Mittwoch, 10. Dezember 2014

Stechpalme


Der Eulenblick ist zurück

Nach langer Pause lässt die Eule wieder ihre Blicke schweifen. Jeden Monat wird sie, wie gehabt, von einer Pflanze berichten. Im Dezember hat sie die weihnachtliche Stechpalme erspäht.

Willkommen zurück unter der Stechpalme
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 













The holly and the ivy,
When they are both full grown,
Of all trees that are in the wood,
The holly bears the crown

English Cristmas Carol, hier zu hören:
 


In englischen Laubwäldern waren immergrüne Gewächse rar. Eiben und Kiefern wuchsen da und dort, um die Bäume wand sich Efeu, im Unterholz stand manche Stechpalme. Und diese holly trug die Krone, war die Königin der Bäume. Denn wenn von majestätischen Eichen die letzten braunen Blätter fallen, wenn die Blüten der Sommerwiesen nur noch trocken oder verschimmelt von welken Stängeln hängen, dann steht die Stechpalme in voller Pracht mit ihren glänzenden ledrigen immergrünen Blättern und leuchtendroten Beeren.

Grün wie die Hoffnung die Blätter, rot wie die Liebe die Beeren, weiß wie der Glaube die Blüten, dazu voller Stacheln und giftig – die Stechpalme war mit Symbolik und mythologischer Bedeutung aufgeladen. Winterliches Brauchtum drehte sich lange, bevor die Römer nach England kamen, um sie. Schon die Kelten schmückten ihre Wohnungen im Winter mit holly and ivy, ihre Druiden trugen Kränze aus Stechpalmen auf dem Kopf. Im Mittelalter bildete sich die christliche Symbolik der Stechpalme aus: die Blätter für die Dornenkrone, die roten Beeren für das vergossene Blut Christi.

Neben Stechpalme und Efeu gehört die Mistel zum Dreiklang der mythischen immergrünen Winterpflanzen. Der Kuss unter dem Mistelzweig ist der bekannteste englische Weihnachtsbrauch. (Mehr über die Mistel im Eulenblick vom Dezember 2011).

Die Stechpalme kommt als Baum oder Strauch vor; sie wird 1 bis 15 Meter hoch. Die Blätter in Bodennähe sind tragen Dornen. Sie stechen ganz schön und bieten einen guten Schutz gegen den Zahn von Reh und Ziege. Je höher am Stamm die Blätter sind, desto runder und handschmeichlerischer werden ihre Ränder. Der Baum ist zweihäusig, es gibt männliche und weibliche Individuen, die männliche oder weibliche weiße Blüten ausbilden. Die weiblichen Stechpalmen tragen ab dem Herbst und den Winter über die roten Beeren. Das Holz ist dicht und schwer; es lässt sich gut schnitzen und glätten. Früher wurde es zu Intarsien verarbeitet und zu kleineren und größeren Gegenständen. Goethes Spazierstock aus Hülsenholz steht heute noch im Haus am Frauenplan in Weimar.

Untere Blätter stachlig, obere ganzrandig
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 











Der Baum liebt feuchtes Klima und braucht wenig Licht. Er mag das englische Klima gern, wo die Sommer kühl und die Winter mild sind - und immer feucht. Die Stechpalme kommt vielen „englisch“ vor. In Mittel- und Südeuropa ist die Stechpalme ein seltenes Gewächs, da sie auf Frost und Trockenheit empfindlich reagiert. In Gärten kommt sie in vielen Sorten vor, als Strauch und Hecke, da sie das Zurückschneiden gut verträgt.

Ilse bilse, keiner willse
Die böse Hülse

Der Name des Holly kommt aus dem Altenglischen hole(gn), später Mittelenglisch Holin, noch später Hollen. Damit verwandt sind die alten Namen der Stechpalme wie Hülste oder Hulste (von althochdeutsch hulsa, mittelhochdeutsch hülse) – das heißt die Verbergende. Auch die Hülle und (ver-)hehlen gehören hierher. Jetzt können wir auch einen bekannten Stechpalmen-Namen deuten: Annette von Droste-Hülshoff. Die volkstümlichen Namen weisen auf christliches Brauchtum und die Dornen hin: Christdorn, Geißpalm, Palmdorn, Schradllaub, Schrattlbaum, Schürrütenholz, Stechle, Stecheiche, Stechholder, Stechlaub, Wachslaub, Walddistel. Doch warum die „böse“ Hülse? Wahrscheinlich wegen der Giftigkeit ihrer Beeren, die ein starkes Herzgift wie Rutin enthalten, neben Urolsäure und Menisdaurin. Die Beeren werden von Vögeln gefressen, denen das Gift offenbar nichts anhaben kann. Die Samen in den Beeren passieren Vogelmagen und –Darm unversehrt und keimen dort aus, wo die freundliche Amsel oder Drossel sie fallen ließ.


Der, ausgerechnet! 

Green groweth the holly, so doth the ivy.
Though winter blasts blow never so high
Green groweth the holly.
As the holly groweth green
And never changeth hue,
So I am, and ever hath been,
Unto my lady true.

Ja, wer hier die Treue zu seiner Lady beschwört ist einer, dem man es am wenigsten zugetraut hätte: Heinrich VIII, der Mörder auf dem englischen Thron, der zwei seiner sechs Ladies, Anne Boleyn und Catherine Howard, umbringen ließ. Da hatte er die unvergängliche Treue vergessen, die er dem ewiggrünen Kleid der Stechpalme gleichgesetzt hatte.
Doch auch in den Versen Heinrichs VIII steht holly neben ivy, und das hat seinen Grund. Das Thema des Gedichts ist die Liebe, und schon bei den Kelten standen die Stechpalme für das weibliche und der Efeu für das männliche Prinzip. Heinrich wäre hier also der Efeu, während die unglücklichen Frauen wie rote Beeren, die von der Stechpalme fallen, mit Glück im Austrag, mit Pech in der Grube landeten.

Sonntag, 16. September 2012

Ölbaum


Ölbaum 

Olea europaea

 

Die Ölbäume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden, verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander….Das Blatt ist weidenartig, nur wenige Blätter am Zweige.
Goethe, Italienische Reise, 1786


Die Blätter sehen fast wie Weiden.....
 
"Fast wie Weiden …“, damit meinte Goethe die lanzettlichen, graugrünen Blätter der Olive, die locker an den Zweigen sitzen. Unverwechselbar ist der Baum vor allem durch seinen knorrigen Wuchs und sein stark gemasertes Holz, mit dem hellen Splint und dem dunklen Kern. 90 % der Oliven werden heute zu Öl verarbeitet, der Rest wird gegessen. In der Antike war Olivenöl auch die wichtigste Lichtquelle, davon zeugen die von Archäologen überall im Mittelmeerraum ausgegrabenen Öllämpchen. Olivenöl diente auch zur Körperpflege; die Sportler Olympias salbten ihre Körper damit.



Starke Maserung
 

Baum der Zivilisation


Der Olivenbaum ist seit der Antike über den ganzen Mittelmeerraum verbreitet. Er ist ein Symbol für das Mediterrane, für das gemeinsame Erbe des Römischen Reichs. Die Römer verbreiteten die Kulturen über ihr ganzes südliches Herrschaftsgebiet, über Italien nach Spanien, Portugal und Nordafrika.
 
Erbe der Römer: Olivenhaine und Weinberge in der Toskana

Doch es waren die Griechen, die den wilden Oleaster, eine Pflanze der Macchia mediterranea, als erste domestizierten. Der Ölbaum war der Baum Pallas‘ Athenes, der Göttin der Stadt. Ölbaumkulturen lagen in der Nähe der Siedlungen, sie waren ein Zeichen für die Kontrolle der Stadt über den Raum, der Zivilisation über die Wildnis.
 

Baum der Ewigkeit


Der Ölbaum war die Pflanze der Unsterblichkeit – er wird Hunderte von Jahren alt, fault aus dem Inneren, ohne abzusterben und wenn man ihn umschneidet, treibt er aus dem Stock wieder aus. Wir sehen in den Plantagen keine tausendjährigen Bäume stehen, doch können immer wieder zurückgeschnittene Individuen so alt oder älter werden.

Die Bauern der Toskana haben den Januar 1986 noch in böser Erinnerung. – 24° hatte es in Florenz, der Arno war zugefroren. 70 % der Ölbäume waren erfroren, Jahrhunderte alte Bäume eingegangen. Dieses Ereignis war eine Zäsur im toskanischen Olivenanbau. Eine Modernisierung und Intensivierung des Anbaus setzte ein.  Oft tritt man Olivenplantagen an, wo die Schnittstelle am Boden von 1986 noch gut zu sehen ist.
 


Ewiger Ölbaum: Treibt aus dem Stock immer wieder aus; hier nach dem Winter 1986
Unbeugsam und unsterblich, dazu mit immergrünen Blättern versehen – der Olivenbaum war Symbol des Krieges und Sieges.

Heutzutage verspricht der Baum in einem anderen Zusammenhang, zusammen mit Nordic Walking und Gehirnjogging,  Unsterblichkeit – über die herzschützenden ungesättigten Fettsäuren in seinem Öl. An irgendetwas sterben die Leute letztlich trotzdem, man fragt sich aber, woran bloß?

 

Baum des Kaltgepressten


Das Wissen über kaltgepresstes Olivenöl als Distinktionsmerkmal des urbanen, kosmopolitischen, arrivierten und linksgewendeten Babyboomers ist längst zu einem Klischee geronnen. „Es ist etwas rings um Olivenöl, das Leute irrational handeln lässt“, sagt Tom Mueller, der 2007 in seinem Artikel Slippery Business im Magazin The New Yorker über Olivenölgeschäfte, Panscherei und Betrug schrieb. Irgendwie haben mir die Fakten, die er zusammengetragen hatte, den Appetit auf Olivenöl nachhaltig verdorben.
 

Hier gerinnt das Klischee.....Ölpresse in der Ölmühle, dem Frantoio
Kalt gepresst war ursprünglich alles Olivenöl, das in einem frantoio, einer Ölmühle gemahlen und durch Pressen gefiltert wurde. Erst im Industriezeitalter kam man auf die Idee, mit heißem Wasser und – horribile dictu – Lösungsmitteln wie Benzin aus der gepressten Olivenmaische noch die letzten Öltröpfen zu holen und die verschiedenen Extrakte zu kategorisieren.

Das Olio extra vergine d’Oliva ist das beste Öl aus der ersten, kalten Pressung. Davon ist so viel auf dem Markt, wie alle Ölbäume dieser Erde in Jahrhunderten nicht liefern könnten. Immer wieder wird gepanschtes Öl vom Markt genommen. In Erinnerung ist der große Olivenölskandal in Spanien von 1981 mit 750 Toten und mehr als 25.000 Vergifteten!

Wie kommt man an gutes Olivenöl? Am besten wohl direkt beim Produzenten oder über Recherchen im Internet und Fachzeitschriften. Also, guten Appetit!

 

Der Eulenblick macht Pause

Nach über zwei Jahren, viel Arbeit und vielen schönen Rückmeldungen der geneigten Leser, muss der Eulenblick für eine Weile pausieren, da die Verfasserin einen größeren Brocken - endlich- fertig stellen will. Also, auf bald, verehrtes Publikum!
 

 

 

 

Freitag, 17. August 2012

Edelweiß

Pflanze des Monats August

Edelweiß

Leontopodium nivale 


Hunderte von Blüten


Das Edelweiß ist die bekannteste Alpenblume und Symbol für alles Alpine. Als Kind faszinierte mich, dass das Edelweiß "in den Felsen" wächst. Doch mehr noch als in Felsbändern und Schrofen fühlt es sich in trockenen, steinigen alpinen Rasen wohl.

Die Blüte des Edelweiß' ist nicht das, was sie scheint. Die weißen "Strahlen" sind in Wirklichkeit umgewandelte Blätter, sogenannte Hochblätter. Sie umgeben die gelblichen Knöpfchen der Blütenstände. Jedes der Knöpfchen besteht aus 60 bis 80 schmalen Röhrenblüten, außen die kleineren weiblichen, innen die größeren männlichen. So hat ein einziges Edelweiß Hunderte von Blüten. Das ganze Ensemble, der "Stern", hat Schaufunktion für die bestäubenden Insekten.



File:LeontopodiumAlpinum-3.jpg
Blüten und Scheinblüten
Das Edelweiß ist in den Alpen ein Newcomer, ein Einwanderer aus der letzten Eiszeit. Aus seiner Heimat, den hochgelegenen Steppen Asiens kam es zunächst in die baumlose Kältesteppe Mitteleuropas, es folgte dann dem schmelzenden Eis hinauf in die baumlosen Höhen der Berge, bis über 3000 m Höhe.


Das Edelweiß ist eine 10 bis 20 cm hohe, filzig behaarte Pflanze. Die weißen Härchen erfüllen verschiedene Funktionen. Sie bilden ein Luftpolster, das die Pflanze vor Kälte und - noch wichtiger - vor Austrocknung schützt. Die blendende weiße Farbe absorbiert die starke UV - Strahlung des Hochgebirges und schützt die Pflanze vor Strahlungsschäden. Gleichzeitig lockt sie bestäubende Insekten an.

 

Ein Kind der Moderne


Doch wie konnte ausgerechnet eine  unauffällige Pflanze wie das Edelweiß ein solcher Mythos werden? Enzian und Alpenrose standen den Menschen des Gebirges doch näher; das Edelweiß hieß im Bayerischen ganz profan Bauchwehbleamerl. 

Schuld sind die bürgerlichen, zivilisationsmüden Sommerfrischler und Bergsteiger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie entdeckten die alpinen Bauernhöfe, Dörfer, Almen und Berge als Gegenwelt, hier konnten sie zur Ursprünglichkeit zurückfinden. Ihr Hausphilosoph war Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778) der das "retour à la nature" erfunden hatte. Diese Flüchtlinge der Moderne haben das Edelweiß für ihre Projektionen auserkoren, es mit Bedeutungen aufgeladen. Die Zuschreibungen konnten sich auch widersprechen:  Das Edelweiß, die reine, weiße Blume als Symbol weiblicher Unschuld und andererseits das Edelweiß in Fels und Sturm für die männliche Widerstandskraft.

Die Alpenvereine, auch sie Kinder des Bürgertums jener Zeit, nahmen das Edelweiß in ihre Wappen auf, wo es bis heute voller Symbolkraft prangt.

Legenden, Bräuche, Mythen rings um das Edelweiß, die in der Populärkultur stolz als Ewiges präsentiert werden, sind ebenso Spätgeburten. In der wissenschaftlichen Volkskunde  finden sich kaum Spuren des Edelweiß' vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, in Sagen und Märchen nicht und nicht in den Volksliedern.

Beim Verweis der Einheimischen in den Alpen auf die "alten" und "ursprünglichen" Bräuche, Lieder und Tänze, beschleicht mich  stets ein peinliches Gefühl. Es beschleicht mich auch, wenn ich Vertreter der "First Nations" (vulgo "Indianer") Nordamerikas über mother earth räsonnieren höre. Ich werde da den Verdacht nicht los, dass "Mutter Erde" eine Erfindung der Weißen ist.



A Mass, a Brezn, an Edelweiß....
Das Fremdbild wird zum Selbstbild, man identifiziert sich mit dem Blick des Fremden. Man nimmt sogar die Herablassung und Degradierung zum Objekt in dieses Selbstbild auf: Edel ist er schon, der Wilde, aber halt auch ein Wilder.

 

Blume des Heldentods


Zu den Legenden gehört auch der Bursche, der beim Edelweißbrocken für sein Madl aus den Schrofen kugelt. In der Edelweißmythologie gehört das zum martialisch-militärischen Themenkreis. Der Kraftlackel, der sich furchtlos den Gefahren der Berge aussetzt, stirbt den Heldentod.

Heldentum und Militarismus gingen oft genug mit in die Berge. Und das Edelweiß lag im Schützengraben, wie es Tobias Scheidegger in seiner Monographie über die Pflanze schreibt*, der ich viele Informationen für diesen Artikel entnommen habe. Der erste, der das Edelweiß als Emblem für Teile seiner Truppen eingeführt hatte, war Franz Joseph. Ab 1907 prangte "des Kaisers Lieblingsblume" auf Hut und Ärmel der k.und k. Hochgebirgstruppen. Die Alpenblume an der Uniform sollte wohl militaristische Konnotationen abmildern und durch Sentimentalität und Heimatliebe ersetzen. Ab 1915 gab es das deutsche Edelweißkorps mit drei Regimentern.

Nicht vorenthalten will ich die Bosheit Karl Kraus' in diesem Zusammenhang. Aus einem Schützengraben des ersten Weltkriegs stammt folgendes Gedicht eines "Blumenteufels", wie sich die Angehörigen des Edelweißkorps nannten.

Auch stolz trägt es der Mann im Feld,
Den's Alpenreich dem Kaiser stellt.
Zu treu'n Kämpfern hat's uns gemacht,
Den Tit'l Blumenteuf'l eingebracht.

Karl Kraus, dem eine Postkarte mit diesem Meisterwerk der Apostroph - Anwendung  in die Hände fiel, schrieb: "Es ist zu hoffen, dass solange keck die Gemsen springen, sich kühn die Adler schwingen und wie immer auch da und dort die Blumenteuf'l singen, das Edelweiß unter keinem Tit'l mehr die Menschen zu treu'n Kämpfern machen und das Alpenreich dem Kaiser keinen einzigen Mann ins Feld stellen wird. Das walte Gott." Bekanntlich ist der Wunsch Karl Kraus' im Blut der Schützengräben an der Dolomiten-, Ortler- oder Adamellofront des "Alpenreichs" baden gegangen.




Blutiges Edelweiß




























In der Zwischenkriegszeit trugen sowohl die sozialdemokratischen Naturfreunde als auch die rechtsextremen Freikorps (in Bayern)  das Edelweiß im Wappen.

1935 dann wurde die erste Gebirgs-Division der Wehrmacht eingerichtet. Die "Kameraden unter dem Edelweiß" kämpften nicht edel - vor allem den Griechen sind sie durch Massaker, wie auf der Insel Kefallonia, in Erinnerung geblieben. Heute noch ficht das die tapferen Edelweißrecken nicht an. Bei ihrer Heldenfeier auf dem Hohen Brenten bei Mittenwald ist meist viel von Heimatliebe und - Verteidigung die Rede, die weniger glorreiche Vergangenheit lässt man gerne ruhen. Es kommt deshalb nicht selten zu Krawallen.

Doch gab es im Rheinland und im Ruhrgebiet während des Krieges eine Jugendorganisation, die Edelweißpiraten, die sich in Opposition zur Hitlerjugend der Vereinnahmung durch die Nazis zu entziehen versuchte.

 

Ewig bedroht: das Edelweiß und sein Aussterben


Von seinen Aufenthalten in den Bergen wollte man etwas mitnehmen in den bürgerlichen Salon. Was für ein besseres Souvenir als ein Edelweiß gab es da? Ein Klauben, Rupfen und Ausgraben hob an, auch in kommerzieller Form. Spezialisierte Händler und Versandhäuser trieben die Nachfrage. Auch Alpengärten kamen in den Städten groß in Mode, in denen die in den Bergen ausgegrabenen Pflanzen standen.

Diese Zustände riefen schon früh Naturschützer auf den Plan. Sie forderten den Schutz des Edelweiß' und postulierten seine unmittelbar bevorstehende Ausrottung. In Österreich steht das Edelweiß schon seit 1886 unter Schutz. Wissenschaftlich ist das drohende Verschwinden der Pflanze nicht gesichert. Auf den gut zugänglichen Trockenrasen war die Blume in Bedrängnis geraten. In Felsen und Schrofen, wo niemand hinkam, konnte sie  nach wie vor unbehelligt blühen.

Trotzdem scheint das Edelweiß im Bewusstsein der Leute die ewig bedrohte Blume zu sein: Am berühmten Grasberg im Allgäu, der Höfats, die von Edelweißpflückern besonders heimgesucht war, bewachte die Bergwacht von 1935 bis 2007 (!) die Vorkommen.

Tant' Julie wählt das Edelweiß


Die nationalistisch-reaktionäre Symbolik des Edelweiß' verlor sich nach dem 2. Weltkrieg weitgehend. Die politische nicht überall: So ist das Edelweiß das Emblem der Südtiroler Volkspartei, gegründet am Tag des Kriegsendes, am 8. Mai 1945, in Bozen. Ab diesem Datum wählte Großtante Julie (1906 - 2001), wie die meisten Südtiroler, "das Edelweiß". Denn nur "vereint unter dem Edelweiß" konnten die Südtiroler gegen die macchiavellistischen Politiker Roms bestehen.




Vereint unterm Edelweiß:
die Südtiroler Volkspartei



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The Sound of Music

Das Musical über die Familie Trapp mit Julie Christie machte das "Edolwaiss" in Amerika berühmt.

Hier ein Link zum "Edelweiß" - Ohrwurm, mit einem besonders edlen Legato vorgetragen von den Wiener Sängerknaben.

http://www.youtube.com/watch?v=CxgKydtWjRg 

Das Edelweiß ist nach wie vor, in Folklore und Tourismus, hoch im Kurs: Air Edelweiß aus der Schweiz, unzählige "Haus Edelweiß" in den Fremdenverkehrsorten der Alpen, aber etwa auch das "Bleaching Studio Edelweiß" aus Köln.

* Tobias Scheidegger. Mythos Edelweiß:zur Kulturgeschichte eines alpinen Symbols. Zürich 2008.




 














Dienstag, 17. Juli 2012

Mädesüß

Pflanze des Monats Juli


Mädesüß
Filipendula ulmaria

Blüht im Hochsommer: das Mädesüß




















Lebensraum F-Wort

 

Man freue sich: Wenn das Mädesüß blüht, ist Hochsommer. Das Mädesüß wächst auf feuchten, nährstoffreichen Standorten, am Ufer des Baches, in Auwald, Niedermoor und Streuwiese. Die cremeweißen, vielblütigen Blütenstände leuchten aus dem satten Grün der gefiederten und behaarten Blätter hervor. Die rot überlaufenen Stängel werden über einen Meter hoch, manchmal auch bis zu zwei Meter. Sie verzweigen sich in der oberen Hälfte und bilden zwei oder mehr Blütenstände aus. Die behaarten Blätter des Mädesüß' erinnern an jene der Ulme, daher der Artnamen ulmaria. Die Blüten verströmen einen intensiven süßlich-aromatischen Duft nach Rheumasalbe. Dazu unten mehr. Das Mädesüß ist in ganz Europa verbreitet, mit Ausnahme der heißesten Mittelmeergebiete. Es kommt auch in Nord- und Mittelasien vor.

Weiße Blütendolden, behaarte Blätter


























In Mitteleuropa sind Feuchtgebiete - Moore, Streuwiesen, Auen - selten geworden und das, was von ihnen übrig blieb, verdient strengen Schutz. Seit Charlotte Roches Skandal-Seller kommt der Ruf nach dem Schutz der wertvollen Feuchtgebiete manchem Umweltschützer aber nur noch zögerlich über die Lippen. Der Lebensraum des armen Mädesüß' ist zu einem F-Wort geworden. Deshalb soll hier jenseits aller Peinlichkeit der Ruf ertönen: Schützt die Feuchtgebiete!


Im Murnauer Moos


Kein süßes Mädel

Woher hat das Mädesüß seinen schönen Namen? Mit dem "süßen Mädel" hat es nichts zu tun, lieber männlicher Leser. Nachdem die Aromen aus der Blüte früher zum Süßen von Wein und Met verwendet wurden, soll sein Namen "Metsüße" bedeuten. Ziemlich vordergründig diese Deutung, oder? Überzeugender ist der Zusammenhang von "Mäde" zur Mahd, zur Mähwiese, auf der das Mädesüß steht. Auch das englische Meadow und die Mahd gehören zusammen; in England ist das Mädesüß das meadow sweet. Das alte "Mede" bedeuted Grasland. In der Folge "Tote singen nicht" meiner Lieblings-Krimiserie "Inspector Barnaby" wohnt einer der Verdächtigen im herrschaftlichen Landgut Hartsmede.

Vom Mädesüß zum Aspirin

 Der Wunderwirkstoff des Aspirins ist die Acetyl-Salicylsäure. Das "Salicyl-" kommt von Salix, der Weide, deren Rinde eine Vorstufe von Salicylsäure enthält und die schon in der Antike als Heilpflanze  genutzt wurde. "Acetyl"- kommt von der Essigsäure, die bei der Gewinnung der Salicylsäure zum Einsatz kommt. Im Aspirin ist das "A" ein Hinweis auf die Essigsäure. Die Silbe "Spirin" wiederum kommt von Spiraea, dem Spierstrauch. Gemeint ist aber das Mädesüß, das früher den Gattungsnamen Spiraea trug und zu den Spiersträuchern gezählt wurde. Fazit: Aspirin ist nach dem Mädesüß benannt. Denn auch es enthält Salicyl und wurde seit langem als Heilkraut verwendet. Es wird, genau wie Weidenrinde, gegen Fieber, Erkältungen, Rheuma und Kopfschmerzen empfohlen. In manchen Foren wird auch eine Wirksamkeit gegen Migräne und Malaria behauptet, aber das dürfte wohl auf die Heilkräuterenthusiasten zurückzuführen sein, denen es nicht genügt, dass eine Pflanze gegen manches hilft, nein, sie soll gleich gegen alles helfen.

John Gerard schrieb 1597 davon, dass das Mädesüß "...von Anfällen des Viertagefiebers" befreie. Dabei kam aber seine fiebersenkende Wirkung zum Tragen. Gegen Malaria hilft bis heute das Moskitonetz und sonst, wie's ausschaut, leider gar nichts, weder Weidenrinde, noch Mädesüß, noch das Bibergeil, das Fett des Bibers, dessen Heilwirkung ebenfalls auf die Salicylsäure zurückgeht.



Aspirin am Wegrand

























Dienstag, 19. Juni 2012

Englisches Raygras Wiesen-Rispengras

Pflanzen des Monats Juni

Englisches Raygras
Lolium perenne

Wiesen-Rispengras
Poa pratensis

Anpfiff: Der englische Rasen

Trampeln und treten auf Lolch und Weidelgras





















Aus aktuellem Anlass handelt der Eulenblick vom Rasen. Der Rasen konnte nur in einem feuchten und milden Klima entstehen, wie es für England typisch ist. Der Rasen der modernen bürgerlichen Einfamilienhäuser ist denn auch über England zu uns gekommen. Ein mitteleuropäischer Garten früherer Zeiten kannte keine unproduktiven Flächen - genausowenig wie Leute, die nicht dem Adel angehörten, so etwas wie "Freizeit" kannten, die sie in die Lage versetzt hätte, auf einem Rasen zu sitzen und den Nachmittag zu genießen. Der Garten Mitteleuropas hatte den Klosterplan von St. Gallen zum Vorbild oder das alte Capitulare de Villis von Karl dem Großen, die Gemüse-, Kräuter-, Blumen- und  (Obst-) Baumgarten genau beschrieben.

Großbritannien ist auch das Mutterland des Sportrasens: Fußball, Tennis und Cricket kommen von der Insel.

Erste Halbzeit: Gräser

Gräser sind Gräser, alles andere sind Kräuter. Der Blick des Laien ist botanisch zutreffend - die große Gruppe der Grasartigen unterscheidet sich von den bunten Blumen. Auch was Gräser auszeichnet, wissen die Leute: Ein Gras hat einen schlanken Halm, ein schmales Blatt und eine unscheinbare Blüte.

Botanisch teilen sich die Gräser in drei Familien:
Echte Gräser oder Süßgräser
Ried- oder Sauergräser
Binsengewächse

Unsere beiden Monatsgräser gehören zu den Echten Gräsern. Sie sind die Hauptbestandteile der Gräsermischung im Fußballrasen.

Das Englische Raygras, auch Lolch genannt, bildet lockere Horste am Boden, die aus vielen sterilen, also nicht blühenden, Halmen bestehen. Diese Fähigkeit macht es gegen die Tritte der Fußballer besonders unempfindlich. Das Raygras ist leicht an seinen glänzenden Blättern zu erkennen. Die nicht sterilen Halme bilden Ähren mit Ährchen aus, die dicht am Stängel sitzen und diesem ihre Schmalseite zuweisen. Das ist ein typisches Erkennungsmerkmal des Raygrases. Dieses Gras nimmt auch oftmalige Mahd nicht übel. Es ist das beste Futtergras, Heu aus Raygras ist sehr hochwertig. Das Raygras liebt mildes feuchtes Klima. Ursprünglich kommt dieses Gras aus Europa und Westasien; heute ist es über die ganze Welt verbreitet.

Ährchen zeigen mit der Schmalseite zum Halm
Glänzendes Raygras




































































Das Wiesen-Rispengras oder Weidelgras hat eine graugrüne bis braungrüne Farbe. Auch es bildet sterile, bis 80 cm hohe Halme aus kriechenden Ausläufern. Das Weidelgras ist leicht an der charakteristischen Rispe zu erkennen, die sich in der Blütezeit pyramidenförmig ausbreitet. Das Weidelgras ist mit feuchten und trockenen Böden zufrieden, es breitet sich über kahlen Stellen aus. Das macht es für Fußballrasen besonders geeignet.

Unverkennbar: die Rispe des Wiesen-Rispengrases




































Zweite Halbzeit: der Fußballrasen


Fußballrasen werden heute von Rasenzüchtern auf großen Flächen angebaut, gedüngt, gegossen, gepflegt und 2 bis 4 Mal pro Woche gemäht. Nach 18 bis 20 Monaten ist die Grabnarbe fertig. Sie wird in wenigen Zentimeter dicken Platten abgetragen, die in großen Rollen auf den Platz transportiert und dort verlegt werden. 13 Quadratmeter Rasenfläche wiegen eine Tonne; für ein Fußballfeld braucht es 470 Rollen. So ein Fußballrasen ist also nicht billig.

Schlusspfiff: Menschen und Gräser

Unscheinbar mögen sie ja sein - und trotzdem haben sie es in sich: ohne Gräser müsste die Menschheit verhungern. Weizen, Gerste, Hafer, Roggen, aber auch Reis, Mais und Zuckerrohr - die wichtigsten Nahrungsquellen der Menschheit sind Gräser. Ihre Domestikation durch den Menschen begann vor 10.000 Jahren und leitete die sog. "neolithische Revolution" ein, den Übergang vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft.





Sonntag, 27. Mai 2012

Weißdorn


Weißdorn
Crataegus monogyna
Crataegus laevigata

Prince Charles and His Twiggy

Europäer sind Kummer gewöhnt mit ihren Monarchen: Der Schwede ..."verkehrt" im Rotlichtmilieu, der Spanier mahnt sein Volk, Opfer zu bringen, er opfert Elefanten und, noch schlimmer, Charles, Prince of Wales und zukünftiger König Englands, Großbritanniens und des Commonwealth, spricht mit Pflanzen.

Was wird er zum blühenden Weißdornzweiglein sagen, das man ihm, wenn er König sein wird, jeweils am Weihnachtstag überreicht? "Sting me!" oder: "Monogyna or laevigata, that is the question."?


Ein Weißdorn ist ein Weißdorn ist ein Weißdorn: zweigriffelig (oben), eingriffelig (unten)




































Ja, das ist die Frage: Auch für Experten ist es schwer, die beiden bei uns in Mitteleuropa am häufigsten vorkommenden Weißdornarten auseinanderzuhalten, den zweigriffeligen (laevigata) und den eingriffeligen Weißdorn (monogyna). Manche Botaniker sprechen sogar vom "Crataegus-Problem". Die verschiedenen Arten kreuzen sich untereinander und nehmen Merkmale des jeweils anderen an, was sich zum Beispiel in seltsamen Blattformen, verschiedenen Behaarungen der Zweige, Länge der Dornen und Aufbau der Blüten auswirkt. Doch soll uns das nicht weiter kümmern: ein Weißdorn ist ein Weißdorn ist ein Weißdorn. Zunächst wollen wir die Sache mit dem weihnachtlichen englischen Weißdornzweiglein klären. In seinem überaus detailreichen Buch "Mythologie der Bäume" berichtet Jacques Brosse von einer Legende, die sich um den Weißdorn rankt. Sie geht ungefähr so:

Joseph in England

Entgegen verbreiteter Annahme sind Leute auch in früheren Zeiten weit herumgekommen. Joseph von Arimathäa zum Beispiel, der Jesus bestattet hatte, ging im Jahr 63, von Palästina kommend, in England an Land und gründete in Somerset das Kloster Glastonbury. Die Weisung dazu, überbracht durch den Erzengel Gabriel, kam von ganz oben. Im weiteren, vielfach verwickelten Geschehen tauchen dann folgende Personen auf: König Artus mit den Rittern seiner Tafelrunde, Ginevra, Joseph von Arimathäa, Longinus (der mit der Lanze), die Tochter des Longinus, Julius Cäsar, dessen unehelicher Sohn Longinus sein sollte und Igerne von Cornwall, Josephs Tochter und Artus' Mutter.

Nur schade, dass Naturwissenschaftler nicht gerne an Legenden glauben.

But anyway - 1184 ließ die göttliche Wachsamkeit einen Moment nach, worauf Kloster Glastonbury niederbrannte.

Übrig blieb der "wunderbare Weißdorn" (Jacques Brosse), der in Weary-all-Hill oberhalb Glastonburys wuchs. Er entwuchs dem Stab, den Joseph dort in die Erde gesteckt hatte, um den Platz zu markieren, an dem das Kloster stehen sollte. Einen solchen Beweis für die Anwesenheit Josephs kann nicht einmal ein Naturwissenschaftler ignorieren!

Pünktlich am Tag vor Weihnachten blüht der Weißdorn und der König (und natürlich auch die Königin) bekommt einen Zweig  überreicht.

Blüht im Mai: der Hagedorn
Weißdorne sind Sträucher oder kleine Bäume, die im Mai mit ihren weißen Blüten aus Hecken und von Waldrändern leuchten. Der Weißdorn trägt auch den schönen Namen "Hagedorn". Ein Hag ist ein von Hecken umzäuntes Gelände. In weiten Teilen Mitteleuropas sind solche Landschaftselemente selten geworden - die Flurbereinigung hat Hag und Hecke "bereinigt". In England prägen Hage (enclosures) noch die Countryside. Sie entstanden im Mittelalter, ab dem 14. Jahrhundert. Böden der Allmende wurden damals privatisiert, durch Hecken abgetrennt. Im Inneren beherbergten sie Äcker oder Viehherden, Schafe und Rinder. Auch in Nordfrankreich finden wir historische Heckenlandschaften (bocages). Die ästhetische Wirkung solcher Hecken (in Norddeutschland Knicks genannt) ist kaum zu überbieten.

Der Weißdorn ist also vom Menschen verbreitet worden. Auch in Weideflächen kann er sich ausbreiten, weil ihn das Vieh wegen seiner Dornen stehen lässt.
Mittelalterliche englische Enclosures und ....










...nordfranzösische Bocages






Weißdorne in Hecken erfreuen das Herz der Naturschützer. Sie sind Heimat für viele Arten: Zwischen ihren Dornen  brüten Singvögel sicher vor Marder, Katze und Wiesel. Neuntöter spießen auf den Dornen ihre Mahlzeit auf - Insekten und Mäuse. Da und dort gibt es auch Bemühungen, alte Hecken zu restaurieren.
Der Weißdorn steht oft auf Weiden

Die weißen runden Blüten des Weißdorns stehen zu mehreren in sog. Doldenrispen. Die Blätter sind mehr oder weniger tief eingebuchtet und gezähnt, drei bis vier cm lang. Die Früchte sind kleine rote sog. Apfelfrüchte. Sie können zu Gelee verarbeitet werden. In Hungerzeiten wurde das getrocknete Fruchtfleisch auch gemahlen und ins Mehl gemischt.

Weiße Doldenrispen, gebuchtete Blätter

























Blätter und Blüten gelten als herzstärkend. Im Vorabendprogramm wird zwischen Treppenlift und Hörgeräten gerne "Crataegutt" angepriesen, das älteren Herzen wieder auf die Sprünge helfen soll.












Mittwoch, 18. April 2012

Gewöhnliche Pestwurz

Gewöhnliche Pestwurz
Petasites hybridus

….Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben*…..


…und das macht sie zuerst mit Frühblühern wie Hundsveilchen, Buschwindröschen und Huflattich. Frühblüher erscheinen gleich nach der Schneeschmelze im Wald, im Februar oder März, bevor die Bäume ihre Blätter bilden und den Waldboden verdunkeln. Frühblüher blühen, bevor sie Blätter bilden. Die Nährstoffe dazu haben sie schon im letzten Herbst auf Halde gelegt und in Knollen und Zwiebeln gebunkert. Im Frühling, wenn es schnell gehen muss mit Blühen und Fruchten, können die Pflanzen nicht darauf warten, bis ihre Blätter austreiben und Nährstoffe zur Verfügung stellen.

Blüte vor Blatt: die Pestwurz




















Ein Frühblüher, den man gerne übersieht, ist unsere Pflanze des Monats April, die Gewöhnliche Pestwurz. Doch hat sie’s auch in sich: von allen europäischen Pflanzen, bildet sie die größten Blätter aus!

Zunächst aber treiben aus den dicken unterirdischen Rhizomen, die keine Wurzeln, sondern in die Erde verlegte Stängel sind, die unscheinbaren lila-weißen Blütenstände, die bis zu 40 cm hoch werden. Sie tragen viele Blütenköpfchen, die getrennt-geschlechtlich sind; es gibt also männliche und weibliche, aber keine zwittrigen Blüten. Die Pestwurz wird von Bienen bestäubt, ihre Samen vom Wind verbreitet.

Von Bienen bestäubt, vom Wind verbreitet

Wenn die Blüte zu Ende geht, erscheinen die runden Blätter und werden größer und größer ......und größer:



Europarekord: das Blatt der Gewöhnlichen Pestwurz
















Große Blätter sind ein Hinweis darauf, dass Pflanzen auf nährstoffreichen - besonders stickstoffreichen - Böden wachsen. Die Standorte der Pestwurz sind denn auch feuchte, nährstoffreiche Bachufer oder Erlen- und Weidengebüsche. Wenn die Pestwurz ausgewachsen ist, kann sie auch das letzte Licht, das durch die Baumkronen auf ihr schattiges Plätzchen fällt, zur Photosynthese nutzen.


Fetter Standort an nährstoffreichen Bächen

















Der Name der Pestwurz stammt aus dem Mittelalter, als man während der großen Pestepidemien verzweifelt Mittel gegen die Schrecken des Schwarze Todes suchte - und keine fand, denn leider hilft unsere Pestwurz gegen Pest ungefähr so gut wie Bachblüten oder Homöopathie (kleine Lästerei).

Auf den Almen der Alpen reiht sich die der Gewöhnlichen Pestwurz sehr ähnliche Weiße Pestwurz (Petasites albus) in die Reihe der "Scheißblätschn" ein, den Pflanzen der sogenannten Lägerflur, die dort wachsen, wo das Vieh den Boden mit Nährstoffen anreichert, zum Beispiel neben Ställen, in Pferchen und an Ruheplätzen.

*Goethe, Faust, Vor dem Tor
Fotos: Wikipedia (3), kippenjungle.ne (1)