Freitag, 25. September 2015

Zirbelkiefer

Zirbelkiefer

Pinus cembra


König des Dschungels, König der Berge, Königin der Herzen – idealisierende Attribute lösen bei mir immer leichtes Fremdschämen aus, denn sie setzen ihren Gegenstand herab, banalisieren und verkleinern ihn, anstatt ihn aufzuwerten. Deshalb werden wir es unterlassen, unsere Pflanze des Monats, die Zirbelkiefer, Zirbe, Zirm oder Arve (in der Schweiz) mit ihrem üblichen Titel „Königin der Alpen“ zu bezeichnen, obwohl....verdient hätte sie ihn!

Nadeln, zu fünfen gebündelt, auffallende Zapfen, ölreiche Samen: die Zirbelkiefer
 

Die  Zirbe ist der Baum der alpinen Höhenlagen. Sie braucht kontinentales, also kaltes und trockenes Klima. Kein Baum steigt höher als sie, ist wetterhärter oder widerstandsfähiger. Die Wälder an der Waldgrenze bestehen fast nur aus Zirben, einzelne Lärchen oder Fichten sind beigemischt.
Die Zirbe ist ein Relikt aus der Eiszeit; als das Klima vor ca. 10.000 Jahren wärmer wurde, zog sie sich in die kalten inneralpinen Hochlagen zurück. Sie verträgt tiefere Temperaturen als alle anderen Bäume der Alpen, bis minus 45 Grad oder darunter. Deshalb gibt es dort, wo sie wächst, kaum Konkurrenz für sie.

Zirbenwälder bilden die Waldgrenze, hier in den Dolomiten
 

Um zu wachsen, Nadeln auszubilden und ihre Zapfen zum Reifen zu bringen, braucht die Zirbe während des kurzen Hochgebirgssommers aber auch direkte Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen. Die findet sie an steilen Südhängen; die höchsten Zirbenwälder (auf über 2500 m Höhe) haben eine Südexposition. In feuchtem Klima kommt die Zirbe nicht auf die nötige Wärmesumme. Deshalb finden wir in den regnerischen („atlantisch getönten“) Nordalpen Zirben nur an wenigen sehr hohen Stellen – das Klima wird kälter und trockener mit der Höhe. In den Nordalpen sind nur wenige Berge – Zugspitze und Watzmann – kontinental genug für Zirben. Der Wissenschaftler, der diese Theorie der so genannten Massenkontinentalität entwickelte, hatte einen Namen mit Alpinbezug, er hieß Gams.
Die charakteristische zylindrische Gestalt der Zirbe macht sie auch aus größerer Entfernung unverwechselbar. Sturmzerzauste Baumgestalten – „Wetterzirben“ – sind beliebt bei Malern und Fotografen als romantische Metapher für die raue Bergwelt.
Beliebt bei Romantikern: die Wetterzirbe

Die blaugrünen, um die 10 Zentimeter langen Nadeln der Zirbe wachsen zu fünfen gebündelt aus kleinen Knoten am Zweig, so genannten Kurztrieben. Die nah verwandten Bergföhren und Latschen haben nur zwei Nadeln in einem Kurztrieb.
Die Zapfen der Zirbe sind ungefähr eigroß, mit braunvioletten Schuppen. Sie bergen die Samen - von einer harten Schale umgebene Nüsschen. Diese sind essbar mit harzig-würzigem Geschmack und können in Brot und Kuchen verbacken werden – pinoli der Alpen.

With a little help from my friends….

Samen, umgeben von einer harten Schale, die in einem Gebirgsklima mit monatelangem Frost und hoher Schneeauflage keimen sollen – Zirben haben es nicht leicht, ihren Nachwuchs über die schwierige erste Zeit zu bringen. Da kann man a little help von Freunden gut gebrauchen. Der Freund der Zirbe ist ein Vogel, der Tannenhäher. Sein deutscher Name ist irreführend, der Tannenhäher interessiert sich vor allem für die Samen der Zirbelkiefer. Sein lautes Krächzen haben Alpinisten im Ohr: http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/tannenhaeher.html
Tannenhäher: Vergräbt Zirbennüsse als Vorrat für den Winter....

...die er aus den Zapfen hackt.

Im August in den Dolomiten, auf einer Wanderung im Zirbenwald: Tannenhäher mit vollem Kropf fliegen, sie graben Löcher, in denen sie Depots von 10 bis 20 Zirbennüsschen anlegen. Ein einzelner Vogel kann über Wochen Tausende von Samen in Hunderten von Depots anlegen – die Schweizerische Vogelwarte spricht von 30.000 bis 100.000 Nüsschen für jeden Vogel! Überall findet man sogenannte „Häherschmieden“, wo die Vögel die Zirbennüsse aus den Zapfen hacken. Im Winter holen sie sich die Samen aus dem Boden, bringen sich damit über die harte Zeit. Wie die Vögel die Samen unter einer meterhohen Schneedecke wiederfinden, ist nicht klar. Auch zu Depots, die inmitten von Freiflächen liegen, graben sie sich punktgenau durch den Schnee vor. Wahrscheinlich haben sie in ihrem Gehirn eine Art Tannenhäher-GPS.
Von den vielen Samendepots im Boden bleiben immer einige unberührt – sie werden vom Tannenhäher nicht wieder aufgesucht oder nicht wiedergefunden. Diese Samen liegen nun in einem sehr günstigen Milieu, um zu keimen: Im feuchten Boden vermodert die harte Schale, der tiefe Boden gefriert nicht so leicht und er enthält wichtige Nährstoffe für das junge Pflänzchen. Oft sieht man Zirben in kleinen Gruppen beieinanderstehen; sie sind aus demselben Samendepot gewachsen. Kuscheln wärmt: Im Inneren dieser Gruppen schaffen sich Zirben ein eigenes Mikroklima, das gegen Stürme und Kälte des Gebirges abschirmt.
Halbstarke treten gerne in Gruppen auf: Junge Zirben,
gewachsen aus einem Nüsschendepot
Die Zirbe ernährt den Tannenhäher, der die Keimung der Zirbensamen ermöglicht – eine solche win-win-Situation nennt man in der Biologie eine Symbiose.
Sehr häufig sieht man in den Alpen junge Zirbelkiefern weit über der Waldgrenze wachsen. Die Allerweltserklärung „Klimaerwärmung“ greift hier zu kurz – der Anstieg der Waldgrenze erklärt sich mit dem Rückgang der Almwirtschaft. Almflächen, für die im Mittelalter (oder früher) der Zirbenwald gerodet worden war, wachsen langsam zu. Der Tannenhäher betätigt sich hier als Waldbauer.

Almen, vom Mensch einst gerodet, von Zirben
wiederbesiedelt

Weich, hell und über Jahre aromatisch duftend: Zirbenholz war immer sehr begehrt. Die Stuben der alpinen Bauernhäuser sind damit getäfelt, Betten und Kommoden daraus geschnitzt, ebenso Heiligenfiguren in Kirchen und Kapellen.
In letzter Zeit sollen auch Betten aus Zirbenholz und mit Zirbenspänen gefüllte Kissen erholsamen Schlaf spenden; ätherischer Zirbenduft wurde zum selling point. Eine Studie wollte die Wirksamkeit bewiesen haben. Bei näherem Hinsehen war die Studie gar keine solche, es gab keine nachprüfbaren Zahlen, die Probanden hatten gut geschlafen, aber „nicht so gut wie in ihren eigenen Betten“.

Interesseloses Wohlgefallen

Vielleicht sollte man die arme Zirbe einfach vor sich hin duften lassen, ohne menschliche Ansprüche auf sie zu projizieren? Ich selber halte es gerne mit dem „interesselosen Wohlgefallen“ Kants: Er verweist uns auf das "Gefallen an der inneren Zweckmäßigkeit des angeschauten Gegenstands, ohne Gedanken an einen praktischen Zweck.“

 

 


 

 

 
 

Freitag, 28. August 2015

Blauer Eisenhut


August 2015

Blauer Eisenhut

Aconitum napellus

Sex and crime geht immer, heißt es, wenn man medial multitaskende Leser dazu bringen will, sich einem Text zu widmen.
Dieser Blog kann naturgemäß nur Blümchensex bieten, das ist aber auch nicht so der Brüller. Mit Mord und Totschlag allerdings kann das Reich der Botanik aufwarten, Giftmörder wissen das seit je. Deshalb hat es diesen Monat der Blaue Eisenhut in den Eulenblick geschafft.

Kinder und Finger weg!

Er hätte es wissen müssen, der Pharmaziestudent, damals auf der Alm im Trentino, als er in die Wurzelknolle des Blauen Eisenhuts biss, um sein Leben zu beenden. Er fand keinen schönen Tod, denn eine Vergiftung durch Aconitin, dem Gift dieser Pflanze, endet in Qualen, die bis zum Schluss durch keine Bewusstseinstrübung gemildert werden.

Der Blaue Eisenhut - mit seinen tiefblauen Blütentrauben eine wahre Schönheit - ist die giftigste Pflanze Europas. Drei Gramm aus seiner Wurzelknolle können einen Menschen töten, schon der bloße Hautkontakt mit irgendeinem Pflanzenteil ist giftig. Haut, die mit dem Eisenhut in Berührung kommt, wird taub, die Finger beginnen zu kribbeln.

Der Name der Pflanze kommt von der Form der Blüten. Von den fünf dunkelblauen Blütenblättern bildet das oberste einen Helm oder eine Kappe; manche der vielen Volksnamen deuten darauf hin: Blaukappenblume, Helmblom, Mönchskappe. Einige Lokalnamen zeugen freilich von der Giftwirkung: Ziegentod, Teufelswurz, Wolfsgift, Luppegift (Luppe kommt aus dem Mittelhochdeutschen und hat mit Zauberei, Vergiftung, zusammenziehendem Pflanzensaft zu tun).


Ober- und unterirdisch: überall Gift!

 
Aus der fleischigen Wurzelknolle wächst der Stängel bis 1,5 m in die Höhe, die obere Hälfte des Stängels trägt die vielen blauen Blüten. Der „Hut“ ist das vergrößerte fünfte Blütenblatt, das die anderen vier überragt. Eine solche Blüte nennt man zygomorph, was bedeutet, dass sie über nur eine spiegelsymmetrische Ebene verfügt. Die Blätter stehen im Wechsel dicht am Stängel, sie sind handförmig geteilt, in fünf bis sieben „Finger“, deren jeder wiederum mehrfach in sich gespalten ist.
 
Alle Teile der Pflanze sind giftig, besonders aber Wurzeln und Samen. Im Winter ist deren Giftigkeit am stärksten – Pflanzen pumpen oft Nährstoffe (und Gifte) in unterirdische überwinternde Knollen oder Wurzeln, bevor sie im Herbst oberirdisch absterben. Das Gift wirkt auf Muskulatur und Nerven; Aconitin kann aber auch über intakte Haut und Schleimhäute aufgenommen werden. Deshalb: Finger und Kinder weg von dieser Pflanze!
 
Eine Vergiftung durch Eisenhut bringt schreckliche Qualen mit sich: Krämpfe mit Erbrechen und Durchfall, das Gefühl, innerlich zu erfrieren, Lähmungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen. Bei stärksten Schmerzen und vollem Bewusstsein treiben die Vergifteten dem Tod entgegen.
 
Die Giftwirkung des Eisenhuts ist mindestens seit der Antike bekannt. Es ist natürlich nicht leicht, zu rekonstruieren, welches Gift bei historisch verbürgten Giftmorden zum Einsatz kam. Doch scheint Kaiser Claudius (regierte 41 -54 n. Chr.) von seiner Frau Agrippina mit Eisenhut ermordet worden zu sein.

Jemanden mit Eisenhut zu vergiften, bot verschiedene „Vorteile“: Der Gegner starb schnell (nach 30 bis 40 Minuten war bei ausreichender Dosierung alles vorbei), manchen, die einen Rivalen nur beseitigen wollten, genügte das. Doch die Schmerzen, die das Opfer litt, stillten auch Rachegelüste und Hassgefühle des Mörders. Eine besondere Genugtuung musste es für manche auch sein, dass dem Opfer – bei vollem Bewusstsein – kurz vor Schluss oftmals ein Licht aufging, wem es seine Pein verdankte.

Der Blaue Eisenhut ist in vielen Gebirgen Europas verbreitet. Er kommt dort auf den Almen oberhalb der Waldgrenze vor, aber auch in tieferen Lagen auf nährstoffreichen, feuchten Böden, zum Beispiel entlang von Bachläufen. Sein Hunger nach Nährstoffen macht ihn zum Mitglied der sogenannten Lägerflur auf den Almen. Das sind die Plätze vor Ställen oder in Pferchen, auf denen das Vieh lagert.  Der Kot der Tiere lässt dort sogenannte Stickstoffzeiger wachsen, Pflanzen mit meist großen Blättern, die mit der Überdüngung auf diesen Plätzen zurechtkommen. Außer dem Eisenhut gehören zur Lägerflur noch Alpenampfer (die – pardon – „Scheißblätschn“), Brennnessel und der Graue Alpendost.
 

Lagern in der Lägerflur mit Alpenampfer vulgo Scheißblätschn

Wegen seiner blauen Blüten ist der Eisenhut in vielen Gärten verbreitet. Es kommt öfter vor, dass Gärtnern, die nicht aufpassen, die Fingerglieder kribbeln und taub werden, weil sie die Pflanze anfassen.

Der Wolfseisenhut, ein naher Verwandter des Blauen Eisenhuts, hat gelbe Blüten. Auch er kommt auf Almen vor und ist ebenfalls sehr giftig.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Wilde Möhre


Juli 2015

Wilde Möhre

Daucus carota

Ähnlich wie weißblühende Sträucher (siehe Blogpost über die Traubenkirsche vom Mai 2015) ist die Unterscheidung der weißen Dolden- oder Schirmblütler für den zerstreuten Pflanzenfreund nicht einfach: Engelwurz, Giersch, Hundspetersilie, Kümmel, Kerbel, Schierling – sie schauen doch alle irgendwie gleich aus. Manch einer aus meiner Leserschaft rümpft vielleicht die Nase über diese Bekenntnisse eines Laien, doch ich weiß: Die Mehrheit fühlt sich verstanden.

An seiner Größe sollt ihr ihn erkennen und einen Bogen um ihn machen: Der giftige Riesen-Bärenklau, der in den letzten Jahren Schlagzeilen machte, ist leicht zu erkennen. Doch geht es uns heute um ein anderes, kleineres Mitglied aus dieser Verwandtschaft, die Wilde Möhre.
Sie hat ein Merkmal, das sie auf einen Blick unterscheidbar macht. Deshalb ist sie zu unserer Pflanze des Monats avanciert.


Man achte auf den Mittel-Punkt

Die Wilde Möhre stammt aus Europa und Asien; heute ist sie auch in Nordamerika weit verbreitet. Sie wächst an Wegrändern, Rainen, auf lockeren nährstoffarmen Böden. Schirmblütler haben schirm- oder halbkugelige Dolden; eine Dolde besteht aus 15 bis 30 Döldchen, die wiederum aus kleinen Einzelblüten bestehen. Im Zentrum der flachen weißen Dolde der Wilden Möhre sitzt eine (manchmal drei bis vier) sterile schwarzviolette Blüte. Auf den ersten Blick sehen diese Mittelblüten wie Fliegen aus – und das sollen sie auch: Richtige Fliegen werden angezogen und sie jagende Wespen. Auf dem Kampfplatz „Möhrendolde“ kann es hoch hergehen. Dabei wird Pollen zwischen den Blüten ausgetauscht. Flüchtende Fliegen und ihre Verfolgerwespen landen auch schon mal auf Dolden in der Nachbarschaft und laden dort fremden Pollen ab. Damit wird der wichtigste Zweck der Evolution erfüllt – der Austausch von Genen.



Wie viele Insekten?
 

Zwei schwarzviolette Mittelblüten
Die Funktion der schwarzen kleinen Blüten ist es also, Bestäuber anzulocken. Sie ist das Merkmal, an dem wir die Wilde Möhre auf den ersten Blick erkennen (und vor anderen damit angeben) können. Ein zweites Merkmal ist die vogelnestartig gekrümmte verblühte Dolde; zurzeit sieht man diese "Nester" überall an Straßen- und Wegrändern oder in Wiesen stehen.

Lauter Nester auf Stängeln am Wegrand

Die Wilde Möhre hat eine tiefe weiße Pfahlwurzel, die nach Karotte riecht, wenn man sie zerschneidet. Die Blätter sind gefiedert, ähnlich wie jene der Kulturmöhre.

 
Die Wilde Möhre ist zumindest ein Elternteil unserer Kulturmöhre, Karotte oder Gelben Rübe. Möhre sagt man eher im norddeutschen, Karotte im süddeutschen Raum. Doch gibt es Ausnahmen von dieser Regel: Tiroler sagen Karotte oder Gelbe Rübe; mein steirischer Mann ist nicht davon abzubringen „Möhren“ zu schneiden, sautieren und blanchieren.
 

Ein Geschenk der Stans

Die Wege der Wilden Möhre auf unsere Teller waren verschlungen. Historiker, Gärtner, Genetiker versuchten, ihre Geheimnisse zu ergründen. Wahrscheinlich entstand die Kulturpflanze Daucus carota sativa durch Kreuzung der „eigentlichen“ Wilden Möhre (der sogenannten Nominatform) mit der weißen südeuropäischen Unterart maximus und der schwarzvioletten asiatischen Unterart afghanicus. In Kleinasien, dem Überschneidungsgebiet der verschiedenen Formen, züchtete man Möhren in den verschiedensten Farben von weiß über gelb bis violett.

In Kleinasien und Innerasien domestizierte man Karotten schon vor vier- bis fünftausend Jahren. Die violette Möhre dort war in den „Stans“ verbreitet: in Turkmeni-, Kyrgysi-, Tadschiki-, Usbeki- und vor allem Afghanistan. Begehrt war zunächst nicht die Wurzel, sondern das Öl aus den Samen, das als Wurmkur und Heilmittel bei Bauchkrämpfen und Darmkrankheiten diente. Die Wurzel als Kohlehydratlieferant entstand erst im Lauf jahrhundertelanger Züchtung.

Die Möhre war also nicht Nahrungs-, sondern Heilpflanze. Dabei spielte natürlich der Kräuterglaube eine Rolle: Die schwarze Mittelblüte sollte bei Epilepsie helfen. Kulturmöhren weisen keine Mittelblüte mehr auf; Gläubige müssen sich weiter an die Wildform halten. Doch Vorsicht ist geboten: Die Wilde Möhre ist leicht mit anderen Doldenblütlern zu verwechseln; zum Beispiel mit dem Schierling, einer Pflanze, die „richtig“ giftig ist. Sokrates musste nicht an das Gift glauben, um daran zu sterben.

Welche Farbe erscheint vor Ihren Augen, wenn Sie Karotte hören? Junge Leute denken orange, sehen gerade, glatte Möhren vor sich, die heutige Norm-Supermarktkarotte. Bei älteren Semestern (zu denen die Bloggerin mittlerweile ja leider auch gehört) kommt vielleicht noch etwas gelb dazu, gemischt mit der Erinnerung an einen holzigen Biss und kleine weiße Seitenwurzeln.

Gelb, weiß und dunkelviolett war die Möhre seit der Antike, orange hingegen erst seit der Neuzeit. Die carotae Roms waren ziemlich blasse Früchte, weiß bis blassgelb. In antiken Schriften wurden Möhren und Pastinaken oft nicht unterschieden.


Wilde Möhre mit weißer Wurzel


Das wichtigste Dokument des Mittelalters zu Fragen der Pflanzenkultur (und zu vielen anderen) ist das Capitulare de Villis Karls des Großen. 812 in Aachen verfasst, spiegelt es die Wirtschaftsordnung des Fränkischen Reiches im Detail wider. In einem Kapitel sind 90 Pflanzen erwähnt, die in den Karlsgärten angebaut werden sollten; jede Pfalz und alle kaiserlichen Gutshöfe sollte so einen Garten haben. Die Pflanzenliste spiegelt die Traditionen der Antike und der Klöster des Mittelalters wider. Die Nr. 52 – caruitas – Karotte und Nr. 53 – pastenacas – Pastinake sind klar unterschieden.

Wortelen aus Hoorn 

Wie aber wurden gelbe Karotten orange? Im Mittelalter begann man allmählich, außer den Samen auch die Wurzel und deren Carotingehalt gezielt zu züchten. Wahrscheinlich wurde man sich der gesundheitlichen Bedeutung der gelben und orangen Farbstoffe langsam bewusst.

Im zweiten bedeutenden Herkunftsland der Karotte, Afghanistan, untersuchte und sammelte der russische Botaniker Nicolai Vavilov (geb. 1924) auf einer großen Expedition 5000 Sorten domestizierter Möhren. Er fand keine Sorte mit Carotin. Die dunkelvioletten afghanischen Karotten enthielten nur blaue Anthocyane; die Wurzel war Kohlenhydratlieferant.

Aus Beta-Carotin (Provitamin A) bildet der Körper sein Vitamin A. Es ist das Augen- und Hautvitamin und fördert die Knochenbildung bei Heranwachsenden. Mangel an Vitamin A kann Blindheit hervorrufen. Außer in gelben und orangen Früchten (Marillen, Pfirsichen, Reineclauden) kommt es auch in grünen Gemüsen vor, in Spinat oder Grünkohl. Dort ist das Carotin durch das Blattgrün verdeckt.

Genetische Untersuchungen zeigen, dass orange Möhren aus gelben domestizierten Varietäten hervorgegangen sind. Holländer können nicht nur Tulpen: Die moderne orange Karotte entstand in – sieh an – Oranje, in der Stadt Hoorn. 1610 waren orange Karotten, die Hoornse Wortelen, schon auf den Märkten von Amsterdam zu finden. Im 17. Jahrhundert tauchten sie auch in England auf. Erst ab dem Zwanzigsten Jahrhundert setzte sich die Hoornsche Karotte dann überall durch und verdrängte andere Varietäten. Gelbe Rüben waren und sind vor allem noch Futter für das Vieh.

Heute ist die Karotte weltweit das dritthäufigste Gemüse; 10 Millionen Tonnen werden jedes Jahr produziert.

 
 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 




 

Freitag, 26. Juni 2015

Gemeine Esche


Juni 2015

Gemeine Esche

Fraxinus ornus

 

Ein unauffälliger Baum, ein vertrauter Anblick
 

Das Erbe des Kolumbus

Bevor wir uns der europäischen Esche, unserer Pflanze des Monats zuwenden, machen wir einen kurzen Abstecher auf die Philippinen. Ein Volkslied dort besingt den Bahay Kubo, das traditionelle Einraumhaus. Ein Garten gehört dazu, zusammen mit einer langen Reihe verschiedenster Gartenfrüchte*:

Yambohne, Aubergine,
Flügelbohne, Erdnuss,
Spargelbohne, Limabohne,
Helmbohne, Wachskürbis,
Schwammkürbis, Flaschenkürbis,
Riesenkürbis.
Rettich, Senf, Zwiebel,
Tomate, Knoblauch, Ingwer
Und allüberall sind Sesamsamen.

So sieht der altehrwürdige, traditionelle und ursprüngliche Garten des Bahay Kubo aus. Doch stammen ausnahmslos alle dieser Pflanzen nicht von den Philippinen, sondern aus Amerika, Afrika und Ostasien.

Sie sind der ferne Anklang an eine Reise, die einen Mann, der sich Kolumbus nannt‘, 1492 von Madeira über den Atlantik nach Indien bringen sollte. Nach Indien kam  er nicht, denn etwas lag im Weg: Der Kontinent, den wir heute Amerika nennen.

Mit Kolumbus begann die große Zeit der Seefahrer und Entdecker – Vasco da Gama, Magellan, Pizarro. Sie waren auf der Jagd nach Silber, Gold, Seide und Gewürzen. Mit ihnen fuhren auch Ratten, Katzen, Kakerlaken über die Meere, Stare, Schwalben und Tomaten; Kürbis, Mais, Kartoffeln und Hunderte anderer Tiere und Pflanzen mehr.

Die Verfrachtung neuer Arten über Kontinente durch den Menschen wird der Kolumbianische Austausch genannt. Er brachte die Kartoffel aus den Anden nach Europa und in die Berge Asiens; Mais und Maniok nach Afrika; Tabak, Reis, Orangen in alle Kontinente. Pflanzen aus Nordamerika - Tulpenbäume, Glyzinien, Robinien, Fuchsien und Hortensien - lösten ab dem 17. Jahrhundert die Gartenmanie der Engländer aus.
 
Botaniker, Zoologen und Biogeographen teilen ihre Zeitrechnung in die Zeit vor und nach Kolumbus ein, für sie begann die Globalisierung um 1500.

Die meisten der neuen Organismen blieben in der Nähe des Menschen, in seinen Gärten, Äckern und Ställen. Manche versuchten auch, in die neuen Ökosysteme einzuwandern, meistens mit fatalen Folgen für sie: Mehr als 90 % der eingewanderter Arten können gegen die Konkurrenz der alteingesessenen nicht bestehen und verschwinden bald wieder. 
 
Manche Organismen breiten sich erfolgreich in neue Ökosysteme aus, aus denen sie zwischenzeitlich verschwunden waren. So begann der europäische Regenwurm, sich in den nordamerikanischen Böden vorzuwühlen, – er war seit der letzten Eiszeit ausgestorben, die Europäer hatten ihn wieder zurückgebracht. Mittlerweile hat er den ganzen nordamerikanischen Boden durchgekaut und wieder ausgeschieden.

Güter und Menschen bewegen sich heute immer schneller, weiter und öfter über den Globus. Der - meist unabsichtliche -  Transport von Arten hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.

Einige eingeschleppten Arten pflügen Ökosysteme grundlegend, nachhaltig, unumkehrbar um oder zerstören sie vollkommen. Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich das Kaninchen, das den australischen Kontinent zutiefst veränderte. Manche gefährlichen Einwanderer sind winzig klein, nur wenige Tausende Millimeter groß: Es sind die Sporen von Pilzen. Ein asiatischer Pilz rottete die nordamerikanische Edelkastanie fast aus, ließ auch die europäischen Bestände großteils verschwinden. Die europäischen Ulmen fielen dem Wüten eines ostasiatischen Schlauchpilzes, übertragen vom Ulmensplintkäfer, zum Opfer. Und als nächste, so scheint es, ist die europäische Esche dran.

Kränkelnde (links) und gesunde Esche

Weltenbaum Esche


Weltenbäume waren in vielen Kulturen Symbole des Göttlichen und des Kosmos. In Indien war es der Bodha – Baum, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand; in Mexiko wand sich die heilige Schlange Quetzalcoatl um den Weltenbaum. Im Erdreich verankert, ragen Götterbäume in den Himmel, verbinden Menschen und Götter. Die Krone stützt das Himmelsgewölbe, sie gewährt Schutz vor Wind und Wetter und nährt die Fackel.

Der Weltenbaum der Germanen war Yggdrasil, die Esche. In der Edda wird beschrieben, wie Yggdrasil alle Reiche des Kosmos verbindet, die Unterwelt, die Menschenwelt und die Götterwelt der Asen. Die Krone der Weltesche reicht über den Himmel hinaus, ihre Zweige bedecken die Welt. Die Krone ist Asgard, der Wohnsitz der Götter, eine der Wurzeln reicht bis in die Unterwelt. In Niflheim sitzt der Drache Nidhögg und nagt an der Wurzel Yggdrasils. Er wird den Weltenbaum zum Welken bringen, am Tag der Götterdämmerung.
 
Gut zum Speerschnitzen: das harte Eschenholz
 
 
Der Grund, warum ausgerechnet die Esche eine so große Rolle im Mythos einnimmt, liegt in der Bedeutung, die der Baum für den Krieg hatte: Der Speer der Germanen war aus Eschenholz geschnitzt. In Wagners Götterdämmerung schnitzt Wotan sich seinen Speer aus einem Ast der Weltenesche. Das helle Holz der Esche ist sehr hart und elastisch und sehr gesucht für Geräte, die mechanischen Belastungen ausgesetzt sind. So sind Tennisschläger, Reifen und Turngeräte und die Stiele von Gartengeräten und Werkzeugen aus Eschenholz, ebenso wie die Skier unserer Altvorderen. Auch für hochwertige Möbel und Parkettböden wird Esche verwendet.

Zusammengesetztes Blatt
 
 
Pflanzen erkennt man an ihren Blättern; die Vielfalt der Blattgestalten entspricht der Vielfalt der Pflanzen. Bei der Esche ergibt sich die Frage, welches nun ein Eschenblatt ist – die einzelne kleine Blattfieder oder das Ensemble, das um den Blattstiel aufgefädelt ist? Botanisch gesehen, sitzt an der Basis eines jeden Blattes eine Knospe, aus der im folgenden Jahr wieder ein Blatt oder eine Blüte hervorgehen. An der Basis der kleinen Eschenfiedern sitzt keine Knospe, die finden wir erst an der Basis des Blattstiels. Eschen haben sogenannte zusammengesetzte Blätter, ähnlich wie z.B. Vogelbeeren oder Nussbäume.
 
Am Fuß jedes Blattes eine Knospe
 
 Aus den wenig auffälligen dunkelroten Blüten der Esche entwickeln sich die geflügelten Samen; die Blüte ist noch vor dem Austreiben der Blätter abgeschlossen.

Der wissenschaftliche Name der Esche Fraxinus kommt vom griechischen phraxos – Einzäunung – und weist auf eine weitere Eigenschaft der Esche hin: Ihre Krone kann in jede gewünschte Form geschnitten werden und nimmt es auch nicht übel, wenn sie immer wieder geschnaitelt, d.h. ihrer Blätter beraubt wird. In manchen Gegenden, z.B. in Südtirol, findet man Schnaiteleschen neben den Wegen, oder sie markieren, zu markanten Baumkrüppeln geschnitten, die Grenze der Wiese oder des Felds. Im recht trockenen Südtirol ist die Esche von Natur aus ein seltener Baum; sie wurde aber vom Menschen weit verbreitet. Die Esche ist eigentlich ein Baum der Talböden; sie bevorzugt feuchtes Klima und ist ein Charakterbaum des periodisch überfluteten Auwaldes.

An talnahen Orten wie Eschenlohe oder Grafenaschau wachsen Eschen gut; auch der Name Eschenbach weist auf die Vorliebe der Esche für feuchte Standorte hin.

Welt ohne Weltenbaum


Dieser Baum ist unauffällig, und unauffällig hat sich die tödliche Gefahr an ihn herangemacht. Vor über zehn Jahren sah man im Baltikum und in Polen immer mehr Eschen mit abgestorbenen Zweigen, bald auch tote junge Bäume. In Mitteleuropa trat die neue Eschenkrankheit um 2008 das erste Mal auf. Mittlerweile stehen im Wald und der freien Landschaft viele kranke oder tote Eschen.



Die Spitze trifft es zuerst: Symptome des Eschensterbens
 

Als Ursache fand man bald das Weiße Stängelbecherchen, einen kleinen Pilz, der sich im Sommer auf den Spindeln der Blätter vom Vorjahr entwickelt. Doch dieser Pilz war seit langem als harmlos bekannt. Was hatte ihn auf einmal in ein Raubtier verwandelt, das seine Beute in kurzer Zeit zur Strecke bringt? Eine DNA-Analyse brachte 2010 Klarheit: Das virulente „neue“ Stängelbecherchen war ein anderer Pilz, eine Schwesternart des alten, harmlosen. Wahrscheinlich ist es identisch mit einem japanischen Pilz, der japanische Eschen befällt und dort wenig Schaden anrichtet. Von Japan aus trat er seine kolumbische Reise über die Kontinente an.

Eschen gehören zu den charakteristischen Bäumen von Mischwäldern auf feuchten Böden. Das Eschensterben bedroht nun ihren Fortbestand in Mitteleuropa.
 
Braune Verfärbungen der Blätter und Welke sind die ersten Symptome; über die Blattspindel dringt der Pilz in Zweige, Äste und das Holz des Stammes ein. Bald verstopft der Pilz die Leitungsbahnen; der Baum stirbt von oben her ab. Hellbraune Flecken an der Rinde der Zweige, Nekrosen am Stammfuß kommen dazu. Viele Eschen bilden sekundäre Seitenzweige, die wie Bürsten an den dürren Ästen abstehen.

Was tun? Die Pilzsporen befinden sich überall in den europäischen Ökosystemen, wenn nicht im Boden, so in der Luft – dass wir sie wieder loswerden, können wir nicht hoffen. In England bekämpft man den Pilz: In Pflanzgärten vernichtete man Hunderttausende Sämlinge, die aus Europa importiert worden waren. Befallene Eschen verbrennt man, wo immer man ihrer habhaft wird. Die splendid isolation der Insel fehlt auf dem Kontinent; man weiß, dass eine aktive Bekämpfung sinnlos ist. In Dänemark sind inzwischen 90 % der Eschen abgestorben.

In befallenen Beständen gibt es immer wieder Individuen, die keine Symptome entwickeln. Manche Quellen sprechen von 10 % der Eschen, denen der Pilz nichts anhaben kann. Auf ihnen liegt die Aufmerksamkeit der Forstleute – von ihnen könnten die Eschen der künftigen Waldgeneration kommen. Doch werden wir wohl für Jahrzehnte auf den Anblick von Eschen in Alleen, an Bachläufen und in Wäldern verzichten müssen.

*Charles C. Mann. Kolumbus' Erbe. Hamburg 2013

Montag, 18. Mai 2015

Gewöhnliche Traubenkirsche


Mai 2015

 

Gewöhnliche Traubenkirsche

Prunus padus Mill.

 

Tröstlich ist, dass es andern auch so geht: Jedes Jahr im Frühjahr habe ich das Gefühl, die Hälfte der Vogelstimmen nicht mehr zu kennen. Ein anderes Problem sind die vielen weiß blühenden Sträucher, die alle irgendwie gleich ausschauen – ziemlich peinlich für eine studierte Försterin. Eine weiß blühende Staude aber macht es einem leicht, sie zu bestimmen; zur Belohnung darf sie deshalb diesen Monat in unseren Blog: die Traubenkirsche.
 



Ihre weißen Blüten und später im Herbst die schwarzen Beeren hängen in Trauben vom Zweig. Die Traubenkirsche ist unverkennbar, ebenso ihre Blätter: Die Blattnerven reichen nicht bis an den gezähnten Blattrand, sie machen vorher „die Biege“ Richtung Blattinneres. Die Traubenkirsche ist ein Strauch oder kleiner mehrstämmiger Baum, zwei bis zwölf Meter hoch. Volkstümliche Namen der Traubenkirsche sind Sumpfkirsche, Elsenkirsche, Elsner, in Österreich Ösn (Elsen).
 
Blüten hängen in Trauben


Blattnerven machen die Biege
Elzenbaum heißt ein kleines Dorf nahe meiner Heimatstadt Sterzing in Südtirol. Es steht über dem längst trockengelegten, berühmten (gut, örtlich berühmten) Sterzinger Moos. In den Zwanziger Jahren begannen die faschistischen Machthaber Italiens, die deutschen Ortsnamen in Südtirol zu „übersetzen“, das heißt, mit Krampf eine italianità, die es in Wahrheit nicht gab, zu konstruieren. An manche Namen wurde nun ein o angehängt (Merano); andere Übersetzungen verraten eine gewisse Grenzdebilität (Moos – Moso). Das Dörfchen Elzenbaum wurde zu Pruno. Hier hatte sich der Übersetzer doch Gedanken gemacht. „Elzenbaum“ ist ein volkstümlicher Name der Traubenkirsche, Pruno bezieht sich auf den lateinischen Namen der Traubenkirsche, Prunus padus – wobei Padus der lateinische Name des Po war.
Im Moos unterhalb Elzenbaums wuchsen einst die Elzenbäume
Die Poebene – und das Sterzinger Moos - waren sicher ein guter Ort für Traubenkirschen, denn die ist ein Baum der Sümpfe und Auwälder. Trockenheit mag sie nicht, doch wächst sie auch außerhalb der Ebenen auf Hügeln und an Wegrändern, solange das Klima feucht genug ist. Der Name der Pflanze im Moos war auf das Dorf Elzenbaum übergegangen.

Im späten Frühling bieten manche Traubenkirschen einen bizarren Anblick: Zweige und Stamm sind von einem feinen weißen Gespinst überzogen. Darunter wuseln Abertausende Raupen, die den Baum ratzfatz kahlfressen. Es sind die Raupen der Traubenkirschen-Gespinstmotte, eines weißen Insekts, das nur auf der Traubenkirsche seinen Lebenszyklus vollendet. Der Baum übersteht den Kahlfraß meist ohne größeren Schaden und treibt neu aus. Bald verpuppen sich die Raupen unter dem Gespinst, aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge, die sich alsbald auf die Suche nach neuen Traubenkirschen machen – angelockt vielleicht vom Fischgestank der Wirtspflanzen.
So fängt es an, im Mai und....


....ratzfatz ist das Radl kahlgefressen

 Ja, richtig gelesen: Traubenkirschen riechen für menschliche Nasen unangenehm. Der Grund sind die vielen Amine in ihren Blüten. Amine sind chemische Stinker, Abkömmlinge des Ammoniums. So geht der Geruch nach Fäkalien und verdorbenem Fleisch auf Amine zurück (Methyl-, Ethyl und Trimethylamin). Auch Holz und Rinde der Traubenkirsche riechen stark und sind dazu noch giftig, sie enthalten Amygdalin, das Bittermandel-Gift.

Nun also hinaus ins Freie, um sich an Traubenkirschen zu erfreuen. Den weißblühenden Weißdorn kennen eifrige Eulenblick-Leser ja schon vom Blogeintrag vom Mai 2012. Nächstes Frühjahr kommt dann der nächste Weißblühende dran. Bis ich neunzig bin, sollten ein paar zusammengekommen sein.

Angelika Schneider

Auf in's Freie, um sich an Traubenkirschen zu erfreuen

Fotos:
Wolf Schröder 2
Angelika Schneider 1
Wikipedia Commons 1
Sven Sandberg 1
Cala 1








Dienstag, 21. April 2015

Gänseblümchen

Pflanze des Monats April

Gänseblümchen
Bellis perennis

Bellis perennis – die ausdauernde Schöne nannte sie Carl von Linné, der schwedische Botaniker, den wir schon öfter als den Schöpfer der zweiteiligen wissenschaftlichen Benennung der Organismen kennengelernt haben. Ausdauernd ist das Gänseblümchen auf zweifache Weise: Im Frühjahr treibt es aus einer Blattrosette aus, die sich über Jahre immer wieder erneuert; die bringt dann bis in den Herbst hinein immer neue Stängel hervor, auf denen ein einzelnes Blütenköpfchen sitzt. Wer sich auf Augenhöhe mit dem Gänseblümchen begibt, sprich sich ins Gras legt, wird aus der Blattrosette Stängel um Stängelchen nacheinander austreiben sehen.
 
Stängel um Stängelchen aus der Blattrosette....

Das Gänseblümchen könnte auch Mauerblümchen heißen, so bescheiden kommt es daher. Jeder kennt es, die meisten würden es wohl eher „hübsch“ als „schön“ nennen. Beachtung findet es, weil es als eine der ersten Blumen auf den Wiesen erscheint. Ursprünglich im Mittelmeer heimisch, breitete sich das Gänseblümchen auf den vom Menschen gerodeten Flächen seit der Antike über ganz Mittel- und Nordeuropa aus. Heute kommt es auch in Nord- und Südamerika vor, als ein Element des so genannten kolumbischen Austauschs, der die Verbreitung von Organismen durch den Menschen hin und her über alle Kontinente nach dem Jahr 1500 beschreibt.

Manch einem muss das Gänseblümchen aber auch wirklich gefallen haben: Tausendschön ist einer seiner vielen deutschen Namen, ein anderer Maßliebchen. „Maß“ kommt aus dem altsächsischen Mat und heißt Speise; die bayerische Mass gehört hierher (Bayern wissen vom Grundnahrungsmittel Bier), der Maat und der Mäpel, der Feldahorn. Das Maßliebchen kann man essen; es liefert Zucker und vor allem Vitamine, auf die früher die Menschen nach dem langen Winter ganz wild waren. Zum Thema Maß und Speise siehe auch den Eulenblick vom Oktober 2010 über die verschiedenen Ahorne.

Lila angehaucht im Morgenlicht



Der Namen des Gänseblümchens kommt von den Kelten, die die Sonne als kosmische Gänsemagd betrachteten – am Morgen (im Frühling) trieb sie die Gänse auf die Wiese, am Abend (im Herbst) wieder zurück in den Stall. Durch die lange Blütezeit des Gänseblümchens von Frühling bis Herbst war es deshalb die Blume der göttlichen Gänsemagd.* Auch durch die gelb-weiße strahlenförmige Blüte war es ein Sonnensymbol. Im Englischen heißt das Gänseblümchen Daisy, das kommt von day‘s eye, eine Anspielung auf seine Fähigkeit, die Blüte bei Dunkelheit und regnerischem Wetter zu schließen. Margheritina – kleine Margerite – heißt das Gänseblümchen im Italienischen. Doch ist, anders als bei der größeren Schwester, die Außenseite der Kelchblätter rötlich-rosa angehaucht, manch ganz geschlossene Blüte wirkt im frühen Morgenlicht weinrot oder dunkel-violett.


Göttliche Gänsemagd der Kelten
 
Das Blütenköpfchen ist eigentlich ein Bündel einzelner – gelber – Röhrenblüten (bis über 100), die mit ihrem Zusammenschluss und dem weißen Kranz von (sterilen) Zungenblüten ein Ensemble bilden, das Bestäuber besser anlockt als eine Einzelblüte. So eine Schaufunktion von Blütenverbänden ist uns im Blog über das Edelweiß schon begegnet (August 2012)

Mittelalterliche Wimmelbilder


Auf Gemälden aus dem Spätmittelalter ist das Gänseblümchen oft unter glamourösen Vertreterinnen der floristischen Haute volée abgebildet – mit Lilie, Rose, Akelei, Veilchen, Maiglöckchen, Malve oder Levkoje. Diese Schönen schmücken den Garten Mariens, den Hortus conclusus, bilden schützende Lauben und ihrem Fuß schmeichelnde Blütenteppiche. Die Pflanzen waren Mariensymbole – die Lilie für die Reinheit der Jungfrau, die Rose für die Liebe, das hängende Köpfchen der Akelei für die Sorge Mariens, das Gänseblümchen – natürlich – für ihre Demut und Bescheidenheit.

Who 's who: Mittelalterliches Wimmelbild
 
Das Frankfurter „Paradiesgärtlein“ des Oberrheinische Meisters (um 1410) ist ein mittelalterliches Wimmelbild; fast eine aristotelische Sammlung exakt abgebildeter Vögel und Pflanzen: Akelei, Ehrenpreis, Erdbeere, Frauenmantel, Gänseblümchen Goldlack, Immergrün, Kirsche, Klee, Lilie, Märzenbecher, Maiglöckchen, Malve, Margerite, Samtnelke, Pfingstrose, Rose, Schlüsselblume, Schwertlilie, Senf, Rote Taubnessel, Veilchen, Wegerich, Chrysantheme, Astern, Johanniskraut und Levkoje sowie Eisvogel, Kohlmeise, Dompfaff, Pirol, Buchfink, Rotkehlchen, Buntspecht, Seidenschwanz, Gimpel, Schwanzmeise, Blaumeise, Wiedehopf, Libellen und Weißlinge.**

`Ne Idee von Gänseblümchen

Glamouröse Freundinnen: Gänseblümchen mit Florentiner Lilie

 

Natürlich kommt das Gänseblümchen auch auf dem berühmtesten Blütenteppich der italienischen Malerei vor, der Primavera des Sandro Botticelli von 1478. Botticelli malte den Garten der Venus, der Titel Primavera - Frühling stammt aus späterer Zeit. An die 500 Pflanzen sollen auf diesem Gemälde dargestellt sein, von Tanne, Lorbeer, Myrthe, Zypresse, Wacholder im Hintergrund bis zu den 190 blühenden Blumen des Rasens und des Blütenkranzes der Flora. Es ist ein profanes Bild, Maria wird  von Venus abgelöst, Merkur bewacht den Garten der Venus - den Heiligen Hain. Flora, die Göttin der Blüte und bäuerlichen Arbeit, streut Blumen, der Reigen der drei Grazien, der geflügelte Cupido, Zephyr und die Nymphe Chloris ergänzen das Tableau.
Flora im floralen Design
 

Viel ist über die Bedeutung dieses Bildes spekuliert worden. Eine Deutung nimmt sich der Rolle der Natur auf diesem Bild an. Die Darstellung der Pflanzen durch Botticelli  folgt der neuplatonischen Philosophie der Renaissance und den Reflexionen ihres Hauptvertreters, Marsilio Ficino. Ficino fordert geistige Harmonie in der Verbindung von Einzelteilen, Harmonie der menschlichen Gestalt, Harmonie von Farben und Konturen. Vor allem aber sollte die Kunst sich an der platonischen Ideenlehre orientieren. Dem abgebildeten Gegenstand ist seine Idee inhärent. Durch die Darstellung der Idee der Natur übertraf der Künstler die Natur selbst. Mit der Wiedergabe der Idee, die das Göttliche in sich birgt, überwindet der Künstler also die Natur; so wie die platonische Idee die Materie überwindet. Botticellis folgte in seiner Malerei diesen neuplatonischen Prinzipien.

Jetzt hat uns das Gänseblümchen doch glatt in das Dickicht der platonischen Ideenlehre geführt, aus dem die geschätzten Leser hoffentlich bald wieder herausfinden werden.

Im Dickicht der platonischen Ideenlehre

P.S. Eine ganz andere, historisch-politische Deutung der Primavera gibt Horst Bredekamp in seinem Buch Sandro Botticelli Primavera (Berlin 2002). Hier geht es vor allem um dynastische Raufereien verschiedener Fraktionen der Medici in Florenz.

*Hortipedia
**Wikipaedia
Foto: Wolf Schröder (2) Wikipaedia Commons (5)