Dienstag, 19. Juni 2012

Englisches Raygras Wiesen-Rispengras

Pflanzen des Monats Juni

Englisches Raygras
Lolium perenne

Wiesen-Rispengras
Poa pratensis

Anpfiff: Der englische Rasen

Trampeln und treten auf Lolch und Weidelgras





















Aus aktuellem Anlass handelt der Eulenblick vom Rasen. Der Rasen konnte nur in einem feuchten und milden Klima entstehen, wie es für England typisch ist. Der Rasen der modernen bürgerlichen Einfamilienhäuser ist denn auch über England zu uns gekommen. Ein mitteleuropäischer Garten früherer Zeiten kannte keine unproduktiven Flächen - genausowenig wie Leute, die nicht dem Adel angehörten, so etwas wie "Freizeit" kannten, die sie in die Lage versetzt hätte, auf einem Rasen zu sitzen und den Nachmittag zu genießen. Der Garten Mitteleuropas hatte den Klosterplan von St. Gallen zum Vorbild oder das alte Capitulare de Villis von Karl dem Großen, die Gemüse-, Kräuter-, Blumen- und  (Obst-) Baumgarten genau beschrieben.

Großbritannien ist auch das Mutterland des Sportrasens: Fußball, Tennis und Cricket kommen von der Insel.

Erste Halbzeit: Gräser

Gräser sind Gräser, alles andere sind Kräuter. Der Blick des Laien ist botanisch zutreffend - die große Gruppe der Grasartigen unterscheidet sich von den bunten Blumen. Auch was Gräser auszeichnet, wissen die Leute: Ein Gras hat einen schlanken Halm, ein schmales Blatt und eine unscheinbare Blüte.

Botanisch teilen sich die Gräser in drei Familien:
Echte Gräser oder Süßgräser
Ried- oder Sauergräser
Binsengewächse

Unsere beiden Monatsgräser gehören zu den Echten Gräsern. Sie sind die Hauptbestandteile der Gräsermischung im Fußballrasen.

Das Englische Raygras, auch Lolch genannt, bildet lockere Horste am Boden, die aus vielen sterilen, also nicht blühenden, Halmen bestehen. Diese Fähigkeit macht es gegen die Tritte der Fußballer besonders unempfindlich. Das Raygras ist leicht an seinen glänzenden Blättern zu erkennen. Die nicht sterilen Halme bilden Ähren mit Ährchen aus, die dicht am Stängel sitzen und diesem ihre Schmalseite zuweisen. Das ist ein typisches Erkennungsmerkmal des Raygrases. Dieses Gras nimmt auch oftmalige Mahd nicht übel. Es ist das beste Futtergras, Heu aus Raygras ist sehr hochwertig. Das Raygras liebt mildes feuchtes Klima. Ursprünglich kommt dieses Gras aus Europa und Westasien; heute ist es über die ganze Welt verbreitet.

Ährchen zeigen mit der Schmalseite zum Halm
Glänzendes Raygras




































































Das Wiesen-Rispengras oder Weidelgras hat eine graugrüne bis braungrüne Farbe. Auch es bildet sterile, bis 80 cm hohe Halme aus kriechenden Ausläufern. Das Weidelgras ist leicht an der charakteristischen Rispe zu erkennen, die sich in der Blütezeit pyramidenförmig ausbreitet. Das Weidelgras ist mit feuchten und trockenen Böden zufrieden, es breitet sich über kahlen Stellen aus. Das macht es für Fußballrasen besonders geeignet.

Unverkennbar: die Rispe des Wiesen-Rispengrases




































Zweite Halbzeit: der Fußballrasen


Fußballrasen werden heute von Rasenzüchtern auf großen Flächen angebaut, gedüngt, gegossen, gepflegt und 2 bis 4 Mal pro Woche gemäht. Nach 18 bis 20 Monaten ist die Grabnarbe fertig. Sie wird in wenigen Zentimeter dicken Platten abgetragen, die in großen Rollen auf den Platz transportiert und dort verlegt werden. 13 Quadratmeter Rasenfläche wiegen eine Tonne; für ein Fußballfeld braucht es 470 Rollen. So ein Fußballrasen ist also nicht billig.

Schlusspfiff: Menschen und Gräser

Unscheinbar mögen sie ja sein - und trotzdem haben sie es in sich: ohne Gräser müsste die Menschheit verhungern. Weizen, Gerste, Hafer, Roggen, aber auch Reis, Mais und Zuckerrohr - die wichtigsten Nahrungsquellen der Menschheit sind Gräser. Ihre Domestikation durch den Menschen begann vor 10.000 Jahren und leitete die sog. "neolithische Revolution" ein, den Übergang vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft.





Sonntag, 27. Mai 2012

Weißdorn


Weißdorn
Crataegus monogyna
Crataegus laevigata

Prince Charles and His Twiggy

Europäer sind Kummer gewöhnt mit ihren Monarchen: Der Schwede ..."verkehrt" im Rotlichtmilieu, der Spanier mahnt sein Volk, Opfer zu bringen, er opfert Elefanten und, noch schlimmer, Charles, Prince of Wales und zukünftiger König Englands, Großbritanniens und des Commonwealth, spricht mit Pflanzen.

Was wird er zum blühenden Weißdornzweiglein sagen, das man ihm, wenn er König sein wird, jeweils am Weihnachtstag überreicht? "Sting me!" oder: "Monogyna or laevigata, that is the question."?


Ein Weißdorn ist ein Weißdorn ist ein Weißdorn: zweigriffelig (oben), eingriffelig (unten)




































Ja, das ist die Frage: Auch für Experten ist es schwer, die beiden bei uns in Mitteleuropa am häufigsten vorkommenden Weißdornarten auseinanderzuhalten, den zweigriffeligen (laevigata) und den eingriffeligen Weißdorn (monogyna). Manche Botaniker sprechen sogar vom "Crataegus-Problem". Die verschiedenen Arten kreuzen sich untereinander und nehmen Merkmale des jeweils anderen an, was sich zum Beispiel in seltsamen Blattformen, verschiedenen Behaarungen der Zweige, Länge der Dornen und Aufbau der Blüten auswirkt. Doch soll uns das nicht weiter kümmern: ein Weißdorn ist ein Weißdorn ist ein Weißdorn. Zunächst wollen wir die Sache mit dem weihnachtlichen englischen Weißdornzweiglein klären. In seinem überaus detailreichen Buch "Mythologie der Bäume" berichtet Jacques Brosse von einer Legende, die sich um den Weißdorn rankt. Sie geht ungefähr so:

Joseph in England

Entgegen verbreiteter Annahme sind Leute auch in früheren Zeiten weit herumgekommen. Joseph von Arimathäa zum Beispiel, der Jesus bestattet hatte, ging im Jahr 63, von Palästina kommend, in England an Land und gründete in Somerset das Kloster Glastonbury. Die Weisung dazu, überbracht durch den Erzengel Gabriel, kam von ganz oben. Im weiteren, vielfach verwickelten Geschehen tauchen dann folgende Personen auf: König Artus mit den Rittern seiner Tafelrunde, Ginevra, Joseph von Arimathäa, Longinus (der mit der Lanze), die Tochter des Longinus, Julius Cäsar, dessen unehelicher Sohn Longinus sein sollte und Igerne von Cornwall, Josephs Tochter und Artus' Mutter.

Nur schade, dass Naturwissenschaftler nicht gerne an Legenden glauben.

But anyway - 1184 ließ die göttliche Wachsamkeit einen Moment nach, worauf Kloster Glastonbury niederbrannte.

Übrig blieb der "wunderbare Weißdorn" (Jacques Brosse), der in Weary-all-Hill oberhalb Glastonburys wuchs. Er entwuchs dem Stab, den Joseph dort in die Erde gesteckt hatte, um den Platz zu markieren, an dem das Kloster stehen sollte. Einen solchen Beweis für die Anwesenheit Josephs kann nicht einmal ein Naturwissenschaftler ignorieren!

Pünktlich am Tag vor Weihnachten blüht der Weißdorn und der König (und natürlich auch die Königin) bekommt einen Zweig  überreicht.

Blüht im Mai: der Hagedorn
Weißdorne sind Sträucher oder kleine Bäume, die im Mai mit ihren weißen Blüten aus Hecken und von Waldrändern leuchten. Der Weißdorn trägt auch den schönen Namen "Hagedorn". Ein Hag ist ein von Hecken umzäuntes Gelände. In weiten Teilen Mitteleuropas sind solche Landschaftselemente selten geworden - die Flurbereinigung hat Hag und Hecke "bereinigt". In England prägen Hage (enclosures) noch die Countryside. Sie entstanden im Mittelalter, ab dem 14. Jahrhundert. Böden der Allmende wurden damals privatisiert, durch Hecken abgetrennt. Im Inneren beherbergten sie Äcker oder Viehherden, Schafe und Rinder. Auch in Nordfrankreich finden wir historische Heckenlandschaften (bocages). Die ästhetische Wirkung solcher Hecken (in Norddeutschland Knicks genannt) ist kaum zu überbieten.

Der Weißdorn ist also vom Menschen verbreitet worden. Auch in Weideflächen kann er sich ausbreiten, weil ihn das Vieh wegen seiner Dornen stehen lässt.
Mittelalterliche englische Enclosures und ....










...nordfranzösische Bocages






Weißdorne in Hecken erfreuen das Herz der Naturschützer. Sie sind Heimat für viele Arten: Zwischen ihren Dornen  brüten Singvögel sicher vor Marder, Katze und Wiesel. Neuntöter spießen auf den Dornen ihre Mahlzeit auf - Insekten und Mäuse. Da und dort gibt es auch Bemühungen, alte Hecken zu restaurieren.
Der Weißdorn steht oft auf Weiden

Die weißen runden Blüten des Weißdorns stehen zu mehreren in sog. Doldenrispen. Die Blätter sind mehr oder weniger tief eingebuchtet und gezähnt, drei bis vier cm lang. Die Früchte sind kleine rote sog. Apfelfrüchte. Sie können zu Gelee verarbeitet werden. In Hungerzeiten wurde das getrocknete Fruchtfleisch auch gemahlen und ins Mehl gemischt.

Weiße Doldenrispen, gebuchtete Blätter

























Blätter und Blüten gelten als herzstärkend. Im Vorabendprogramm wird zwischen Treppenlift und Hörgeräten gerne "Crataegutt" angepriesen, das älteren Herzen wieder auf die Sprünge helfen soll.












Mittwoch, 18. April 2012

Gewöhnliche Pestwurz

Gewöhnliche Pestwurz
Petasites hybridus

….Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben*…..


…und das macht sie zuerst mit Frühblühern wie Hundsveilchen, Buschwindröschen und Huflattich. Frühblüher erscheinen gleich nach der Schneeschmelze im Wald, im Februar oder März, bevor die Bäume ihre Blätter bilden und den Waldboden verdunkeln. Frühblüher blühen, bevor sie Blätter bilden. Die Nährstoffe dazu haben sie schon im letzten Herbst auf Halde gelegt und in Knollen und Zwiebeln gebunkert. Im Frühling, wenn es schnell gehen muss mit Blühen und Fruchten, können die Pflanzen nicht darauf warten, bis ihre Blätter austreiben und Nährstoffe zur Verfügung stellen.

Blüte vor Blatt: die Pestwurz




















Ein Frühblüher, den man gerne übersieht, ist unsere Pflanze des Monats April, die Gewöhnliche Pestwurz. Doch hat sie’s auch in sich: von allen europäischen Pflanzen, bildet sie die größten Blätter aus!

Zunächst aber treiben aus den dicken unterirdischen Rhizomen, die keine Wurzeln, sondern in die Erde verlegte Stängel sind, die unscheinbaren lila-weißen Blütenstände, die bis zu 40 cm hoch werden. Sie tragen viele Blütenköpfchen, die getrennt-geschlechtlich sind; es gibt also männliche und weibliche, aber keine zwittrigen Blüten. Die Pestwurz wird von Bienen bestäubt, ihre Samen vom Wind verbreitet.

Von Bienen bestäubt, vom Wind verbreitet

Wenn die Blüte zu Ende geht, erscheinen die runden Blätter und werden größer und größer ......und größer:



Europarekord: das Blatt der Gewöhnlichen Pestwurz
















Große Blätter sind ein Hinweis darauf, dass Pflanzen auf nährstoffreichen - besonders stickstoffreichen - Böden wachsen. Die Standorte der Pestwurz sind denn auch feuchte, nährstoffreiche Bachufer oder Erlen- und Weidengebüsche. Wenn die Pestwurz ausgewachsen ist, kann sie auch das letzte Licht, das durch die Baumkronen auf ihr schattiges Plätzchen fällt, zur Photosynthese nutzen.


Fetter Standort an nährstoffreichen Bächen

















Der Name der Pestwurz stammt aus dem Mittelalter, als man während der großen Pestepidemien verzweifelt Mittel gegen die Schrecken des Schwarze Todes suchte - und keine fand, denn leider hilft unsere Pestwurz gegen Pest ungefähr so gut wie Bachblüten oder Homöopathie (kleine Lästerei).

Auf den Almen der Alpen reiht sich die der Gewöhnlichen Pestwurz sehr ähnliche Weiße Pestwurz (Petasites albus) in die Reihe der "Scheißblätschn" ein, den Pflanzen der sogenannten Lägerflur, die dort wachsen, wo das Vieh den Boden mit Nährstoffen anreichert, zum Beispiel neben Ställen, in Pferchen und an Ruheplätzen.

*Goethe, Faust, Vor dem Tor
Fotos: Wikipedia (3), kippenjungle.ne (1)

Montag, 19. März 2012

Krokus

 
Krokus
Crocus vernus


Jeder kennt den Krokus





















Er ist eine Pflanze für Anfänger – jeder kennt ihn. Kaum kommen die ersten warmen Frühlingstage, sprießt der Krokus auf Titelseiten, Plakaten und Trailern im Fernsehen. Diese Überdosis kann schon dazu verleiten, dem Krokus die gebührende Aufmerksamkeit zu verweigern. Doch echte Naturfreunde können sich für alle Blumen begeistern. Letztes Jahr belauschte ich zwei ältere Herren, offensichtlich Habitués im Botanischen Garten in München. Beim Anblick der blühenden Krokusse im „Frühlingsgarten“ sagte einer zum anderen: „Heier hom’s d’Wies’n wieda so schee hergricht‘.“

Krokusse sind die allerersten Blumen im Frühjahr, sie schießen zwischen den ausapernden Schneeflecken hervor. Mit dem schmelzenden Schnee steigen sie von 600 bis 800 m bis auf die Almen auf über 2000 Meter und bilden oft große Blütenteppiche. Sie treiben aus unterirdischen Knollen aus – jedes Jahr bildet sich eine neue, welche der alten oben aufsitzt. Damit die Knollen mit der Zeit nicht aus der Erde ragen, werden sie von „Kontraktionswurzeln“ immer wieder in den Boden gezogen.

Der Krokus ist ein Schwertliliengewächs, mit Lilien, Tulpen und eben Schwertlilien verwandt. Die Längsnerven an den Blättern und die dreizähligen Blüten und Geschlechtsorgane weisen ihn als einkeimblättrige Pflanze aus. Was das ist, wissen Eulenblick – Leser aus dem Kapitel über das Schneeglöckchen vom Februar 2011. Die Blüten sind durchscheinend weiß, violett oder weißviolett und wachsen direkt aus der Erde. Die vielen Gartensorten haben oft kräftigere Farben als die Wildform, weiß, gelb oder violett. Auffallend sind die leuchtend gelbrote Farbe der Narbe und die gelben Staubblätter.

Kräftige Farben der Gartensorten



Kräftig gelbrote Narben

  





























Der Blümchenflüsterer

  













Er ist ein Mann, der um die Macht der Bilder weiß. In der Broschüre zu seinem letzten Wahlkampf sagte er es durch die Blume: „……“ Äh, ja was eigentlich? „Die sind alle für dich, mamma?“ „Rechtsstaat, Parlamentarismus, Krokusse – ich trample auf allem herum?“

Fragt sich, was die Krokusse denken:“Silvio, mach dich vom Acker!?“

Dienstag, 21. Februar 2012

Mäusedorn

Mäusedorn
Ruscus aculeatus


Jetzt, wo uns der Winter noch gefangen hält, wollen wir einen Ausflug an das Mittelmeer unternehmen, wo der Frühling schon Einzug gehalten hat.


Der Mäusedorn ist bei uns in den letzten Jahren vor allem als Weihnachtsschmuck bekannt geworden. Er ist eine Pflanze der Macchia mediterranea, der typischen Strauchformation des Mittelmeerraumes.


Sein italienischer Name lautet pungitopo, der Mäusestecher. Er ist ein niedriger Strauch, oft nur 20 cm, höchstens 1 m hoch. Er bedeckt den Boden der Wälder am Mittelmeer oft großflächig und sticht dabei wohl manches Mäuslein, das durchs Unterholz huscht, in die Schnauze.



Sticht Mäuslein: der Mäusedorn




Stacheln, Dornen, Nesseln


An den Küsten des Mittelmeers und in den tiefen Lagen des Hinterlandes prägen die dunkelgrünen Buschwälder der Macchia die Landschaft. Für Botaniker ist sie eine der interessantesten Pflanzengesellschaften, artenreich und mit einer komplizierten Geschichte. Das immergrüne, wenige Meter hohe Gebüsch ist ein Sekundärwald, keineswegs wild und unberührt, trotz all der Lianen, Nesseln und Dornen. Wir finden hier unsere Küchenkräuter als ausladende Büsche wieder: Rosmarin und Salbei, Lorbeer und Lavendel, Thymian und Majoran. Dazu kommen Myrte (ja, die von Goethe!) und Wacholder, Pistazien, Ginster und Wermut. Die Sträucher sind immergrün, Stacheln und Dornen bieten Schutz vor dem Zahn der Weidetiere. Am wichtigsten ist es aber, nicht zu vertrocknen. Die Pflanzen der Macchia haben deshalb eine Vielzahl von Anpassungen hervorgebracht. So sind es nicht die Blüten, die hier duften, sondern die Blätter. In der sommerlichen Gluthitze sondern sie ätherische Öle ab; die Verdunstungskälte kühlt das Blatt, verhindert die Austrocknung. Einen weitern Schutz gegen die mediterrane Höllensonne bieten die reduzierten, ledrigen, mit einer Wachsschicht überzogenen Blätter. Sonnenröschen, Zistrosen, Wermut und Lavendel haben auch Blätter mit filzigen, weißen Überzügen. Die reflektieren die Sonnenstrahlen, schaffen eine windstille Schicht über dem Blatt, die die Verdunstung herabsetzt. Die ursprüngliche Pflanzengesellschaft der heutigen Macchie war der immergrüne Steineichenwald. Rodung, Brand und Ziegenweide brachten aber mehr oder weniger degradierte Formen hervor, die von der hohen über die niedere Macchie bis zur Garigue gehen, in der zwischen niedrigen Büschen der nackte Boden herausragt.

Hier ein paar Beispiele aus der Macchia; von oben nach unten Steineiche, Raue Stechwinde, Besenginster, Erdbeerbaum, Salbeiblättrige Zistrose.































 





 






 Mittelmeer in München


Im Viktoriahaus innerhalb der Gewächshäuser des Botanischen Gartens München schwimmen im Sommer in einem flachen Wasserbecken die riesigen Blätter der Viktoriapflanzen. Im Winter ist das Becken trockengelegt und es überwintern hier in großen Kübeln und Behältern die mediterranen Pflanzen, bis sie im Frühjahr wieder ins Freiland kommen. Ein harzig-herbsüßer Duft erfüllt den Raum; viele Pflanzen blühen. Auch in ihren Heimatländern blühen diese Sträucher im Winter oder zeitig im Frühjahr, in der Zeit der Regefälle. Hier ein Link zu Bildern aus den Gewächshäusern:  http://botmuc.org/v-2007/07-02-06-kalthaus.html.


Auch der Mäusedorn blüht von September bis Mai; Anfang Februar fotografierte ich seine winzigen Blüten, die - seltsam genug - mitten aus dem Blatt zu wachsen scheinen. Die Blätter sind in Wirklichkeit abgeflachte kleine Zweige, die Phyllokladien, mit einer Wachsschicht bedeckt und einer dornigen Spitze versehen (die das Mäuslein sticht...). Die eigentlichen Blätter sind zu winzigen Schuppen verkümmert. Das ist wieder eine Anpassung an die Gefahr der Austrocknung. Die Blüten entwicklen sich zu den bekannten roten Beeren.



Winzige Blüte in den Phyllokladien


Hier im Viktoriahaus findet man einen Busch, der dem Mäusedorn sehr ähnlich sieht: kleine spitze Blätter, immergrün, mit roten Beeren. Der Name der Pflanze:

Mäusedornblättrige Kettenfrucht
Alyxia ruscifolia


Englisch chain fruit oder prickly Alyxia. Sie kommt aus Australien und ist mit dem Mäusedorn nicht verwandt, hat sich aber in einem ganz ähnlichen Klima wie der Mäusedorn entwickelt.


Dem Mäusedorn sehr ähnlich: die Alyxia









































Mittelmeer weltweit

Auf dem Globus gibt es noch andere Gebiete mit einem "Mittelmeerklima". Sie befinden sich an der Westseite der Kontinente am vierzigsten nördlichen und südlichen Breitengrad, haben heiße, trockene Sommer und milde, regenreiche Winter. Keines der Gebiete hängt mit einem anderen zusammen. Die Ökosysteme, die sich hier entwickelten, sehen der Macchia sehr ähnlich, mit immergrünen, stacheligen, mehr oder weniger niedrigen, duftenden Büschen. Ähnliche ökologische Bedingungen brachten ähnliche Ökosysteme hervor. Die "Macchia" wird in Nordamerika Chaparral genannt, in Südamerika Matorral, in Südafrika Fynbos. Gebiete mit Mittelmeerklima gibt es auch in West- und Südaustralien. Die Sträucher in den verschiedenen Weltgegenden stammen aus ganz verschiedenen Stämmen und sind - mit Ausnahmen - nicht miteinander verwandt. So gehört der Mäusedorn zu den Liliengewächsen, die Alyxia zu den Hundgiftgewächsen. Sie sind sich ähnlich geworden, weil sie sich in Jahrmillionen an ein ähnliches Klima angepasst haben.


Ähnliche Strukturen, die nicht auf einen gemeinsamen Bauplan, eine gemeinsame Abstammung zurückgehen, werden in der Ökologie "analog" genannt. Die Phyllokladien des Mäusedorns sind den Blättern der Alyxia analog. Die analogen Strukturen haben die gleiche Funktion, aber einen verschiedenen Bauplan.


Umgekehrt werden Strukturen, die auf einen gemeinsamen Bauplan zurückgehen, aber verschiedene Funktionen haben, "homolog" genannt. Ein bekanntes Beispiel aus dem Tierreich sind die Flossen der Wale und die Arme der Affen. Wal- und Delphinflossen sind umgebaute "Arme" mit Oberarm, Speiche, Elle, Handknochen. Die homologen Strukturen haben den gleichen Bauplan, aber verschiedene Funktionen (schwimmen oder fliegen).


Wollte man dieses Konzept auf die mediterranen Ökosysteme der Erde übertragen, wären diese einander analog: ihre Struktur ist sich ähnlich, ihre Arten sind nicht verwandt.


An der Westseite der Kontinente: die Gegenden mit Mittelmeerklima




Sonntag, 15. Januar 2012

Orange





Orange


Citrus x sinensis
Citrus x aurantium 

„…im dunklen Laub die Goldorangen glüh`n…"

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Manchmal glaubt man, es gäbe nichts Schlimmeres: Nach der Skitour auf dem Gipfel angekommen gegen den Durst nichts anderes dabeizuhaben als eine halbgefrorene, mit dünner Schale versehene, tropfende, bitter schmeckende, weil überreife Blutorange, die man sich mit steifgefrorenen Fingern mühsam einverleibt, um danach die Abfahrt mit einen gefühlten Eisklumpen im Magen anzutreten. Manchmal glaubt man, es gäbe nichts Schöneres: nach dem Langlaufen heimkommen und seinen Durst mit einer süßen, saftigen, leicht schälbaren und schön temperierten Navelorange zu stillen. Ja, ohne die glühende Goldorangen wären die Winterfreuden nur halb so freudig!
Die Orange stammt aus dem Orient, aus China, Malaysia, Indien, Thailand. Die chinesischen Kaiser ließen schon vor mehr als 4.000 Jahren Orangen anbauen.

kleine Frucht einer wilden Orange


Die Araber brachten die Orange im 7. Jahrhundert nach Sizilien. Lange Zeit waren die Orangen nur Zierplanzen in den Gärten der Oberschicht, weshalb die Sizilianer die Orangenplantagen heute noch giardini nennen. Die Araber bauten nur die Bitterorange oder Pomeranze an. Die süße Orange brachte erst Vasco da Gama um 1500 nach Portugal. Von dort aus verbreitete sich die Orangenkultur im Laufe der Zeit in alle Welt, vor allem auch nach Nord- und Südamerika. Heute ist die Orange das meistangebaute Obst der Welt. Und die Araber bezeichnen die Orange als burtuqal, von Portugal, obwohl das Wort Orange vom arabischen narandsch kommt. Sowohl die eigentliche Orange als auch die Bitterorange sind Kreuzungen aus der Pampelmuse (Citrus maxima) und der Mandarine (Citrus reticulata). Deshalb schreiben wir heute Citrus x sinensis und Citrus x aurantium. Der erste Namengeber der Orangen war Carl von Linné.

Die Orange ist ein immergrüner, mit Dornen versehener Baum, der bis 10 m hoch wird. Die Blätter sind glänzend dunkelgrün, oval, in eine abgestumpfte Spitze auslaufend. Die duftenden weißen Orangenblüten im Brautkranz sind Symbol für Reinheit und Jungfräulichkeit der Braut. Die Sizilianer nennen die Orangenblüte zagara – daraus stammt der berühmte miele di zagara, der Orangenblütenhonig.

Blüten für Brautstrauß und Honig


Die Orangen blühen und fruchten zugleich – in Europa im Winter und Frühling. Die grün-orange-weiße Farbkombination verleiht dem Orangenbaum seinen besonderen ästhetischen Reiz.

 Zwoa Pfund Oraahschn
Im Deutschen gibt es die zwei Bezeichnungen Orange und Apfelsine („appelsien“, der Apfel aus China im Niederländischen).Ursprünglich sagte man Orange nur in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Heute breitet sich die Orange immer weiter aus. Auch in Norddeutschland gibt es kaum noch Apfelsinen-, sondern nur noch Orangensaft. Vermutlich klingt die Orange französischer, „feiner“. Und in den neuen Bundesländern klingt die Apfelsine nach der alten DDR. In Südtirol sagt man Oranschn und in Bayern fragt sich der Tourist, ob die Marktfrau mit dem gebellten Oraahschn etwas Unanständiges gesagt hat.
Es gibt weltweit Hunderte von Orangensorten. So sind im Mittelmeerraum die Jaffa-  und die Valencia- Orange weit verbeitet. Die Navelorangen (ursprünglich Bahia – Orangen) wurden in Brasilien gezüchtet. Sie sind leicht schälbar und haben eine kleine abortierte Tochterfrucht an der Spitze. Die rote Farbe der Blutorangen stammen von Anthocyanen, die für rote und blaue Farben zuständigen Pigmente im Pflanzenreich (s. auch den Artikel über den Schwalbenwurzenzian im Eulenblick vom September 2010). Die Blutorangen – mit den bekannten Sorten Moro und Tarocco – stammen vor allem aus Sizilien, von den Hängen des Ätna.
Mit der abortierten Tochterfrucht: Navelorange

Die mit Abstand führenden Orangenproduzenten sind Brasilien und die USA. Dort werden Orangen vor allem in Florida und Kalifornien angebaut. Die meisten Orangen gehen in die Saftproduktion. Im oscargekrönten Film Chinatown  von Roman Polanski geht es um Korruption und Mord im Kampf um Wasserrechte zur Bewässerung der Orangenplantagen im Orange County nördlich von Los Angeles in den dreißiger Jahren. In einer Szene sieht man Jack Nicholson durch die Reihen der Orangenbäume mit seinem Auto seinen Verfolgern davonfahren.

General Steubens Bäumchen

In den Gewächshäusern des Botanischen Gartens München steht an prominenter Stelle, links hinter dem Eingang, ein historisches Pomeranzenbäumchen:
 


Pomeranzen sind Bitterorangen. Ihre Früchte sind etwas kleiner als die der Süßorangen, das Fruchtfleisch ist sauer, die Häutchen schmecken bitter. Die Schale der Bitterorange ist dick und etwas uneben. Aus ihr wird Orangeat hergestellt und ein ätherisches Öl, das Petitgrain. Und natürlich die – für mich – teuflisch gute englische Orangenmarmelade. Auch Pomeranzen waren beliebte Zierpflanzen in den Gärten des Adels; Orangerien ein besonderes Status- und Herrschaftssymbol.
Pomeranzen auf der Reise nach Prag

In der berühmten Novelle Mozart auf der Reise nach Prag von Eduard Mörike rankt sich die Handlung um eine Episode, in der ein Pomeranzenbäumchen der Anlass für eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe) ist. Mörike flicht Historisches in die Handlung: 1787 reiste Mozart mit seiner Frau Konstanze nach Prag, zur Uraufführung seiner Oper Don Giovanni. Erdichtet ist die Ankunft Mozart im Schlosspark eines Grafen von Schinzberg. Gedankenverloren, an Melodien denkend, pflückt Mozart eine Frucht von einem Pomeranzenbaum. Vom Gärtner erwischt, sich mit einem Billet beim Grafen entschuldigend, werden Herr und Frau Mozart ins Schloss eingeladen, wo am selben Tag die Feier zur Verlobung der Tochter Eugenie stattfindet. Wir erfahren, dass die Pomeranzen abgezählt waren; die neun Früchte symbolisieren die Musen. Ein heiteres Rokoko – Schlossfest mit Musik und Gesprächen lässt Mörike vor unseren Augen erstehen, aber auch eine untergründige Melancholie, die den frühen Tod Eugenies (und Mozarts) antizipiert.
Der hundertjährige Pomeranzenbaum ist das Symbol für die dynastische Kontinuität einer feudalen Familie. Tatsächlich waren Orangenbäume und Orangerien beliebte Statussymbole auch in Renaissance und Barock; die göttliche Frucht ein Statement zur Unveränderlichkeit der Herrschaftsansprüche und zum direkt von Gott kommenden Auftrag zur Herrschaft. Ist Mozarts Griff nach der verbotenen Frucht ein Akt der Rebellion? Immerhin soll auch Don Giovannis unbotmäßiger Diener Leporello eine Anspielung auf die kommende Französische Revolution sein.


Samstag, 17. Dezember 2011

Mistel

Pflanze des Monats Dezember


Ein Halbschmarotzer

Keine Aufregung! Angela Merkel hat diesen Ausdruck nicht auf die Bürger der PIIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) gemünzt! Der Halbschmarotzer, um den es hier geht, ist vielmehr eine in der Weihnachtszeit beliebte Pflanze: die

Mistel
Viscum album






































Pappelkrätze? Nein, Misteln. In Froschhausen bei Murnau.             Foto Wolf Schröder

Aus den kahlen Kronen von Pappeln, Ahornen und Apfelbäumen stechen sie jetzt besonders hervor: die immergrünen Gebilde der Mistel. Ihre ledrigen grünen Blätter betreiben Photosynthese – das bedeutet, dass die Mistel die Energie für ihren Stoffwechsel in Form von Traubenzucker selbst herstellt, so wie alle grünen Pflanzen. Doch mit ihren Wurzeln dringt sie in die Leitungsbahnen der Bäume ein und saugt dort Wasser und Salze heraus. Deshalb ist sie ein Halbschmarotzer. Die Mistel hat kleine ledrige, gelbgrüne Blätter. Sie bilden im Juli/August ihre unscheinbaren Blüten aus und im Winter die weißlichen, klebrigen Samen. Die können erst keimen, wenn sie im Darm eines Vogels vorverdaut wurden. Eichelhäher, Spechte und besonders die Misteldrossel verbreiten die Samen, an denen noch klebrige Reste haften, auf den Wirtsbäumen. Keimende Samen bilden zuerst eine kleine Scheibe aus, die auf der Rinde haftet. Daraus wächst eine Senkwurzel, ein Haustorium, das in den Wirtsbaum eindringt. Daraus bilden sich echte Wurzeln, die die Mistel fest verankern. Mit der Zeit wachsen die Misteln zu kugelförmigen Gebilden heran, die 1 Meter Durchmesser erreichen können. Normalerweise halten die Wirtsbäume den Mistelbefall gut aus; bei starkem Befall können Äste oder sogar der ganze Wirtsbaum absterben.






































Wer findet das Haustorium?


 Miraculix‘ Zaubertrank

Wir, die wir unsere mythologische Grundausbildung aus den Asterix – Heften haben, wissen, dass der Zaubertrank, in den Obelix als Baby gefallen war, vom Druiden Miraculix aus der Mistel gebraut wurde, die er mit seiner goldenen Sichel aus den Bäumen schnitt. Für die Gallier, die Kelten also, war die Mistel die heiligste aller Pflanzen. Jacques Brosse zitiert in seinem Buch „Mythologie der Bäume“ Plinius den Älteren: „…sollte die Bewunderung, welche man in ganz Gallien dem Mistelzweige entgegenbringt, nicht übersehen werden. Die Druiden … achten nichts heiliger als die Mistel …Sie glauben nämlich, was auf diesen Bäumen wächst, sei vom Himmel gesandt und ein Zeichen, dass der Baum vom Gotte selbst erwählt sei. Die Mistel ist sehr selten anzutreffen, wird sie aber gefunden, dann pflückt man sie mit aller Feierlichkeit.“

Eine Pflanze, die den Boden nicht berührt und hoch in den Bäumen wächst, ist dem Himmel verbunden und den Göttern nah. Die Priester der Kelten, die Druiden, schnitten sie mit besonderen liturgischen Werkzeugen vom Baum – die Überlieferung spricht von goldenen Sicheln. Wie andere immergrüne Pflanzen auch, war die Mistel ein Symbol für ewiges Leben und ewige Liebe. Das weihnachtliche Küssen unterm Mistelzweig in England und Amerika geht auf diese alte Überzeugung zurück. Die über der Haustür aufgehängte, von den Druiden verteilte Mistel, war zugleich ein Abwehrzauber gegen böse Geister.

Die Mistel war auch die wichtigste Heilpflanze der Kelten. Sie sollte vor allem gegen Epilepsie helfen – die Pflanze, die den Boden nicht berührt, bewahrt auch den Kranken davor, hinzufallen.






















Miraculix' Werkzeug: die goldene Sichel



Runen und Raunen

Man nehme 300 g Mutter Erde, 1 Prise Mythologie, 1 Glas Druidengeist, 1 Tüte Backpulver für die Levitation, fertig ist der Eso-Schmarren. Wir servieren ihn an Mistelzweig. Zum Nachtisch gibt’s Kraftplätzchen.

Wo Kelten und  Druiden, da Esoteriker. Für die soll die arme Mistel ein Wunderkraut sein und gegen alles helfen - von der Hysterie über aufgerissene Haut, Frostbeulen, Darmkolik bis zu – natürlich – Epilepsie. Immer wieder kolportiert, doch nie nachgewiesen, ist die Wirksamkeit der Mistel gegen Krebs. Alternativ, ganzheitlich, sanft soll die Misteltherapie sein; sie weckt die Hoffnungen Verzweifelter, ohne ihre Versprechungen plausibel begründen zu können.