Donnerstag, 1. November 2018

Ölbaum


 

Der Ölbaum –Symbol des Mediterranen

Olea prima omnium arborum est.
Columella

Der Tod ist nur wie das Herabfallen einer herbstlich reifen Olive.
Marc Aurel. Selbstbetrachtungen

„Die Ölbäume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden, verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander… nur wenige Blätter am Zweige.“
Goethe, Italienische Reise 1786



Er war der Baum Athenes, der mit der Stadt verbundenen Göttin. Vor allem aber war der Ölbaum (Olea europaea) Symbol der Zivilisation, der Kontrolle des Menschen über den Raum. Die Ölbaumkulturen waren seit der Antike Zeichen der Unterwerfung der Natur durch die polis.

 Der unverwüstliche Baum war das Symbol des Sieges – dem Sieger gebührte ein Ölzweig. Zugleich war die Olive Friedenssymbol: Die Taube mit dem Ölzweig ist eine der vielen (250!) Erwähnungen des Baumes in der Bibel. Die Taube flog zu Noah, um ihm das Ende der Sintflut anzuzeigen. Sie trug den Ölzweig im Schnabel, als Zeichen, dass die Ölbäume schon aus dem Wasser ragten.

Phönizier und Griechen zuerst, dann die Römer, pflanzten den Ölbaum in ihren Kolonien im Mittelmeerraum. Die Araber verbreiteten den Baum in Nordafrika und Spanien. Circa eine Milliarde Bäume wachsen heute in den Plantagen rund um das Mittelmeer.

Der Ölbaum geht auf den wilden Oleaster zurück, eine Pflanze der macchia mediterranea. Der Oleaster ist ein stark verzweigter, mit Dornen bestückter Strauch. Seine Blätter sind kleiner als jene des Ölbaums, die Früchte sehr klein und bitter. Sie enthalten nur wenig Öl. Die Blüten des Ölbaums sind unscheinbare weiße Rispen, aus denen die ölhaltigen Steinfrüchte mit ihrem harten Kern hervorgehen.

Vom wilden Oleaster....

 
...zum domestizierten Ölbaum

In Athen stand der Ölbaum für kultische Handlungen bereit: Altäre wurden aus ihrem Holz errichtet; das Holz nährte das heilige Feuer. In der Odyssee ist von gesalbten Göttern und Helden die Rede, was bedeutet, dass deren Statuen mit Öl bestrichen wurden Das Öl hatte auch praktische Funktion, es spendete Licht in Öllampen, war Heilpflanze für Haut und Verdauungssystem. Mit Olivenöl wurde der olympische Sieger gesalbt; in Olympia konnte der Sieger im Stadionlauf 60 Amphoren Öl als Preis gewinnen – das waren zwischen 1000 und 2000 Liter Öl. Die Olive stand im Schutz des Areopag, des höchsten Gerichts in Athen. Die Strafe für unerlaubte Rodung von Ölbäumen ging von Enteignung, Verstümmelung bis zum Tod.

Thukydides (460-396 v. Chr.) schrieb von Wein und Öl, die den Austritt aus der Barbarei und den Beginn der Zivilisation markierten. Athen hatte die Demokratie erfunden – ihr Schutzbaum, die Olive, ist die Urpflanze der Demokratie.

 Kreta, heute noch eine Hochburg des Olivenanbaus, gab Baum und Frucht den Namen. Das lateinische Oliva kommt aus dem kretischen oleiva. Daher oleum, Öl, oil, huile. Der spanische Name stammt – natürlich – aus dem Arabischen: Aceituna und aceite von al-Zaytun, dem Wort der Mauren für die Olive.

Auch die Römer rieben Statuen kultisch mit Öl ein und schätzten es als Arznei. Öl spendete Licht: Kleine römische Öllämpchen fand man im Mittelmeeraum in fast allen archäologischen Stätten. Der Ölanbau der Etrusker ist ab der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. nachgewiesen.

Die antiken Zentren des Anbaus waren die ägäischen Inseln, besonders Kreta, wo sich 4500 Jahre alte Spuren von Pollen von Olivenblüten fanden. Die Domestikation des Oleasters nahm in Kleinasien ihren Anfang. Ölbäume werden Hunderte von Jahren, manche sagen bis 2000 Jahre alt. Wenn sie oben absterben, treiben sie aus dem Wurzelstock von neuem aus. Diese Fähigkeit zur Selbsterneuerung machte die Olive zu einem Symbol der Unsterblichkeit.

In den Georgica berichtet Vergil vom Goldenen Zeitalter: Die Eiche ernährt die Menschen, die nichts zum  Überleben dieses Baumes beitragen müssen. Am Ende des goldenen Zeitalters löst der Ölbaum die Eiche ab. Die Eiche gehört der Sphäre der Wildnis an, die Olive ist reine Kulturpflanze, der die Menschen das Öl mühsam abringen müssen.

Im Mittelalter verbreitetenAraber den Ölbaum aus Nordafrika in den von ihnen eroberten Gebieten; vor allem in Andalusien.

Im mittelalterlichen Süditalien war es ein Deutscher aus dem Geschlecht der Staufer, der die arabische, die „sarazenische“ Kultur erglänzen ließ: Friedrich II von Hohenstaufen (geboren 1194 in Jesi, gestorben 1250 bei Lucera), König von Sizilien, Deutscher König und römisch-deutscher Kaiser. Friedrich hinterließ berühmte Bauten wie das Castel del Monte in Apulien, führte Naturwissenschaften, Recht und Verwaltung zu hoher Blüte. Während der staufischen Herrschaft breitete sich die Ölbaumkultur in Sizilien und Apulien aus. In Apulien wuchs der Ölbaum oft in Mischkultur mit Mandelbäumen, am Rand oder einzeln in Weizenfeldern. In und um Taranto waren Ölbäume schon in byzantinischer Zeit mit Feigen und Mandeln vergesellschaftet.

Mittelitalien mit Umbrien und der Toskana ist heute noch für seine hochwertigen Öle bekannt. Die Olivenkultur war eng mit dem System der Halbpacht, der mezzadria, verbunden. In der Mezzadria stellte der padrone Grund und Boden, Wohn- und Wirtschaftsgebäude zur Verfügung; der Bauer, der mezzadro und seine Familie stellten die Arbeitskraft. Die Ernte wurde zur Hälfte geteilt. Die Mezzadria entstand im Spätmittelalter, etablierte sich nach der großen Pest 1345-48 und behielt ihre Vorherrschaft über 500 Jahre lang, bis in die sechziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts.

In der Mischkultur der Mezzadria wurden die Ölbäume oft stark beschnitten. Die Bauern übertrieben dabei gerne: L’ulivo vuole il pazzo (der Ölbaum will den Verrückten) war die Rationalisierung für ihr Tun. In Wirklichkeit diente der scharfe Schnitt einem höheren Kornertrag, da gestutzte Bäume den Weizen weniger beschatteten. Im toskanischen Norden und in der Maremma pflanzte man auch den reinen Olivenhain (alla pisana), also richtige Olivenwälder, eingefasst von Zäunen und Mauern. In diesen Klausen (chiudende) wurde nicht gesät, wohl aber der Boden alle paar Jahre gehackt und als Weide genutzt.

Im Mittelalter waren Ölbäume auf den Bauernhöfen Italiens noch selten. Erst in der Renaissance, in einer Zeit, als die Städte die Kontrolle über das Land vorantrieben, kam der Ölbaum auf die Höfe. In höheren Lagen fehlt die kälteempfindliche Olive,  die Rebe hingegen ist frosthärter, sie steigt höher hinauf..

Die Ernte der Oliven ist auch heute noch der größte Kostenfaktor. Sie erfolgt im Winter; die Frage war stets, wie man Oliven vom Baum bringt, ohne die Knospen zu beschädigen. In manchen Ländern des Mittelmeerraums werden die Oliven mit Stangen von den Zweigen geschlagen; in Italien streift man sie von Hand von den Zweigen und sammelt sie in Netzen mit Tüchern darunter. Oliven kommen in die Ölmühle (in Italien frantoio) zur Pressung. Was bei der ersten Pressung von den Mühlsteinen fließt, ist zum Klischee geronnen – das kaltgepresste Olivenöl, das olio extravergine d’oliva. Die kalte Pressung mit den großen Mühlsteinen ist die klassische Behandlung der Oliven in der Ölmühle. Eine zweite oder dritte Pressung, von heißem Wasser oder synthetischen Lösungsmitteln unterstützt, kam erst mit der Industrialisierung auf.

In der Toskana stößt der kälteempfindliche Olivenbaum an die Grenze seiner möglichen Verbreitung. Ältere Bauern haben den Januar 1986 noch in böser Erinnerung. Auf minus 24° Grad sank das Thermometer in Florenz, der Arno war zugefroren. In der Toskana und in Umbrien erfroren an die 70% aller Ölbäume, 1000jährige Bäume froren zu Tode. Nur etwa die Hälfte der Ölmühlen überlebte. Der Frost von 1986 war eine Zäsur im Olivenanbau. Es folgte eine Modernisierung und Intensivierung des Anbaus. Doch die Ölproduktion ist rückläufig, die Olivenernte ist zu teuer. Kleine Betriebe geben auf, große expandieren. Heute gibt es in der Toskana 56.000 ha Oliven, die durchschnittliche Betriebsgröße beträgt 1,5 ha.


1986 erfroren, aus dem Stumpf neu ausgetrieben
 
Italienisches Olivenöl gilt als das beste der Welt. Doch sein guter Ruf hat in den letzten Jahren schwer gelitten. Nur ein Drittel des olio extra vergine d‘oliva, das in Italien verbraucht oder exportiert wird, ist auch dort gewachsen. Wie kam es zu dieser wundersamen Ölvermehrung? Bis 2008 war es in Italien legal, aus importierten Oliven „italienisches“ Öl zu pressen. Das ist heute verboten, doch gelangen immer noch große Mengen importierter Öle letztlich als italienische in den Handel. Diese Öle sind oft von sehr schlechter Qualität. Ein kalabresischer Ölproduzent spricht von den 6 Millionen Zentnern Oliven, die auf tunesischen und türkischen Schiffen die italienischen Küsten erreichen: Schiffe mit Sonnenblumenöl, Haselnussöl, chemisch extrahiertem Oliventrestern, gefärbt mit synthetischem Chlorophyll. Es fehlt an ausreichenden Kontrollen.

Doch auch die europäische Union macht es Ölpanschern leicht, minderwertiges Olivenöl in den Handel zu bringen. So ist 0,8 % Säure im Öl erlaubt. Öl-Biobauer Alessandro Damiani sagt: "Meine frisch geernteten Olivenöle haben ein Zehntel und weniger dieser Werte. Kein wirklich frisch gepresstes Olivenöl hat so schlechte Werte, wie die Europäischen Normen erlauben. Das sind Normen, die wie die Gebrauchsanweisung zum Panschen aussehen."

Der in Ligurien lebende Journalist Tom Mueller, ein Olivenöl - Aficionado, deckte in seinem Buch Extravirginity Fälschungen und Panschereien in großem Stil auf. Hohe Nachfrage, hohe Preise, wenig Produktion – die Fälschung von Olivenöl ist zu einem Millionengeschäft geworden. 2005 schon deckten die Carabinieri einen großen Fälscherring auf, 2014 dann den Skandal der Azienda Olivicola Valdipesa.

Ein gutes Olivenöl zu finden ist nicht leicht: Billige Öle sind schlecht, aber nicht alle teuren Öle sind gut. Wer nicht gerade den Olivenbauern seines Vertrauens hat (und wer hat schon einen), muss sich informieren: im Netz, beim Händler und mit der sorgfältigen Lektüre des Kleingedruckten auf dem Etikett.
 

Diesen Artikel über den Ölbaum habe ich, leicht verändertt, meinem Buch entnommen:

„Toskana – Wein, Kastanien, Hirten, Herren. Vom Werden der Landschaft.“
 
 

Hier sind die Links:
 

Mittwoch, 11. Juli 2018

Mopane


In der Kalahari


Ist man im südlichen Afrika unterwegs, lernt man bald, dass die Kalahari, obwohl voll rotem Sand, nicht Wüste, sondern Savanne ist. Sie ist mit Dornbüschen – verschiedenen Akazien – bedeckt, mit riesigen Baobabbäumen und, auf großen Flächen, mit dem Mopanebaum. In Südafrika, in Botswana und Namibia tritt Mopane (Colophospermum mopane) oft als vier bis 18 m hoher Strauch auf, weiter nördlich, in Angola und Malawi, bildet er Wälder mit großen Bäumen (Cathedral-Mopane). Der berühmte Etosha-Nationalpark in Namibia zum Beispiel ist zu 80 % von Mopanebusch bedeckt, ähnlich wie der Krüger-Nationalpark in Südafrika.
 

„Mopane“ bedeutet Schmetterling auf Setswana, der Sprache Botswanas. Das zweiflügelige Mopaneblatt sieht einem Schmetterling ähnlich, zumal sich seine „Flügel“ in der heißesten Zeit des Tages zusammenlegen, um der austrocknenden Sonne weniger Angriffsfläche zu bieten.
 

Der Mopanebaum ist mit flachgründigem, alkalischem und tonig-sandigem Boden zufrieden, so auch mit den Böden der Kalahari. Mopane ist ein Schmetterlingsblütler, er ist imstande, sich Dünger selbst herzustellen, mit Hilfe von Knöllchenbakterien in seinen Wurzeln, die aus Luftstickstoff wachstumsförderndes Nitrat fabrizieren.
 
Flügel wie ein Schmetterling
 
Afrikanische Delikatesse: Mopanewurm
 

Nahrung, Kleidung, Wohnung


Mopane dient dem Menschen auf vielfältige Weise, als Nahrung, Kleidung, Wohnung und als Medizin. Die Früchte des Mopanebaums sind dünne, braungelbe, nierenförmige Schoten, in ihrem Inneren befindet sich ein einzelner Samen. Außer den Blättern fressen Giraffen, Antilopen, Nashörner diese stark eiweißhaltigen Bohnen. Elefanten fressen außerdem noch die Rinde.
 
Die Blätter und die Schoten des Mopane enthalten Terpentin, ein ätherisches Öl, das einen gewissen Schutz gegen Fraßfeinde darstellt, in der Hitze verdunstet und dabei das Blatt kühlt. Durch das Terpentin sind die Schoten in ihrem Inneren klebrig; der Gattungsname Colophospermum – öliger Samen – bezieht sich darauf. Der Schutz durch das Terpentin ist nicht absolut. Alte Blätter enthalten mehr Terpentin als junge, junge Blätter werden lieber gefressen. Viele Tiere – z.B. Elefanten und Antilopen – sind eigentlich Grasfesser. Zuviele Mopaneblätter können sie nicht fressen, da Terpentin leicht giftig ist.
 
In der Regenzeit sind die berühmten „Mopanewürmer“ die größten Fraßfeinde des Mopane. Sie sind die Raupen eines Nachfalters aus der Familie der Pfauenspinner. Mopanewürmer sind eine wichtige Eiweißquelle für Menschen in ländlichen Gegenden des südlichen Afrika, in den Städten sind sie als Delikatesse beliebt; seit neuestem haben auch westliche Hipster Mopanewürmer als Lifestyle-Snack entdeckt.
Auf dem Mopanebaum lebt auch eine Seidenraupe (African wild silk mothGonometa postica). Aus dem Raupengespinst machen San und Bantu, afrikanische Völker, gerne Fußrasseln; die Wildseide aus der Raupe wird u.a. in Namibia und Botswana kommerziell genutzt.
Das Holz ist sehr hart und widerstandsfähig, Termiten können ihm nichts anhaben. Die hohen Grasdächer der afrikanischen Rundhäuser, der rondavels, sitzen auf Balken aus Mopaneholz, aus Mopane sind auch die Zäune der Kraals, von Pfosten und Eisenbahnschwellen. Der dunkelrote Kern und der weiße Splint machen Mopane beliebt als Parkettholz; Instrumentenbauer machen aus Mopane Klarinetten und Oboen. In den Dörfern liegen am Straßenrand zum Verkauf aufgeschichtete Bündel aus Mopaneholz – für das Braai, das südafrikanische Barbecue.
Sicher hinter dem Kraal aus Mopanepfosten
Ergiebiges Feuerholz für das Braai
Mopane ist auch eine Medizinalpflanze, ihre Zweige werden zur Zahnpflege verwendet, die Blätter mit ihren ätherischen Ölen und die Rinde zur Wundheilung.

King of Feast

Das wahre Symbol Afrikas, der King of Beast ist, noch vor dem Löwen, der Elefant, das größte Landtier der Erde. Früher war er außerhalb der Sahara in ganz Afrika verbreitet, überall dort, wo es Wasser und Bäume gab. Fünf Millionen Elefanten gab es einmal, sie wanderten über Hunderte von Kilometern auf immer gleichen Strecken. Viele Straßen in Afrika verlaufen auf ehemaligen Elefantenwegen. Im letzten Jahrhundert schrumpften Anzahl und Verbreitung des Elefanten, durch Bevölkerungswachstum und Wilderei. In den 1970ern und 1980ern brachte Elfenbeinwilderei soviel ein wie Drogenhandel. 1981 lebten 1,3 Millionen Elefanten in Afrika, die meisten außerhalb von Schutzgebieten. 1986 waren 750.000 Elefanten übrig. In vielen Ländern Ost- und Zentralafrikas waren 80 % der Elefanten verschwunden. Der Afrikanische Elefant schien verloren. 1990 kam es zum Verbot des Handels von Elfenbein. Die größten Importeure – Japan, Indien, Hong Kong, Singapur, USA – stimmten einem Moratorium zu.
Einige Länder Südafrikas, in denen Elefanten effektiv vor Wilderei geschützt wurden, darunter Botswana und Südafrika, erreichten 1998 eine teilweise Aufhebung des Handelsverbots. Sie wollten Fleisch und Elfenbein von Elefanten aus kontrollierten Abschüssen verkaufen können. Sie wollen/müssen die Zahl der Elefanten vor allem in ihren Nationalparken reduzieren. Daraufhin stieg der Preis für Elfenbein, auch die Wilderei nahm zu. Doch wird sie auch sehr effektiv bekämpft, vor allem in Botswana (auch Nashörner sind hier sicher).
Bis zu 500 kg Vegetation frisst ein Elefant am Tag – er ist der King of Feast. In den Nationalparken Botswanas, Namibias und Südafrikas haben sich Elefanten in den letzten Jahrzehnten stark vermehrt – so stark, dass sie die Vegetation, und damit ihr eigenes Futter, in Gefahr bringen. Die Mopanewälder sind oft zu lückigem Busch verkommen. Auch in Zimbabwe laufen die Cathedral Mopane Gefahr, von den vielen Elefanten zu mickrigen Stauden zusammengefressen zu werden.
Ist die Zahl der Elefanten nicht zu groß, helfen sie den Mopanwäldern, sich zu verjüngen. Unter alten Mopanebäumen kommen Mopanekeimlinge auf; zu dichtes Unterholz erhöht die Waldbrandgefahr (Terpentin in den Blättern!). Von Elefanten gelichteter Wald ist besser geschützt vor Bränden. Erst wenn der Druck durch Elefanten zu groß wird, ist der Wald gefährdet. Eine Studie aus dem Krüger-Nationalpark hat gezeigt, dass Gras das liebste Futter der Elefanten ist, besonders in der Regenzeit. Die Quelle der Erkenntnis waren dabei die großen Elefantenbollern – Elefanten sind schlechte Futterverwerter, aus ihrem Kot kann man Pflanzenreste leicht herausfieseln und bestimmen. Doch besonders in der Trockenzeit fressen Elefanten Blätter des Mopane, schälen die Rinde, entwurzeln die Bäume.
Landschaftsarchitekten auf dem Weg zur Arbeit

Nach dem Besuch der Landschaftsarchitekten
Sie kriegen auch die Cathedral Mopane klein
In Botswana lebt die größte Elefantenpopulation weltweit, ca. 140.000 Tiere. Die – private – Großwildjagd auf Elefanten ist in Botswana verboten. Im Norden des Chobe-Nationalparks leben allein 60.000 Elefanten, obwohl das Gebiet nachhaltig nur 15.000 ernähren könnte. Außer Elefanten wollen ja auch Büffel und Antilopen satt werden. Elefanten sind dabei, langsam ihren Lebensraum zu zerstören.
Die Methode zur Reduktion der Zahl Elefanten ist das culling, der Abschuss. Dabei werden ganze Herden auf einmal getötet – Elefanten sind soziale Tiere, man kann sie nicht einzeln jagen. Die hohe symbolische Bedeutung der Elefanten, die vermenschlichende Betrachtung der Leitkuh als die gute Mutter der Truppe ruft natürlich viele Widerstände hervor, wenn Tiere geschossen werden sollen, so zum Beispiel 2008 im Krüger-Nationalpark. Der Standard-gut-gemeinte-Rat: Man solle die Elefanten „anderswo“ hinbringen, also das Problem exportieren. Nur: „Anderswo“ kann man Elefanten oft auch nicht brauchen; Versuche, Elefanten zu verfrachten, führten oft dazu, dass sie schnurstracks in ihr Herkunftsgebiet zurückliefen. Trotzdem sollen 400 Elefanten von Botswana in einen Nationalpark nach Mozambique gebracht werden – eine wahnsinnig teure Aktion mit ungewissem Ausgang und auch nicht wirklich die Lösung.
Vielversprechender ist die Einrichtung von KaZa. 2012 wurde in Namibia der Vertrag zur Errichtung eines riesigen länderübergreifenden Schutzgebietes, der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (KaZa) unterzeichnet. Es ist ein Verbund vieler bereits bestehender Schutzgebiete, und mit 450.000 qkm das zweitgrößte Schutzgebiet der Erde. Fünf Länder sind beteiligt: Namibia, Botswana, Angola, Sambia, Simbabwe. Durch Enfernung von Zäunen, Einrichtung von Schutzkorridoren und Bekämpfung der Wilderei haben viele Elefanten aus Botswana ihre traditionellen Wanderwege nach Angola und Simbabwe wieder entdeckt. Dadurch entspannt sich die Situation in Botswana etwas. Trotzdem kann die Entwicklung dahin führen, dass weitere Culling-Aktionen nötig werden.
Bildnachweise
Wolf Schröder 3
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Roger Culos 1
JackyR 1


 

 

 

 

 


 

Freitag, 25. Mai 2018

Europäische Lärche

„A Larch unterm Doch isch a ewige Soch.“

Es gibt Dinge, die kann man nicht nicht wissen. Wie der Eiffelturm aussieht zum Beispiel, oder ein Zebra. Wie eine Birke aussieht, gehört auch zu jedermanns Weltwissen, Alpenbewohner kennen auch die Lärche (Larix decidua), den einzigen europäische Nadelbaum, der sich im Herbst gelb färbt, bevor er seine Nadeln abwirft. Aus mittleren Höhen bis zur Waldgrenze leuchten Lärchen aus den dunkelgrünen Wäldern hervor, bevor sie dann im Spätherbst grau, nackt und kahl dastehen.
Bis 40 m hoch kann der Baum werden; in der Jugend wächst er sehr rasch, im Alter lässt vor allem das Höhenwachstum nach, die Lärche bildet ihre typische knorrige, unregelmäßige Krone aus. Lärchen gehören zu den ältesten Bäumen Eurasiens – die sogenannten Urlärchen aus dem Ultental in Südtirol sind älter als 2000 Jahre. Ich selber habe an einer Lärche an der Waldgrenze im Südtiroler Pfitschtal 700 Jahrringe gezählt. Dieser Baum hatte einen Durchmesser von etwas über 50 cm, war also kein Riese – dafür waren die Jahrringe so eng, dass sie nur im Mikroskop auseinander zu halten waren.
Tiefe starke Wurzeln machen die Lärche widerstandsfähig gegen Stürme. Die rotbraune Borke, von tiefen Rissen durchzogen, wird bis zu 20 cm dick. Die Nadeln sind hellgrün und weich – ihnen fehlt die Wachsschicht, wie sie für Nadelbäume sonst typisch ist. Der Wachsüberzug schützt die Nadeln vor Wasserverlust durch den Frost des Winters („Frosttrocknis“), das braucht die Lärche nicht. Die Nadeln sind 3 bis 4 cm lang; an den Langtrieben am Ende der Zweige stehen sie einzeln; dahinter wachsen sie in Büscheln aus den charakteristischen Knöpfchen, bis zu dreißig oder vierzig Nädelchen.
 
Die sommerliche Modefarbe der Lärche ist hellgrün, die Farbe ihrer Nadeln. Im Frühjahr kombiniert sie das winterliche Grau ihrer Erscheinung mit dem wunderschönen Beerenrot der weiblichen Blüten, aus denen im Herbst die kleinen Zapfen reifen. Die männlichen Blüten ergänzen das Frühjahrskostüm mit dezenten gelben Tupfen, der Farbe des Pollens.
 
Die kleinen Zapfen sitzen auf kurzen, nach oben gebogenen Stielen. Die Lärche ist ein einhäusiger Baum, ein Individuum trägt männliche und weibliche Blüten. Alle fünf bis sechs Jahre sind Blüte und Samenproduktion der Lärche besonders stark – wir haben ein Mastjahr.

Rote weibliche, gelbe männliche Lärchenblüten
 
Weich, hellgrün, gebündelt: Lärchennadeln
 
Unverwechselbar ist die Lärche auch wegen ihrer dicken rotbraunen, rissigen Borke (bis 20 cm dick) und wegen ihres Holzes mit dem dunkelroten Kernholz und dem hellgelben äußeren Splint. Das Lärchenholz gehört zu den härtesten Nadelhölzern, es ist ein gutes Brennholz und durch den hohen Harzgehalt sehr widerstandsfähig gegen Fäulnis. Blockhütten auf Almen, Dachbalken und Dächer aus Lärchenschindeln können Jahrhunderte lang halten: A Larch unterm Doch isch a ewige Soch.
 

Die Lärche wächst in Mischwäldern, vor allem mit Fichte und, in hohen Lagen, mit der Zirbelkiefer. In den Alpen steigt sie bis auf über 2000 m, bildet mit Zirbe und einzelnen Fichten die Waldgrenze. Der wichtigste Faktor für ihre Verbreitung ist ein kontinentales, winterkaltes und sommertrockenes Klima.

Goldener Lärchenherbst im Gebirge
Die Lärche ist sehr „lichthungrig“, wie Botaniker sagen; Schatten und Nebel verträgt sie nicht. Auf nackten Böden, zum Beispiel nach Bränden, in Lawinenbahnen oder auf Windwürfen, tritt sie als Pionierpflanze auf, das heißt, sie besiedelt als erste Rohböden, kann auf den ärmsten Böden Wurzeln schlagen.
Wenn nun viele Lärchensämlinge gleichzeitig aufkommen, bildet sich im Laufe von Jahrzehnten ein reiner Lärchenwald. In so einem Wald ist es für Lärchensämlinge bald zu dunkel, sie können nicht aufkommen. Bei ungestörter Entwicklung wachsen mit der Zeit schattentolerante Arten auf, Fichten und Zirben. Zuletzt haben wir einen Fichtenwald vor uns oder einen Fichten-Zirbenwald, mit wechselnden Anteilen alter Lärchen. Ein reifes Stadium in einem Ökosystem wird Klimaxstadium genannt. Fällt ein solcher Wald Stürmen, Feuer oder Lawinen zum Opfer, beginnt der Zyklus von vorn. Ein solcher, hier idealtypisch nachgezeichneter Zyklus, kann einige Jahrhunderte dauern. Doch greift der Mensch durch die Nutzung der Wälder in diese Entwicklung ein – soll die Lärche gefördert werden, wird durch kräftiges Ausdünnen Licht auf den Boden gebracht, so dass Lärchensamen wieder auskeimen können. Allein in den italienischen Alpen gibt es 360.000 ha reinen Lärchenwald.
 

Wiesenlärche/Lärchenwiese
Hungrig nach Licht ist die Lärche, schattenwerfende Bedränger kann sie gar nicht ab, sie bildet sehr lockere Bestände. Im Frühjahr trägt sie noch keine Nadeln – deshalb gedeihen unter ihrem Schirm lichthungrige Gräser und Kräuter für die Viehweide, oder zur Heugewinnung. Im Herbst düngen die herabfallenden Nadeln den Boden.
 
Wald und Weide zugleich: Lärchenwiese in Südtirol

Die Doppelnutzung von Wald und Weide, die Lärchenwiese, ist wahrscheinlich Jahrtausende alt – in der Schweiz fand man in Mooren Pollen aus der Bronzezeit von Lärchen und Weidepflanzen in der gleichen Schicht. Lärchenwiesen gibt es vor allem auf Hochebenen des Alpenhauptkamms oder der Alpensüdseite, in Südtirol und der Schweiz. Die meisten von ihnen stammen aus dem Mittelalter – der hochmittelalterliche Siedlungsausbau ließ die Bevölkerung wachsen, das Vieh der Bauern drang immer weiter in die Wälder vor. Die Waldweide lichtete den Wald auf, das begünstigte das Aufkommen der Lärche, Gräser und Kräuter wuchsen dem Vieh ins Maul.
Die halboffene Landschaft der Lärchenwiese – strukturell einer Savanne ähnlich – ist ein artenreiches Ökosystem, in dem viele seltene Arten leben: Neuntöter, Ringdrosseln, Baumpieper, auch Orchideen.
 
Zur ökologischen kommt die kulturhistorische Bedeutung dieser Landschaftsform, die durch die bergbäuerliche Arbeit entstanden war. Durch die Aufgabe der Viehweide drohen Lärchenwiesen zu verbuschen, oder durch Nutzungsintensivierung (Düngung, Fällen der Lärchen) seltene Arten zu verschwinden. In Schutzgebieten, wie zum Beispiel dem Naturpark Trudener Horn im äußersten Südwesten Südtirols, versucht man, Lärchenwiesen zu erhalten.


Lörget
„Das Lörget ziecht“, murmelt er vor sich hin, „ziecht alles Gift und alle Unreinigkeit aus dem Geblüet, und das Murmentenschmalz hilft mit, hat alleweil noch geholfen!“
„Der Schmierberlugges“
von Karl Schönherr

 
Dicke Harzkanäle durchziehen das Lärchenholz, seine Holzscheite machen klebrige Finger. Das duftende Harz enthält die Allheilmittel der Volksmedizin, ätherische Öle. Lärchenpech oder „Lörget“ galt als schleimlösend, wassertreibend, durchblutungsfördernd, antiseptisch; es sollte gegen Katarrh, Krämpfe, Geschwüre, Rheuma, Zerrungen wirken. Eine klebrige Salbe aus Lärchenpech, auf Leinen aufgetragen, war das viel gebrauchte Lärchenpflaster. Wichtig war Lörget bei Mensch und Tier auch als Zugsalbe für einen „Schiefer“ (tirolerisch für Splitter).  

In Tirol gibt es den schönen Nachnamen Lörgetbohrer – jener, der Lärchen anbohrt, um Harz zu gewinnen. Auf einer Wanderung im Naturpark Trudener Horn sah ich vor kurzem zum ersten Mal auf einer Lärchenwiese frisch angebohrte Bäume – nahe am Boden die mit einem Spund verschlossenen Bohrlöcher, darüber das Zeichen desjenigen, der die Lizenz zum Bohren hat. Im Bohrloch sammelt sich das Lörget, das Lärchenharz, das nach ein paar Wochen mit einem eisernen Drehstab entfernt wird. Ein Baum gibt an die 300 g Harz im Jahr, höchstens vier Kilogramm. Das Bohren kann das Wachstum des Baumes stören, erst zehn Jahre vor dem Fällen beginnt man deshalb mit dem Bohren.
Das Lörgetbohren ist eine Nutzungsform der Vergangenheit; nur wenige Bäume werden noch angebohrt. Im Naturpark wird es noch gepflegt. In der Vergangenheit war das Harz sehr begehrt und wurde weit gehandelt. Durch Wasserdampfdestillation gewann man Terpentinöl (Trementina di Venezia) als Basis für Lacke und Klebstoffe. 
Lörgetbohrer am Werk

Hinterm Spund das Harz



Lizenz zum Bohren


 

 

 

 

Samstag, 17. März 2018

Usambaraveilchen


Kleine Umleitung zur Einleitung

Mit zygomorpher Blüte: Wildform des Usambarveilchens
Werner Bätzing, der bekannte Alpenforscher, betont die Rolle der Alpenstädte für die Zukunft der Alpen. Die mittelgroßen Städte im Inneren des Gebirges und an seinem Nord- und Südrand sollen die wirtschaftliche und kulturelle Marginalisierung des Alpenraums abmildern, in einer Kombination aus regionaler Wertschöpfung, Produktion von Qualitätsprodukten, neuem Tourismus, neuer Mobilität und Vernetzung der Städte untereinander.
Bätzing würde Trento, zu Deutsch Trient, wohl in diese Kategorie von zukunftswichtigen Alpenstädten einreihen. Trient (117.000 Einwohner), Hauptort des Trentino, liegt an der Etsch zwischen Bozen und Verona. Vielen ist das Konzil von Trient (1545 bis 1563) ein Begriff, das die Gegenreformation einleitete. Bis 1918 war Trient Teil Österreich-Ungarns, Hauptort „Welschtirols“. Bekannt sind Bauten aus Mittelalter und Renaissance im alten Zentrum.
Auf einer riesigen Industriebrache am Stadtrand, einer ehemaligen Michelin-Reifenfabrik, entstand in den letzten Jahren ein neues Quartier, konzipiert nach besten ökologischen und städtebaulichen Standards: nachhaltige Energieversorgung, eingeschränkter Verkehr, gemischte Gebäudenutzung mit Wohnungen und Büros, Geschäfte, Restaurants, Spielplätze, Lauben und Bäume. Am Nordende das spektakuläre neue Naturkundemuseum, in Form eines Berggipfels, als Reverenz an die Berge des Trentino - wie die ganze neue Stadt geplant von Renzo Piano.
Spektakulär: das neue Naturkundemuseum in Trient

Ein langer Korridor führt vom Museum in ein Treibhaus mit Pflanzen eines tropischen Bergregenwaldes aus den Udzungwabergen Tanzanias. Gleich hinter dem Eingang leuchten aus einer kleinen Felswand dunkelviolette Blütensterne, die viele von uns eher auf Omas Couchtischchen vermuten würden, als im tropischen Afrika: Usambaraveilchen, die überaus gewöhnlichen, alltäglichen, bescheidenen Topfpflanzen. Ihren Namen haben sie von den Usambarabergen, wie die Udzungwaberge Teil der Eastern Arc Mountains, die sich vom äußersten Südosten Kenias in den Nordosten Tanzanias hinein erstrecken. Von hier traten sie ihre Reise in die Gärtnereien in aller Welt an. Die Wildform des Usambaraveilchens wächst nur in den Eastern Arc Mountains.
 
Eindruck aus aus den Udzungwabergen

Eine Pflanze für kleine Leute, ohne Glamour, nichts zum Angeben – das arme Usambaraveilchen hat ein Spießerimage. Doch das ist völlig unverdient – diese Blümchen wartet mit einer spannenden Geschichte auf.

Kein „Veilchen“

Usambaraveilchen sind, wenig überraschend, keine Veilchen. Sie haben nur die Blütenfarbe mit ihnen gemein. Die Stängel sind niedrig und behaart, die Blüte hat fünf Kelchblätter; auffallend sind die zwei gelben Staubbeutel. Die samtigen behaarten Blätter bilden eine Blattrosette aus; die Pflanze ist ein Flachwurzler. Die Blüten der Wildform sind etwas unregelmäßig geformt, spiegelsymmetrisch(„zygomorph), die Blüten der Kulturformen sind meist symmetrisch. Das Usambaraveilchen wächst in schattigen, feuchten, bemoosten Schluchten.

Hübsch, unempfindlich, preiswert und Erinnerungen an die Kindheit weckend: Nicht umsonst ist das Usambaraveilchen eine der beliebtesten Zimmerpflanzen. Die Wildform hat 11 Unterarten; aus ihnen und der „Mutterpflanze“ Saintpaulia ionantha züchteten Gärtner die vielen Kulturformen. Allein in den Usa – zusammen mit Russland der wichtigste Markt für die Pflanze – gibt es über 2000 Sorten, in Farben von weiß über rosa, hellblau, dunkelblau, lila bis schwarzviolett, mit glatten oder gefransten Blütenblättern, behaarten, glatten, fleischigen, dünnen Blättern, ein-oder zweifarbigen Blüten. Die Zuchtformen sind größer als die Wildform, sie bilden mehr Blüten aus.

Die Pflanzen sind äußerst pflegeleicht und unempfindlich; „dankbar“ – ein altmodisches Wort für unser altmodisches Topfpflänzchen.

Eine von Tausenden Kulturformen

„Aus Afrika“

Bei ihrem Anblick im Treibhaus des Museums in Trient fiel mir ein, dass ich als Kind gehört hatte, das Usambaraveilchen stamme „aus Afrika“. Fragt sich, wie es aus Afrika ausgewandert ist. Die Antwortet ist, wenig überraschend: Kolonialismus.

Die Usambaraberge bestehen aus uraltem, 600 Millionen Jahre altem Gestein, mit steilen Hängen und tiefen Klüften. Sie sind in ein Ost- und ein größeres Westgebirge geteilt. Die Nähe zum Indischen Ozean beschert ihnen hohe Niederschläge (bis 2.000 mm/Jahr). Der ozeanische Einfluss milderte trockene und kalte Perioden während der Eiszeiten. Auch heute sind die Usambaraberge viel nasser als andere Gegenden auf demselben Breitengrad. Durch diese Klimakonstanz sind die Wälder der Usambaraberge seit 30 Millionen Jahren unverändert. Das hat zwei Folgen: Erstens ist der Artenreichtum extrem hoch und zweitens hyperventilieren Biologen vor Begeisterung. Besonders reich sind die Berge an biologisch extrem kostbaren Endemiten, an Pflanzen und Tieren, die nur hier und sonst nirgends auf der Welt vorkommen. Allein 40 Baumarten kommen nur im östlichen Teil des Gebirges vor; Usambara-Uhu, Rote Usambara-Vogelspinne und der Grüne Waldsteigerfrosch leben gut versteckt im Bergnebelwald. Unser Usambaraveilchen gilt als teilendemisch; es kommt ja auch in den anderen Teilen der Eastern Arc Mountains vor.

Von Wilhelmstal nach Herrenhausen

Ab 1895 waren die Usambaraberge Teil Deutsch-Ostafrikas. Im kühlen Bergklima, in dem es keine Malaria gab, legten die deutschen Kolonialherren Farmen, Plantagen und Missionsstationen an. In Wilhelmstal, dem heutigen Lushoto, verbrachten sie ihre Sommerfrische Sie chillten aber nicht nur in der schönen Bergluft, sondern holzten in den Urwäldern, was die Säge hergab. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Tanzania („Tanganjika“) britisches Protektorat. Es wurde munter weitergesägt, bis in die Siebziger Jahre, in denen die Finnen ein Sägewerk betrieben. Sie waren es auch, die erste Initiativen zum Schutz der Wälder starteten. Heute sind 30 % der ursprünglichen Regenwälder erhalten, sehr viele Schutzgebiete sind eingerichtet. Tanzania verfolgt hier wie auch in den berühmten Savannen-Nationalparks wie der Serengeti eine entschlossene Naturschutzpolitik. Wegen der großen Zahl von Endemiten sind die östlichen Usambaraberge seit dem Jahr 2000 als biodiversity hotspot der UNESCO ausgewiesen, als einer von nur 34 auf dem gesamten Planeten.
Wilhelmtal, heute Lushoto, in den Usambarabergen

Touristisch ist das Gebiet wenig erschlossen, doch gibt es Trekkingwege und Programme für Naturliebhaber. Lushoto ist Ausgangspunkt für Ausflüge und naturkundliche Wanderungen in die Usambaraberge. Ein großes Problem ist der Bevölkerungsdruck im Gebiet; die Usambaraberge gehören zu den ärmsten Gebieten Tanzanias. Die Geburtenrate ist mit 4 % doppelt so hoch wie im Rest des Landes.

Das Zeitalter der großen Entdeckungen und des Kolonialismus richtete bei den „Entdeckten“ und Kolonisierten großes Unheil an. Weniger unerfreulich war, dass das Interesse für exotische Pflanzen und Tiere in Europa erwachte, Forscher auf ihren Expeditionen Tausende neuer Arten sammelten, beschrieben und versandten. Die Obsession der Briten für Pflanzen aller Art stammt aus jener Zeit; von George Banks, der mit Captain Cook nach Australien reiste, war auf dieser Seite im Kapitel über die Brotfrucht schon die Rede. Peter Collins war im 18. Jahrhundert Importeur Tausender nordamerikanischer Pflanzen nach England, gesammelt und verschifft von John Bartram. In Deutschland (eigentlich in Preußen) waren es vor allem Vater und Sohn Forster (letzterer mit Cook auf dessen zweiter Reise auf dem Schiff) und natürlich Alexander von Humboldt, die Nachrichten, Proben, Material mitbrachten. Sie bedienten die Neugier auf und das Interesse für fremde Länder, das Studium der belebten und unbelebten Natur im Zeitalter der Aufklärung.

In dieser Tradition stand auch Adalbert Emil Walter Redliffe le Tanneux von St. Paul-Ilaire („Baron Walter“), deutscher Gouverneur des Distrikts Usambara, als er 1882 einige Exemplare und Samen einer unscheinbaren Pflanze in die Heimat sandte. Hermann Wendland, Oberhofgärtner der Herrenhofer Gärten in Hannover bestimmte und beschrieb 1893 die Pflanze, benannte sie wissenschaftlich Saintpaulia zu Ehren des Einsenders. So kam das Usambaraveilchen „aus Afrika“ nach Europa.

Walter von St.Paul-Ilaire, der Namengeber

Die barocken Herrenhäuser Gärten waren mehr als hundert Jahre zuvor der Ort gewesen, in dem Gottfried Wilhelm Leibniz Tausende von Stunden sinnierend und philosophierend verbracht hatte. Die Lehre der „Monaden“ als letzte Elemente der Wirklichkeit ersann er hier. Die Blätter der Hecken, eines den anderen gleich und trotzdem verschieden, erhellten ihm die Vielheit in der Einheit der Natur. Auch hier ein hotspot also, diesmal der europäischen Philosophie.
Herrenhäuser Gärten, in denen sich ....
 
...Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erging.

 
Abbildungen:
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C:W. Allers 1
Ekenaes 1
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Herzog Anton Ulrich Museum 1