist pfleglich und die Pflanzen tragen keinen Schaden davon; andere Gefahren drohen heute dem Weihrauchbaum: Weidetiere wie Dromedare oder Ziegen fressen an Rinde und Blättern, auch Brände oder Überwucherung durch Akazien setzen den Bäumen an manchen Orten zu. Doch im Großen und Ganzen ist der Baum kaum gefährdet.


Pfleglicher Umgang
Das ganze Mittelalter hindurch kannte niemand in Europa das Ursprungsgebiet des Weihrauchs. Über Jahrtausende gelangten aus der Tiefe Arabiens Dromedarkarawanen auf der Weihrauchstraße über die Arabische Halbinsel zum Mittelmeer. In 100 Tagesmärschen legten sie die 3400 km lange Strecke zurück, vorbei an Städten, deren Namen heute noch einen mythischen Klang haben: Sanaa, Saba, Petra, Damaskus. Sie wurden reich durch Handel, Zölle, Schmiergelder. Ab dem 2. Jahrtausend vor Christus begann der Handel mit Weihrauch und anderen arabischen Gewürzen (Sandelholz, Myrrhe, Moschus) und Spezereien. Möglich wurde dies durch die Domestikation des Dromedars* zu jener Zeit. In der Antike gelangten im Durchschnitt jährlich 3000 Tonnen Weihrauch auf 7.000 bis 10.000 Dromedarrücken ans Mittelmeer; die Hälfte davon landete im Römischen Reich. Gewürze, Seide, Damast und indische Edelsteine, die auf der Weihrauchstraße eingetauscht wurden und nach Europa gelangten, ließen den Mythos der Arabia Felix entstehen, die Sehnsucht der Europäer nach den Reichtümern des Morgenlandes erwachen.

Mystischer Duft der Arabia Felix

Die Heiligen Drei Könige kamen von dort, aus dem Osten nach Bethlehem gezogen und brachten die Schätze des Orients mit – Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Neuen Testament ist von Königen nicht die Rede und auch nicht von der Zahl drei. Die Legendenbildung erst brachte die vielen magischen und symbolischen Elemente hervor. So war Gold Symbol der Macht, Weihrauch der Anbetung, Myrrhe der Reinheit. Erst im Mittelalter wurden die Heiligen Drei Könige Symbol für die Lebensalter und die Erdteile: Balthasar der Alte kam aus Europa, Melchior der erwachsene Mann aus Asien, Caspar der Jüngling aus Afrika. Melchior war auch jener, der den Weihrauch brachte.

Ursprünglich waren die Heiligen Drei Könige, die „Weisen aus dem Morgenland“, persisch-babylonische Priestergelehrte, aus der angesehenen Kaste der Magier. Sie waren Sterndeuter, also Astronomen, die den Lauf der Gestirne studierten. Der „Stern“, dem sie folgten, war wahrscheinlich der Planet Jupiter, der am 5. Dezember im Jahr 7 v. Christus (dem eigentlichen Geburtsjahr Jesu) in Konjunktion (also sich scheinbar berührend) mit dem Saturn stand – zum dritten Mal in jenem Jahr. Eine solche dreifache Konjunktion kommt sehr selten vor – die darauffolgende trat erst 1603/4 wieder ein. Die gewieften babylonischen Sterndeuter wussten von der Seltenheit dieser Konstellation, ebenso wie sie schon den Saroszyklus kannten, die Wiederkehr gleich verlaufender Mondfinsternisse im Abstand von 18,3 Jahren. Von Babylon aus standen die beiden Planeten im Westen, und dorthin, nach Palästina, zogen die Magier, wo sie in Bethlehem das Jesuskind fanden. Jüdische Rabbiner in Babylon glaubten, dass die beiden Planeten die Geburt des Königs, des Messias ankündigten.
Gentile da Fabriano: Adorazione dei Magi (Ausschnitt)
Florenz, Uffizien; 1423

Die Magier-Könige wurden sehr bald zu bedeutenden Gestalten der Weihnachtserzählungen der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche. Um 300 n.Chr. soll Kaiserin Helena ihre Gebeine nach Konstantinopel überführt haben. Wenige Jahre später befanden sich die Reliquien dann im Dom von Mailand. 1158 eroberte Friedrich I Barbarossa Mailand; sein Kanzler Rainald von Dassel brachte die Gebeine der Re Magi, der Magierkönige, nach Köln, wo sie seitdem im goldenen Dreikönigschrein ruhen und die Stadt als Patrone beschützen.

Auch Volksbräuche gibt es um die Heiligen Drei Könige – das Sternsingen rund um den 6. Januar, die Zeichen an den Türstöcken, CMB – eigentlich Christus mansionem benedicat – aber eben auch in der Bedeutung von Caspar, Melchior, Balthasar oder, für uns Kinder damals, C(K)as, Milch, Butter.

*eine kleine Eselsbrücke zur Unterscheidung von Kamel und Dromedar, aus der Volksschule, von der Italienischlehrerin:
cammello    - zwei m - zwei Höcker
dromedario - ein m  - ein Höcker
Kamele sind Tiere der asiatischen Kältessteppen, in der Sahara und Arabien verkehren Dromedare. Die Tiere sind nahe Verwandte.


**Hier saust der Botafumeiro in Santiago de Compostela: https://www.youtube.com/watch?v=2QFd_55El1I



Bilder:
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Mittwoch, 30. November 2016

Thuja

Thuja
Thuja plicata
 
 
Die Thuja wird – wenn sie darf – ein großer Baum; bis über 40 m hoch, schlank und spitz, majestätisch. Sie ist ein Nadelbaum, die „Nadeln“ sind zu kleinen Schuppen geschrumpft, die, in vier Reihen versetzt, an dünnen Zweigen haften. Die Zweige sind so angeordnet, dass sie in ihrer Form an Farnblätter erinnern. Die Borke der jungen Stämme ist rot, die alten Stämme werden grau. Grauwerden, das kennen wir ja von uns auch. Macht sie irgendwie schon mal sympathisch, die Thuja.
File:Giant cedar in South Whidbey State Park.JPG
Majestät am Pazifik: die Thuja
Schuppenförmige Nadeln an Zweigen, die wie Farne aussehen
Die Borke ist außerdem dick, weich und faserig. Dies und das weiche, aber sehr dauerhafte Holz machte die Thuja für die Menschen so wichtig. Die Zweige duften aromatisch, wenn man an den Knospen reibt; sie enthalten das Gift Thujon, das in hoher Dosis tödlich sein kann. Auch das Holz und die Zapfen enthalten das Gift. An den kleinen Zapfen mit wenigen Schuppen kann man die Thuja von ihren Verwandten unterscheiden – Zypresse, Scheinzypresse, Küsten-Mammutbaum, die auch schuppenförmige Nadeln aufweisen.
An ihren Zapfen sollt ihr sie erkennen
Die Thuja, auch Lebensbaum genannt, ist ein Baum des borealen Regenwaldes an der Pazifikküste Nordamerikas, der sich von Kalifornien über Oregon nach Britisch-Kolumbien in Kanada erstreckt. Warme Meeresströmungen lassen feuchtwarme Winde aufsteigen, sie steigen am Küstengebirge empor, regnen sich ab. Deshalb regnet, regnet und regnet es, es hört gar nicht mehr auf zu regnen – der mittlere Jahresniederschlag beträgt 3000 mm (Jahresniederschlag Bayern 933 mm). Das Küstengebirge hält auch kalte Winde aus dem Nordosten, aus der Arktis kommend, ab.
 
Die meisten denken beim Thema „Regenwald“ an den Kongo oder Amazonas. Doch der unablässige Regen am Pazifik ließ auch dort immergrüne Regenwälder entstehen, mit Bäumen, die unter der milden Dusche mit dem Wachsen gar nicht mehr aufhören wollen. So stehen dort die größten Bäume der Welt, die zwei Arten von Mammutbäumen (Riesen-Mammutbaum – Sequoiadendron giganteum; Küstenmammutbaum – Sequoia sempervirens), 3000 Jahre alt und über 100 Meter hoch. Zu ihnen gesellen sich weitere mächtige Arten wie der Hemlock-Baum und die Sitka-Fichte. Dazwischen wächst als Einzelbaum oder in kleinen Gruppen die Thuja, die red cedar, wie sie von den amerikanischen Ureinwohnern genannt wird.
Keine andere Pflanze, kein Tier spielte im Leben der Ureinwohner des pazifischen Nordostens eine solche Rolle wie ihre Red cedar. Man nannte die Thuja auch den Grundpfeiler der Indianerkulturen dort.
 
So wurden Holz und Bast der Rinde gebraucht für die Herstellung von Körben, Schachteln, Kisten und Haken für den Heringsfang - und für die prächtigen Kanus und Paddel.
Alles aus red cedar: Kanu, Paddel, Regenhüte
Die Thuja war auch der einzige Baum, der als Bauholz geeignet war; Häuser und Hütten waren ausschließlich aus Brettern und Pfosten der Red cedar erbaut. Schindeln aus ihrem Holz sind eine historische und moderne Art, Dächer zu decken. Thuja-Schindeln gelten wegen der vielen ätherischen Öle und des Harzes in ihrem Inneren als unverwüstlich. Auch die Kanus der Leute waren ausschließlich aus dem Holz der Red cedar.
File:Haida house pole (UBC-2009).jpg
Pfosten für Häuser der Haida an der Westküste Kanadas
Die vielseitigste Verwendung fand die Rinde - kein anderes Material stand bei den Küstenindianern in so ubiquitärem Einsatz. Chehalis-Frauen waren ständig mit dem Zerreiben und Zerstoßen von Rinde zugange. Aus den weichen Fasern, die sie daraus gewannen, stellten sie Verbände, Windeln, weiche Polster für die Wiege her. Die Makah schnitten faserige Rinde in Streifen, verflochten sie zu Matten, aber auch zu wasserdichten Teller und Schüsseln. Große Borkenstücke dienten als Capes oder Kleider. Auch die charakteristischen Regenhüte der Quinault, Quileutl und Makah waren aus Rindenstreifen gewoben.
 
Seile, aus dem versponnenen Bast der Thuja gewonnen, waren so stark, dass die Walfänger, zum Beispiel der Makah, die toten Wale damit auf den Strand zogen. Die Wurzeln wurden in feine Fäden getrennt und verwoben. Die ätherischen Öle in den Knospen nahm man gegen Erkältungen und Zahnschmerzen. Doch musste man mit dem Gift aufpassen!
 
Vor der Ankunft der Weißen wurden kaum Bäume gefällt. Stattdessen schälten die Menschen Bretter von unten nach oben von den Bäumen; als Werkzeuge verwandten sie Geweihe.
 In den Regenwäldern finden sich viele solcher culturally modified trees. Das sind Bäume verschiedener Arten, die Spuren menschlicher Bearbeitung aufzeigen – eingeritzte Zeichen, Schnitzereien, Bemalungen und die Spuren der abgelösten Bretter auf den Red cedars. Seit einigen Jahrzehnten drängen die indigenen Völker Kanadas und der USA auf die Erfassung und den Schutz solcher Bäume, die sie als wichtig für ihre Historie und Identität ansehen. Mittlerweile stehen zum Beispiel auf der kleinen Flores-Insel im Westen von Vancouver Island 71 solcher CMT unter Schutz.
File:Culturally modified tree.jpg
Da fehlt ein Brett: culturally modified tree
 
 

Kulturkampf am Gartenzaun

 

Bei uns in Europa tritt die mäjestätische Red Cedar meist als undurchdringliche? – hässliche? – nützliche? Thujenhecke auf. Der Baum ist für viele die ideale Hecke – immergrün, blickdicht und vollkommen unempfindlich gegen häufigen oder kräftigen Schnitt.
Hässlich? Nützlich!

Fürchtet keine Heckenschere
Medienbeiträge über Thujenhecken lassen die Volksseele verlässlich schäumen; im Internet werden Kulturkämpfe darum ausgetragen. Da finden aufgeklärte Urbane eine weitere ideale Gelegenheit, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem verächtlichen Herabschauen auf engstirnige Kleinbürger. Und die halten mit dem Posten von Hassmails heftig dagegen.

Hier eine kleine Auswahl (aus ca. 130 Beiträgen) aus einem Forum des österreichischen Standard (mit der Original-Rechtschreibung):
Thujen sind wie Bundesheer-Soldaten
sie stehen unmotiviert in einer Landschaft,
die ohne sie viel schöner wäre,
und können nix dafür,
und jede Diskussion mit denen,
die sie aufgestellt haben,
ist eine verlorene Liebesmüh'
 
der neben mir (nachbar ist der keiner) hat so eine hecke, um die er sich - außer dass er unmengen wasser verschleudert - nicht kümmert. den dreck - das ist schon eine ganze menge - und schatten habe ich.
 
thujen: nicht einmal unkraut.
 
 Die Lehre sollte sein, dass man vorsichtig sein sollte, wo und wann man Klischees, die eine Gruppe verächtlichmachend charakterisieren sollen, verwendet. Wer sich über Hutträger, Thujenheckengärtner, Gemeindebauprolos, Bobos, Capuchinomütter, Fußballprolos, Esoterikspinner, ungebildete F-Wähler, Gutmenschen, usw. aufregt, sollte aufpassen, dass ihm diese nicht gegenüberstehen und angemessen darauf reagieren.
 
Wer eine braucht um sich wohlzufühlen, soll sie auch haben dürfen. Nicht jeder kann ein soziales Wesen sein.
 
Wenigstens der letzte Beitrag hat etwas Versöhnliches.
Und überhaupt: Vor ein paar Jahren auf einer herbstlichen Exkursion, zur Beobachtung der Hirschbrunft. Th. führte uns. Eine Teilnehmerin hatte den moralischen Zeigefinger sehr weit ausgestreckt und deutete damit (metaphorisch) auf böse Touristen, Spaziergänger, Radfahrer, Politiker. Als dann im Spektiv ein Jäger auftauchte, der weit draußen auf einen Hochsitz stieg, begann die Empörungsmaschinerie in ihrem Inneren zu rattern wie ein mit frischen Batterien ausgestatteter Trommelhase. Zuletzt schrie sie: „Man sollte ihn herunterschießen.“ Th., trotz seiner Jugend in sich ruhend, sprach daraufhin den unnachahmlich weisen Satz: „Vielleicht ist das ja ganz ein netter Mensch.“
Sollte man sich diesen Ausspruch nicht öfter mal zu Herzen nehmen? Zum Beispiel, wenn es um die Menschen geht, die Thujen nicht ausstehen können? Oder um jene, die hinter Thujenhecken leben? Vielleicht sind manche von ihnen ja ganz nette Menschen?
Vielleicht wohnt dahinter ein netter Mensch.


Fotos:
Angelika Schneider 5
US Forest Service 1
JTmorgan1
Leoboudo1
Susan Clarke1