Sonntag, 15. Mai 2011

Löwenzahn

Pflanze des Monats Mai


Löwenzahn (Taraxacum officinale)


Der Löwenzahn gehört zu den bekanntesten Blumen. 10 bis 20 cm hoch wird der im Inneren mit Milchsaft gefüllte Stängel. Die buchtig gezähnten Blätter entspringen einer Grundrosette am Boden. Die Blüte ist eine Scheinblüte; viele einzelne Zungenblüten (die kleinen „Röhren“) sind zu einem Blütenkörbchen zusammengefasst. Bei Nacht oder Regen schließt sich der Blütenstand. Nach der Blüte entsteht die „Pusteblume“, die die einzelnen Schirmchen entlässt, an denen je ein Samen hängt.

Odel vernichtet


Was "Odel" ist? In Bayern und Teilen Österreichs nennt man so die Gülle. Das Wort Odel kommt aus dem althochdeutschen Atum, der Atem. Es ist der Odel, der einem den Odem verschlägt.




Löwenzahn liebt Stickstoff




Der Anblick einer blühenden Löwenzahnwiese mag einen unbefangenen Beobachter in Verzückung geraten lassen. In Wirklichkeit ist er das Symptom für eine ökologische Katastrophe: für die gravierende Überdüngung ganzer Landschaften mit Gülle.

Gülle ist eine flüssige Mischung aus Tierkot, Harn und Einstreu. Im Frühjahr, wenn der Odelwagen hinter dem Haus auffährt und seine Fracht großflächig versprüht, eilen Hausfrauen, ihre Wäsche von der Leine zu holen: der Odel ist der Verursacher der sprichwörtlichen „guten Landluft“.

In der traditionellen Grünlandwirtschaft waren die Kühe im Sommer auf der Alm oder auf den Weiden; mit dem Heu der Talwiesen kam das Vieh über den Winter. Die Talwiesen rings um den Hof wurden nur mit Stallmist gedüngt; es gab zwei, selten drei Grasschnitte im Jahr. Für die gibt es traditionelle Namen: Heu für den ersten, Grummet für den zweiten und – weniger bekannt – Pofel für den dritten Schnitt.

Die nicht oder nur mit Stallmist gedüngten Grünflächen waren die archetypischen „Wiesen“ unserer Kindheit, mit Margerite, Wiesensalbei, Lichtnelke, Schafgarbe, Glockenblume. 40 bis 45 Pflanzenarten kamen da zusammen. Nährstoffarme Magerwiesen kommen auf bis zu 80 Arten. Bei den Nährstoffen gilt: weniger ist mehr. Auf dem Bauernhof herrschte ein annähernd geschlossener Nährstoffkreislauf. Was die Kuh im Stall fraß, kam von den Wiesen, was aus der Kuh hinten rauskam, ging auf die Wiesen zurück.

Seit einigen Jahren hat sich die Landwirtschaft stark gewandelt. Durch die ökonomischen Rahmenbedingugen und durch die Subventionspolitik der EU getrieben, sind die Bauern der Alpen gezwungen, mehr zu produzieren, Kühe mit immer höherer Milchleistung zu halten. Die können mit den überdimensionierten Eutern und schwachen Gelenken kaum gehen. Das hofeigene Futter reicht bei weitem nicht aus. Ihre hohe Milchleistung erbringen sie durch Kraftfutter, das die Bauern zukaufen. Das ist vor allem südamerikanische Soja, im Zweifelsfall auf gerodeten Regenwaldflächen gewonnen und gentechnisch verändert. Da ist es schnell vorbei mit dem stolzen: „Gentechnik? Nicht bei uns“.


Mit dem zugekauften Kraftfutter ist der geschlossene Nährstoffkreislauf aufgebrochen:  Nährstoffe von außen kommen in die Kuh und damit auch auf die Wiese. Die Bauern wissen oft nicht mehr wohin mit der Gülle – der Botaniker Helmut Wittmann (s.unten) sagt: „Die Gülle wird nur noch in die Landschaft entsorgt.“ Besonders die Überdüngung mit Stickstoff aus der Gülle ist ein Problem. Stickstoff ist normalerweise knapp in den Böden – wenn viel davon auf die Wiese kommt, treibt er das Pflanzenwachstum. Auf diesen Flächen sind stickstoffliebende Pflanzen die Gewinner. Löwenzahn ist besonders stickstoffliebend, er verdrängt auf den Flächen fast alle anderen Pflanzen. Zusammen mit ihm treten noch Scharfer Hahnenfuß und Bibernelle massenhaft auf. Der Löwenzahn steht also für überdüngte, artenarme Fettwiesen. Überdüngte Wiesen belasten auch die Gewässer durch ausgewaschenen Stickstoff.

Es gibt aber keinen Grund für ein Bauern–Bashing. Bauern unterliegen großen Zwängen, kämpfen gegen Weltmarktpreise und gegen die Konkurrenz der Großbauern der Ebene. Vielleicht bringt eine Neuordnung der EU-Landwirtschaftspolitik ab 2013 hier Neues.


Mittlerweile dreht der Wiesen-Wahnsinn schon eine neue, subventionsgetriebene Runde: um Energiepflanzen für Biogasanlagen und "Bio"-Sprit zu haben, pflügen immer mehr Bauern ihre Fettwiesen unter und bauen Mais an. Was der Löwenzahn in der Wiese, ist der Mais im Acker: äußerst stickstoffhungrig. Außerdem wird die Ackerkrume leicht weggeschwemmt, weil die flachwurzelnde Maispflanze den Boden nicht festhalten kann.


Albtraum der Taxonomen


Was das jetzt wieder heißt? Taxonomen sind jene Wissenschaftler, die Lebewesen (Pflanzen, Tiere, Bakterien, Pilze) mit ihrem zweiteiligen wissenschaftlichen Namen benennen. Dieser Namen zeigt auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Organismen untereinander.


Die Einteilung der Pflanzen und Tiere, ihre Verwandtschaft untereinander, hat die Menschen über Jahrtausende beschäftigt. Aristoteles sann schon vor über 2000 Jahren darüber nach. Die heute noch gültige Lösung fand vor 200 Jahren der geniale Schwede Carl von Linné. Er klassifizierte Pflanzen und Tiere nach ihren Geschlechtsorganen und damit nach ihrer Fruchtbarkeit untereinander. Er erfand das binominale System: der Name eines Organismus besteht aus zwei Teilen, dem Gattungs- und dem Artnamen.Taraxacum ist der Gattungsname, officinalis der Artname des Löwenzahns. Den Gattungsnamen Taraxacum tragen auch seine engsten Verwandten, zum Beispiel die Gletscher-Kuhblume Taraxacum glaciale.
„Das ist eine schwierige Verwandtschaft“. Diese Aussage tätigte Helmut Wittmann, Botaniker im Haus der Natur in Salzburg öfter auf einem Bergblumenseminar in den Hohen Tauern, an dem ich teilnahm. Die Rede war von Pflanzen, die sich nur schwer klassifizieren lassen, die Unterarten, geographische Ausprägungen, ungeschlechtliche Ableger wie Zwiebeln, Erdsprosse, oder „Kindeln“ bilden.
Bei manchen Pflanzen würde man meinen, sie würden sich nur deshalb so unübersichtlich verhalten, um die Botaniker zur Verzweiflung zu treiben. Ganz arg treibt es – man staune – unser Löwenzahn. In den Bestimmungsbüchern heißt es zu ihm lapidar: „Umfasst viele sehr ähnliche Arten,“ oder „schwierige und formenreiche Gruppe“. „Nach der 147. Unterteilung haben wir aufgegeben“, sagt Helmut Wittmann. Der langweilige Löwenzahn hat also erstaunliche Facetten.


Bei oberflächlicher Betrachtung unterscheidet man nur wenige Formen, zum Beispiel den größeren Löwenzahn der Fettwiesen vom kleineren Typus der trockenen Standorte. Spezialisten unterscheiden hingegen bis an die 150 Kleinarten, die sich sehr ähnlich sind und trotzdem ihre genetischen Unterschiede unverändert vererben. Der Grund dafür liegt in einer besonderen Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, die beim Löwenzahn neben der „normalen“ geschlechtlichen häufig vorkommt. Die wird Apomixie genannt. Hier entwickeln sich die Samen aus der weiblichen Eizelle, die nicht von Pollen befruchtet werden. Die Samen sind mit der Mutterpflanze genetisch identisch. Es bilden sich örtlich gut angepasste Formen, die diese vielen Kleinarten ausmachen. Die sind in sog. Sektionen zusammengefasst, die Ruderalia, Borealia oder Spectabilia heißen.


Doch sollen uns solche Feinheiten nicht weiter berühren. Betrachten wir die Löwenzahnwiesen weiterhin mit einer Mischung aus Faszination und Grauen!


Montag, 18. April 2011

Netzblatt-Schwertlilie


Eulenblick sucht den Superstar

Das schönste Bleameal auf der Welt,das ist das Edlweiß / |: es blüaht vasteckt auf steiler Höh ganz zwischen Schnee und Eis. :|

So weiß es der Volksmund. Doch wenn unsere Blume des Monats blüht, kann man schon ins Grübeln kommen, welches nun wirklich das schönste Bleamal oder Bleamerl (oder Bliaml, sorry Südtirol) auf der Welt ist.

Zeitig im Frühjahr, wenn man das erste Blühen nicht erwarten kann, ist für mich der erste von vielen Besuchen des Jahres im Botanischen Garten München angesagt. Im Gebirgspflanzen-Gewächshaus, von Ernst von Siemens gestiftet, haben die Gärtner die schönsten wilden Gebirgspflanzen aus aller Welt zur Blüte gebracht: winzige wilde Tulpen aus den asiatischen Gebirgen, die verschiedensten Primeln, Steinbreche und Enziane. Im Frühlingsgarten in der Nähe blühen vor allem frühblühende Sträucher wie die Zaubernuss; Narzissen, Krokus und Schneeglöckchen. Auch im berühmten Alpinum, einem Minigebirge, in dem Gebirgspflanzen aus der ganzen Welt gezogen werden, blühen die Frühlingsblumen.

An allen drei Orten begegnet man der

Netzblatt - Schwertlilie (Iris reticulata),







einem Bliamal, das für mich in die Endausscheidung von "Eulenblick  sucht den Superstar" kommt! Man stelle sich vor, man wandert im zeitigen Frühjahr in 2700 m Höhe durch die steinigen Gebirge Ostanatoliens, des Nord - Irak oder Nord - Iran. Der Weg biegt um die Ecke und man steht vor dieser Blume! Die Netzbaltt-Schwertlilie wir nur 7 bis 10 cm hoch, die Blüten sind sehr groß im Verhätltnis zur Höhe der ganzen Pflanze; nur die dünnen Blätter wachsen im Sommer bis auf 30 cm. Die spektakulären violetten Blüten weisen die gelb gestreifte Zunge auf, die bestäubenden Insekten (Bienen, Hummeln) als Landebahn zu den Fortpflanzungsorganen dienen. Ihren etwas komplizierten Namen hat die Lilie von den geäderten äußeren Hüllblättern der unterirdischen Zwiebeln.


Nachdenken über Regenwürmer

Als minderbegabter Naturbeobachter habe ich bis heute nicht ergründet, was um Himmels Willes Charles Darwin auch nach jahrzehntelanger Beobachtung von Regenwürmern immer noch Spannendes an ihnen finden konnte. Auch die Meditation über Seepocken (die kleinen "Muscheln", die in großen Kolonien auf Felsen in der Brandungszone des Meeres aufsitzen) über Jahre ist für mich nicht vorstellbar. Charles Darwin hat über beide Themen Abhandlungen geschrieben. Wir Heutigen, die wir von seinen Erkenntnissen profitieren, müssen aber dankbar sein, dass er seine Leidenschaft auf Regenwürmer und nicht etwa auf die Fuchsjagd oder das Kartenspiel gerichtet hatte.

Darwin war bekanntlich der erste, der die Veränderung von Tier- und Pflanzenarten über die Generationen in seinem großen Werk Die Entstehung der Arten (1759) erschöpfend beschrieb. Die Brisanz seiner Behauptung, dass die Organismen, denen wir heute begegnen, nicht jene sind, die Gott "im Anfang" gemacht hat, war ihm wohl bewusst. Er nähert sich seinem Thema deshalb auf Katzenpfoten, äußerst vorsichtig. Einer der Umwege, den er machte, war jener über das Thema der Züchtung von domestizierten Pflanzen und Tieren.

Darwin beschreibt im 1. Kapitel wie z.B. Rinderzüchter mit geschultem Auge immer jene Kühe und Stiere weiterzüchten, die die erwünschten Eigenschaften aufweisen, meist gesteigertes Muskelwachstum oder ergiebige Milchproduktion. Und wenn über viele Generationen immer wieder bestimmte erwünschte Eigenschaften weitergezüchtet werden, entwickeln sich aus dem ursprünglichen Organismus verschiedene Rassen oder "Varietäten", wie Darwin es nannte. Er betonte vor allem, dass die verschiedensten Haustierrassen von einem gemeinsamen Vorfahren hervorgegangen sein mussten und bekämpfte den Einwand mancher Konservativer, dass jede  dieser Rassen von einem - mittlerweile ausgestorbenen - eigenen Urahn abstammen sollte. Er polemisiert: Die Lehre von der Abstammung unserer verschiedenen Haustierrassen von verschiedenen wilden Stammformen ist von einigen Schriftstellern bis zu einem abgeschmackten Extrem getrieben worden.......Hiernach müsste es wenigstens zwanzig wilde Rinder-, ebenso viele Schaf- und mehrere Ziegenarten allein in Europa und mehrere selbst schon innerhalb Großbritanniens gegeben haben...

Darwin hielt sich ...fast alle englischen Hühnerrassen...und studierte besonders die verschiedenen Varietäten der Haustaube.....Ich habe alle Rassen gehalten, die ich mir kaufen oder sonst verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit Bälgen aus verschiedenen Weltgegenden bedacht worden.....Ich habe mich in zwei Londoner Taubenclubs aufnehmen lassen....Wie groß nun aber die Verschiedenheit zwischen den Taubenrassen sein mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen, richtig ist....Nur beim Hund konzediert er mehrere wilde Vorfahren; die enge Verwandtschaft von dänischer Dogge und Chihuahua konnte er sich nicht vorstellen. Diesen Fehler machte aber auch noch Konrad Lorenz, der im Schakal den Vorfahren einiger Hunderassen sah. Durch die modernen zellgenetischen Verfahren heute wissen wir, dass tatsächlich alle Hunde vom Wolf abstammen.

Über die postulierte genetische Veränderlichkeit der Vorfahren unserer Nutztiere - und Pflanzen tastete sich Darwin langsam an das heiße Eisen heran, dass nämlich die Natur selbst, ohne Zutun des Menschen, auch solche Varietäten, wenn auch viel langsamer, hervorbringen sollte. So vorsichtig drückte er sich aus, dass bei der ersten Vorstellung seiner Erkenntnisse vor der Royal Society keiner der gelehrten Zuhörer die Brisanz seiner Behauptung erkannte. Werden nicht jene Naturforscher....doch annehmen, dass viele von unseren Haustierrassen von gleichen Eltern abstammen - werden sie nicht vorsichtig sein lernen, wenn sie die Annahme verlachen, dass Arten im Naturzustand in gerader Linie von anderen Arten abstammen?

Außer den Tier- und Pflanzenzüchtern, den Bauern, waren es vor allem die Gärtner, die seit Jahrtausenden immer wieder neue "Varietäten" von Zierpflanzen hervorbrachten. Die Gärtner arbeiten dabei mit allen Tricks, denn außer der geschlechtlichen Fortpflanzung über Samen gibt es bei Pflanzen viele Formen der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, z.B. über Sprossung, Pfropfen, oder "Zwiebeln" in Blattachseln, wie zum Beispiel bei den Irisarten. Natürlich blieb unsere Netzblatt-Schwertlilie nicht lange unentdeckt. Schon lange wird sie gezüchtet. Es sind über ein Dutzend Sorten bekannt, meist mit Blüten unterschiedlicher Blau- und Violettfärbung. In München habe ich vier solcher Zuchtsorten gefunden, eine schöner als die andere. Doch während bei anderen Pflanzen die Zuchtformen die Wildform oft an Farben- und Blütenpracht übertreffen, fällt es schwer, bei unserer Iris reticulata zu entscheiden, was schöner ist, die Wildpflanze oder die Zierformen. Entscheidet selbst, hier sind sie:


    Harmony:








Clairette:





Joyce:



Violet beauty


alle Fotos: Angelika Schneider

Montag, 14. März 2011

Haselnuss




Haselnuss Corylus avellana

Die Nachtigall schlagt auf kein' Tannenbaum
Sie schlagt in der Haselnussstaud'n

Aus einem Volkslied



aus den Tafeln von G. Hempel und K. Wilhelm

Für Allergiker, die  auf Frühblüher wie Birke, Erle und Hasel reagieren, beginnt langsam die Leidenszeit. Die böse  Birke gibt noch Ruhe, die Hasel aber legt schon los: an Waldrändern und in Gärten blühen die männlichen Kätzchen und lassen den gelben Pollen fliegen.













Schnief: der Pollen der männlichen Kätzchen macht Allergikern zu schaffen.




Die Haselnuss blüht lange, bevor die Blätter austreiben. Männliche und weibliche Blüten sind nicht in einer Blüte vereinigt, man spricht von zweihäusigen Blüten. Sie wachsen aber auf dem selben Strauch, deshalb ist die Haselnuss eine einhäusige Pflanze. Die weiblichen Blüten sind sehr unscheinbar; sie schauen bei oberflächlicher Betrachtung wie Knospen aus. Es ragen aber die wenige Millimeter langen roten Narben heraus, an denen der Pollen haftenbleibt . An ihrer Basis reifen bis zum Herbst - oft paarweise - die Haselnüsse heran. Sie sind von einer Blätterhaube gekrönt, daher kommtder wissenschaftliche Name der Haselnuss: Corylus kommt aus dem Griechischen Kerys, Helm. Avellana geht zurück auf die süditalienische Stadt Avellino, eine Hochburg des Haselnussanbaus seit den Zeiten der Römer.

Die Haselnuss ist ein Strauch. Was unterscheidet eigentlich Strauch und Baum? Bäume verzweigen sich einige Meter hoch über dem Boden, bei den Sträuchern treiben die Äste aus Knospen knapp über dem Boden aus. Viele Bäume, vor allem Laubbäume, kommen in Baum- und Strauchform vor. Die Äste der Haselnuss wachsen gerade empor, aus ihnen werden im manchen Alpengegenden die bekannten Bergstecken geschnitten. Dabei wird der noch lebende Zweig "geringelt", wächst noch ein Jahr weiter und bildet das rund um den Stecken verlaufende Narbengewebe aus. Das schmückt und erleichtert die Handhabung. Die Hasel wird bis 10 (15) m hoch und höchstens 60 bis 70 Jahre alt.


















Lebend eingeschnitten, ein Jahr weitergewachsen: der geringelte Bergstecken.


Die Blätter des Haselstrauches sind bis 15 cm lang, an der Basis herzförmig, mit deutlicher Blattspitze und doppelt gezähnten Blatträndern. Behaart und dunkelgrün ist die Oberseite, hellgrau und noch mehr behaart die Unterseite.

Die Haselnuss ist heute in ganz Europa verbreitet, auch in Kleinasien und Nordafrika. Ihre große Zeit erlebte sie vor 9.000 Jahren, in einer frühen Warmzeit nach dem Ende der Eiszeit. Der Golfstrom schuf ein ozeanisch getöntes mildes Klima.  Die Haselnuss breitete sich vor allem in Westeuropa aus, in einer für Botaniker erstaunlichen Geschwindigkeit. Haselbüsche sind außerhalb der Vegetationszeit sehr kälteresistent, ja, sie brauchen, um blühen zu können, um die 600 Stunden mit Temperaturen von unter 7 Grad Celsius. Dieses Phänomen nennt sich Hibernation. In der Vegetationsperiode, wenn die Blätter da sind, braucht die Hasel Wärme. Die nacheiszeitliche Wärmeperiode führte dazu, dass sich die Haselnuss auf Kosten anderer Bäume ausbreiten konnte, gegen Fichten und Birken etwa. Die "explosionsartige"  (Hansjörg Küster*) Ausbreitung der Hasel ist mit natürlichen Mitteln allein aber nicht gut zu erklären.  Die Samen der Hasel, die Haselnüsse, sind groß und schwer, sie fliegen nicht weit. Sie werden von Vögeln wie Eichelhähern verbreitet, oder von Mäusen oder Bilchen. Unter natürlichen Bedingungen verbreitet sich die Haselnuss deshalb nicht sehr rasch. Fachleute nehmen an, dass an der nacheiszeitlichen Ausbreitung schon der nomadisierende Mensch der mittleren Steinzeit beteiligt gewesen sein, der essbare Haselnüsse mit sich führte und sie absichtlich (?) aussamte. Die Haselnuss wäre somit eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt.

In Deutschland wurden Haselnüsse vor allem seit dem Mittelalter angebaut und gezüchtet. In manchen Gegenden kannte man ein Dutzend oder mehr Sorten von Haselnüssen. Heute gibt es einen solchen Anbau kaum noch, die alten Sorten verwildern, das Wissen um sie geht verloren. Der größte Haselnussproduzent ist heute die Türkei, sie exportiert Haselnüsse in alle Welt.

Sexy Nüsse

Tja, man muss darüber reden: die paarweise am Strauch hängenden Haselnüsse erinnern an…. genau!  Außer den Nüssen gibt es noch die gerade empor wachsenden Äste. Sie erinnern an…...eben! Auch die nahrhaften Früchte und die frühe Blüte im Frühling ließen die Haselnuss zu einem bedeutenden Fruchtbarkeitssymbol in der Volkskultur werden. An Volksliedern kennt man vor allem das arme Schwarzbraun ist die Haselnuss, das ein - unverdientes - Image als Marschlied der Nazis hat. Die schwarzbraune Haselnuss ist viel älter und wurde ursprünglich von den fortschrittlichen Wandervögeln gesungen.  Das Lied von der Nachtigall in der Haselnussstaud'n vereinigt die im Frühling, der Zeit der Fortpflanzung, singende Nachtigall mit den sexuellen Konnotationen des Haselbusches.

*Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart.München 1998
Fotos: Wolf Schröder (2)

Donnerstag, 17. Februar 2011

Schneeglöckchen

Pflanze des Monats Februar

Schneeglöckchen Galanthus nivalis

Es ist Mitte Februar und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die Nachbarskatze über die grüne Wiese schleichen. Sie hofft wohl genauso wie wir, dass der Winter vorbei ist und die Mäuse aus den Löchern kommen. Diese Hoffnung kann eine sehr trügerische sein, denn die größten Schneefälle gab es bei uns die letzten Jahre Anfang März.

...das ist ein Schneeglöckchen.


Schneeglöckchen


Foto: Matthias Zimmermann



... und das ist eine Frühlingsknotenblume:
















Foto: Angelika Schneider


Trotzdem gibt es jetzt schon  Pflanzen, die unsere Sehnsucht nach dem Frühling befeuern. Es sind die Frühblüher. Die Motive zur frühen Blüte sind verschieden. Die Frühblüher der Laubwälder wie Leberblümchen oder Buschwindröschen blühen dann, wenn am meisten Licht auf den Waldboden fällt, weil die Bäume noch kahl sind und auch die anderen Bodenpflanzen noch nicht austreiben. Ein sehr bekannter Frühblüher in unseren Gärten ist das Schneeglöckchen.

Das Schneeglöckchen kommt ursprünglich in höheren Lagen vor (bis 1400 m). Seine frühe Blüte ist eine Anpassung an die kurze Vegetationsperiode. Bergblumen müssen in wenigen Wochen wachsen, blühen und fruchten. Das Schneeglöckchen hat in Blättern und Blüten Salze eingelagert, die wie ein Frostschutz wirken, sodass die Zellflüssigkeiten auch bei Minusgraden nicht gefrieren.

Kaum ist der Schnee weg, treibt das Schneeglöckchen aus seinem Speicherorgan, einer Zwiebel, aus. Seine Blätter sind lang und dünn, etwas kürzer als der Blütenstängel, an dem eine weiße Blüte sitzt. Nachdem der Blütenstängel dünn ist, "nicken" die Blüten gegen den Boden. Die weißen Blüten haben drei äußere und drei innere Blütenblätter. Die äußeren Blätter spreizen sich ab, die inneren sind etwas breiter und laufen an ihrer Spitze in zwei halbrunden Bögen aus. Am äußeren Blattende befinden sich die zartgrünen Flecken.

Die Heimat des Schneeglöckchens ist Mittel-, Süd- und Osteuropa. In Nordeuropa und Skandinavien wurde es als Gartenblume eingebürgert. Es ist schon sehr lange, mindestens seit 1568, als Kulturpflanze bekannt, in vielen alten Kräuterbüchern zu finden. Es gibt auch verschiedene Zuchtformen. Die bekannteste heißt "Flore pleno" mit einer "gefüllten" Blüte, das heißt mit mehr Blütenblättern.

Das Schneeglöckchen ist vielerorts aus den Gärten ausgebrochen, mit Hilfe von Ameisen, die seine Samen verschleppen. Verwilderte Blütenteppiche findet man an lichten Orten, zum Beispiel in Obstgärten, auf Friedhöfen, auf Wiesen.

Ein bisschen Blumenanatomie

Die meisten "Blumen"- ein botanisch höchst unpräziser Begriff, den ich hier der Einfachheit halber anwende - sind unterteilt in Einkeimblättrige und Zweikeimblättrige. Die bilden, wenn sie aus dem Samen auskeimen, entweder ein oder zwei erste Blätter, die Keimblätter. Diese enthalten Nährstoffe, die aus dem Samen stammen und dem neuen Pflänzchen auf den Weg helfen. Die zwei Kategorien sind leicht zu unterscheiden: Einkeimblättrige haben dreizählige Blüten: 3 oder ein  Mehrfaches von drei an Blütenblättern, Staubblätter und einen oft dreigeteilten oder - gekammerten Stempel. Die Nerven der Blätter verlaufen längsparallel. Zweikeimblättrige haben Blüten mit mehr als drei Blütenblättern und Staubblättern, ihre Blätter weisen eine Netznervatur auf. Tulpen sind einkeimblättrig, Rosen zweikeimblättrig.

Und unser Schneeglöckchen ist klar einkeimblättrig: es hat eben seine drei äußeren und inneren Blütenhüllblätter und längsgestreifte Blätter. Mit dem Schneeglöckchen verwechselt wird die Frühlingsknotenblume (Leucojum vernum), auch sie eine einkeimblättrige Pflanze.


Kleine Blume, großes Potential

Das kleine Schneeglöckchen hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere in der pharmazeutischen Forschung hingelegt. Ein Giftstoff, das Galanthamin, das in allen seinen Organen vorkommt, scheint ein guter Wirkstoff gegen die Alzheimerkrankheit zu sein. Hoffen wir, dass es hier bald zu Fortschritten kommt.

Jetzt aber schnell hinaus mit dem Artikel über das Schneeglöckchen! Die nächste sibirische Kaltfront ist schon im Anmarsch und unser Frühlingsbote vielleicht morgen schon unter dem Schnee!

Montag, 10. Januar 2011

Bartflechte


In der kalten Jahreszeit, wenn Blumen und Bäume ihre Blüten- und Blätterpracht verloren haben, können auch unscheinbarere Lebewesen unseren Blick fesseln. Beim Rodeln oder Schifahren an schönen Wintertagen fällt uns dann ein sonst unbeachtetes, seltsames Gebilde auf, das auf den ersten Blick gar nicht wie eine Pflanze aussieht.

Bartflechte (Usnea barbata)

 oder Baumbart heißt die Flechte, die in zottigen Strähnen von Bäumen herabhängt, in bis zu 30 cm langen gelbgrünen "Bärten". Es ist offensichtlich, woher der Baumbart seinen Namen hat. Er wächst im Gebirge in sauberer Luft, braucht hohe Luftfeuchtigkeit in Form von Regen oder Nebel. Er wächst auf Birken, Fichten oder Lärchen. Der Baumbart ist kein Parasit seiner Herbergsbäume, er sitzt auf der Rinde auf, dringt aber nicht in den Baum ein. 

Klar, woher er seinen Namen hat..





















  
Bergsteiger wissen es: wenn sie über Wald und Almen hinaussteigen, sich den Gletschern nähern, sind die höchsten Pflanzen die gelben, schwarzen oder orangen Flechten, die die Felsen wie Krusten überziehen. Flechten wachsen in den unwirtlichsten Gegenden der Erde, in Wüsten, auf den höchsten Berggipfeln, in der Kälte der Arktis, auf nacktem Fels.

In verschiedenen Farben und Gestalten treten sie uns entgegen - krusten - , faden  -,strauch - oder blattförmig, schwarz, weiß, grau, rot, orange, gelb. Flechten können mikroskopisch klein sein, oder in dicken Schichten den Boden kilometerweit bedecken, wie die Rentierflechte, die Nahrungsgrundlage der Rentiere Skandinaviens. Die Rentierflechte gilt als die einzige Flechte von ökonomischer Bedeutung.

Diese seltsamen Pflanzen sind eine Art von Doppelwesen, eine Verbindung aus Pilz und Alge. Der Pilz befindet sich außen, gibt der Flechte die Form. Er nimmt auch den größten Anteil am Flechtenkörper ein. Die Alge befindet sich im Inneren. Die Algen kommen auch als freie Formen vor, also ohne den Pilz, die Pilze aber nicht ohne die Alge. Ungefähr 17.000 Flechtenarten sind bis heute beschrieben.

Warum aber gehen systematisch so weit auseinanderstehende Organismen eine Symbiose ein? Was "haben" sie davon? Der Pilz schützt die Algen vor äußeren Einflüssen, die Alge ernährt den Flechtenkörper mit ihren in der Photosynthese  gewonnenen Nährstoffen (Traubenzucker, Zuckeralkohole).  Trotzdem haben wir hier kein perfekt austariertes Gleichgewicht vor uns, denn die Alge ist der unterlegene Partner: die Pilze saugen die Algen fast bis zum Letzten aus.  Im Mikroskop erkennt man, dass der Pilz nicht nur die Ober- und Unterseite der Flechte ausmacht, sondern dass auch im Inneren die Alge in Pilzfäden, die Hyphen, eingebettet ist. Manche dieser Hyphen dringen direkt in die Zellen der Algen ein.

Trennt man Pilz und Algen im Labor, erkennt man, dass die Pilze schlechter, die Algen besser wachsen. Sie tun sich zur Symbiose zusammen, wenn die Bedingungen für Pilz und Alge allein schlechter wären als nach ihrem Zusammenschluss. Wenn die Bedingungen für die Flechte schlecht sind, kann aus der Symbiose zwischen beiden Organismen der Parasitismus des einen, des Pilzes, werden.

Heute glaubt man, dass es ihre Fähigkeit zur raschen Austrocknung ist, die die Flechten auch die lebensfeindlichsten Bedingungen überstehen lassen. Verliert die Flechte Wasser, wird die Pilzhülle dicker und lichtundurchlässig, die Photosynthese der Algen hört auf. Die Flechte tritt in ein nur noch latentes Lebensstadium ein. Benetzte Flechten hingegen können innerhalb kürzester Zeit bis zum Dreißigfachen ihres Trockengewichtes erreichen; sie saugen Wasser auf wie Papier, gleich ob sie abgestorben sind oder noch leben.

Flechten pflanzen sich über Soredien fort, Teilchen, die Stücke von Pilz und Alge enthalten.

Zur Photosynthese brauchen die  Algen Licht und Feuchtigkeit. Gute Bedingungen sind oft nur wenige Stunden am Tag gegeben. Das Wachstum der Algen ist deshalb legendär langsam: 0,1 bis 10 mm wachsen sie - im Jahr! Größere Flechten sind deshalb oft 100 oder 200 Jahre alt. Alte Bäume sind auch deshalb wichtig, weil aufsitzende Flechten so langsam wachsen.

Schon lange ist bekannt, dass Flechten auf Luftverschmutzung sehr empfindlich reagieren. Flechten sind Indikatoren für die Luftqualität einer Gegend - das Fehlen der Flechten in Großstädten gab unter anderem den Anstoß für eine neue Politik der Luftreinhaltung. Die Empfindlichkeit der Flechten ergibt sich daraus, dass sie Schadstoffe über Luft und Regenwasser ihre ganze lange Lebensdauer hindurch aufnehmen, aber über keine Ausscheidungsorgane verfügen - sie reichern Schadstoffe also an. So fand man im Körper von Eskimos und Samen hohe Werte von Radioaktivität oder DDT - Rentiere und Karibous reicherten über ihre Flechtennahrung Schadstoffe an und gaben sie an die Menschen weiter.


Wo Kelten springen

Bräuchen rings um Perchten, Krampussen und anderen Wintergeistern, die im Alpenraum in den dunkelsten Wochen ihr Unwesen treiben, wird gerne zugeschrieben, heidnisch, archaisch, zumindest aber alt zu sein. Brauchtumsschützer hören es daher gar nicht gern, wenn Wissenschaftler das hohe Alter der Bräuche in Zweifel ziehen, die Perchten zum Beispiel auf das 19. Jahrhundert datieren. In einem  verborgenen Winkel, in Oberstdorf im Allgäu, tanzen die Wilden Männle aber wahrscheinlich schon seit 2000 Jahren, seit den Zeiten der Kelten. Die erste Beschreibung des Tanzes stammt aus dem 7. Jahrhundert. Die Wilden Männle tragen eine Tracht, die wilder nicht sein könnte: ganz und gar aus zottigem Baumbart (Tannenbart im Allgäu) gemacht . Die Gestalten sind bis auf die Augen ganz vermummt. Ein Gürtel aus Fichtenreisig und ein Kranz aus Stechpalmen vervollständigt das Kostüm. Fichten und Stechpalmen sind als immergrüne Pflanzen Lebensyymbole. In England ist die Stechpalme Protagonistin vieler Winterbräuche, ein Symbol für ewiges Leben und Verbindung zum Überirdischen. In ihrem englischen Namen - Holly - spiegelt sich wider, mit welchen magischen, transzendentalen Zuschreibungen die Menschen die Stechpalme versehen.
  
Baumbart zum Fürchten



Fotos: Angelika Schneider (1),
            Fremdenverkehrsbüro Oberstdorf (1)

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Nordmanntanne



....so kennen wir sie am Christbaummarkt



...so kann sie auch ausschauen - Nordmann-Tanne im Botanischen Garten München



typisch graue Tannenrinde



glänzend grüne Oberseite



helle Wachsstreifen auf der Unterseite


Nordmanntanne

Eulenblick Ausgabe Nr. 4

Pflanze des Monats Dezember

Viele von uns werden sich der guten alten Zeit entsinnen, als der Christbaum noch aus einem richtigen Wald kam. Förster und Waldbauern warfen kleine Fichten auf dem Markt, denen sie nicht zugetraut hatten, einmal schöne, starke Bäume zu werden. Ökologisch korrekt herangewachsen, spiegelte der Zustand dieser Bäumchen den Pessimismus der Förster hinsichtlich ihrer Zukunft  wider: krumm gewachsen, buschig  in Bodennähe, ausgedünnt im oberen Teil,  zwei oder drei Wipfel. Beschert wurde auch: mit reichlichem Nadelfall nach wenigen Tagen.

In den letzten Jahrzehnten aber eroberte ein anderer Baum die heimischen Wohnzimmer, einer, der gerade gewachsen ist, regelmäßig beastet und mit haltbaren, grünglänzenden, nicht stechenden Nadeln versehen.

Die schöne

Nordmann-Tanne (Abies nordmanniana)

ist ein Baum mit Migrationshintergrund. Ihr Hauptvorkommen liegt im westlichen Kaukasus, einzelne Vorkommen gibt es in Armenien und auf der Krim.

Die Nordmann-Tanne* ist zwar verwandt mit unserer heimischen mitteleuropäischen Weißtanne, doch ihre eigentliche Familie kommt aus dem Mittelmeer. Sie gehört einer Gruppe von 12 eng verwandten Tannenarten an, die alle aus dem selben Stamm hervorgingen. Sie kommen rings um das Mittelmeer und darüber hinaus, bis ans Schwarze Meer, vor. Diese  12 Arten bilden eine sogenannte Sammelart oder Syngameon  - es handelt sich da um eine Reihe von Übergangsformen zwischen nah verwandten Arten. Der gemeinsame, heute ausgestorbene Vorfahr dieser Tannen war einst im ganzen Territorium, das später das Mittelmeerbecken werden sollte, verbreitet. Die heutigen Formen sind entstanden, nachdem geologische Vorgänge das Mittelmeer entstehen hatten lassen und die Tannen in isolierte Vorkommen getrennt worden waren. In Jahrmillionen veränderten sich die Bäume derart, dass sie sich heute nicht mehr fruchtbar miteinander kreuzen können, was bedeutet, dass neue, genetisch voneinander geschiedene Arten entstanden sind. Je weiter auseinander ihre heutigen Verbreitungsgebiete liegen, desto weniger eng sind sie miteinander verwandt. Unsere Nordmann-Tanne ist die östlichste dieser Arten; sie ist eng verwandt mit den beiden anderen Tannen Südosteuropas, der türkischen Tanne, Abies bornmülleriana und der Troja-Tanne, Abies equi-trojani.

Ein mächtiger Baum

In ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet ist die Nordmanntanne ein mächtiger Baum, der zwei Meter Durchmesser erreichen kann. Auch das wunderschöne Exemplar im Botanischen Garten in München lässt ahnen, was aus den kleinen Christbäumchen werden könnten, wenn man sie nur ließe. Die Münchener Tanne weist die für die Nordmann-Tanne typische, nicht sehr ausladende, eher zylindrische als pyramidenförmige Krone auf. Im Kaukasus-Naturreservat nicht weit von Sotschi, das schon in den zwanziger Jahren eingerichtet wurde, um die monumentalen Nordmanntannen zu schützen, sollen die Bäume bis 85 m hoch werden - das wären dann die höchsten Bäume Europas!

Die Nordmann-Tanne kommt in 400  bis 2.000 m Höhe vor, sie liebt das feuchtkalte Klima der kaukasischen Berge. Sie bildet große Reinbestände in ihrem klimatischen Optimum, kommt aber auch in Mischwäldern vor.


Auf die Nadeln kommt es an

Der eigentliche Grund, warum die Nordmann-Tanne als Christbaum so beliebt ist, ist ihr schönes, dichtes, grünglänzendes Nadelkleid. Die Nadeln sind rings um den Zweig angeordnet und leicht gegen das Ende des Zweigs gekrümmt. Sie sind 2 bis 3 cm lang und 2 bis 3 mm breit, nicht stechend, an der Oberseite glänzend grün und mit zwei Wachsstreifen an der Unterseite versehen.

Die Nadeln an erwachsenen Bäumen schauen etwas anders aus, je nachdem, wo am Baum sie wachsen. Die unteren, beschatteten Nadeln stehen scheinbar zweizeilig am Zweig, bei näherem Hinsehen aber sind die Nadelansätze rund um den Zweig angeordnet. Hoch am Baum sitzende lichtexponierte Nadeln sind rings um den Zweig angeordnet, sind kürzer und härter und bedecken den ganzen Zweig. Sechs bis acht Jahre bleiben die Nadeln am Zweig erhalten.

Die Rinde der Nordmanntanne ist bei jungen Bäumen glatt, dünn und grau. Die Rinde älterer Bäume ist rauh und gefurcht, ohne dass sie aber eine dicke Borke ausbilden würde. Die Rinde der Äste ist braun. Wie die Rinde junger Bäume aussieht, kann man am eigenen Christbaum studieren. Die kommen mit acht bis zehn Jahren auf den Markt.

Der größte Produzent von Christbäumen ist Dänemark. Tausende von Firmen haben 100 Millionen Bäumchen in Plantagen gepflanzt. Jährlich bringen die Dänen 5 Millionen Christbäumchen auf den Markt. 75 % aller in Deutschland verkauften Christbäume sind mittlerweile Nordmanntannen.

Alexander von Nordmann (1803-1866) war ein finnischer Biologe. Ab 1832 lebte er in Odessa als Gymnasiallehrer und Chef des botanischen Gartens. Die Nordmann-Tanne ist nach ihm benannt.

*Die Bindestrich Nordmann-Tanne gibt die korrekte botanische Bezeichnung wider. Der Bindestrich deutet die Zugehörigkeit der Nordmann-Tanne zur Gattung der Tannen (Abies) an. Der Christbaumhändler schreibt natürlich "Nordmanntanne".