Sonntag, 1. März 2015

Sägezahnbanksie

 

Sägezahnbanksie

Banksia serrata

Unsere Pflanze des Monats kommt aus Australien. Für europäische Augen hat sie wie viele Gewächse aus Down Under ein einigermaßen bizarres Aussehen. Doch zuerst wollen wir einen Blick auf ihren Namenspatron werfen, auch er ein bemerkenswertes Gewächs aus England.


Sägezahn-Banksie: Blütenstand thront über Sägezahnblättern

Botanisieren geht über Studieren

"Ich habe mir vorgenommen, mir drei Jahre an Zerstreuung zu gewähren, um ich meiner bevorzugten Tätigkeit zu widmen." So Joseph Banks (1743-1820), englischer Gentleman, reicher Privatier und einer der größten Großgrundbesitzer Englands. Die "bevorzugte Tätigkeit" Banks' war das Sammeln und Klassifizieren von Pflanzen. Als Student an der Universität Oxford sah man ihn selten in Vorlesungen, oft in Wäldern, Auen und Wiesen: Botanisieren ging über Studieren.


Sir Joseph Banks 1743-1820

1768, mit 25 Jahren, kaufte er sich mit 10.000 Pfund in die berühmte ersten Expedition James Cooks auf der Endeavour ein. Dort wollte er sich seine drei Jahre lang zerstreuen. Das war nicht einfach: Auf der 26 Meter langen Endeavour drängten sich über neunzig Seeleute. Banks kam dazu, doch war er nicht allein: Zwei Pflanzenmaler, ein Sekretär und - so viel musste einem Gentleman zugestanden werden - vier Diener kamen mit. Wichtigster Reisegefährte aber war der schwedische Botaniker Daniel Solander, wissenschaftlicher Zögling des größten seiner Zunft, Carls von Linné, dem Erfinder der binären Nomenklatur zur wissenschaftlichen Klassifizierung der Arten ("Homo sapiens"). Dem eitlen und eifersüchtigen Linné passte es gar nicht, dass Solander mit Banks ins Abenteuer zog.


Daniel Solander 1733-1782

Zwei Hauptziele hatte Cooks Expedition, die Beobachtung des Venusdurchgangs vor der Sonne von Tahiti aus und die Landung auf der Terra Australis Incognita, dem heutigen Australien. Der Durchgang der Venus vor der Sonne wurde von verschiedenen Punkten der Erde aus beobachtet; der Vergleich der Daten erlaubte präzisere Entfernungsmessungen im Planetensystem.

Manisch-obsessiver Müßiggang

1769 ankerte die Endeavour also vor Tahiti. Banks und Solander sammelten Pflanzen im Hinterland, über 300 Arten waren zuletzt wissenschaftlich klassifiziert. Die Endeavour fuhr weiter über den Pazifik und landete im April 1770 an der Ostküste Australiens, in jener Bucht, die heute noch Botany Bay heißt.


Das Original, von Joseph Banks in Botany Bay gesammelt

Nach der Ankunft waren Banks und Solander die Augen übergegangen angesichts der schrägen australischen Flora. Bäume, die ihre Rinde abwarfen und doppelt so hoch wurden wie die höchsten Bäume Englands - die Eukalypten. Blüten mit vielen leuchtendroten Griffeln, das Bottlebrush oder Flaschenbürstchen, dazu Riesenfarne, Schlingpflanzen, Orchideen. Wie euphorisiert liefen sie auf der Suche nach immer neuen Arten durch den australischen Busch. Joseph Banks, der reiche Mann, der Arbeit in klassischem Sinn nicht nötig hatte,  verwandelte sich in einen manisch-obsessiven Müßiggänger (küchenpsychologisch ausgedrückt).

Am Ende der Reise hatte Banks 3600 verschiedene Arten gesammelt, 1400 davon waren noch nicht wissenschaftlich klassifiziert und beschrieben.

Dazu gehörten auch vier Arten der Gattung Banksia, die er und Solander an der Botany Bay gesammelt hatten. Insgesamt gibt es an die 80 Banksia-Arten, die meisten davon an der Südwest- und Südostküste Australiens.



Jedes Röhrchen ist eine Blüte; zu Hunderten bilden sie den auffälligen Blütenzapfen

Im Englischen heißt unsere Pflanze Old Man Banksia wegen der struppigen trockenen Blütenstände; der deutsche Name Sägezahn-Banksie weist auf die gezähnten Blattränder hin, ebenso wie der lateinische Artname serrata.

Die Banksie ist ein knorriger Baum, bis 15 m hoch; an windigen Küsten ist sie oft nur ein niedriger Strauch. Aus dem Stamm mit der grauen Rinde tritt nach Verletzungen ein roten Rindensaft aus. Ältere Bäume weisen oft Brandwunden auf, wegen der Buschbrände im höllischen australischen Sommer. Silbergraue Blüten mit beigen Griffeln bilden die charakteristischen zylindrischen Blütenzapfen aus. Nach der Blüte entwickeln sich bis zu 30 verholzte Follikel, die ein bis zwei Samen enthalten. Abortierte verwitterte Blütenreste werden zu silbrig-haarigen Anhängen (der "Alte Mann"). Die Blätter sind bis 20 cm lang, 2 bis 4 cm breit; sie büscheln sich an den Enden der Zweige. Die Befruchtung übernehmen verschiedene Nektarvögel, wie der Weißbauch-Honigfresser, die mit ihren dünnen gebogenen Schnäbeln den Nektar aus den Blütenröhrchen schlecken.






Bin ich nicht schräg? Holzfollikel enthalten die Samen, trockene Blüten bilden den "Bart"

Die erste Sägezahnbanksie wurde am 29. April 1770 von Joseph Banks und Daniel Solander hinter Botany Bay gesammelt, doch erst im April 1782 in England zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, vom "kleinen" Carl von Linné, der nach dem Tod des großen sich in Banks' Haus aufhielt und ihm das Herbar des Vaters überlassen hatte.

Nach seiner Rückkehr nach England entfaltete Joseph Banks die vielfältigsten Aktivitäten und schlüpfte in viele Rollen: Salonlöwe, Wissenschaftler, Kulturschaffender, Freund des Königs und Vorsitzender der Royal Society, der glorreichen Akademie der Wissenschaften. Nur einmal noch sollte er ein Schiff besteigen, nach Island, doch ist sein Name heute vor allem mit einer berühmten Episode in der weiteren Geschichte der Schifffahrt verbunden, in der es - natürlich - wieder um eine Pflanze ging.

Doch darüber nächstes Mal mehr!







































Donnerstag, 22. Januar 2015

Kakao

Kakao

Theobroma cacao L.


(WER) KAKAO SUCHT

Alkohol, Heroin, Kokain? Nein, Theobromin ist das weltweit verbreitetste Suchtmittel!


Samen kurz vor der Ernte


„Ich bin Kakaoholikerin“, sagt Angelika S. aus R. in der Runde der Anonymen Kakaoholiker (Kakanon). „Ich bin süchtig nach Schokolade. Jeden Tag brauche ich meine Droge. Wenn ich ein paar Stunden keine Schokolade kriege, treten Entzugserscheinungen auf. Sie treiben mich zu demütigenden Handlungen: Ich krame in den hintersten Winkeln der Küchenschränke, in Bücher- und Kellerregalen nach Stoff, fahre nachts weite Strecken bis zur Tanke, um an die Droge zu kommen. Der Entzug macht mich unruhig und unleidlich, ich werde meinem Mann gegenüber aggressiv. Um dem zu entgehen, hat er immer einen Drogenvorrat versteckt, um mich im Notfall ruhigzustellen. Er ist also Co-Kakaoholiker. Ich habe schon einige Entzüge hinter mir, war aber nie länger als einige Tage clean.“
„Die Prognosen für Kakaosüchtige sind schlecht“, sagt die Drogenexpertin Maja Azteke aus Guatemala, „Theobromin, der Suchtstoff des Kakaos, regt im Gehirn die Produktion der Glücks-Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin, Endorphin  und Serotonin an. Wer Schokolade isst, läuft Gefahr, süchtig zu werden nach diesem Zündschlüssel zum Glück.“

 
Schattenblätter fangen das wenige Licht im Regenwald ein
„Meine Vorfahren, die alten Azteken, betrachteten Kakao, den sie Xocólatl nannten, als Geschenk des Gottes Quetzalcoatl an die Menschen“, so Maja Azteke. „Sie bereiteten daraus schon vor 3.000 Jahren einen Trank, der mit der heißen Schokolade von heute nichts gemein hatte, aber alles enthielt, was ein Organismus zum Überleben braucht: Wasser und Salz als basics, Mais für den vollen Magen, Vanille für’s Aroma, Cayennepfeffer gegen Keime und den von Natur aus bitteren Kakao für’s Gehirn, als Lieferant psychoaktiver Substanzen.“
„Moderne Schokolade enthält neben Kakao auch Milch und viel Zucker. Daher kommt der süße Geschmack, und deshalb hat Schokolade den Ruf, dick zu machen, “ so die Expertin.


Aus dem Stamm wachsen Blüten und Samen


„Der Kakaobaum stammt aus dem tropischen Regenwald Südamerikas. Meine Vorfahren haben ihn dann in Gärten angebaut“, so Azteke weiter. „Er wird 10 bis 15 m hoch, wächst also im Schatten der Urwaldgiganten. Seine immergrünen, 20 cm langen lanzettlichen Blätter sind typische Schattenblätter, groß und dünn, um das wenige Licht einzufangen, das in den unteren Stockwerken des Waldes  eintrifft. Die Blüten wachsen aus verborgenen Knospen direkt aus dem Stamm, man nennt das Kauliflorie. Aus ihnen entwickeln sich die charakteristischen Früchte, die die  kakaohaltigen Samen enthalten. Um den Kakao zu gewinnen, lässt man die Samen fermentieren. Dabei werden viele Bitterstoffe abgebaut. Geschält und geröstet, hat man den sehr fetthaltigen Kakao. Fett und Pulver werden durch verschiedene Verfahren getrennt; Kakaobutter und –pulver sind die wichtigsten Produkte.“
Frische Kakaosamen
 
Azteke berichtet davon, dass die Kakaodroge nicht nur glücklich macht, sondern auch schön, gesund und gescheit. Kakao ist reich an Flavonolen, die den Blutdruck senken und durch ihre antioxidative Wirkung Arterien geschmeidig halten. Kakao besteht fast zur Hälfte aus Fett, das in seiner festen Form Kakaobutter genannt wird. Schon lange ist bekannt, dass Kakaobutter Haut und Lippen gesund, geschmeidig und faltenfrei erhält. Die Columbia University hat außerdem erforscht, dass Flavonoide im Kakao das Gedächtnis stärken. Sechzigjährige Probanden, die täglich 900 mg Flavonoide in einem Kakao-Spezialgetränk zu sich nahmen (ein Schokoriegel enthält 40 mg), hatten nach drei Monaten das Gedächtnis von Dreißigjährigen.
„Kakaosüchtige sind im Durchschnitt gesünder, schöner und schlauer als Leute, die keine Schokolade konsumieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass gerade süchtige Frauen von ihrer Droge nicht lassen wollen“, so Suchtexpertin Maja Azteke.
„Die wichtigsten Anbauländer sind heute, neben Brasilien, westafrikanische Länder – die Elfenbeinküste stellt fast 40 % der Weltproduktion.“ Einmal in Fahrt, hört Maja Azteke nicht mehr auf mit dem Erzählen.  (Sollte sie gerade „drauf“ sein?) Doch sie berichtet auch von sehr ernsten Aspekten der Kakaoproduktion: „Der Kakaoanbau ist in den letzten Jahren in Verruf geraten: In Bahia in Brasilien und Sao Tomé vor der Westküste Afrikas sollten Kindersklaven bei der Ernte eingesetzt werden, überhaupt ist Kinderarbeit ein großes Problem, vor allem in Ghana, Kamerun, Guinea, Nigeria und Elfenbeinküste. Dort sollen die Erlöse aus dem Kakaoexport auch der Finanzierung des Bürgerkriegs gedient haben. Für Westafrika sprechen Terre des Hommes und Unicef von 200.000 bis 300.000 Kindern, die in der Kakaobranche arbeiten.  87 % von ihnen seien Farmerskinder. Sklaverei und Kinderhandel bestätigten diese Organisationen nicht."




Kakaoanbau in Ghana: zum Trocknen und Fermentieren (unten, auf Bananenblättern) ausgelegte Samen

"Die Zeit berichtet in der Ausgabe 52/2014, dass in Bahia in Brasilien ausgerechnet eine Pflanzenseuche die Lage verbessert habe", so Azteke weiter. „Ein Pilz aus Amazonien, Moniliophthora rozeri, lässt das Innere der Kakaofrüchte zu Staub zerfallen. Die Regierung Lula da Silva hatte ein Gesetz erlassen, das Sozialhilfe an Eltern zahlt, die ihre Kinder in die Schule anstatt auf Plantagen schicken. Da durch den Pilz viele traditionelle Plantagen aufgaben, gibt es auch weniger Nachfrage nach Kinderarbeit. Insgesamt ist die Kinderarbeit in Brasilien stark zurückgegangen. Wer fair gehandelte Schokolade kauft, kann von akzeptablen Bedingungen in der Kakaoproduktion ausgehen."
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
„Ich bin Kakaoholikerin“, sagt Angelika S. aus R. in der Runde der Anonymen Kakaoholiker (Kakanon). „Ich bin süchtig nach Schokolade. Jeden Tag brauche ich meine Droge. Wenn ich ein paar Stunden keine Schokolade kriege, treten Entzugserscheinungen auf. Sie treiben mich zu demütigenden Handlungen: Ich krame in den hintersten Winkeln der Küchenschränke, in Bücher- und Kellerregalen nach Stoff, fahre nachts weite Strecken bis zur Tanke, um an die Droge zu kommen. Der Entzug macht mich unruhig und unleidlich, ich werde meinem Mann gegenüber aggressiv. Um dem zu entgehen, hat er immer einen Drogenvorrat versteckt, um mich im Notfall ruhigzustellen. Er ist also Co-Kakaoholiker. Ich habe schon einige Entzüge hinter mir, war aber nie länger als einige Tage clean.“
„Die Prognosen für Kakaosüchtige sind schlecht“, sagt die Drogenexpertin Maja Azteke aus Guatemala, „Theobromin, der Suchtstoff des Kakaos, regt im Gehirn die Produktion der Glücks-Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin, Endorphin  und Serotonin an. Wer Schokolade isst, läuft Gefahr, süchtig zu werden nach diesem Zündschlüssel zum Glück.“
„Meine Vorfahren, die alten Azteken, betrachteten Kakao, den sie Xocólatl nannten, als Geschenk des Gottes Quetzalcoatl an die Menschen“, so Maja Azteke. „Sie bereiteten daraus schon vor 3.000 Jahren einen Trank, der mit der heißen Schokolade von heute nichts gemein hatte, aber alles enthielt, was ein Organismus zum Überleben braucht: Wasser und Salz als basics, Mais für den vollen Magen, Vanille für’s Aroma, Cayennepfeffer gegen Keime und den von Natur aus bitteren Kakao für’s Gehirn, als Lieferant psychoaktiver Substanzen.“
„Moderne Schokolade enthält neben Kakao auch Milch und viel Zucker. Daher kommt der süße Geschmack, und deshalb hat Schokolade den Ruf, dick zu machen, “ so die Expertin.
„Der Kakaobaum stammt aus dem tropischen Regenwald Südamerikas. Meine Vorfahren haben ihn dann in Gärten angebaut“, so Azteke weiter. „Er wird 10 bis 15 m hoch, wächst also im Schatten der Urwaldgiganten. Seine immergrünen, 20 cm langen lanzettlichen Blätter sind typische Schattenblätter, groß und dünn, um das wenige Licht einzufangen, das in den unteren Stockwerken des Waldes  eintrifft. Die Blüten wachsen aus verborgenen Knospen direkt aus dem Stamm, man nennt das Kauliflorie. Aus ihnen entwickeln sich die charakteristischen Früchte, die die  kakaohaltigen Samen enthalten. Um den Kakao zu gewinnen, lässt man die Samen fermentieren. Dabei werden viele Bitterstoffe abgebaut. Geschält und geröstet, hat man den sehr fetthaltigen Kakao. Fett und Pulver werden durch verschiedene Verfahren getrennt; Kakaobutter und –pulver sind die wichtigsten Produkte.“
Azteke berichtet davon, dass die Kakaodroge nicht nur glücklich macht, sondern auch schön, gesund und gescheit. Kakao ist reich an Flavonolen, die den Blutdruck senken und durch ihre antioxidative Wirkung Arterien geschmeidig halten. Kakao besteht fast zur Hälfte aus Fett, das in seiner festen Form Kakaobutter genannt wird. Schon lange ist bekannt, dass Kakaobutter Haut und Lippen gesund, geschmeidig und faltenfrei erhält. Die Columbia University hat außerdem erforscht, dass Flavonoide im Kakao das Gedächtnis stärken. Sechzigjährige Probanden, die täglich 900 mg Flavonoide in einem Kakao-Spezialgetränk zu sich nahmen (ein Schokoriegel enthält 40 mg), hatten nach drei Monaten das Gedächntis von Dreißigjährigen.
„Kakaosüchtige sind im Durchschnitt gesünder, schöner und schlauer als Leute, die keine Schokolade konsumieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass gerade süchtige Frauen von ihrer Droge nicht lassen wollen“, so Suchtexpertin Maja Azteke.
„Die wichtigsten Anbauländer sind heute, neben Brasilien, westafrikanische Länder – die Elfenbeinküste stellt fast 40 % der Weltproduktion.“ Einmal in Fahrt, hört Maja Azteke nicht mehr auf mit dem Erzählen.  Sollte sie gerade „drauf“ sein? Doch sie berichtet auch von sehr ernsten Aspekten der Kakaoproduktion: „Der Kakaoanbau ist in den letzten Jahren in Verruf geraten: In Bahia in Brasilien und Sao Tomé vor der Westküste Afrikas sollten Kindersklaven bei der Ernte eingesetzt werden, überhaupt sei Kinderarbeit ein großes Problem, vor allem in Ghana, Kamerun, Guinea, Nigeria und Elfenbeinküste. Dort sollen die Erlöse aus dem Kakaoexport auch der Finanzierung des Bürgerkriegs gedient haben. Für Westafrika sprechen Terre des Hommes und Unicef von 200.000 bis 300.000 Kindern, die in der Kakaobranche arbeiten.  87 % von ihnen seien Farmerskinder. Sklaverei und Kinderhandel bestätigten diese Organisationen nicht. Die „Zeit“ berichtet in der Ausgabe 52/2014, dass in Bahia in Brasilien „ausgerechnet eine Pflanzenseuche die Lage verbessert“ habe, so Azteke weiter. „Ein Pilz aus Amazonien, Moniliophthora rozeri, lässt das Innere der Kakaofrüchte zu Staub zerfallen. Die Regierung Lula da Silva hatte ein Gesetz erlassen, das Sozialhilfe an Eltern zahlt, die ihre Kinder in die Schule anstatt auf Plantagen schickten. Da durch den Pilz viele traditionelle Plantagen aufgaben, gibt es auch weniger Nachfrage nach Kinderarbeit. Insgesamt ist die Kinderarbeit in Brasilien stark zurückgegangen. Wer fair gehandelte Schokolade kauft, kann von akzeptablen Bedingungen in der Kakaoproduktion ausgehen.
 
 


Mittwoch, 10. Dezember 2014

Stechpalme


Der Eulenblick ist zurück

Nach langer Pause lässt die Eule wieder ihre Blicke schweifen. Jeden Monat wird sie, wie gehabt, von einer Pflanze berichten. Im Dezember hat sie die weihnachtliche Stechpalme erspäht.

Willkommen zurück unter der Stechpalme
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 













The holly and the ivy,
When they are both full grown,
Of all trees that are in the wood,
The holly bears the crown

English Cristmas Carol, hier zu hören:
 


In englischen Laubwäldern waren immergrüne Gewächse rar. Eiben und Kiefern wuchsen da und dort, um die Bäume wand sich Efeu, im Unterholz stand manche Stechpalme. Und diese holly trug die Krone, war die Königin der Bäume. Denn wenn von majestätischen Eichen die letzten braunen Blätter fallen, wenn die Blüten der Sommerwiesen nur noch trocken oder verschimmelt von welken Stängeln hängen, dann steht die Stechpalme in voller Pracht mit ihren glänzenden ledrigen immergrünen Blättern und leuchtendroten Beeren.

Grün wie die Hoffnung die Blätter, rot wie die Liebe die Beeren, weiß wie der Glaube die Blüten, dazu voller Stacheln und giftig – die Stechpalme war mit Symbolik und mythologischer Bedeutung aufgeladen. Winterliches Brauchtum drehte sich lange, bevor die Römer nach England kamen, um sie. Schon die Kelten schmückten ihre Wohnungen im Winter mit holly and ivy, ihre Druiden trugen Kränze aus Stechpalmen auf dem Kopf. Im Mittelalter bildete sich die christliche Symbolik der Stechpalme aus: die Blätter für die Dornenkrone, die roten Beeren für das vergossene Blut Christi.

Neben Stechpalme und Efeu gehört die Mistel zum Dreiklang der mythischen immergrünen Winterpflanzen. Der Kuss unter dem Mistelzweig ist der bekannteste englische Weihnachtsbrauch. (Mehr über die Mistel im Eulenblick vom Dezember 2011).

Die Stechpalme kommt als Baum oder Strauch vor; sie wird 1 bis 15 Meter hoch. Die Blätter in Bodennähe sind tragen Dornen. Sie stechen ganz schön und bieten einen guten Schutz gegen den Zahn von Reh und Ziege. Je höher am Stamm die Blätter sind, desto runder und handschmeichlerischer werden ihre Ränder. Der Baum ist zweihäusig, es gibt männliche und weibliche Individuen, die männliche oder weibliche weiße Blüten ausbilden. Die weiblichen Stechpalmen tragen ab dem Herbst und den Winter über die roten Beeren. Das Holz ist dicht und schwer; es lässt sich gut schnitzen und glätten. Früher wurde es zu Intarsien verarbeitet und zu kleineren und größeren Gegenständen. Goethes Spazierstock aus Hülsenholz steht heute noch im Haus am Frauenplan in Weimar.

Untere Blätter stachlig, obere ganzrandig
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 











Der Baum liebt feuchtes Klima und braucht wenig Licht. Er mag das englische Klima gern, wo die Sommer kühl und die Winter mild sind - und immer feucht. Die Stechpalme kommt vielen „englisch“ vor. In Mittel- und Südeuropa ist die Stechpalme ein seltenes Gewächs, da sie auf Frost und Trockenheit empfindlich reagiert. In Gärten kommt sie in vielen Sorten vor, als Strauch und Hecke, da sie das Zurückschneiden gut verträgt.

Ilse bilse, keiner willse
Die böse Hülse

Der Name des Holly kommt aus dem Altenglischen hole(gn), später Mittelenglisch Holin, noch später Hollen. Damit verwandt sind die alten Namen der Stechpalme wie Hülste oder Hulste (von althochdeutsch hulsa, mittelhochdeutsch hülse) – das heißt die Verbergende. Auch die Hülle und (ver-)hehlen gehören hierher. Jetzt können wir auch einen bekannten Stechpalmen-Namen deuten: Annette von Droste-Hülshoff. Die volkstümlichen Namen weisen auf christliches Brauchtum und die Dornen hin: Christdorn, Geißpalm, Palmdorn, Schradllaub, Schrattlbaum, Schürrütenholz, Stechle, Stecheiche, Stechholder, Stechlaub, Wachslaub, Walddistel. Doch warum die „böse“ Hülse? Wahrscheinlich wegen der Giftigkeit ihrer Beeren, die ein starkes Herzgift wie Rutin enthalten, neben Urolsäure und Menisdaurin. Die Beeren werden von Vögeln gefressen, denen das Gift offenbar nichts anhaben kann. Die Samen in den Beeren passieren Vogelmagen und –Darm unversehrt und keimen dort aus, wo die freundliche Amsel oder Drossel sie fallen ließ.


Der, ausgerechnet! 

Green groweth the holly, so doth the ivy.
Though winter blasts blow never so high
Green groweth the holly.
As the holly groweth green
And never changeth hue,
So I am, and ever hath been,
Unto my lady true.

Ja, wer hier die Treue zu seiner Lady beschwört ist einer, dem man es am wenigsten zugetraut hätte: Heinrich VIII, der Mörder auf dem englischen Thron, der zwei seiner sechs Ladies, Anne Boleyn und Catherine Howard, umbringen ließ. Da hatte er die unvergängliche Treue vergessen, die er dem ewiggrünen Kleid der Stechpalme gleichgesetzt hatte.
Doch auch in den Versen Heinrichs VIII steht holly neben ivy, und das hat seinen Grund. Das Thema des Gedichts ist die Liebe, und schon bei den Kelten standen die Stechpalme für das weibliche und der Efeu für das männliche Prinzip. Heinrich wäre hier also der Efeu, während die unglücklichen Frauen wie rote Beeren, die von der Stechpalme fallen, mit Glück im Austrag, mit Pech in der Grube landeten.

Sonntag, 16. September 2012

Ölbaum


Ölbaum 

Olea europaea

 

Die Ölbäume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden, verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander….Das Blatt ist weidenartig, nur wenige Blätter am Zweige.
Goethe, Italienische Reise, 1786


Die Blätter sehen fast wie Weiden.....
 
"Fast wie Weiden …“, damit meinte Goethe die lanzettlichen, graugrünen Blätter der Olive, die locker an den Zweigen sitzen. Unverwechselbar ist der Baum vor allem durch seinen knorrigen Wuchs und sein stark gemasertes Holz, mit dem hellen Splint und dem dunklen Kern. 90 % der Oliven werden heute zu Öl verarbeitet, der Rest wird gegessen. In der Antike war Olivenöl auch die wichtigste Lichtquelle, davon zeugen die von Archäologen überall im Mittelmeerraum ausgegrabenen Öllämpchen. Olivenöl diente auch zur Körperpflege; die Sportler Olympias salbten ihre Körper damit.



Starke Maserung
 

Baum der Zivilisation


Der Olivenbaum ist seit der Antike über den ganzen Mittelmeerraum verbreitet. Er ist ein Symbol für das Mediterrane, für das gemeinsame Erbe des Römischen Reichs. Die Römer verbreiteten die Kulturen über ihr ganzes südliches Herrschaftsgebiet, über Italien nach Spanien, Portugal und Nordafrika.
 
Erbe der Römer: Olivenhaine und Weinberge in der Toskana

Doch es waren die Griechen, die den wilden Oleaster, eine Pflanze der Macchia mediterranea, als erste domestizierten. Der Ölbaum war der Baum Pallas‘ Athenes, der Göttin der Stadt. Ölbaumkulturen lagen in der Nähe der Siedlungen, sie waren ein Zeichen für die Kontrolle der Stadt über den Raum, der Zivilisation über die Wildnis.
 

Baum der Ewigkeit


Der Ölbaum war die Pflanze der Unsterblichkeit – er wird Hunderte von Jahren alt, fault aus dem Inneren, ohne abzusterben und wenn man ihn umschneidet, treibt er aus dem Stock wieder aus. Wir sehen in den Plantagen keine tausendjährigen Bäume stehen, doch können immer wieder zurückgeschnittene Individuen so alt oder älter werden.

Die Bauern der Toskana haben den Januar 1986 noch in böser Erinnerung. – 24° hatte es in Florenz, der Arno war zugefroren. 70 % der Ölbäume waren erfroren, Jahrhunderte alte Bäume eingegangen. Dieses Ereignis war eine Zäsur im toskanischen Olivenanbau. Eine Modernisierung und Intensivierung des Anbaus setzte ein.  Oft tritt man Olivenplantagen an, wo die Schnittstelle am Boden von 1986 noch gut zu sehen ist.
 


Ewiger Ölbaum: Treibt aus dem Stock immer wieder aus; hier nach dem Winter 1986
Unbeugsam und unsterblich, dazu mit immergrünen Blättern versehen – der Olivenbaum war Symbol des Krieges und Sieges.

Heutzutage verspricht der Baum in einem anderen Zusammenhang, zusammen mit Nordic Walking und Gehirnjogging,  Unsterblichkeit – über die herzschützenden ungesättigten Fettsäuren in seinem Öl. An irgendetwas sterben die Leute letztlich trotzdem, man fragt sich aber, woran bloß?

 

Baum des Kaltgepressten


Das Wissen über kaltgepresstes Olivenöl als Distinktionsmerkmal des urbanen, kosmopolitischen, arrivierten und linksgewendeten Babyboomers ist längst zu einem Klischee geronnen. „Es ist etwas rings um Olivenöl, das Leute irrational handeln lässt“, sagt Tom Mueller, der 2007 in seinem Artikel Slippery Business im Magazin The New Yorker über Olivenölgeschäfte, Panscherei und Betrug schrieb. Irgendwie haben mir die Fakten, die er zusammengetragen hatte, den Appetit auf Olivenöl nachhaltig verdorben.
 

Hier gerinnt das Klischee.....Ölpresse in der Ölmühle, dem Frantoio
Kalt gepresst war ursprünglich alles Olivenöl, das in einem frantoio, einer Ölmühle gemahlen und durch Pressen gefiltert wurde. Erst im Industriezeitalter kam man auf die Idee, mit heißem Wasser und – horribile dictu – Lösungsmitteln wie Benzin aus der gepressten Olivenmaische noch die letzten Öltröpfen zu holen und die verschiedenen Extrakte zu kategorisieren.

Das Olio extra vergine d’Oliva ist das beste Öl aus der ersten, kalten Pressung. Davon ist so viel auf dem Markt, wie alle Ölbäume dieser Erde in Jahrhunderten nicht liefern könnten. Immer wieder wird gepanschtes Öl vom Markt genommen. In Erinnerung ist der große Olivenölskandal in Spanien von 1981 mit 750 Toten und mehr als 25.000 Vergifteten!

Wie kommt man an gutes Olivenöl? Am besten wohl direkt beim Produzenten oder über Recherchen im Internet und Fachzeitschriften. Also, guten Appetit!

 

Der Eulenblick macht Pause

Nach über zwei Jahren, viel Arbeit und vielen schönen Rückmeldungen der geneigten Leser, muss der Eulenblick für eine Weile pausieren, da die Verfasserin einen größeren Brocken - endlich- fertig stellen will. Also, auf bald, verehrtes Publikum!
 

 

 

 

Freitag, 17. August 2012

Edelweiß

Pflanze des Monats August

Edelweiß

Leontopodium nivale 


Hunderte von Blüten


Das Edelweiß ist die bekannteste Alpenblume und Symbol für alles Alpine. Als Kind faszinierte mich, dass das Edelweiß "in den Felsen" wächst. Doch mehr noch als in Felsbändern und Schrofen fühlt es sich in trockenen, steinigen alpinen Rasen wohl.

Die Blüte des Edelweiß' ist nicht das, was sie scheint. Die weißen "Strahlen" sind in Wirklichkeit umgewandelte Blätter, sogenannte Hochblätter. Sie umgeben die gelblichen Knöpfchen der Blütenstände. Jedes der Knöpfchen besteht aus 60 bis 80 schmalen Röhrenblüten, außen die kleineren weiblichen, innen die größeren männlichen. So hat ein einziges Edelweiß Hunderte von Blüten. Das ganze Ensemble, der "Stern", hat Schaufunktion für die bestäubenden Insekten.



File:LeontopodiumAlpinum-3.jpg
Blüten und Scheinblüten
Das Edelweiß ist in den Alpen ein Newcomer, ein Einwanderer aus der letzten Eiszeit. Aus seiner Heimat, den hochgelegenen Steppen Asiens kam es zunächst in die baumlose Kältesteppe Mitteleuropas, es folgte dann dem schmelzenden Eis hinauf in die baumlosen Höhen der Berge, bis über 3000 m Höhe.


Das Edelweiß ist eine 10 bis 20 cm hohe, filzig behaarte Pflanze. Die weißen Härchen erfüllen verschiedene Funktionen. Sie bilden ein Luftpolster, das die Pflanze vor Kälte und - noch wichtiger - vor Austrocknung schützt. Die blendende weiße Farbe absorbiert die starke UV - Strahlung des Hochgebirges und schützt die Pflanze vor Strahlungsschäden. Gleichzeitig lockt sie bestäubende Insekten an.

 

Ein Kind der Moderne


Doch wie konnte ausgerechnet eine  unauffällige Pflanze wie das Edelweiß ein solcher Mythos werden? Enzian und Alpenrose standen den Menschen des Gebirges doch näher; das Edelweiß hieß im Bayerischen ganz profan Bauchwehbleamerl. 

Schuld sind die bürgerlichen, zivilisationsmüden Sommerfrischler und Bergsteiger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie entdeckten die alpinen Bauernhöfe, Dörfer, Almen und Berge als Gegenwelt, hier konnten sie zur Ursprünglichkeit zurückfinden. Ihr Hausphilosoph war Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778) der das "retour à la nature" erfunden hatte. Diese Flüchtlinge der Moderne haben das Edelweiß für ihre Projektionen auserkoren, es mit Bedeutungen aufgeladen. Die Zuschreibungen konnten sich auch widersprechen:  Das Edelweiß, die reine, weiße Blume als Symbol weiblicher Unschuld und andererseits das Edelweiß in Fels und Sturm für die männliche Widerstandskraft.

Die Alpenvereine, auch sie Kinder des Bürgertums jener Zeit, nahmen das Edelweiß in ihre Wappen auf, wo es bis heute voller Symbolkraft prangt.

Legenden, Bräuche, Mythen rings um das Edelweiß, die in der Populärkultur stolz als Ewiges präsentiert werden, sind ebenso Spätgeburten. In der wissenschaftlichen Volkskunde  finden sich kaum Spuren des Edelweiß' vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, in Sagen und Märchen nicht und nicht in den Volksliedern.

Beim Verweis der Einheimischen in den Alpen auf die "alten" und "ursprünglichen" Bräuche, Lieder und Tänze, beschleicht mich  stets ein peinliches Gefühl. Es beschleicht mich auch, wenn ich Vertreter der "First Nations" (vulgo "Indianer") Nordamerikas über mother earth räsonnieren höre. Ich werde da den Verdacht nicht los, dass "Mutter Erde" eine Erfindung der Weißen ist.



A Mass, a Brezn, an Edelweiß....
Das Fremdbild wird zum Selbstbild, man identifiziert sich mit dem Blick des Fremden. Man nimmt sogar die Herablassung und Degradierung zum Objekt in dieses Selbstbild auf: Edel ist er schon, der Wilde, aber halt auch ein Wilder.

 

Blume des Heldentods


Zu den Legenden gehört auch der Bursche, der beim Edelweißbrocken für sein Madl aus den Schrofen kugelt. In der Edelweißmythologie gehört das zum martialisch-militärischen Themenkreis. Der Kraftlackel, der sich furchtlos den Gefahren der Berge aussetzt, stirbt den Heldentod.

Heldentum und Militarismus gingen oft genug mit in die Berge. Und das Edelweiß lag im Schützengraben, wie es Tobias Scheidegger in seiner Monographie über die Pflanze schreibt*, der ich viele Informationen für diesen Artikel entnommen habe. Der erste, der das Edelweiß als Emblem für Teile seiner Truppen eingeführt hatte, war Franz Joseph. Ab 1907 prangte "des Kaisers Lieblingsblume" auf Hut und Ärmel der k.und k. Hochgebirgstruppen. Die Alpenblume an der Uniform sollte wohl militaristische Konnotationen abmildern und durch Sentimentalität und Heimatliebe ersetzen. Ab 1915 gab es das deutsche Edelweißkorps mit drei Regimentern.

Nicht vorenthalten will ich die Bosheit Karl Kraus' in diesem Zusammenhang. Aus einem Schützengraben des ersten Weltkriegs stammt folgendes Gedicht eines "Blumenteufels", wie sich die Angehörigen des Edelweißkorps nannten.

Auch stolz trägt es der Mann im Feld,
Den's Alpenreich dem Kaiser stellt.
Zu treu'n Kämpfern hat's uns gemacht,
Den Tit'l Blumenteuf'l eingebracht.

Karl Kraus, dem eine Postkarte mit diesem Meisterwerk der Apostroph - Anwendung  in die Hände fiel, schrieb: "Es ist zu hoffen, dass solange keck die Gemsen springen, sich kühn die Adler schwingen und wie immer auch da und dort die Blumenteuf'l singen, das Edelweiß unter keinem Tit'l mehr die Menschen zu treu'n Kämpfern machen und das Alpenreich dem Kaiser keinen einzigen Mann ins Feld stellen wird. Das walte Gott." Bekanntlich ist der Wunsch Karl Kraus' im Blut der Schützengräben an der Dolomiten-, Ortler- oder Adamellofront des "Alpenreichs" baden gegangen.




Blutiges Edelweiß




























In der Zwischenkriegszeit trugen sowohl die sozialdemokratischen Naturfreunde als auch die rechtsextremen Freikorps (in Bayern)  das Edelweiß im Wappen.

1935 dann wurde die erste Gebirgs-Division der Wehrmacht eingerichtet. Die "Kameraden unter dem Edelweiß" kämpften nicht edel - vor allem den Griechen sind sie durch Massaker, wie auf der Insel Kefallonia, in Erinnerung geblieben. Heute noch ficht das die tapferen Edelweißrecken nicht an. Bei ihrer Heldenfeier auf dem Hohen Brenten bei Mittenwald ist meist viel von Heimatliebe und - Verteidigung die Rede, die weniger glorreiche Vergangenheit lässt man gerne ruhen. Es kommt deshalb nicht selten zu Krawallen.

Doch gab es im Rheinland und im Ruhrgebiet während des Krieges eine Jugendorganisation, die Edelweißpiraten, die sich in Opposition zur Hitlerjugend der Vereinnahmung durch die Nazis zu entziehen versuchte.

 

Ewig bedroht: das Edelweiß und sein Aussterben


Von seinen Aufenthalten in den Bergen wollte man etwas mitnehmen in den bürgerlichen Salon. Was für ein besseres Souvenir als ein Edelweiß gab es da? Ein Klauben, Rupfen und Ausgraben hob an, auch in kommerzieller Form. Spezialisierte Händler und Versandhäuser trieben die Nachfrage. Auch Alpengärten kamen in den Städten groß in Mode, in denen die in den Bergen ausgegrabenen Pflanzen standen.

Diese Zustände riefen schon früh Naturschützer auf den Plan. Sie forderten den Schutz des Edelweiß' und postulierten seine unmittelbar bevorstehende Ausrottung. In Österreich steht das Edelweiß schon seit 1886 unter Schutz. Wissenschaftlich ist das drohende Verschwinden der Pflanze nicht gesichert. Auf den gut zugänglichen Trockenrasen war die Blume in Bedrängnis geraten. In Felsen und Schrofen, wo niemand hinkam, konnte sie  nach wie vor unbehelligt blühen.

Trotzdem scheint das Edelweiß im Bewusstsein der Leute die ewig bedrohte Blume zu sein: Am berühmten Grasberg im Allgäu, der Höfats, die von Edelweißpflückern besonders heimgesucht war, bewachte die Bergwacht von 1935 bis 2007 (!) die Vorkommen.

Tant' Julie wählt das Edelweiß


Die nationalistisch-reaktionäre Symbolik des Edelweiß' verlor sich nach dem 2. Weltkrieg weitgehend. Die politische nicht überall: So ist das Edelweiß das Emblem der Südtiroler Volkspartei, gegründet am Tag des Kriegsendes, am 8. Mai 1945, in Bozen. Ab diesem Datum wählte Großtante Julie (1906 - 2001), wie die meisten Südtiroler, "das Edelweiß". Denn nur "vereint unter dem Edelweiß" konnten die Südtiroler gegen die macchiavellistischen Politiker Roms bestehen.




Vereint unterm Edelweiß:
die Südtiroler Volkspartei



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The Sound of Music

Das Musical über die Familie Trapp mit Julie Christie machte das "Edolwaiss" in Amerika berühmt.

Hier ein Link zum "Edelweiß" - Ohrwurm, mit einem besonders edlen Legato vorgetragen von den Wiener Sängerknaben.

http://www.youtube.com/watch?v=CxgKydtWjRg 

Das Edelweiß ist nach wie vor, in Folklore und Tourismus, hoch im Kurs: Air Edelweiß aus der Schweiz, unzählige "Haus Edelweiß" in den Fremdenverkehrsorten der Alpen, aber etwa auch das "Bleaching Studio Edelweiß" aus Köln.

* Tobias Scheidegger. Mythos Edelweiß:zur Kulturgeschichte eines alpinen Symbols. Zürich 2008.




 














Dienstag, 17. Juli 2012

Mädesüß

Pflanze des Monats Juli


Mädesüß
Filipendula ulmaria

Blüht im Hochsommer: das Mädesüß




















Lebensraum F-Wort

 

Man freue sich: Wenn das Mädesüß blüht, ist Hochsommer. Das Mädesüß wächst auf feuchten, nährstoffreichen Standorten, am Ufer des Baches, in Auwald, Niedermoor und Streuwiese. Die cremeweißen, vielblütigen Blütenstände leuchten aus dem satten Grün der gefiederten und behaarten Blätter hervor. Die rot überlaufenen Stängel werden über einen Meter hoch, manchmal auch bis zu zwei Meter. Sie verzweigen sich in der oberen Hälfte und bilden zwei oder mehr Blütenstände aus. Die behaarten Blätter des Mädesüß' erinnern an jene der Ulme, daher der Artnamen ulmaria. Die Blüten verströmen einen intensiven süßlich-aromatischen Duft nach Rheumasalbe. Dazu unten mehr. Das Mädesüß ist in ganz Europa verbreitet, mit Ausnahme der heißesten Mittelmeergebiete. Es kommt auch in Nord- und Mittelasien vor.

Weiße Blütendolden, behaarte Blätter


























In Mitteleuropa sind Feuchtgebiete - Moore, Streuwiesen, Auen - selten geworden und das, was von ihnen übrig blieb, verdient strengen Schutz. Seit Charlotte Roches Skandal-Seller kommt der Ruf nach dem Schutz der wertvollen Feuchtgebiete manchem Umweltschützer aber nur noch zögerlich über die Lippen. Der Lebensraum des armen Mädesüß' ist zu einem F-Wort geworden. Deshalb soll hier jenseits aller Peinlichkeit der Ruf ertönen: Schützt die Feuchtgebiete!


Im Murnauer Moos


Kein süßes Mädel

Woher hat das Mädesüß seinen schönen Namen? Mit dem "süßen Mädel" hat es nichts zu tun, lieber männlicher Leser. Nachdem die Aromen aus der Blüte früher zum Süßen von Wein und Met verwendet wurden, soll sein Namen "Metsüße" bedeuten. Ziemlich vordergründig diese Deutung, oder? Überzeugender ist der Zusammenhang von "Mäde" zur Mahd, zur Mähwiese, auf der das Mädesüß steht. Auch das englische Meadow und die Mahd gehören zusammen; in England ist das Mädesüß das meadow sweet. Das alte "Mede" bedeuted Grasland. In der Folge "Tote singen nicht" meiner Lieblings-Krimiserie "Inspector Barnaby" wohnt einer der Verdächtigen im herrschaftlichen Landgut Hartsmede.

Vom Mädesüß zum Aspirin

 Der Wunderwirkstoff des Aspirins ist die Acetyl-Salicylsäure. Das "Salicyl-" kommt von Salix, der Weide, deren Rinde eine Vorstufe von Salicylsäure enthält und die schon in der Antike als Heilpflanze  genutzt wurde. "Acetyl"- kommt von der Essigsäure, die bei der Gewinnung der Salicylsäure zum Einsatz kommt. Im Aspirin ist das "A" ein Hinweis auf die Essigsäure. Die Silbe "Spirin" wiederum kommt von Spiraea, dem Spierstrauch. Gemeint ist aber das Mädesüß, das früher den Gattungsnamen Spiraea trug und zu den Spiersträuchern gezählt wurde. Fazit: Aspirin ist nach dem Mädesüß benannt. Denn auch es enthält Salicyl und wurde seit langem als Heilkraut verwendet. Es wird, genau wie Weidenrinde, gegen Fieber, Erkältungen, Rheuma und Kopfschmerzen empfohlen. In manchen Foren wird auch eine Wirksamkeit gegen Migräne und Malaria behauptet, aber das dürfte wohl auf die Heilkräuterenthusiasten zurückzuführen sein, denen es nicht genügt, dass eine Pflanze gegen manches hilft, nein, sie soll gleich gegen alles helfen.

John Gerard schrieb 1597 davon, dass das Mädesüß "...von Anfällen des Viertagefiebers" befreie. Dabei kam aber seine fiebersenkende Wirkung zum Tragen. Gegen Malaria hilft bis heute das Moskitonetz und sonst, wie's ausschaut, leider gar nichts, weder Weidenrinde, noch Mädesüß, noch das Bibergeil, das Fett des Bibers, dessen Heilwirkung ebenfalls auf die Salicylsäure zurückgeht.



Aspirin am Wegrand