Samstag, 12. November 2011

Edelkastanie

Edelkastanie
Castanea sativa


Auf zum Törggelen

Durch die Fußgängerzonen zieht jetzt wieder der rauchige Duft der Maronibratereien. Die gebratenen Kastanien, kross, süß und sättigend, gehören zum Besten, was der Herbst zu bieten hat. In Südtirol kosten die Leute beim Törggelen die Köschtn und den neuen Wein. Die Nomenklatur der Kastanien ist etwas verwirrend: In Südtirol heißen sie Köschtn; Maroni oder Maronen in Deutschland und Österreich. In Italien sind geröstete Kastanien die caldarroste. Castagne sind die wilden Früchte aus dem Kastanienwald, die marroni kommen aus dem marroneto, dem Kastanienhain, in dem die veredelten Kastanienriesen stehen. Doch dazu weiter unten mehr. Mit der Rosskastanie, dem Baum der bayerischen Biergärten, ist die Edelkastanie nicht verwandt. Nur die Kastanienigel ähneln sich oberflächlich.
Die Kastanien sind die Früchte der Edelkastanie, Castanea sativa. Dieser Baum ist eine seit Jahrtausenden vom Menschen genutzte Kulturpflanze. Sein natürliches Verbreitungsgebiet ist kaum noch feststellbar. Wahrscheinlich kommt die Edelkastanie ursprünglich aus Südeuropa und Kleinasien. Das Anbaugebiet geht von Westeuropa und England über Deutschland bis nach Südrussland. In Deutschland gibt es Keschten im Pfälzer Wald (Haardt), im Rheintal und im Taunus, also in wärmeren Gegenden, denn die Edelkastanie will ein gemäßigtes Klima. Nicht zu trocken und nicht zu nass soll es sein, Spätfröste und Dürre nimmt sie ebenfalls übel.
Nur oberflächlich der Rosskastanie ähnlich
Besonders weit verbreitet war die Kastanie in den tieferen Lagen der Westalpen (Savoyen, Piemont, Lombardei) und den mittleren Lagen des Apennin (Toskana, Ligurien, Kalabrien, Kampanien). Sie steigt von 1000 Meter im nördlichen Apennin bis auf 1500 Meter in Sizilien. In Südtirol finden wir sie bis auf etwa 800 Meter.

Die Edelkastanie ist ein sehr langlebiger Baum; sie kann 400 bis 500 Jahre alt werden. Die majestätischen Kastanien der Marroneti nehmen oft riesige Ausmaße an mit Durchmessern von sechs bis 8 Metern.
Die Blätter der Edelkastanie sind groß, 15 bis 25 cm lang, spatelförmig und gezähnt. Die Blüte erfolgt sehr spät im Juni. Dann leuchten die weißlichen, bis 20 cm langen männlichen Blütenkätzchen aus den Kronen. Aus dem Pollen entsteht der kräftig-herbe Kastanienhonig. Es gibt rein männliche Blütenkätzchen und Zwitterblüten, wo an der Basis der Kätzchen die kleinen weiblichen Blüten sitzen, aus denen bis zum Herbst die stacheligen Früchte heranreifen.
Schon in der Antike wurde die Edelkastanie vom Menschen genutzt und angepflanzt. Die Griechen brachten sie nach Süditalien, in die Magna Graecia. Nach England kam sie mit den römischen Legionären, die Kastanien als staple food mit sich führten. Seit dem Mittelalter ist die Verbreitung der Kastanie durch die Benediktiner bekannt.
In der langen Zeit der Nutzung durch den Menschen entwickelte sich eine Reihe von hochdifferenzierten Kulturtechniken rund um den Anbau und die Verarbeitung der Edelkastanien. Der Baum tritt uns im Kastanienwald entgegen, der vor allem der Holzgewinnung dient und im Kastanienhain, aus dem die Maroni kommen.
Mathilde von Canossa, weise Förderin der Edelkastanie
Brotbaum der Bergbewohner
Im Mittelalter erfuhr die Edelkastanie eine große Ausdehnung ihres Anbaugebietes. Die Bevölkerung wuchs; die Siedlungen dehnten sich bis in die Berge aus. Hier, im kühlen Klima, reifte das Getreide nicht mehr, die Menschen gewannen ihr Mehl aus der Kastanie. Das Kastanienmehl, zu Polenta verkocht, war das Grundnahrungsmittel. Die Kastanien stammten aus dem Marroneto, dem Kastanienhain, in dem riesige Kastanien in regelmäßigen Abständen stehen. Dazwischen weideten Schafe; sie hielten das Gras kurz und bewahrten den Hain vor Bränden. Die Bauern bewirtschafteten den Marroneto wie einen Garten – sie beschnitten die Kronen der Kastanien, entfernten tote Äste, entbuschten und entsteinten die Flächen. Die Blätter der Bäume dienten als Einstreu im Stall und als - nicht sehr hochwertiges - Futter. Die Verteilung der Bäume auf der Fläche unterliegt Regeln, die seit fast 1000 Jahren gelten. In Italien heißt der Pflanzabstand matildico, nach der großen Mathilde von Canossa (1046 – 1115), der Markgräfin von Tuszien (Toskana) und der Emilia – Romagna, die als Vermittlerin im Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser, der 1076 im „Gang nach Canossa“ Heinrichs IVendete, in die Geschichte einging. Doch Mathilde trieb auch die Kolonisierung der Berge in ihrer Markgrafschaft voran. Im mathildischen Kastanienhain stehen die Kastanienbäume in Abständen von ca. 10 Meter zueinander. So frei stehend, können die Kastanien ihre riesigen Kronen ausbreiten und viele Kastanien produzieren.
Ein mathildischer Kastanienhain

San Michele – una cria nel paniere
An Michaeli eine Kastanie im Brotkorb
Das Hauptprodukt der Kastanienhaine war das Kastanienmehl. Jede bäuerliche Familie hatten ihre Anbaufläche; alle Mitglieder arbeiteten bei der Ernte mit. Stichtag für den Beginn der Ernte war das Fest des Erzengel Michael am 29. September. Die Früchte wurden entweder vom Boden aufgelesen oder mit Stangen von den Bäumen geschlagen.
In den Kastanienhainen Italiens oder in den Dörfern stehen oft die alten metati, die Dörröfen, in denen die Kastanien getrocknet wurden. Durch eine Luke warf man eine Schicht frischer Kastanien von 10 – 20 cm Höhe  auf leicht auseinanderliegende Holzstangen. Darunter brannte einen Monat lang Tag und Nacht ein niedriges Feuer aus Kastanienholz, das die Kastanien trocknete. Zum Schälen kamen die Kastanien in große Körbe; die Leute zerstampften sie mit Nagelbrettern, die sie an den Füßen trugen. Der Metato wurde Tag und Nacht bewacht, um Brände und Diebstahl zu verhindern. Diese Zeit war ein Fest für die Menschen: um das Feuer wurde die veglia, die Nachtwache gehalten, man aß Kastanien, trank Wein  und erzählte die alten Sagen und Geschichten aus den Bergen. Die getrockneten Kastanien wurden in der Mühle zu Mehl vermahlen. 100 kg getrocknete Kastanien ergaben 90 kg Mehl.

Zeuge der alten Kastanienkultur: der Metato
Es gibt sehr viele Sorten von Kastanien. Die wichtigste Unterschiedung ist jene zwischen Mehl- und Röstkastanien, den Marroni. Letztere weisen einen höheren Eiweißgehalt auf; aus ihnen gewonnenes Mehl würde schnell verderben. Kastanienhaine, die Marroni produzieren, stehen vor allem in der Nähe der Städte, in die die Marroni geliefert werden.
In meinem alten Botanikbuch sind Mehlkastanien und Marroni so unterschieden:
Marroni – 1-2 Früchte pro Igel, das Häutchen ist dünn, faltet sich nicht ins Innere der Frucht; leicht schälbar;
Kastanien 2-4 Früchte pro Igel, dunklere Schale und ein Häutchen, das sich in die Frucht hineinfaltet; schwer schälbar.

Stöcke schlagen aus
Laubbäume haben die Fähigkeit, sich nicht nur aus dem Samen zu erneuern, sondern auch aus sogenannten Stockausschlägen: Wenn ein Baum gefällt wird, treiben aus ruhenden Knospen in seiner Rinde aus dem Baumstrunk neue Triebe aus. Ein solcher Wald wird Niederwald genannt. Im Mittelmeerraum und am Balkan hatten Niederwälder vor allem eine sehr große Bedeutung als Brennholzlieferanten. In Mittel- und Nordeuropa kam das Brennholz hauptsächlich von Nadelbäumen wie der Fichte. In Deutschland gab es Buchenniederwälder vor allem in der Nähe von Hüttenwerken und Glashütten. In Niederwäldern wurde aber auch Bau- und Werkholz für die verschiedensten Zwecke gewonnen.

Riesiger Kastanienstock mit Stockausschlägen
Auch Kastanienwälder sind meist Niederwälder. Dort ist der Mensch nicht an den Früchten interessiert, sondern am Holz. Ein Niederwald kann in relativ kurzen Abstanden, zwischen 10 und 25 Jahren etwa, immer wieder genutzt, „auf den Stock gesetzt“ werden. Kastanienwälder wurden typischerweise im 7jährigem Abstand eingeschlagen, zur Gewinnung von Pfählen für den Weinbau. Mit der Zeit bildeten sich riesige, innen hohle Kastaniestöcke, an deren Rändern die neuen Stockausschläge wuchsen. Heute stützen Betonsäulen die Reben, Kastaniewälder werden seltener genutzt, manchmal nur noch alle 50 Jahre.
Produkte aus dem Kastanienniederwald
Kastanie am Ende?
Um die Mitte des letzten Jahrhundert hatte ein scheinbar unaufhaltsamer Niedergang der Edelkastanie eingesetzt. 1938 landeten im Hafen von Neapel Munitionskisten aus Kastanienholz aus den USA. Das Holz war mit einem Pilz infiziert, dem Kastanienrindenkrebs Endothia parasitica. Der Krebs stammte ursprünglich aus China und hatte im Osten der USA, in den Appalachen, den dortigen Chestnut Tree ausgerottet. Der Kastanienrindenkrebs begann in allen europäischen Kastanienwäldern zu wüten. Gleichzeitig setzten Industrialisierung und Landflucht ein, Haine und Wälder wurden vernachlässigt, ihre Pflege hörte auf. Die mehrtausendjährige Kastanienkultur schien verloren. Heute breitet sich unter Experten wieder vorsichtiger Optimismus aus: Kastanienwälder entwickeln widerstandsfähige Stockausschläge, bilden unter der Rinde eine schützende Korkschicht gegen das Pilzgewebe aus. Auch die Pflege alter Marroneti und die Anlage neuer nimmt zu: es gibt einen guten Markt für hochwertige Marroni in ganz Europa. Aus dem Mugello nördlich von Florenz kommt z.B. die von der EU geförderte eingetragene Marke Marrone del Mugello I.G.P. Wer Kastanien isst, trägt bei zum Erhalt und zur Pflege der Kastanienhaine mit ihren Jahrhunderte alten Baumriesen. In diesem Sinne: auf zum Törggelen!
Ein gefährlicher Parasit: der Kastanienrindenkrebs


Dienstag, 18. Oktober 2011

Wermut

Wermut, Sagebrush, Génépi - drei Pflanzen, die es in sich haben

Im Oktober widmet sich der Eulenblick der Gattung Artemisia, benannt nach Artemis, der griechischen Göttin der Jagd. Im Deutschen tragen die Artemisia-Pflanzen auch den schönen Namen "Edelraute" oder "Beifuß". Sie sind meist aromatisch; enthalten ätherische Öle und Bitterstoffe. Sie wurden deshalb seit jeher als Heilpflanzen verwendet, aber auch bei rituellen Handlungen eingesetzt.


Ährige Edelraute Artemisia genipi

Aufstiegshilfe für Bergsteiger?

Vor kurzem war ich in den italienischen Westalpen, im Valle Maira, beim Bergsteigen. Unser Bergführer H., ein Freund aus Kindertagen, befolgte jeden Abend ein kleines Ritual, dem andere unserer Gruppe bald folgten: nach dem Essen gab es ein Verdauungsschnäpschen, einen Génépi. Das ist ein Kräuterlikör aus der Ährigen oder Schwarzen Edelraute, Artemisia genipi. Der Génépi wird überall in den französischen und italienischen Westalpen und in Teilen der Schweiz, z.B. im Wallis, getrunken.





Die wilde Ährige Edelraute kommt in den Alpen vor, von Frankreich über Italien, die Schweiz, Österreich bis nach Slowenien. Sie wächst in den Höhenlagen der Berge bis auf 3800 m, auf Schuttböden und Kalkschiefer. Ihr unverzweigter Stängel wird um die 20 cm hoch. An seinem Ende findet sich der Blütenstand, in dem die gelben Blütenkörbchen und Blätter sich abwechseln. Blätter und Stängel sind gräulich-grün und filzig behaart.


 Der Likör wird hergestellt, indem man die mazerierten (zerstampften) Pflanzen in Alkohol ansetzt. Nachdem die Ährige Edelraute, anders als etwa Wermut, keine Bitterstoffe enthält, muss man die Aromastoffe nicht erst durch Destillation trennen. Die Aromastoffe aus der Edelraute lösen sich im Alkohol.

Die Pflanze wird gesammelt, aber auch angebaut. In der Valle Maira liegen Felder mit der Ährigen Edelraute.


                                        Aufstiegshilfe Génépi: In der Valle Maira


Gemeiner Wermut Artemisia absinthium

...und bitter schmeckt der Wermuttee

Mit dieser Zeile endete ein Gedicht aus einem meiner Kinderbücher. Davor war von Kindern die Rede, die sich mit Kuchen, Schokolade und Bonbons (bayerisch: Guatseln, tirolerisch: Zuggerlen) vollstopften und davon Bauchweh bekamen, Die Strafe folgte auf dem Fuß, denn bitter schmeckt.....

Hier tritt uns der Wermut (Artemisia absinthium) als Heilpflanze entgegen. Er kam schon in der Antike als Heilpflanze zur Anwendung und im Mittelalter empfahl ihn natürlich auch die unvermeidliche Hildegard von Bingen bei Blähungen und Verstopfung.

Die heilende Wirkung kommt von den Bitterstoffen der Pflanze, die die Verdauung fördern, den Magen beruhigen, den Gallenfluss anregen. Bitterstoffe sind chemisch sehr heterogen und kommen in sehr vielen Pflanzen vor. In der Natur bewahren sie ihre Träger davor, von Weidetieren oder Raupen gefressen zu werden.




Die Wermutpflanze hat eine gräulich-grüne Farbe. Die Stängel sind dicht beblättert und behaart. Die unteren Blätter sind lang gestielt und zwei- bis dreilappig, die oberen sitzen mehr oder weniger auf dem Stängel auf und sind lanzettlich geformt. Die kleinen Blüten sind gelb und behaart. Sie sind in bis zu 30 cm langen Rispen verbunden. Wermut kommt in den gemäßigten Zonen Europas und Asiens vor und wächst auf trockenen sandig-lehmigen Böden.

Und ein Wermutstropfen kann einem alles Süße vergällen.

Die grüne Fee

So bitter der Tee, so süß der Likör: Wermut ist die Basis für ein Getränk, das einen mythisch-verruchten Ruf hat, Absinth.


Absinth war im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in Frankreich die Droge der Künstler und Kreativen. Vincent van Gogh ist ein bekanntes Beispiel, aber auch Henri de Toulouse-Lautrec, der einen "Absinth-Trinker" malte. Auch Picasso porträtierte verschiedene Absinthtrinkerinnen. Unter den Schriftstellern tat sich auch Ernest Hemingway hervor. Aber der trank eh alles, was Promille hatte. Die Absinthtrinkerin unten stammt von Marcel Prunier aus dem Jahr 1926:




Absinth wird aus einem Destillat der Wermutpflanze hergestellt. In das Destillat gelangen nur die süßlichen ätherischen Öle, nicht die Bitterstoffe. Deshalb schmeckt Absinth nicht bitter. Die ätherischen Öle enthalten allerdings Thujon, ein Nervengift, dem man die zersetzende Wirkung des Absinth einst zugeschrieben hatte. In geringer Dosis ist Thujon nicht giftig; außer im Wermut kommt es in vielen anderen Pflanzen vor, zum Beispiel im Rosmarin oder Basilikum und in der Thuja. Daher stammt auch sein Name.

Thujon kann in hohen Dosierungen Magen- und Darmprobleme bereiten, bei hoher Überdosis auch Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Ob es aber das Thujon war, dem der Absinth seine Zerstörungskraft verdankte, ist unwahrscheinlich. Dem Absinth wurden zwar auch Gifte wie Arsen oder Antimoniumsalze zugesetzt, die ihm seine grüne Farbe gaben - "die grüne Fee" hieß der Absinth in Frankreich. In Wirklichkeit aber war die Ursache äußerst banal: die Freunde des Absinth waren einfach Säufer! Absinthschnaps kam in einer Konzentration von um die 90 (Alkohol-)% in den Handel. Er wurde mit Wasser verdünnt. Doch diese Verdünnung haben viele nicht sehr weit getrieben: Toulouse-Lautrec soll seinen Absinth gleich mit Cognac gemischt haben. Heute ist Absinth wieder im Handel, nachdem er lange verboten war. Die Thujonkonzentration ist allerdings gering.


Wüsten-Beifuß Artemisia tridentata

....where the deer and the antelope play

Artemisia tridentata, der Wüsten-Beifuß oder Wüsten-Salbei, bedeckt den halben nordamerikanischen Kontinent. Sein englischer Name lautet sagebrush, Salbeibusch, wegen seines bitterlich-aromatischen Dufts. Mit der Salbeipflanze ist er in Wirklichkeit nicht nahe verwandt.

Der graugrüne, ein Meter hohe Busch wächst im Trockengürtel des nordamerikanischen Westens, besonders Utah, Wyoming, Montana, den Dakotas, Texas, Kalifornien, aber auch in Mexiko und der kanadischen Prärie. Die typischen sonnenverbrannten, spärlich bewachsenen Gegenden der klassischen Westernfilme sind oft solche sagebrush flats.




Blätter und Blüten des Wüstensalbeis sind behaart, die Blätter an ihrem Ende dreifach gelappt, daher der Artname tridentata. Auch seine Blüten sind gelb. Für das Vieh ist er kein gutes Futter, da seine Bitterstoffe auf die Pansenbakterien giftig wirken. Es gibt nur eine großen Pflanzenfresser, dem der sagebrush richtig gut schmeckt, das ist die wunderschöne Pronghorn-Antilope. Sie ist berühmt für ihre bis zu sechs Meter hohen Sprünge, mit denen sie über die Büsche schnellt. In einer der schönsten Folk-Schnulzen aus Nordamerika werden ihre Sprünge als Spiel gedeutet: http://www.kididdles.com/lyrics/h020.html .




                                      Mitten in der Lieblingsspeise: Pronghorn-Antilope

Donnerstag, 15. September 2011

Akazie

Akazie Acacia sp.





































Dies Tier wird Giraffe genannt.
Es lebt in Afrikaland.
Sein langer Hals, der ist gewiss,
Viel länger als ein Bratenspieß.
Damit es vom Akazienstamm
Die hohen Blätter fressen kann.
Aus einem Kinderbuch

Aus gegebenem Anlass - unsere Reise nach Tanzania im August - stelle ich diesmal drei afrikanische Akazien vor.

Akazien gehören zu den Mimosengewächsen. Es gibt weltweit etwa 1200 Arten von Akazien, sie leben in den tropischen und subtropischen Gebieten Afrikas, Asiens und Australiens. In Ostafrika sind sie landschaftsprägend und die Nahrungsbasis für eine Vielzahl kleiner und großer Tiere. Die „Akazie“ unserer Breiten gehört nicht dazu, sie heißt eigentlich Robinie, kommt ursprünglich aus Nordamerika und ist mit den echten Akazien entfernt verwandt.

 Schirmakazie Acacia tortilis

Die Schirmakazie ist so etwas wie ein Wahrzeichen Afrikas, ihr Anblick gibt dem Betrachter Gewissheit, in den Savannen Ostafrikas zu sein.


Die Schirmakazie ist an der Form ihrer Krone leicht zu erkennen. Sie ist äußerst trockenheitsresistent und überlebt auch in Halbwüsten. Dort tritt sie nur mehr als etwa 1 m hoher Busch auf. Sie ist, wie viele andere Akazien auch, mit doppelt gefiederten Blättern versehen und mit langen weißen Dornen. Außerdem besitzt sie auch oft noch kleinere, gekrümmte Stacheln.
  


Sie bringt weiße, sehr aromatisch riechende Blüten hervor, aus denen gekrümmte Schoten hervorgehen. Diese Schoten sind für viele Pflanzenfresser der Savanne eine begehrte Eiweißquelle – für Antilopen, Klippschliefer, Nashörner, Giraffen, Elefanten. Letztere gehen die Schirmakazie auch noch ganz anders an: sie reißen die Rinde auf und fressen den darunterliegenden Bast. Überall in der Savanne sieht man geschälte Akazien, oft sind ganze Bestände betroffen. Die Elefanten reduzieren die Schirmakazie örtlich sehr stark. Die Befürchtung, dass eine zu große Elefantenpopulation die Akazien ausrotten würde, ist heute widerlegt. Elefanten verlassen geschälte Akazienbestände; geschädigte Flächen erholen sich. In ostafrikanischen Nationalparks wie der Serengeti lassen sich viele Elefanten neben geschälten und/oder intakten Akazien beobachten. Auch im nur 300 qkm großen Lake Manyara Nationalpark lebt eine große Elefantenpopulation inmitten eines intakten Waldgebiets. Dort entstand die berühmte Studie „Among the Elephants“ (1978) von Iain Douglas-Hamilton.






Außer ihren Dornen besitzt die Schirmakazie noch andere, viel raffiniertere Waffen zu ihrer Verteidigung. Ein Baum, an dem gefressen wird, scheidet das Gas Ethen (früher Ethylen) aus, ein Pflanzenhormon. Der Senderbaum und die Empfängerbäume in der Nähe produzieren daraufhin Gerbstoffe, Tannine, in ihren Blättern. Die machen die Blätter weniger schmackhaft, in hohen Konzentrationen ungenießbar oder sogar giftig. Fressende Tiere bewegen sich deshalb  immer entgegen der Windrichtung von Baum zu Baum. Ethen ist ein häufig vorkommendes Pflanzenhormon. Orangen z.B. senden es aus und synchronisieren so die Reifung aller Früchte an einem Baum und an den Nachbarbäumen. Ethen ist auch der Grund, warum man verschiedene Obstsorten nicht in einer Schale aufbewahren soll, will man verhindern, dass die Früchte verderben.

Flüsterakazie Acacia drepanolobium

Sie hat noch andere Waffen im Ökokrieg gegen Giraffen - Untermieter, die ihr Heim mit Zangen und Säure verteidigen: kleine aggressive Ameisen. Sie wohnen in schwarzen Gallen, Schwellungen an der Basis der Dornen. Diese Gallen haben kleine Löcher und einen hohlen Kern: wenn der Wind über sie streicht, entsteht ein pfeifendes Geräusch, das der Flüsterakazie ihren Namen gab. Giraffen können die Bisse der Ameisen eine Zeitlang aushalten, lassen aber ab, wenn die Bisse zu heftig werden.


Die Flüsterakazie ist meist nur ein kleiner Strauch. Ihr Holz ist sehr hart und resistent gegenüber Termiten. Das unterscheidet sie von der Schirmakazie, deren Holz von Termiten und Käfern besiedelt und durchlöchert wird. Deshalb haben Elefanten keine Schwierigkeiten, auch größere Bäume umzudrücken. Nach einem Buschfeuer treibt sie leicht wieder aus dem Wurzelstock aus. Diese Fähigkeit macht sie örtlich auch zu einem wichtigen Rohstoff für Brennholz und Holzkohle. Abgehackte Stämme wachsen aus der Wurzel wieder nach. Die Zweige der Flüsterakazie dienen oft als Dornenzaum um Dörfer und Viehpferche, als äußerst effiziente Verteidigung gegen nächtens sich anschleichende Raubtiere.


Gelbrinden – oder Fieber–Akazie Acacia xanthophloea

Sie ist durch ihre gelbliche Rinde unverkennbar, hat doppelt gefiederte Blätter, gelbe Blüten und weiße Dornen. Die Fieberakazie wächst an feuchten Stellen, in Sümpfen und am Ufer von Bächen und Flüssen. Die ersten europäischen Siedler verbanden sie mit dem Auftreten des tropischen „Fiebers“, also der Malaria, deshalb ihr Name. Der Überträger der Malaria, die Anopheles-Mücke, kommt ebenso in feuchten Gegenden vor. Die Rolle der Anopheles als Überträgerin der Malaria wurde erst im 20. Jahrhundert aufgeklärt.

Im Ngorongoro-Krater gibt es keine Giraffen, da es keine Akazien gibt. Nur im lichten Lerai-Forest stehen einige Fieberakazien:
 

































































Montag, 15. August 2011

Dahlie



Gartendahlie Dahlia x hortensis

 Spätsommerpracht



Im Sommer geben die Gärtner im Schaugarten des Botanischen Gartens in München alles: Blumen in allen Formen, Farben und Kombinationen prangen, Extravaganzen wie schwarze Kohlblätter, oder ganz gewöhnliche Blumen wie die Dahlie, unsere Blume des Monats. Dahlien gelten als etwas spießig und langweilig, doch sollte man sie nicht unterschätzen: im Schaugarten wachsen sie in vielerlei Gestalten und Formen.Mehrfarbige Dahlien, solche mit ausgefransten Blüten oder die typisch gefüllten Pompon – Dahlien erfreuen das Auge.



Das ist eine solche Pompon - Dahlie

Unsere Dahlien sind lauter Sorten der Garten–Dahlie, einer Kreuzung. Es gibt rund 35 Arten der Gattung Dahlie. Sie kommen aus Mittelamerika, von den Hochebenen Mexicos und Guatemalas. Die Gartendahlie kommt heutzutage in 20.000 Sorten vor. Die Namengebung dieser Prachtblumen ist – nun – vielfältig:

lokal:                             Hoamatland, Aggerperle
musikalisch:                  French Cancan, Freya’s Paso Doble, Boogie Woogie
schräg:                          Erna Panzer, Bishop of Llandaff
bildungsbürgerlich:         Alexander von Humboldt, Franz Kafka
verrucht:                        Obsession, Otto’s Thrill

Merkwürdig nur, dass es heute keine Sorte des Namens Goethe mehr gibt. Denn einmal, anfangs des 19. Jahrhunderts, waren Dahlien richtig cool und Goethe war von ihnen äußerst angetan.




Im Garten am Frauenplan

Zu Goethes Haus am Frauenplan in Weimar gehört natürlich auch ein Garten, der noch so aussieht wie zu Lebzeiten des Dichters. Neben Beerensträuchern, Rosen oder einer Weinrebe aus seiner Zeit findet man auch verschiedene Sorten seiner Lieblingsblume, der Dahlie.

Goethe (1749-1832) war bekanntlich ein leidenschaftlicher Naturforscher. Er besaß eine riesige Mineraliensammlung von mehreren zehntausend Stück, hielt die „Farbenlehre“ für sein wichtigstes Werk und trieb Studien zu Tieren und Pflanzen. Seine „Metamorphose der Pflanzen“ ist nicht Wissenschaft, sondern Spekulation – und zwar eine großartige Spekulation, die zeigt, was für tiefe Gedanken er sich über Pflanzen machte, was für ein akribischer Beobachter er war. Er kannte die Evolutionstheorie nicht; sie erschien 1859, 27 Jahre nach seinem Tod. Goethe führte die Abstammung aller Pflanzen auf die „Urpflanze“ zurück, die er 1787 auf seiner Italienreise in Sizilien gefunden zu haben glaubte.

Goethe war schon 60 Jahre alt, als Dahlien im Herzogtum Sachsen –Weimar groß in Mode kamen. Sie gefielen ihm sehr und schon 1814 standen Dahlien im Garten am Frauenplan.



Der kleine Ort Tonndorf bei Weimar war in den 1820er Jahren ein Zentrum der Dahlienzucht. Der Gärtner Dreyssig und, nach dessen Tod, seine Frau, züchteten 42 Dahliensorten, davon 17 gefüllte, also die mit vielen aufgefalteten Kelchblättern gefüllten Pompon-Blüten. Mit 78 Jahren, am 24. September 1827, war Goethe wieder einmal „nach Tonndorf gefahren, Madame Dreyssig war nicht gegenwärtig. Besuchten ihren Garten, geführt von ihrem Factor und dem jungen Gärtner. Georginen und Astern waren immer noch vorzüglich, obgleich sie durch die letzten Nachtfröste gelitten hatten." Er schickte Knollen an Christiane Vulpius, seine Frau: „Die übersendeten Georginen wünsche dereinst blühen zu sehen. Man versicherte mir, es seien schöne Sorten.“



















Georginen – so hießen Dahlien zu Goethes Zeiten. Durch Verwirrung und Missverständnis bei der Namengebung bezeichneten verschiedene Botaniker und Gärtner zuerst andere Blumen als Dahlien, Dahlien als Georginen und später wieder Georginen als Dahlien – benannt nach dem dänischen Botaniker Anders Dahl (1751 – 1789).

Auch heute noch ist Thüringen ein hot spot der Dahlienzucht: seit 1928 werden im Dahliengarten von Gera jedes Jahr die in der ganzen Region gezüchteten Dahlien ausgestellt.

Und hier noch ein paar Dahlienexemplare aus dem Botanischen Garten München:
























Samstag, 16. Juli 2011

Alpenrose

Alpenrose

Rhododendron ferrugineum
Rhododendron hirsutum


Es wurden keine Ergebnisse für Almrausch bist a schians Bliaml gefunden. Pech also beim Googlen, ich versuche es aus dem Gedächtnis, denn das Südtiroler Liederbuch habe ich gerade nicht zur Hand.

Almrausch, Almenrausch, bist a schians Bliaml
Almrausch, Almenrausch, bist so schian rot.
Wenn i so vor dir steh
Tuat mir mein Herz so weh
Almrausch, Almenrausch, bist a schians Bliaml.

Kann man so viel Schmalz ertragen? Nur gut, dass meine geschätzten Leser nicht auch noch die Melodie dazu hören müssen. Der Almrausch, das schiane Bliaml, ist die Alpenrose, unsere Pflanze des Monats Juli.

Eine Alpenrose ist eine Alpenrose ist eine Alpenrose ist eine Alpenrose

So literarisch falsch das Zitat ist, so falsch ist es botanisch:  eine Alpenrose ist zwei Alpenrosen, müsste es wissenschaftlich korrekt heißen.

Denn die Pflanze des Monats Juli, die Alpenrose, kommt in den Alpen in zwei Arten vor. Die Rostblättrige Alpenrose wächst auf dem sauren Untergrund der Zentral- und Westalpen, die Bewimperte Alpenrose auf den basischen Böden der Dolomiten und nördlichen und südlichen Kalkalpen.


Das archetypisch Alpenländische: die Rostblättrige Alpenrose

Die Rostblättrige Alpenrose, Rhododendron ferrugineum, bildet auf Almen große Strauchflächen. Der rote Blütenteppich im Frühsommer ließ die Alpenrose, zusammen mit Edelweiß und Enzian, zu einem Symbol für alles Alpenländische werden. Der natürliche Standort der Rostblättrigen Alpenrose ist der lichte Lärchen- Zirbenwald des oberen Waldgürtels der Alpen. Die heutigen Almen sind auf ehemaligen Waldflächen entstanden, die zur Gewinnung von Weideflächen für das Vieh gerodet wurden. Auch die Alpenrosen wurden bekämpft, doch ist es nicht leicht, ihrer Herr zu werden: auf schlecht gepflegten Almen, am Waldrand, an steilen Stellen, kann sie sich ausbreiten und die kostbaren Weideflächen zurückdrängen. Der Kampf gegen die Alpenrose und andere Zwergsträucher wie die Latschen war auf den Almen eine nie endende Plage. Ihren Namen hat die Rostblättrige Alpenrose von der Farbe der Unterseite der ledrigen Blätter, die von gelblich bei jungen bis rostfarben bei älteren Blättern changieren. Die Sträucher werden bis 1 m hoch. Uns Kinder haben auch immer die großen Gallen an den Blättern fasziniert, die Alpenrosenäpfel, die von einem Pilz hervorgerufen werden.

An manchen Stellen auf den Almen tritt, z.B. an Böschungen, unter den Alpenrosen der Boden zu Tage. Der Boden ist rostrot; Bodenschichten, die verschiedene Farben aufweisen und verschiedene Tiefen, werden "Horizonte" genannt. Der rote Bodenhorizont unter den Alpenrosen ist durch Eisenoxid rot gefärb, was nichts anderes als Rost ist. Dieser rote Horizont ist nun ein Hinweis darauf, dass wir es mit einem Waldboden zu tun haben, wie er sich auf sauren Gesteinen wie Granit oder Schiefer entwickelt. Auch in diesem Sinne ist die Alpenrose ein Hinweis darauf, dass sie dort wächst, wo einst Wald war.

Die andere Alpenrose, die Bewimperte Alpenrose, Rhododendron hirsutum, wächst auf kalkhaltigen Böden. Sie unterscheidet sich von der Schwester durch die bewimperten Blattränder, Blüten und Triebe. Ihre Blüten sind etwas kleiner und heller. Sie ist keine eigentliche Waldpflanze, sondern wächst vor allem in Latschengebüschen, aber auch auf Kalkschutt und Karen.

An den Wimpern sollt ihr sie erkennen: Bewimperte Alpenrose

Die zwei Alpenrosen sind einander sehr ähnlich. Nah verwandte Arten, die sich nur etwa durch die Standortwahl unterscheiden, werden vikariierend genannt. Es gibt noch eine dritte, seltene Alpenrose, die Zwergalpenrose, Rhodothamnus chamaecistus. Auch sie wächst auf Kalk, in den Ostalpen, ist aber selten. Sie gehört nicht zur Gattung Rhododendron, ist also zu den beiden erstgenannten Alpenrosen nicht vikariierend.

Rhododendren und ihre nahen Verwandten, die Azaleen, sind die Stars unter den Gartensträuchern. Sie sind vor allem in Eurasien verbreitet und kommen in vielen Varietäten vor. Im Botanischen Garten München gibt es jedes Jahr im Frühjahr die hohe Zeit der Rhododendrenblüte.


Zwei Alpenrosen im Nationalpark Hohe Tauern:
Dr. Shalini Misra und Rhododendron ferrugineum

Montag, 13. Juni 2011

Fleischfarbenes Knabenkraut

Fleischfarbenes Knabenkraut
Dactylorhiza incarnata
 
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei dem Wort "fleischfarben" muss ich an Dinge wie Stützstrümpfe oder Strumpfgürtel denken. Fleischfarben ist irgendwie nicht sexy. Unsere Pflanze des Monats ist eine Orchidee, und Orchideen gelten als charismatische Pflanzen - wegen ihrer Farben, ihrer extravaganten Blütenformen und wegen ihrer Art, sich fortzupflanzen, bei denen Insekten versuchen, sie zu begatten und so ihre Pollenpakete mit sich forttragen. Fleischfarben ist also nicht gerade die Assoziation, die einem zu dem Begriff Orchidee als erstes einfallen würde.

Ein anderer Name wäre Fleischrotes Knabenkraut - der hätte mir besser gefallen. Er wird aber nur als ältere Bezeichnung geführt oder als Lokalnamen, wie z.B. in der Schweiz. Nun gut, also fleischfarben - mit seinem Namen muss man sich abfinden, ich heiße schließlich auch Angelika.








































An der Spitze helmförmig und nicht gepunktet: die Blätter
Farbe der Blüte kann variieren, hier ist sie purpurrot



Das Fleischfarbene Knabenkraut wächst an den nassen Stellen von Feuchtwiesen („Streuwiesen“ s. unten), zusammen mit Wollgras, Pfeifengras, Mehlprimeln. Es kommt in Mitteleuropa vor , aber auch im Norden bis in die Nordukraine. In Deutschland finden wir es in den Streuwiesen des Alpenvorlandes in Bayern und Baden-Württemberg, in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg. Inneralpin finden wir es in Talniederungen der Steiermark und im Salzburger Land.


In Mitteleuropa gibt es mehrere rot- oder rosablühende Orchideen. Das Fleischfarbene Knabenkraut kann man von anderen vor allem durch die Blätter unterscheiden, die ungefleckt sind. An ihrer Spitze sind die Blätter helmförmig gekrümmt. Die Blütenblätter sind nach außen gekrümmt. Der Sporn an der Hinterseite der Blüte ist recht kurz im Vergleich zu anderen Orchideen.


Die Blüte des Fleischfarbenen Knabenkrauts variiert von purpur–violett bis rosa und weiß-gelblich  (selten). Es blüht von Mai bis Mitte Juni, eine kleinere purpurrote Form der voralpinen Streuwiesen auch später im Juli.



























Bitte nicht verwechseln: Fleischfarbenes Knabenkraut rechts,
rosafarben blühend. Links das Gefleckte Knabenkraut. Die
gefleckten Blätter sind nicht zu sehen, waren aber da!



Das Fleischfarbene Knabenkraut ist sehr anspruchsvoll, was den Boden angeht. Es verträgt keine Düngung, stellt bei geringem Nährstoffeintrag sein Wachstum ein. Die unterirdische Knolle kann aber über Jahrzehnte im Boden überleben. In wiedervernässten („renaturierten“) Flächen regenerierte sich das Fleischfarbene Knabenkraut aus den unterirdischen Knollen, die jahrzehntelang im Boden überdauert hatten.


Durch die großflächige Zerstörung der Feuchtwiesen ist das Fleischfarbene Knabenkraut vom Aussterben bedroht. Es steht auf der Roten Liste, zusammen mit seinen Unterarten (das sind die weiß- und gelbblühenden Formen). Sein Überleben hängt vom Erhalt der Reste seines Lebensraums ab.


Kronjuwelen der Voralpenlandschaft

In der letzten Eiszeit stießen die Gletscher von den Alpen bis weit ins Vorland hinaus An ihrer Stirnseite ließen sie die Moränen zurück, die heute den besonderen Reiz des voralpinen Moor – und Hügellandes ausmachen. . Auch im Norden, von Skandinavien her, wuchsen die Gletscherzungen bis weit nach Süden. Die abflusslosen nassen Senken der Moränenlandschaft, die nach dem Abschmelzen der Gletscher vor 10.000 Jahren entstanden war,verlandeten im Laufe der folgenden Jahrtausende. Die toten Pflanzen konnten sich nicht abbauen, sie entwickelten sich zu Torf. Von Natur aus sind diese Flächen mit Büschen und Bäumen bestanden, mit Weiden, Erlen oder Pappeln. Ist der Torf nicht zu tief und speist sich aus dem Grundwasser, spricht man von Niedermoor. In einem Hochmoor  dagegen ist der Torf so dick, dass er mit dem Grundwasser nicht mehr in Verbindung steht und sich nur aus den Niederschlägen speist. Ein Niedermoor heißt in den Bayern, in Österreich, in Südtirol „Moos“  (Sterzinger Moos, Murnauer Moos), ein Hochmoor ist in Bayern ein Filz. Hochmoore sind seltener und empfindlicher als Niedermoore. Niedermoore eignen sich zur Mahd, aus ihnen sind die blumenreichen Streuwiesen entstanden, deren Pracht sie zu echten „Kronjuwelen der Voralpenlandschaft“ macht.

Streuwiesen, wie sie sich heute präsentieren, sind ein Werk des Menschen, der die Flächen ab dem Mittelalter gerodet und in Mahdflächen umgewandelt hatte. Sie lieferten die Einstreu für das Vieh, das den Sommer auf der Alm, den Winter im Stall verbrachte. Diese Wiesen wurden einmal im Jahr gemäht, im Herbst oder Winter, zu einem Zeitpunkt, an dem alle Pflanzen, Gräser wie Blumen, ausgeblüht haben. Das ist die erste Voraussetzung für ihren großen Artenreichtum. Die zweite ist ihre Nährstoffarmut: Streuwiesen wurden nie gedüngt, deshalb wachsen hier auch Pflanzen, die äußerst empfindlich gegen zu viel Nährstoffe sind, wie auch unser Fleischfarbenes Knabenkraut. Streuwiesen sind äußerst artenreich: an manchen Stellen wachsen bis zu 100 verschiedene Pflanzenarten, viele davon sind sehr selten: Schwertlilien, verschiedene Orchideen, weißblühendes Wollgras, Klappertopf, Schwalbenwurzenzian (s. Eulenblick vom September 2010), Schlauchenzian, Sumpfgladiole – und noch eine Pflanze mit einem seltsamen Namen, der Teufelsabbiss. Botaniker sprechen von Pfeifengraswiesen. Dieses Gras ist, zusammen mit dem Schilf an den nassesten Stellen, die häufigste Pflanze im Moos.

Außer durch ihre Blütenpracht fallen Streuwiesen auch durch andere ästhetische Eigenschaften auf. Sie sind im Frühjahr noch braun, wenn die gedüngten Wiesen des Umlandes längst grün sind und bilden oft große, von Wegen nicht unterbrochene Flächen. Alles zusammen ergibt den Eindruck einer ungestörten, ruhigen, archaischen Landschaft.

Durch den Rückgang der Landwirtschaft, den Umstieg auf Güllewirtschaft, Entwässerung und Verbuschung  sind in Deutschland an die 80 % der Streuwiesen verschwunden. Die verbliebenen Flächen stehen unter Naturschutz. Die wichtigste Pflegemaßnahme ist die Mahd, die alle zwei Jahre, mindestens aber alle 5 Jahre durchgeführt werden muss.





 Funkelnde Kronjuwelen der Streuwiesen: Orchideen, Wollgras und....




...Sibirische Schwertlilien!

alle Fotos: Wolf Schröder