Freitag, 26. Juni 2015

Gemeine Esche


Juni 2015

Gemeine Esche

Fraxinus ornus

 

Ein unauffälliger Baum, ein vertrauter Anblick
 

Das Erbe des Kolumbus

Bevor wir uns der europäischen Esche, unserer Pflanze des Monats zuwenden, machen wir einen kurzen Abstecher auf die Philippinen. Ein Volkslied dort besingt den Bahay Kubo, das traditionelle Einraumhaus. Ein Garten gehört dazu, zusammen mit einer langen Reihe verschiedenster Gartenfrüchte*:

Yambohne, Aubergine,
Flügelbohne, Erdnuss,
Spargelbohne, Limabohne,
Helmbohne, Wachskürbis,
Schwammkürbis, Flaschenkürbis,
Riesenkürbis.
Rettich, Senf, Zwiebel,
Tomate, Knoblauch, Ingwer
Und allüberall sind Sesamsamen.

So sieht der altehrwürdige, traditionelle und ursprüngliche Garten des Bahay Kubo aus. Doch stammen ausnahmslos alle dieser Pflanzen nicht von den Philippinen, sondern aus Amerika, Afrika und Ostasien.

Sie sind der ferne Anklang an eine Reise, die einen Mann, der sich Kolumbus nannt‘, 1492 von Madeira über den Atlantik nach Indien bringen sollte. Nach Indien kam  er nicht, denn etwas lag im Weg: Der Kontinent, den wir heute Amerika nennen.

Mit Kolumbus begann die große Zeit der Seefahrer und Entdecker – Vasco da Gama, Magellan, Pizarro. Sie waren auf der Jagd nach Silber, Gold, Seide und Gewürzen. Mit ihnen fuhren auch Ratten, Katzen, Kakerlaken über die Meere, Stare, Schwalben und Tomaten; Kürbis, Mais, Kartoffeln und Hunderte anderer Tiere und Pflanzen mehr.

Die Verfrachtung neuer Arten über Kontinente durch den Menschen wird der Kolumbianische Austausch genannt. Er brachte die Kartoffel aus den Anden nach Europa und in die Berge Asiens; Mais und Maniok nach Afrika; Tabak, Reis, Orangen in alle Kontinente. Pflanzen aus Nordamerika - Tulpenbäume, Glyzinien, Robinien, Fuchsien und Hortensien - lösten ab dem 17. Jahrhundert die Gartenmanie der Engländer aus.
 
Botaniker, Zoologen und Biogeographen teilen ihre Zeitrechnung in die Zeit vor und nach Kolumbus ein, für sie begann die Globalisierung um 1500.

Die meisten der neuen Organismen blieben in der Nähe des Menschen, in seinen Gärten, Äckern und Ställen. Manche versuchten auch, in die neuen Ökosysteme einzuwandern, meistens mit fatalen Folgen für sie: Mehr als 90 % der eingewanderter Arten können gegen die Konkurrenz der alteingesessenen nicht bestehen und verschwinden bald wieder. 
 
Manche Organismen breiten sich erfolgreich in neue Ökosysteme aus, aus denen sie zwischenzeitlich verschwunden waren. So begann der europäische Regenwurm, sich in den nordamerikanischen Böden vorzuwühlen, – er war seit der letzten Eiszeit ausgestorben, die Europäer hatten ihn wieder zurückgebracht. Mittlerweile hat er den ganzen nordamerikanischen Boden durchgekaut und wieder ausgeschieden.

Güter und Menschen bewegen sich heute immer schneller, weiter und öfter über den Globus. Der - meist unabsichtliche -  Transport von Arten hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.

Einige eingeschleppten Arten pflügen Ökosysteme grundlegend, nachhaltig, unumkehrbar um oder zerstören sie vollkommen. Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich das Kaninchen, das den australischen Kontinent zutiefst veränderte. Manche gefährlichen Einwanderer sind winzig klein, nur wenige Tausende Millimeter groß: Es sind die Sporen von Pilzen. Ein asiatischer Pilz rottete die nordamerikanische Edelkastanie fast aus, ließ auch die europäischen Bestände großteils verschwinden. Die europäischen Ulmen fielen dem Wüten eines ostasiatischen Schlauchpilzes, übertragen vom Ulmensplintkäfer, zum Opfer. Und als nächste, so scheint es, ist die europäische Esche dran.

Kränkelnde (links) und gesunde Esche

Weltenbaum Esche


Weltenbäume waren in vielen Kulturen Symbole des Göttlichen und des Kosmos. In Indien war es der Bodha – Baum, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand; in Mexiko wand sich die heilige Schlange Quetzalcoatl um den Weltenbaum. Im Erdreich verankert, ragen Götterbäume in den Himmel, verbinden Menschen und Götter. Die Krone stützt das Himmelsgewölbe, sie gewährt Schutz vor Wind und Wetter und nährt die Fackel.

Der Weltenbaum der Germanen war Yggdrasil, die Esche. In der Edda wird beschrieben, wie Yggdrasil alle Reiche des Kosmos verbindet, die Unterwelt, die Menschenwelt und die Götterwelt der Asen. Die Krone der Weltesche reicht über den Himmel hinaus, ihre Zweige bedecken die Welt. Die Krone ist Asgard, der Wohnsitz der Götter, eine der Wurzeln reicht bis in die Unterwelt. In Niflheim sitzt der Drache Nidhögg und nagt an der Wurzel Yggdrasils. Er wird den Weltenbaum zum Welken bringen, am Tag der Götterdämmerung.
 
Gut zum Speerschnitzen: das harte Eschenholz
 
 
Der Grund, warum ausgerechnet die Esche eine so große Rolle im Mythos einnimmt, liegt in der Bedeutung, die der Baum für den Krieg hatte: Der Speer der Germanen war aus Eschenholz geschnitzt. In Wagners Götterdämmerung schnitzt Wotan sich seinen Speer aus einem Ast der Weltenesche. Das helle Holz der Esche ist sehr hart und elastisch und sehr gesucht für Geräte, die mechanischen Belastungen ausgesetzt sind. So sind Tennisschläger, Reifen und Turngeräte und die Stiele von Gartengeräten und Werkzeugen aus Eschenholz, ebenso wie die Skier unserer Altvorderen. Auch für hochwertige Möbel und Parkettböden wird Esche verwendet.

Zusammengesetztes Blatt
 
 
Pflanzen erkennt man an ihren Blättern; die Vielfalt der Blattgestalten entspricht der Vielfalt der Pflanzen. Bei der Esche ergibt sich die Frage, welches nun ein Eschenblatt ist – die einzelne kleine Blattfieder oder das Ensemble, das um den Blattstiel aufgefädelt ist? Botanisch gesehen, sitzt an der Basis eines jeden Blattes eine Knospe, aus der im folgenden Jahr wieder ein Blatt oder eine Blüte hervorgehen. An der Basis der kleinen Eschenfiedern sitzt keine Knospe, die finden wir erst an der Basis des Blattstiels. Eschen haben sogenannte zusammengesetzte Blätter, ähnlich wie z.B. Vogelbeeren oder Nussbäume.
 
Am Fuß jedes Blattes eine Knospe
 
 Aus den wenig auffälligen dunkelroten Blüten der Esche entwickeln sich die geflügelten Samen; die Blüte ist noch vor dem Austreiben der Blätter abgeschlossen.

Der wissenschaftliche Name der Esche Fraxinus kommt vom griechischen phraxos – Einzäunung – und weist auf eine weitere Eigenschaft der Esche hin: Ihre Krone kann in jede gewünschte Form geschnitten werden und nimmt es auch nicht übel, wenn sie immer wieder geschnaitelt, d.h. ihrer Blätter beraubt wird. In manchen Gegenden, z.B. in Südtirol, findet man Schnaiteleschen neben den Wegen, oder sie markieren, zu markanten Baumkrüppeln geschnitten, die Grenze der Wiese oder des Felds. Im recht trockenen Südtirol ist die Esche von Natur aus ein seltener Baum; sie wurde aber vom Menschen weit verbreitet. Die Esche ist eigentlich ein Baum der Talböden; sie bevorzugt feuchtes Klima und ist ein Charakterbaum des periodisch überfluteten Auwaldes.

An talnahen Orten wie Eschenlohe oder Grafenaschau wachsen Eschen gut; auch der Name Eschenbach weist auf die Vorliebe der Esche für feuchte Standorte hin.

Welt ohne Weltenbaum


Dieser Baum ist unauffällig, und unauffällig hat sich die tödliche Gefahr an ihn herangemacht. Vor über zehn Jahren sah man im Baltikum und in Polen immer mehr Eschen mit abgestorbenen Zweigen, bald auch tote junge Bäume. In Mitteleuropa trat die neue Eschenkrankheit um 2008 das erste Mal auf. Mittlerweile stehen im Wald und der freien Landschaft viele kranke oder tote Eschen.



Die Spitze trifft es zuerst: Symptome des Eschensterbens
 

Als Ursache fand man bald das Weiße Stängelbecherchen, einen kleinen Pilz, der sich im Sommer auf den Spindeln der Blätter vom Vorjahr entwickelt. Doch dieser Pilz war seit langem als harmlos bekannt. Was hatte ihn auf einmal in ein Raubtier verwandelt, das seine Beute in kurzer Zeit zur Strecke bringt? Eine DNA-Analyse brachte 2010 Klarheit: Das virulente „neue“ Stängelbecherchen war ein anderer Pilz, eine Schwesternart des alten, harmlosen. Wahrscheinlich ist es identisch mit einem japanischen Pilz, der japanische Eschen befällt und dort wenig Schaden anrichtet. Von Japan aus trat er seine kolumbische Reise über die Kontinente an.

Eschen gehören zu den charakteristischen Bäumen von Mischwäldern auf feuchten Böden. Das Eschensterben bedroht nun ihren Fortbestand in Mitteleuropa.
 
Braune Verfärbungen der Blätter und Welke sind die ersten Symptome; über die Blattspindel dringt der Pilz in Zweige, Äste und das Holz des Stammes ein. Bald verstopft der Pilz die Leitungsbahnen; der Baum stirbt von oben her ab. Hellbraune Flecken an der Rinde der Zweige, Nekrosen am Stammfuß kommen dazu. Viele Eschen bilden sekundäre Seitenzweige, die wie Bürsten an den dürren Ästen abstehen.

Was tun? Die Pilzsporen befinden sich überall in den europäischen Ökosystemen, wenn nicht im Boden, so in der Luft – dass wir sie wieder loswerden, können wir nicht hoffen. In England bekämpft man den Pilz: In Pflanzgärten vernichtete man Hunderttausende Sämlinge, die aus Europa importiert worden waren. Befallene Eschen verbrennt man, wo immer man ihrer habhaft wird. Die splendid isolation der Insel fehlt auf dem Kontinent; man weiß, dass eine aktive Bekämpfung sinnlos ist. In Dänemark sind inzwischen 90 % der Eschen abgestorben.

In befallenen Beständen gibt es immer wieder Individuen, die keine Symptome entwickeln. Manche Quellen sprechen von 10 % der Eschen, denen der Pilz nichts anhaben kann. Auf ihnen liegt die Aufmerksamkeit der Forstleute – von ihnen könnten die Eschen der künftigen Waldgeneration kommen. Doch werden wir wohl für Jahrzehnte auf den Anblick von Eschen in Alleen, an Bachläufen und in Wäldern verzichten müssen.

*Charles C. Mann. Kolumbus' Erbe. Hamburg 2013

Montag, 18. Mai 2015

Gewöhnliche Traubenkirsche


Mai 2015

 

Gewöhnliche Traubenkirsche

Prunus padus Mill.

 

Tröstlich ist, dass es andern auch so geht: Jedes Jahr im Frühjahr habe ich das Gefühl, die Hälfte der Vogelstimmen nicht mehr zu kennen. Ein anderes Problem sind die vielen weiß blühenden Sträucher, die alle irgendwie gleich ausschauen – ziemlich peinlich für eine studierte Försterin. Eine weiß blühende Staude aber macht es einem leicht, sie zu bestimmen; zur Belohnung darf sie deshalb diesen Monat in unseren Blog: die Traubenkirsche.
 



Ihre weißen Blüten und später im Herbst die schwarzen Beeren hängen in Trauben vom Zweig. Die Traubenkirsche ist unverkennbar, ebenso ihre Blätter: Die Blattnerven reichen nicht bis an den gezähnten Blattrand, sie machen vorher „die Biege“ Richtung Blattinneres. Die Traubenkirsche ist ein Strauch oder kleiner mehrstämmiger Baum, zwei bis zwölf Meter hoch. Volkstümliche Namen der Traubenkirsche sind Sumpfkirsche, Elsenkirsche, Elsner, in Österreich Ösn (Elsen).
 
Blüten hängen in Trauben


Blattnerven machen die Biege
Elzenbaum heißt ein kleines Dorf nahe meiner Heimatstadt Sterzing in Südtirol. Es steht über dem längst trockengelegten, berühmten (gut, örtlich berühmten) Sterzinger Moos. In den Zwanziger Jahren begannen die faschistischen Machthaber Italiens, die deutschen Ortsnamen in Südtirol zu „übersetzen“, das heißt, mit Krampf eine italianità, die es in Wahrheit nicht gab, zu konstruieren. An manche Namen wurde nun ein o angehängt (Merano); andere Übersetzungen verraten eine gewisse Grenzdebilität (Moos – Moso). Das Dörfchen Elzenbaum wurde zu Pruno. Hier hatte sich der Übersetzer doch Gedanken gemacht. „Elzenbaum“ ist ein volkstümlicher Name der Traubenkirsche, Pruno bezieht sich auf den lateinischen Namen der Traubenkirsche, Prunus padus – wobei Padus der lateinische Name des Po war.
Im Moos unterhalb Elzenbaums wuchsen einst die Elzenbäume
Die Poebene – und das Sterzinger Moos - waren sicher ein guter Ort für Traubenkirschen, denn die ist ein Baum der Sümpfe und Auwälder. Trockenheit mag sie nicht, doch wächst sie auch außerhalb der Ebenen auf Hügeln und an Wegrändern, solange das Klima feucht genug ist. Der Name der Pflanze im Moos war auf das Dorf Elzenbaum übergegangen.

Im späten Frühling bieten manche Traubenkirschen einen bizarren Anblick: Zweige und Stamm sind von einem feinen weißen Gespinst überzogen. Darunter wuseln Abertausende Raupen, die den Baum ratzfatz kahlfressen. Es sind die Raupen der Traubenkirschen-Gespinstmotte, eines weißen Insekts, das nur auf der Traubenkirsche seinen Lebenszyklus vollendet. Der Baum übersteht den Kahlfraß meist ohne größeren Schaden und treibt neu aus. Bald verpuppen sich die Raupen unter dem Gespinst, aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge, die sich alsbald auf die Suche nach neuen Traubenkirschen machen – angelockt vielleicht vom Fischgestank der Wirtspflanzen.
So fängt es an, im Mai und....


....ratzfatz ist das Radl kahlgefressen

 Ja, richtig gelesen: Traubenkirschen riechen für menschliche Nasen unangenehm. Der Grund sind die vielen Amine in ihren Blüten. Amine sind chemische Stinker, Abkömmlinge des Ammoniums. So geht der Geruch nach Fäkalien und verdorbenem Fleisch auf Amine zurück (Methyl-, Ethyl und Trimethylamin). Auch Holz und Rinde der Traubenkirsche riechen stark und sind dazu noch giftig, sie enthalten Amygdalin, das Bittermandel-Gift.

Nun also hinaus ins Freie, um sich an Traubenkirschen zu erfreuen. Den weißblühenden Weißdorn kennen eifrige Eulenblick-Leser ja schon vom Blogeintrag vom Mai 2012. Nächstes Frühjahr kommt dann der nächste Weißblühende dran. Bis ich neunzig bin, sollten ein paar zusammengekommen sein.

Angelika Schneider

Auf in's Freie, um sich an Traubenkirschen zu erfreuen

Fotos:
Wolf Schröder 2
Angelika Schneider 1
Wikipedia Commons 1
Sven Sandberg 1
Cala 1








Dienstag, 21. April 2015

Gänseblümchen

Pflanze des Monats April

Gänseblümchen
Bellis perennis

Bellis perennis – die ausdauernde Schöne nannte sie Carl von Linné, der schwedische Botaniker, den wir schon öfter als den Schöpfer der zweiteiligen wissenschaftlichen Benennung der Organismen kennengelernt haben. Ausdauernd ist das Gänseblümchen auf zweifache Weise: Im Frühjahr treibt es aus einer Blattrosette aus, die sich über Jahre immer wieder erneuert; die bringt dann bis in den Herbst hinein immer neue Stängel hervor, auf denen ein einzelnes Blütenköpfchen sitzt. Wer sich auf Augenhöhe mit dem Gänseblümchen begibt, sprich sich ins Gras legt, wird aus der Blattrosette Stängel um Stängelchen nacheinander austreiben sehen.
 
Stängel um Stängelchen aus der Blattrosette....

Das Gänseblümchen könnte auch Mauerblümchen heißen, so bescheiden kommt es daher. Jeder kennt es, die meisten würden es wohl eher „hübsch“ als „schön“ nennen. Beachtung findet es, weil es als eine der ersten Blumen auf den Wiesen erscheint. Ursprünglich im Mittelmeer heimisch, breitete sich das Gänseblümchen auf den vom Menschen gerodeten Flächen seit der Antike über ganz Mittel- und Nordeuropa aus. Heute kommt es auch in Nord- und Südamerika vor, als ein Element des so genannten kolumbischen Austauschs, der die Verbreitung von Organismen durch den Menschen hin und her über alle Kontinente nach dem Jahr 1500 beschreibt.

Manch einem muss das Gänseblümchen aber auch wirklich gefallen haben: Tausendschön ist einer seiner vielen deutschen Namen, ein anderer Maßliebchen. „Maß“ kommt aus dem altsächsischen Mat und heißt Speise; die bayerische Mass gehört hierher (Bayern wissen vom Grundnahrungsmittel Bier), der Maat und der Mäpel, der Feldahorn. Das Maßliebchen kann man essen; es liefert Zucker und vor allem Vitamine, auf die früher die Menschen nach dem langen Winter ganz wild waren. Zum Thema Maß und Speise siehe auch den Eulenblick vom Oktober 2010 über die verschiedenen Ahorne.

Lila angehaucht im Morgenlicht



Der Namen des Gänseblümchens kommt von den Kelten, die die Sonne als kosmische Gänsemagd betrachteten – am Morgen (im Frühling) trieb sie die Gänse auf die Wiese, am Abend (im Herbst) wieder zurück in den Stall. Durch die lange Blütezeit des Gänseblümchens von Frühling bis Herbst war es deshalb die Blume der göttlichen Gänsemagd.* Auch durch die gelb-weiße strahlenförmige Blüte war es ein Sonnensymbol. Im Englischen heißt das Gänseblümchen Daisy, das kommt von day‘s eye, eine Anspielung auf seine Fähigkeit, die Blüte bei Dunkelheit und regnerischem Wetter zu schließen. Margheritina – kleine Margerite – heißt das Gänseblümchen im Italienischen. Doch ist, anders als bei der größeren Schwester, die Außenseite der Kelchblätter rötlich-rosa angehaucht, manch ganz geschlossene Blüte wirkt im frühen Morgenlicht weinrot oder dunkel-violett.


Göttliche Gänsemagd der Kelten
 
Das Blütenköpfchen ist eigentlich ein Bündel einzelner – gelber – Röhrenblüten (bis über 100), die mit ihrem Zusammenschluss und dem weißen Kranz von (sterilen) Zungenblüten ein Ensemble bilden, das Bestäuber besser anlockt als eine Einzelblüte. So eine Schaufunktion von Blütenverbänden ist uns im Blog über das Edelweiß schon begegnet (August 2012)

Mittelalterliche Wimmelbilder


Auf Gemälden aus dem Spätmittelalter ist das Gänseblümchen oft unter glamourösen Vertreterinnen der floristischen Haute volée abgebildet – mit Lilie, Rose, Akelei, Veilchen, Maiglöckchen, Malve oder Levkoje. Diese Schönen schmücken den Garten Mariens, den Hortus conclusus, bilden schützende Lauben und ihrem Fuß schmeichelnde Blütenteppiche. Die Pflanzen waren Mariensymbole – die Lilie für die Reinheit der Jungfrau, die Rose für die Liebe, das hängende Köpfchen der Akelei für die Sorge Mariens, das Gänseblümchen – natürlich – für ihre Demut und Bescheidenheit.

Who 's who: Mittelalterliches Wimmelbild
 
Das Frankfurter „Paradiesgärtlein“ des Oberrheinische Meisters (um 1410) ist ein mittelalterliches Wimmelbild; fast eine aristotelische Sammlung exakt abgebildeter Vögel und Pflanzen: Akelei, Ehrenpreis, Erdbeere, Frauenmantel, Gänseblümchen Goldlack, Immergrün, Kirsche, Klee, Lilie, Märzenbecher, Maiglöckchen, Malve, Margerite, Samtnelke, Pfingstrose, Rose, Schlüsselblume, Schwertlilie, Senf, Rote Taubnessel, Veilchen, Wegerich, Chrysantheme, Astern, Johanniskraut und Levkoje sowie Eisvogel, Kohlmeise, Dompfaff, Pirol, Buchfink, Rotkehlchen, Buntspecht, Seidenschwanz, Gimpel, Schwanzmeise, Blaumeise, Wiedehopf, Libellen und Weißlinge.**

`Ne Idee von Gänseblümchen

Glamouröse Freundinnen: Gänseblümchen mit Florentiner Lilie

 

Natürlich kommt das Gänseblümchen auch auf dem berühmtesten Blütenteppich der italienischen Malerei vor, der Primavera des Sandro Botticelli von 1478. Botticelli malte den Garten der Venus, der Titel Primavera - Frühling stammt aus späterer Zeit. An die 500 Pflanzen sollen auf diesem Gemälde dargestellt sein, von Tanne, Lorbeer, Myrthe, Zypresse, Wacholder im Hintergrund bis zu den 190 blühenden Blumen des Rasens und des Blütenkranzes der Flora. Es ist ein profanes Bild, Maria wird  von Venus abgelöst, Merkur bewacht den Garten der Venus - den Heiligen Hain. Flora, die Göttin der Blüte und bäuerlichen Arbeit, streut Blumen, der Reigen der drei Grazien, der geflügelte Cupido, Zephyr und die Nymphe Chloris ergänzen das Tableau.
Flora im floralen Design
 

Viel ist über die Bedeutung dieses Bildes spekuliert worden. Eine Deutung nimmt sich der Rolle der Natur auf diesem Bild an. Die Darstellung der Pflanzen durch Botticelli  folgt der neuplatonischen Philosophie der Renaissance und den Reflexionen ihres Hauptvertreters, Marsilio Ficino. Ficino fordert geistige Harmonie in der Verbindung von Einzelteilen, Harmonie der menschlichen Gestalt, Harmonie von Farben und Konturen. Vor allem aber sollte die Kunst sich an der platonischen Ideenlehre orientieren. Dem abgebildeten Gegenstand ist seine Idee inhärent. Durch die Darstellung der Idee der Natur übertraf der Künstler die Natur selbst. Mit der Wiedergabe der Idee, die das Göttliche in sich birgt, überwindet der Künstler also die Natur; so wie die platonische Idee die Materie überwindet. Botticellis folgte in seiner Malerei diesen neuplatonischen Prinzipien.

Jetzt hat uns das Gänseblümchen doch glatt in das Dickicht der platonischen Ideenlehre geführt, aus dem die geschätzten Leser hoffentlich bald wieder herausfinden werden.

Im Dickicht der platonischen Ideenlehre

P.S. Eine ganz andere, historisch-politische Deutung der Primavera gibt Horst Bredekamp in seinem Buch Sandro Botticelli Primavera (Berlin 2002). Hier geht es vor allem um dynastische Raufereien verschiedener Fraktionen der Medici in Florenz.

*Hortipedia
**Wikipaedia
Foto: Wolf Schröder (2) Wikipaedia Commons (5)

Samstag, 21. März 2015

Brotfruchtbaum

Brotfruchtbaum
Artocarpus altilis

Weltreich der Botanik

In den Jahrzehnten nach seiner Rückkehr von der Expedition auf James Cooks Endeavour (s. Post vom Februar 2015) setzte Joseph Banks Einfluss und Vermögen ein, um den Aufstieg Englands zum Weltreich voranzutreiben. Er wurde zu einem der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung im Königreich. Banks‘ Haus am Soho Square wurde zum Zentrum der botanischen Wissenschaft und Treffpunkt von Wissenschaftlern aus aller Welt. Täglich traf man sich hier beim Lunch zu gelehrten Gesprächen und üppigen Mahlzeiten. Banks, der einmal als der schönste Mann Englands gegolten hatte, trug schon bald eine ansehnliche Wampen vor sich her. Die Gäste arbeiteten in der gigantischen, 20.000 wissenschaftliche Werke bergenden Bibliothek oder im Herbarien-Saal, wo Tausende getrockneter Pflanzen aus aller Welt auf ihre Erforschung und Klassifizierung warteten. Banks spann ein Netz von Kontakten zu Pflanzenlieferanten aus aller Welt: Händler, Diplomaten und Missionare schickten Pflanzen und Samen, auch Kapitän Cook brachte von seinen weiteren Reisen neue Spezies mit. Die neuen Zier- , Nutz- und Gartenpflanzen lösten zuerst im Adel, dann im Bürgertum die an eine milde Form von Irrsinn grenzende Hingabe der Engländer ans Garteln aus. *

Auch der König schätzte seinen Mann: 1773 ernannte George III ihn zum Supervisor der königlichen Gärten von Kew, 1778 zum Präsidenten der Royal Society, der ruhmreichen Akademie der Wissenschaften. Über vier Jahrzehnte sollte er ihr vorstehen; kein Geringerer als Isaac Newton war einer seiner Vorgänger.



Er liebt Jackfrucht

 
Als Folge des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges waren in der Karibik Getreidelieferungen ausgeblieben. Auf den amerikanisch-englischen Zuckerrohrplantagen verhungerten in den Jahren 1780-1787 15.000 Menschen, die meisten davon Sklaven. Auf Auswege sinnend, erinnerte sich Joseph Banks  der Brotfrucht oder Jackfrucht, die er auf Haiti kennengelernt hatte, als Kohlenhydratlieferant und Grundnahrungsmittel. Er hielt die Frucht für ideal, um die Sklaven der Karibik ("Westindiens") zu ernähren, um sie gesund und kräfig zu erhalten, damit sie auf den Plantagen umso besser schuften konnten.

Das Panem aus Nesien

Der Brotfruchtbaum stammt aus Südostasien, genauer aus Poly-, Micro- und Melanesien. Schon vor 3000 Jahren wurde die Pflanze auch in Südindien und Sri Lanka angebaut. Auf Hawaii ist sie seit mindestens 1000 Jahren bekannt. Ihr Name sagt es: Die Früchte des Brotfruchtbaums (Jackfruit - Jackfrucht) sind in den Tropen ein weit verbreitetes Grundnahrungsmittel; sie werden bis 6 kg schwer.

Der Baum wird bis 20 m hoch, die Blätter sind gelappt und bis 60 cm lang. Sein Anbau ist unkompliziert, aus Stücken von Wurzelsprossen oder -Schösslingen treiben neue Pflanzen aus. Der Brotfruchtbaum beschattet den Boden und schützt ihn mit seinen Wurzeln vor Erosion durch die tropischen Regenfälle. Dort, wo der Baum andere Feldfrüchte ersetzt, reduziert er auch die für die Fruchtbarkeit und den Erhalt des Bodens gefährlichen Brandrodungen.


Brotfrucht- Blatt, Blüte, Frucht
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kartoffel der Karibik

Nach drei bis fünf Jahren trägt der Brotfruchtbaum erste Früchte; danach noch Jahrzehnte lang. Je nach Sorte ist die Schale der Früchte glatt, rauh oder stachlig.

Außerst vielfältig ist auch die Art der Verwendung. Die Frucht kann in jedem Reifestadium genossen werden, unreif als Gemüse oder Mus, reif als ganze rohe Frucht oder getrocknet und zu Mehl vermahlen. Man kann die Jackfrucht frittieren, braten, backen oder kochen - eine Kartoffel der Karibik.
Auf Hawaii forscht das an den dortigen Botanischen Garten angeschlossene Breadfruit Institute an der Brotfrucht und fördert deren Verbreitung weltweit in den Tropen. Dort werden alle der Dutzende von Varietäten gezüchtet und gesammelt (Breadfruit Collection) oder in der Global Nutrition Initiative eingesetzt.

Autoritäte Autorität

Joseph Banks machte den Lobbyisten für die westindischen Plantagenbesitzer, die den Transport der Brotfrucht in die Karibik nicht selbst finanzieren wollten. Schließlich rüstete die Krone ein Schiff aus, das Brotfruchtsamen und –Stecklinge von Tahiti nach Westindien bringen sollte. Joseph Banks bestimmte bis ins letzte Detail, wie das Vorhaben ablaufen sollte. Er hatte die Autorität – und er war autoritär, übte die die totale Kontrolle aus. Das Schiff war eine schwimmende Gärtnerei, der Bug voller Fässer, die in Tahiti mit bestem Wasser gefüllt werden sollten, damit David Nelson, der von Sir Joseph mitgeschickte Gärtner, die Stecklinge vom Salzwasser reinigen konnte. Das faulige Wasser, das die Matrosen bekamen, war einer der Gründe für die späteren Geschehnisse auf dieser Fahrt; die Umwandlung der Kapitänskajüte in ein Treibhaus für Brotfruchtpflänzchen und die Verbannung des Kapitäns in eine fensterlose Koje ein weiterer. Im entscheidenden Moment fehlte dem Kapitän das, was Joseph Banks im überreichen Maße besaß – seine Autorität. Dazu kam, dass das Schiff ohne bewaffnete Marineinfanteristen unterwegs war, die am 28. April 1798 die Ruhe auf dem Schiff hätten gewährleisten können, als das Unglück seinen Lauf nahm. Viele werden es ahnen:  Der Kapitän war William Bligh, der Anführer der Meuterer Christian Fletcher und das Schiff war die Bounty.

Im September 1787 war sie in See gestochen. Die Reise stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Bligh scheiterte mehrmals mit dem Versuch, Cap Horn zu umschiffen. Er änderte daraufhin seine Route, segelte nach Osten über den Atlantik und um das Cap der Guten Hoffnung. Er näherte sich Tahiti von Westen – dadurch verlängerte sich die Route um 10.000 Seemeilen. Letztlich erreichte er die Insel, 1500 Stecklinge des Brotfruchtbaum wurden geladen; die Bounty segelte Richtung Jamaica. Nie sollte sie dort ankommen; sie hatte sich in den Weiten des Pazifiks verloren.

Fletcher Christian setzt Bligh und seine Getreuen auf dem Pazifik aus

Anfang 1790 erhielt Joseph Banks einen Brief von Kapitän Bligh – aus Batavia, dem heutigen Indonesien. Geschwächt von der Malaria, schrieb Bligh von seinen und seines Schiffes Fährnissen: Drei Wochen nach der Abfahrt von Tahiti hatte ein Teil der Mannschaft eine Meuterei angezettelt, unter der Leitung des 2. Offiziers Fletcher Christian. Bligh, dessen Autorität völlig dahin war, war von den Meuterern zusammen mit 16 Getreuen, darunter Nelson, dem Gärtner, auf einer 7 m langen Schaluppe auf dem Ozean ausgesetzt worden. Nach 48 Tagen und fast 4000 Seemeilen strandeten sie in Timor. Dort starb Nelson am Fieber. Bligh und die seinen gelangten schließlich nach Batavia und von dort zurück nach England.
Joseph Banks war kein Mann, der aufgab. Nach zwei Jahren stach Bligh erneut in See; diesmal gelangten 600 Brotfruchtbäumchen von Tahiti in die Karibik, nach Saint Vincent und Jamaica. Bald wurden überall in den Zuckerrohrplantagen Brotfrüchte angebaut, obwohl die Sklaven sie nicht recht mochten. Literarisch aufgearbeitet und oft verfilmt, wurde die Meuterei auf der Bounty zur Legende. Dass eine Pflanze wie die Brotfrucht und die Obsession eines Mannes die letzte Ursache waren, ist heute kaum bekannt.

 

*The Brother Gardeners: A Generation of Gentlemen Naturalists and the Birth of an Obsession Paperback – March 9, 2010 by Andrea Wulf
Fotos: Wikimedia Commons (2), Breadfruit Institute (1)

Sonntag, 1. März 2015

Sägezahnbanksie

 

Sägezahnbanksie

Banksia serrata

Unsere Pflanze des Monats kommt aus Australien. Für europäische Augen hat sie wie viele Gewächse aus Down Under ein einigermaßen bizarres Aussehen. Doch zuerst wollen wir einen Blick auf ihren Namenspatron werfen, auch er ein bemerkenswertes Gewächs aus England.


Sägezahn-Banksie: Blütenstand thront über Sägezahnblättern

Botanisieren geht über Studieren

"Ich habe mir vorgenommen, mir drei Jahre an Zerstreuung zu gewähren, um ich meiner bevorzugten Tätigkeit zu widmen." So Joseph Banks (1743-1820), englischer Gentleman, reicher Privatier und einer der größten Großgrundbesitzer Englands. Die "bevorzugte Tätigkeit" Banks' war das Sammeln und Klassifizieren von Pflanzen. Als Student an der Universität Oxford sah man ihn selten in Vorlesungen, oft in Wäldern, Auen und Wiesen: Botanisieren ging über Studieren.


Sir Joseph Banks 1743-1820

1768, mit 25 Jahren, kaufte er sich mit 10.000 Pfund in die berühmte ersten Expedition James Cooks auf der Endeavour ein. Dort wollte er sich seine drei Jahre lang zerstreuen. Das war nicht einfach: Auf der 26 Meter langen Endeavour drängten sich über neunzig Seeleute. Banks kam dazu, doch war er nicht allein: Zwei Pflanzenmaler, ein Sekretär und - so viel musste einem Gentleman zugestanden werden - vier Diener kamen mit. Wichtigster Reisegefährte aber war der schwedische Botaniker Daniel Solander, wissenschaftlicher Zögling des größten seiner Zunft, Carls von Linné, dem Erfinder der binären Nomenklatur zur wissenschaftlichen Klassifizierung der Arten ("Homo sapiens"). Dem eitlen und eifersüchtigen Linné passte es gar nicht, dass Solander mit Banks ins Abenteuer zog.


Daniel Solander 1733-1782

Zwei Hauptziele hatte Cooks Expedition, die Beobachtung des Venusdurchgangs vor der Sonne von Tahiti aus und die Landung auf der Terra Australis Incognita, dem heutigen Australien. Der Durchgang der Venus vor der Sonne wurde von verschiedenen Punkten der Erde aus beobachtet; der Vergleich der Daten erlaubte präzisere Entfernungsmessungen im Planetensystem.

Manisch-obsessiver Müßiggang

1769 ankerte die Endeavour also vor Tahiti. Banks und Solander sammelten Pflanzen im Hinterland, über 300 Arten waren zuletzt wissenschaftlich klassifiziert. Die Endeavour fuhr weiter über den Pazifik und landete im April 1770 an der Ostküste Australiens, in jener Bucht, die heute noch Botany Bay heißt.


Das Original, von Joseph Banks in Botany Bay gesammelt

Nach der Ankunft waren Banks und Solander die Augen übergegangen angesichts der schrägen australischen Flora. Bäume, die ihre Rinde abwarfen und doppelt so hoch wurden wie die höchsten Bäume Englands - die Eukalypten. Blüten mit vielen leuchtendroten Griffeln, das Bottlebrush oder Flaschenbürstchen, dazu Riesenfarne, Schlingpflanzen, Orchideen. Wie euphorisiert liefen sie auf der Suche nach immer neuen Arten durch den australischen Busch. Joseph Banks, der reiche Mann, der Arbeit in klassischem Sinn nicht nötig hatte,  verwandelte sich in einen manisch-obsessiven Müßiggänger (küchenpsychologisch ausgedrückt).

Am Ende der Reise hatte Banks 3600 verschiedene Arten gesammelt, 1400 davon waren noch nicht wissenschaftlich klassifiziert und beschrieben.

Dazu gehörten auch vier Arten der Gattung Banksia, die er und Solander an der Botany Bay gesammelt hatten. Insgesamt gibt es an die 80 Banksia-Arten, die meisten davon an der Südwest- und Südostküste Australiens.



Jedes Röhrchen ist eine Blüte; zu Hunderten bilden sie den auffälligen Blütenzapfen

Im Englischen heißt unsere Pflanze Old Man Banksia wegen der struppigen trockenen Blütenstände; der deutsche Name Sägezahn-Banksie weist auf die gezähnten Blattränder hin, ebenso wie der lateinische Artname serrata.

Die Banksie ist ein knorriger Baum, bis 15 m hoch; an windigen Küsten ist sie oft nur ein niedriger Strauch. Aus dem Stamm mit der grauen Rinde tritt nach Verletzungen ein roten Rindensaft aus. Ältere Bäume weisen oft Brandwunden auf, wegen der Buschbrände im höllischen australischen Sommer. Silbergraue Blüten mit beigen Griffeln bilden die charakteristischen zylindrischen Blütenzapfen aus. Nach der Blüte entwickeln sich bis zu 30 verholzte Follikel, die ein bis zwei Samen enthalten. Abortierte verwitterte Blütenreste werden zu silbrig-haarigen Anhängen (der "Alte Mann"). Die Blätter sind bis 20 cm lang, 2 bis 4 cm breit; sie büscheln sich an den Enden der Zweige. Die Befruchtung übernehmen verschiedene Nektarvögel, wie der Weißbauch-Honigfresser, die mit ihren dünnen gebogenen Schnäbeln den Nektar aus den Blütenröhrchen schlecken.






Bin ich nicht schräg? Holzfollikel enthalten die Samen, trockene Blüten bilden den "Bart"

Die erste Sägezahnbanksie wurde am 29. April 1770 von Joseph Banks und Daniel Solander hinter Botany Bay gesammelt, doch erst im April 1782 in England zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, vom "kleinen" Carl von Linné, der nach dem Tod des großen sich in Banks' Haus aufhielt und ihm das Herbar des Vaters überlassen hatte.

Nach seiner Rückkehr nach England entfaltete Joseph Banks die vielfältigsten Aktivitäten und schlüpfte in viele Rollen: Salonlöwe, Wissenschaftler, Kulturschaffender, Freund des Königs und Vorsitzender der Royal Society, der glorreichen Akademie der Wissenschaften. Nur einmal noch sollte er ein Schiff besteigen, nach Island, doch ist sein Name heute vor allem mit einer berühmten Episode in der weiteren Geschichte der Schifffahrt verbunden, in der es - natürlich - wieder um eine Pflanze ging.

Doch darüber nächstes Mal mehr!







































Donnerstag, 22. Januar 2015

Kakao

Kakao

Theobroma cacao L.


(WER) KAKAO SUCHT

Alkohol, Heroin, Kokain? Nein, Theobromin ist das weltweit verbreitetste Suchtmittel!


Samen kurz vor der Ernte


„Ich bin Kakaoholikerin“, sagt Angelika S. aus R. in der Runde der Anonymen Kakaoholiker (Kakanon). „Ich bin süchtig nach Schokolade. Jeden Tag brauche ich meine Droge. Wenn ich ein paar Stunden keine Schokolade kriege, treten Entzugserscheinungen auf. Sie treiben mich zu demütigenden Handlungen: Ich krame in den hintersten Winkeln der Küchenschränke, in Bücher- und Kellerregalen nach Stoff, fahre nachts weite Strecken bis zur Tanke, um an die Droge zu kommen. Der Entzug macht mich unruhig und unleidlich, ich werde meinem Mann gegenüber aggressiv. Um dem zu entgehen, hat er immer einen Drogenvorrat versteckt, um mich im Notfall ruhigzustellen. Er ist also Co-Kakaoholiker. Ich habe schon einige Entzüge hinter mir, war aber nie länger als einige Tage clean.“
„Die Prognosen für Kakaosüchtige sind schlecht“, sagt die Drogenexpertin Maja Azteke aus Guatemala, „Theobromin, der Suchtstoff des Kakaos, regt im Gehirn die Produktion der Glücks-Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin, Endorphin  und Serotonin an. Wer Schokolade isst, läuft Gefahr, süchtig zu werden nach diesem Zündschlüssel zum Glück.“

 
Schattenblätter fangen das wenige Licht im Regenwald ein
„Meine Vorfahren, die alten Azteken, betrachteten Kakao, den sie Xocólatl nannten, als Geschenk des Gottes Quetzalcoatl an die Menschen“, so Maja Azteke. „Sie bereiteten daraus schon vor 3.000 Jahren einen Trank, der mit der heißen Schokolade von heute nichts gemein hatte, aber alles enthielt, was ein Organismus zum Überleben braucht: Wasser und Salz als basics, Mais für den vollen Magen, Vanille für’s Aroma, Cayennepfeffer gegen Keime und den von Natur aus bitteren Kakao für’s Gehirn, als Lieferant psychoaktiver Substanzen.“
„Moderne Schokolade enthält neben Kakao auch Milch und viel Zucker. Daher kommt der süße Geschmack, und deshalb hat Schokolade den Ruf, dick zu machen, “ so die Expertin.


Aus dem Stamm wachsen Blüten und Samen


„Der Kakaobaum stammt aus dem tropischen Regenwald Südamerikas. Meine Vorfahren haben ihn dann in Gärten angebaut“, so Azteke weiter. „Er wird 10 bis 15 m hoch, wächst also im Schatten der Urwaldgiganten. Seine immergrünen, 20 cm langen lanzettlichen Blätter sind typische Schattenblätter, groß und dünn, um das wenige Licht einzufangen, das in den unteren Stockwerken des Waldes  eintrifft. Die Blüten wachsen aus verborgenen Knospen direkt aus dem Stamm, man nennt das Kauliflorie. Aus ihnen entwickeln sich die charakteristischen Früchte, die die  kakaohaltigen Samen enthalten. Um den Kakao zu gewinnen, lässt man die Samen fermentieren. Dabei werden viele Bitterstoffe abgebaut. Geschält und geröstet, hat man den sehr fetthaltigen Kakao. Fett und Pulver werden durch verschiedene Verfahren getrennt; Kakaobutter und –pulver sind die wichtigsten Produkte.“
Frische Kakaosamen
 
Azteke berichtet davon, dass die Kakaodroge nicht nur glücklich macht, sondern auch schön, gesund und gescheit. Kakao ist reich an Flavonolen, die den Blutdruck senken und durch ihre antioxidative Wirkung Arterien geschmeidig halten. Kakao besteht fast zur Hälfte aus Fett, das in seiner festen Form Kakaobutter genannt wird. Schon lange ist bekannt, dass Kakaobutter Haut und Lippen gesund, geschmeidig und faltenfrei erhält. Die Columbia University hat außerdem erforscht, dass Flavonoide im Kakao das Gedächtnis stärken. Sechzigjährige Probanden, die täglich 900 mg Flavonoide in einem Kakao-Spezialgetränk zu sich nahmen (ein Schokoriegel enthält 40 mg), hatten nach drei Monaten das Gedächtnis von Dreißigjährigen.
„Kakaosüchtige sind im Durchschnitt gesünder, schöner und schlauer als Leute, die keine Schokolade konsumieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass gerade süchtige Frauen von ihrer Droge nicht lassen wollen“, so Suchtexpertin Maja Azteke.
„Die wichtigsten Anbauländer sind heute, neben Brasilien, westafrikanische Länder – die Elfenbeinküste stellt fast 40 % der Weltproduktion.“ Einmal in Fahrt, hört Maja Azteke nicht mehr auf mit dem Erzählen.  (Sollte sie gerade „drauf“ sein?) Doch sie berichtet auch von sehr ernsten Aspekten der Kakaoproduktion: „Der Kakaoanbau ist in den letzten Jahren in Verruf geraten: In Bahia in Brasilien und Sao Tomé vor der Westküste Afrikas sollten Kindersklaven bei der Ernte eingesetzt werden, überhaupt ist Kinderarbeit ein großes Problem, vor allem in Ghana, Kamerun, Guinea, Nigeria und Elfenbeinküste. Dort sollen die Erlöse aus dem Kakaoexport auch der Finanzierung des Bürgerkriegs gedient haben. Für Westafrika sprechen Terre des Hommes und Unicef von 200.000 bis 300.000 Kindern, die in der Kakaobranche arbeiten.  87 % von ihnen seien Farmerskinder. Sklaverei und Kinderhandel bestätigten diese Organisationen nicht."




Kakaoanbau in Ghana: zum Trocknen und Fermentieren (unten, auf Bananenblättern) ausgelegte Samen

"Die Zeit berichtet in der Ausgabe 52/2014, dass in Bahia in Brasilien ausgerechnet eine Pflanzenseuche die Lage verbessert habe", so Azteke weiter. „Ein Pilz aus Amazonien, Moniliophthora rozeri, lässt das Innere der Kakaofrüchte zu Staub zerfallen. Die Regierung Lula da Silva hatte ein Gesetz erlassen, das Sozialhilfe an Eltern zahlt, die ihre Kinder in die Schule anstatt auf Plantagen schicken. Da durch den Pilz viele traditionelle Plantagen aufgaben, gibt es auch weniger Nachfrage nach Kinderarbeit. Insgesamt ist die Kinderarbeit in Brasilien stark zurückgegangen. Wer fair gehandelte Schokolade kauft, kann von akzeptablen Bedingungen in der Kakaoproduktion ausgehen."
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
„Ich bin Kakaoholikerin“, sagt Angelika S. aus R. in der Runde der Anonymen Kakaoholiker (Kakanon). „Ich bin süchtig nach Schokolade. Jeden Tag brauche ich meine Droge. Wenn ich ein paar Stunden keine Schokolade kriege, treten Entzugserscheinungen auf. Sie treiben mich zu demütigenden Handlungen: Ich krame in den hintersten Winkeln der Küchenschränke, in Bücher- und Kellerregalen nach Stoff, fahre nachts weite Strecken bis zur Tanke, um an die Droge zu kommen. Der Entzug macht mich unruhig und unleidlich, ich werde meinem Mann gegenüber aggressiv. Um dem zu entgehen, hat er immer einen Drogenvorrat versteckt, um mich im Notfall ruhigzustellen. Er ist also Co-Kakaoholiker. Ich habe schon einige Entzüge hinter mir, war aber nie länger als einige Tage clean.“
„Die Prognosen für Kakaosüchtige sind schlecht“, sagt die Drogenexpertin Maja Azteke aus Guatemala, „Theobromin, der Suchtstoff des Kakaos, regt im Gehirn die Produktion der Glücks-Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin, Endorphin  und Serotonin an. Wer Schokolade isst, läuft Gefahr, süchtig zu werden nach diesem Zündschlüssel zum Glück.“
„Meine Vorfahren, die alten Azteken, betrachteten Kakao, den sie Xocólatl nannten, als Geschenk des Gottes Quetzalcoatl an die Menschen“, so Maja Azteke. „Sie bereiteten daraus schon vor 3.000 Jahren einen Trank, der mit der heißen Schokolade von heute nichts gemein hatte, aber alles enthielt, was ein Organismus zum Überleben braucht: Wasser und Salz als basics, Mais für den vollen Magen, Vanille für’s Aroma, Cayennepfeffer gegen Keime und den von Natur aus bitteren Kakao für’s Gehirn, als Lieferant psychoaktiver Substanzen.“
„Moderne Schokolade enthält neben Kakao auch Milch und viel Zucker. Daher kommt der süße Geschmack, und deshalb hat Schokolade den Ruf, dick zu machen, “ so die Expertin.
„Der Kakaobaum stammt aus dem tropischen Regenwald Südamerikas. Meine Vorfahren haben ihn dann in Gärten angebaut“, so Azteke weiter. „Er wird 10 bis 15 m hoch, wächst also im Schatten der Urwaldgiganten. Seine immergrünen, 20 cm langen lanzettlichen Blätter sind typische Schattenblätter, groß und dünn, um das wenige Licht einzufangen, das in den unteren Stockwerken des Waldes  eintrifft. Die Blüten wachsen aus verborgenen Knospen direkt aus dem Stamm, man nennt das Kauliflorie. Aus ihnen entwickeln sich die charakteristischen Früchte, die die  kakaohaltigen Samen enthalten. Um den Kakao zu gewinnen, lässt man die Samen fermentieren. Dabei werden viele Bitterstoffe abgebaut. Geschält und geröstet, hat man den sehr fetthaltigen Kakao. Fett und Pulver werden durch verschiedene Verfahren getrennt; Kakaobutter und –pulver sind die wichtigsten Produkte.“
Azteke berichtet davon, dass die Kakaodroge nicht nur glücklich macht, sondern auch schön, gesund und gescheit. Kakao ist reich an Flavonolen, die den Blutdruck senken und durch ihre antioxidative Wirkung Arterien geschmeidig halten. Kakao besteht fast zur Hälfte aus Fett, das in seiner festen Form Kakaobutter genannt wird. Schon lange ist bekannt, dass Kakaobutter Haut und Lippen gesund, geschmeidig und faltenfrei erhält. Die Columbia University hat außerdem erforscht, dass Flavonoide im Kakao das Gedächtnis stärken. Sechzigjährige Probanden, die täglich 900 mg Flavonoide in einem Kakao-Spezialgetränk zu sich nahmen (ein Schokoriegel enthält 40 mg), hatten nach drei Monaten das Gedächntis von Dreißigjährigen.
„Kakaosüchtige sind im Durchschnitt gesünder, schöner und schlauer als Leute, die keine Schokolade konsumieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass gerade süchtige Frauen von ihrer Droge nicht lassen wollen“, so Suchtexpertin Maja Azteke.
„Die wichtigsten Anbauländer sind heute, neben Brasilien, westafrikanische Länder – die Elfenbeinküste stellt fast 40 % der Weltproduktion.“ Einmal in Fahrt, hört Maja Azteke nicht mehr auf mit dem Erzählen.  Sollte sie gerade „drauf“ sein? Doch sie berichtet auch von sehr ernsten Aspekten der Kakaoproduktion: „Der Kakaoanbau ist in den letzten Jahren in Verruf geraten: In Bahia in Brasilien und Sao Tomé vor der Westküste Afrikas sollten Kindersklaven bei der Ernte eingesetzt werden, überhaupt sei Kinderarbeit ein großes Problem, vor allem in Ghana, Kamerun, Guinea, Nigeria und Elfenbeinküste. Dort sollen die Erlöse aus dem Kakaoexport auch der Finanzierung des Bürgerkriegs gedient haben. Für Westafrika sprechen Terre des Hommes und Unicef von 200.000 bis 300.000 Kindern, die in der Kakaobranche arbeiten.  87 % von ihnen seien Farmerskinder. Sklaverei und Kinderhandel bestätigten diese Organisationen nicht. Die „Zeit“ berichtet in der Ausgabe 52/2014, dass in Bahia in Brasilien „ausgerechnet eine Pflanzenseuche die Lage verbessert“ habe, so Azteke weiter. „Ein Pilz aus Amazonien, Moniliophthora rozeri, lässt das Innere der Kakaofrüchte zu Staub zerfallen. Die Regierung Lula da Silva hatte ein Gesetz erlassen, das Sozialhilfe an Eltern zahlt, die ihre Kinder in die Schule anstatt auf Plantagen schickten. Da durch den Pilz viele traditionelle Plantagen aufgaben, gibt es auch weniger Nachfrage nach Kinderarbeit. Insgesamt ist die Kinderarbeit in Brasilien stark zurückgegangen. Wer fair gehandelte Schokolade kauft, kann von akzeptablen Bedingungen in der Kakaoproduktion ausgehen.