Donnerstag, 15. September 2011

Akazie

Akazie Acacia sp.





































Dies Tier wird Giraffe genannt.
Es lebt in Afrikaland.
Sein langer Hals, der ist gewiss,
Viel länger als ein Bratenspieß.
Damit es vom Akazienstamm
Die hohen Blätter fressen kann.
Aus einem Kinderbuch

Aus gegebenem Anlass - unsere Reise nach Tanzania im August - stelle ich diesmal drei afrikanische Akazien vor.

Akazien gehören zu den Mimosengewächsen. Es gibt weltweit etwa 1200 Arten von Akazien, sie leben in den tropischen und subtropischen Gebieten Afrikas, Asiens und Australiens. In Ostafrika sind sie landschaftsprägend und die Nahrungsbasis für eine Vielzahl kleiner und großer Tiere. Die „Akazie“ unserer Breiten gehört nicht dazu, sie heißt eigentlich Robinie, kommt ursprünglich aus Nordamerika und ist mit den echten Akazien entfernt verwandt.

 Schirmakazie Acacia tortilis

Die Schirmakazie ist so etwas wie ein Wahrzeichen Afrikas, ihr Anblick gibt dem Betrachter Gewissheit, in den Savannen Ostafrikas zu sein.


Die Schirmakazie ist an der Form ihrer Krone leicht zu erkennen. Sie ist äußerst trockenheitsresistent und überlebt auch in Halbwüsten. Dort tritt sie nur mehr als etwa 1 m hoher Busch auf. Sie ist, wie viele andere Akazien auch, mit doppelt gefiederten Blättern versehen und mit langen weißen Dornen. Außerdem besitzt sie auch oft noch kleinere, gekrümmte Stacheln.
  


Sie bringt weiße, sehr aromatisch riechende Blüten hervor, aus denen gekrümmte Schoten hervorgehen. Diese Schoten sind für viele Pflanzenfresser der Savanne eine begehrte Eiweißquelle – für Antilopen, Klippschliefer, Nashörner, Giraffen, Elefanten. Letztere gehen die Schirmakazie auch noch ganz anders an: sie reißen die Rinde auf und fressen den darunterliegenden Bast. Überall in der Savanne sieht man geschälte Akazien, oft sind ganze Bestände betroffen. Die Elefanten reduzieren die Schirmakazie örtlich sehr stark. Die Befürchtung, dass eine zu große Elefantenpopulation die Akazien ausrotten würde, ist heute widerlegt. Elefanten verlassen geschälte Akazienbestände; geschädigte Flächen erholen sich. In ostafrikanischen Nationalparks wie der Serengeti lassen sich viele Elefanten neben geschälten und/oder intakten Akazien beobachten. Auch im nur 300 qkm großen Lake Manyara Nationalpark lebt eine große Elefantenpopulation inmitten eines intakten Waldgebiets. Dort entstand die berühmte Studie „Among the Elephants“ (1978) von Iain Douglas-Hamilton.






Außer ihren Dornen besitzt die Schirmakazie noch andere, viel raffiniertere Waffen zu ihrer Verteidigung. Ein Baum, an dem gefressen wird, scheidet das Gas Ethen (früher Ethylen) aus, ein Pflanzenhormon. Der Senderbaum und die Empfängerbäume in der Nähe produzieren daraufhin Gerbstoffe, Tannine, in ihren Blättern. Die machen die Blätter weniger schmackhaft, in hohen Konzentrationen ungenießbar oder sogar giftig. Fressende Tiere bewegen sich deshalb  immer entgegen der Windrichtung von Baum zu Baum. Ethen ist ein häufig vorkommendes Pflanzenhormon. Orangen z.B. senden es aus und synchronisieren so die Reifung aller Früchte an einem Baum und an den Nachbarbäumen. Ethen ist auch der Grund, warum man verschiedene Obstsorten nicht in einer Schale aufbewahren soll, will man verhindern, dass die Früchte verderben.

Flüsterakazie Acacia drepanolobium

Sie hat noch andere Waffen im Ökokrieg gegen Giraffen - Untermieter, die ihr Heim mit Zangen und Säure verteidigen: kleine aggressive Ameisen. Sie wohnen in schwarzen Gallen, Schwellungen an der Basis der Dornen. Diese Gallen haben kleine Löcher und einen hohlen Kern: wenn der Wind über sie streicht, entsteht ein pfeifendes Geräusch, das der Flüsterakazie ihren Namen gab. Giraffen können die Bisse der Ameisen eine Zeitlang aushalten, lassen aber ab, wenn die Bisse zu heftig werden.


Die Flüsterakazie ist meist nur ein kleiner Strauch. Ihr Holz ist sehr hart und resistent gegenüber Termiten. Das unterscheidet sie von der Schirmakazie, deren Holz von Termiten und Käfern besiedelt und durchlöchert wird. Deshalb haben Elefanten keine Schwierigkeiten, auch größere Bäume umzudrücken. Nach einem Buschfeuer treibt sie leicht wieder aus dem Wurzelstock aus. Diese Fähigkeit macht sie örtlich auch zu einem wichtigen Rohstoff für Brennholz und Holzkohle. Abgehackte Stämme wachsen aus der Wurzel wieder nach. Die Zweige der Flüsterakazie dienen oft als Dornenzaum um Dörfer und Viehpferche, als äußerst effiziente Verteidigung gegen nächtens sich anschleichende Raubtiere.


Gelbrinden – oder Fieber–Akazie Acacia xanthophloea

Sie ist durch ihre gelbliche Rinde unverkennbar, hat doppelt gefiederte Blätter, gelbe Blüten und weiße Dornen. Die Fieberakazie wächst an feuchten Stellen, in Sümpfen und am Ufer von Bächen und Flüssen. Die ersten europäischen Siedler verbanden sie mit dem Auftreten des tropischen „Fiebers“, also der Malaria, deshalb ihr Name. Der Überträger der Malaria, die Anopheles-Mücke, kommt ebenso in feuchten Gegenden vor. Die Rolle der Anopheles als Überträgerin der Malaria wurde erst im 20. Jahrhundert aufgeklärt.

Im Ngorongoro-Krater gibt es keine Giraffen, da es keine Akazien gibt. Nur im lichten Lerai-Forest stehen einige Fieberakazien:
 

































































Montag, 15. August 2011

Dahlie



Gartendahlie Dahlia x hortensis

 Spätsommerpracht



Im Sommer geben die Gärtner im Schaugarten des Botanischen Gartens in München alles: Blumen in allen Formen, Farben und Kombinationen prangen, Extravaganzen wie schwarze Kohlblätter, oder ganz gewöhnliche Blumen wie die Dahlie, unsere Blume des Monats. Dahlien gelten als etwas spießig und langweilig, doch sollte man sie nicht unterschätzen: im Schaugarten wachsen sie in vielerlei Gestalten und Formen.Mehrfarbige Dahlien, solche mit ausgefransten Blüten oder die typisch gefüllten Pompon – Dahlien erfreuen das Auge.



Das ist eine solche Pompon - Dahlie

Unsere Dahlien sind lauter Sorten der Garten–Dahlie, einer Kreuzung. Es gibt rund 35 Arten der Gattung Dahlie. Sie kommen aus Mittelamerika, von den Hochebenen Mexicos und Guatemalas. Die Gartendahlie kommt heutzutage in 20.000 Sorten vor. Die Namengebung dieser Prachtblumen ist – nun – vielfältig:

lokal:                             Hoamatland, Aggerperle
musikalisch:                  French Cancan, Freya’s Paso Doble, Boogie Woogie
schräg:                          Erna Panzer, Bishop of Llandaff
bildungsbürgerlich:         Alexander von Humboldt, Franz Kafka
verrucht:                        Obsession, Otto’s Thrill

Merkwürdig nur, dass es heute keine Sorte des Namens Goethe mehr gibt. Denn einmal, anfangs des 19. Jahrhunderts, waren Dahlien richtig cool und Goethe war von ihnen äußerst angetan.




Im Garten am Frauenplan

Zu Goethes Haus am Frauenplan in Weimar gehört natürlich auch ein Garten, der noch so aussieht wie zu Lebzeiten des Dichters. Neben Beerensträuchern, Rosen oder einer Weinrebe aus seiner Zeit findet man auch verschiedene Sorten seiner Lieblingsblume, der Dahlie.

Goethe (1749-1832) war bekanntlich ein leidenschaftlicher Naturforscher. Er besaß eine riesige Mineraliensammlung von mehreren zehntausend Stück, hielt die „Farbenlehre“ für sein wichtigstes Werk und trieb Studien zu Tieren und Pflanzen. Seine „Metamorphose der Pflanzen“ ist nicht Wissenschaft, sondern Spekulation – und zwar eine großartige Spekulation, die zeigt, was für tiefe Gedanken er sich über Pflanzen machte, was für ein akribischer Beobachter er war. Er kannte die Evolutionstheorie nicht; sie erschien 1859, 27 Jahre nach seinem Tod. Goethe führte die Abstammung aller Pflanzen auf die „Urpflanze“ zurück, die er 1787 auf seiner Italienreise in Sizilien gefunden zu haben glaubte.

Goethe war schon 60 Jahre alt, als Dahlien im Herzogtum Sachsen –Weimar groß in Mode kamen. Sie gefielen ihm sehr und schon 1814 standen Dahlien im Garten am Frauenplan.



Der kleine Ort Tonndorf bei Weimar war in den 1820er Jahren ein Zentrum der Dahlienzucht. Der Gärtner Dreyssig und, nach dessen Tod, seine Frau, züchteten 42 Dahliensorten, davon 17 gefüllte, also die mit vielen aufgefalteten Kelchblättern gefüllten Pompon-Blüten. Mit 78 Jahren, am 24. September 1827, war Goethe wieder einmal „nach Tonndorf gefahren, Madame Dreyssig war nicht gegenwärtig. Besuchten ihren Garten, geführt von ihrem Factor und dem jungen Gärtner. Georginen und Astern waren immer noch vorzüglich, obgleich sie durch die letzten Nachtfröste gelitten hatten." Er schickte Knollen an Christiane Vulpius, seine Frau: „Die übersendeten Georginen wünsche dereinst blühen zu sehen. Man versicherte mir, es seien schöne Sorten.“



















Georginen – so hießen Dahlien zu Goethes Zeiten. Durch Verwirrung und Missverständnis bei der Namengebung bezeichneten verschiedene Botaniker und Gärtner zuerst andere Blumen als Dahlien, Dahlien als Georginen und später wieder Georginen als Dahlien – benannt nach dem dänischen Botaniker Anders Dahl (1751 – 1789).

Auch heute noch ist Thüringen ein hot spot der Dahlienzucht: seit 1928 werden im Dahliengarten von Gera jedes Jahr die in der ganzen Region gezüchteten Dahlien ausgestellt.

Und hier noch ein paar Dahlienexemplare aus dem Botanischen Garten München:
























Samstag, 16. Juli 2011

Alpenrose

Alpenrose

Rhododendron ferrugineum
Rhododendron hirsutum


Es wurden keine Ergebnisse für Almrausch bist a schians Bliaml gefunden. Pech also beim Googlen, ich versuche es aus dem Gedächtnis, denn das Südtiroler Liederbuch habe ich gerade nicht zur Hand.

Almrausch, Almenrausch, bist a schians Bliaml
Almrausch, Almenrausch, bist so schian rot.
Wenn i so vor dir steh
Tuat mir mein Herz so weh
Almrausch, Almenrausch, bist a schians Bliaml.

Kann man so viel Schmalz ertragen? Nur gut, dass meine geschätzten Leser nicht auch noch die Melodie dazu hören müssen. Der Almrausch, das schiane Bliaml, ist die Alpenrose, unsere Pflanze des Monats Juli.

Eine Alpenrose ist eine Alpenrose ist eine Alpenrose ist eine Alpenrose

So literarisch falsch das Zitat ist, so falsch ist es botanisch:  eine Alpenrose ist zwei Alpenrosen, müsste es wissenschaftlich korrekt heißen.

Denn die Pflanze des Monats Juli, die Alpenrose, kommt in den Alpen in zwei Arten vor. Die Rostblättrige Alpenrose wächst auf dem sauren Untergrund der Zentral- und Westalpen, die Bewimperte Alpenrose auf den basischen Böden der Dolomiten und nördlichen und südlichen Kalkalpen.


Das archetypisch Alpenländische: die Rostblättrige Alpenrose

Die Rostblättrige Alpenrose, Rhododendron ferrugineum, bildet auf Almen große Strauchflächen. Der rote Blütenteppich im Frühsommer ließ die Alpenrose, zusammen mit Edelweiß und Enzian, zu einem Symbol für alles Alpenländische werden. Der natürliche Standort der Rostblättrigen Alpenrose ist der lichte Lärchen- Zirbenwald des oberen Waldgürtels der Alpen. Die heutigen Almen sind auf ehemaligen Waldflächen entstanden, die zur Gewinnung von Weideflächen für das Vieh gerodet wurden. Auch die Alpenrosen wurden bekämpft, doch ist es nicht leicht, ihrer Herr zu werden: auf schlecht gepflegten Almen, am Waldrand, an steilen Stellen, kann sie sich ausbreiten und die kostbaren Weideflächen zurückdrängen. Der Kampf gegen die Alpenrose und andere Zwergsträucher wie die Latschen war auf den Almen eine nie endende Plage. Ihren Namen hat die Rostblättrige Alpenrose von der Farbe der Unterseite der ledrigen Blätter, die von gelblich bei jungen bis rostfarben bei älteren Blättern changieren. Die Sträucher werden bis 1 m hoch. Uns Kinder haben auch immer die großen Gallen an den Blättern fasziniert, die Alpenrosenäpfel, die von einem Pilz hervorgerufen werden.

An manchen Stellen auf den Almen tritt, z.B. an Böschungen, unter den Alpenrosen der Boden zu Tage. Der Boden ist rostrot; Bodenschichten, die verschiedene Farben aufweisen und verschiedene Tiefen, werden "Horizonte" genannt. Der rote Bodenhorizont unter den Alpenrosen ist durch Eisenoxid rot gefärb, was nichts anderes als Rost ist. Dieser rote Horizont ist nun ein Hinweis darauf, dass wir es mit einem Waldboden zu tun haben, wie er sich auf sauren Gesteinen wie Granit oder Schiefer entwickelt. Auch in diesem Sinne ist die Alpenrose ein Hinweis darauf, dass sie dort wächst, wo einst Wald war.

Die andere Alpenrose, die Bewimperte Alpenrose, Rhododendron hirsutum, wächst auf kalkhaltigen Böden. Sie unterscheidet sich von der Schwester durch die bewimperten Blattränder, Blüten und Triebe. Ihre Blüten sind etwas kleiner und heller. Sie ist keine eigentliche Waldpflanze, sondern wächst vor allem in Latschengebüschen, aber auch auf Kalkschutt und Karen.

An den Wimpern sollt ihr sie erkennen: Bewimperte Alpenrose

Die zwei Alpenrosen sind einander sehr ähnlich. Nah verwandte Arten, die sich nur etwa durch die Standortwahl unterscheiden, werden vikariierend genannt. Es gibt noch eine dritte, seltene Alpenrose, die Zwergalpenrose, Rhodothamnus chamaecistus. Auch sie wächst auf Kalk, in den Ostalpen, ist aber selten. Sie gehört nicht zur Gattung Rhododendron, ist also zu den beiden erstgenannten Alpenrosen nicht vikariierend.

Rhododendren und ihre nahen Verwandten, die Azaleen, sind die Stars unter den Gartensträuchern. Sie sind vor allem in Eurasien verbreitet und kommen in vielen Varietäten vor. Im Botanischen Garten München gibt es jedes Jahr im Frühjahr die hohe Zeit der Rhododendrenblüte.


Zwei Alpenrosen im Nationalpark Hohe Tauern:
Dr. Shalini Misra und Rhododendron ferrugineum

Montag, 13. Juni 2011

Fleischfarbenes Knabenkraut

Fleischfarbenes Knabenkraut
Dactylorhiza incarnata
 
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei dem Wort "fleischfarben" muss ich an Dinge wie Stützstrümpfe oder Strumpfgürtel denken. Fleischfarben ist irgendwie nicht sexy. Unsere Pflanze des Monats ist eine Orchidee, und Orchideen gelten als charismatische Pflanzen - wegen ihrer Farben, ihrer extravaganten Blütenformen und wegen ihrer Art, sich fortzupflanzen, bei denen Insekten versuchen, sie zu begatten und so ihre Pollenpakete mit sich forttragen. Fleischfarben ist also nicht gerade die Assoziation, die einem zu dem Begriff Orchidee als erstes einfallen würde.

Ein anderer Name wäre Fleischrotes Knabenkraut - der hätte mir besser gefallen. Er wird aber nur als ältere Bezeichnung geführt oder als Lokalnamen, wie z.B. in der Schweiz. Nun gut, also fleischfarben - mit seinem Namen muss man sich abfinden, ich heiße schließlich auch Angelika.








































An der Spitze helmförmig und nicht gepunktet: die Blätter
Farbe der Blüte kann variieren, hier ist sie purpurrot



Das Fleischfarbene Knabenkraut wächst an den nassen Stellen von Feuchtwiesen („Streuwiesen“ s. unten), zusammen mit Wollgras, Pfeifengras, Mehlprimeln. Es kommt in Mitteleuropa vor , aber auch im Norden bis in die Nordukraine. In Deutschland finden wir es in den Streuwiesen des Alpenvorlandes in Bayern und Baden-Württemberg, in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg. Inneralpin finden wir es in Talniederungen der Steiermark und im Salzburger Land.


In Mitteleuropa gibt es mehrere rot- oder rosablühende Orchideen. Das Fleischfarbene Knabenkraut kann man von anderen vor allem durch die Blätter unterscheiden, die ungefleckt sind. An ihrer Spitze sind die Blätter helmförmig gekrümmt. Die Blütenblätter sind nach außen gekrümmt. Der Sporn an der Hinterseite der Blüte ist recht kurz im Vergleich zu anderen Orchideen.


Die Blüte des Fleischfarbenen Knabenkrauts variiert von purpur–violett bis rosa und weiß-gelblich  (selten). Es blüht von Mai bis Mitte Juni, eine kleinere purpurrote Form der voralpinen Streuwiesen auch später im Juli.



























Bitte nicht verwechseln: Fleischfarbenes Knabenkraut rechts,
rosafarben blühend. Links das Gefleckte Knabenkraut. Die
gefleckten Blätter sind nicht zu sehen, waren aber da!



Das Fleischfarbene Knabenkraut ist sehr anspruchsvoll, was den Boden angeht. Es verträgt keine Düngung, stellt bei geringem Nährstoffeintrag sein Wachstum ein. Die unterirdische Knolle kann aber über Jahrzehnte im Boden überleben. In wiedervernässten („renaturierten“) Flächen regenerierte sich das Fleischfarbene Knabenkraut aus den unterirdischen Knollen, die jahrzehntelang im Boden überdauert hatten.


Durch die großflächige Zerstörung der Feuchtwiesen ist das Fleischfarbene Knabenkraut vom Aussterben bedroht. Es steht auf der Roten Liste, zusammen mit seinen Unterarten (das sind die weiß- und gelbblühenden Formen). Sein Überleben hängt vom Erhalt der Reste seines Lebensraums ab.


Kronjuwelen der Voralpenlandschaft

In der letzten Eiszeit stießen die Gletscher von den Alpen bis weit ins Vorland hinaus An ihrer Stirnseite ließen sie die Moränen zurück, die heute den besonderen Reiz des voralpinen Moor – und Hügellandes ausmachen. . Auch im Norden, von Skandinavien her, wuchsen die Gletscherzungen bis weit nach Süden. Die abflusslosen nassen Senken der Moränenlandschaft, die nach dem Abschmelzen der Gletscher vor 10.000 Jahren entstanden war,verlandeten im Laufe der folgenden Jahrtausende. Die toten Pflanzen konnten sich nicht abbauen, sie entwickelten sich zu Torf. Von Natur aus sind diese Flächen mit Büschen und Bäumen bestanden, mit Weiden, Erlen oder Pappeln. Ist der Torf nicht zu tief und speist sich aus dem Grundwasser, spricht man von Niedermoor. In einem Hochmoor  dagegen ist der Torf so dick, dass er mit dem Grundwasser nicht mehr in Verbindung steht und sich nur aus den Niederschlägen speist. Ein Niedermoor heißt in den Bayern, in Österreich, in Südtirol „Moos“  (Sterzinger Moos, Murnauer Moos), ein Hochmoor ist in Bayern ein Filz. Hochmoore sind seltener und empfindlicher als Niedermoore. Niedermoore eignen sich zur Mahd, aus ihnen sind die blumenreichen Streuwiesen entstanden, deren Pracht sie zu echten „Kronjuwelen der Voralpenlandschaft“ macht.

Streuwiesen, wie sie sich heute präsentieren, sind ein Werk des Menschen, der die Flächen ab dem Mittelalter gerodet und in Mahdflächen umgewandelt hatte. Sie lieferten die Einstreu für das Vieh, das den Sommer auf der Alm, den Winter im Stall verbrachte. Diese Wiesen wurden einmal im Jahr gemäht, im Herbst oder Winter, zu einem Zeitpunkt, an dem alle Pflanzen, Gräser wie Blumen, ausgeblüht haben. Das ist die erste Voraussetzung für ihren großen Artenreichtum. Die zweite ist ihre Nährstoffarmut: Streuwiesen wurden nie gedüngt, deshalb wachsen hier auch Pflanzen, die äußerst empfindlich gegen zu viel Nährstoffe sind, wie auch unser Fleischfarbenes Knabenkraut. Streuwiesen sind äußerst artenreich: an manchen Stellen wachsen bis zu 100 verschiedene Pflanzenarten, viele davon sind sehr selten: Schwertlilien, verschiedene Orchideen, weißblühendes Wollgras, Klappertopf, Schwalbenwurzenzian (s. Eulenblick vom September 2010), Schlauchenzian, Sumpfgladiole – und noch eine Pflanze mit einem seltsamen Namen, der Teufelsabbiss. Botaniker sprechen von Pfeifengraswiesen. Dieses Gras ist, zusammen mit dem Schilf an den nassesten Stellen, die häufigste Pflanze im Moos.

Außer durch ihre Blütenpracht fallen Streuwiesen auch durch andere ästhetische Eigenschaften auf. Sie sind im Frühjahr noch braun, wenn die gedüngten Wiesen des Umlandes längst grün sind und bilden oft große, von Wegen nicht unterbrochene Flächen. Alles zusammen ergibt den Eindruck einer ungestörten, ruhigen, archaischen Landschaft.

Durch den Rückgang der Landwirtschaft, den Umstieg auf Güllewirtschaft, Entwässerung und Verbuschung  sind in Deutschland an die 80 % der Streuwiesen verschwunden. Die verbliebenen Flächen stehen unter Naturschutz. Die wichtigste Pflegemaßnahme ist die Mahd, die alle zwei Jahre, mindestens aber alle 5 Jahre durchgeführt werden muss.





 Funkelnde Kronjuwelen der Streuwiesen: Orchideen, Wollgras und....




...Sibirische Schwertlilien!

alle Fotos: Wolf Schröder

 

Sonntag, 15. Mai 2011

Löwenzahn

Pflanze des Monats Mai


Löwenzahn (Taraxacum officinale)


Der Löwenzahn gehört zu den bekanntesten Blumen. 10 bis 20 cm hoch wird der im Inneren mit Milchsaft gefüllte Stängel. Die buchtig gezähnten Blätter entspringen einer Grundrosette am Boden. Die Blüte ist eine Scheinblüte; viele einzelne Zungenblüten (die kleinen „Röhren“) sind zu einem Blütenkörbchen zusammengefasst. Bei Nacht oder Regen schließt sich der Blütenstand. Nach der Blüte entsteht die „Pusteblume“, die die einzelnen Schirmchen entlässt, an denen je ein Samen hängt.

Odel vernichtet


Was "Odel" ist? In Bayern und Teilen Österreichs nennt man so die Gülle. Das Wort Odel kommt aus dem althochdeutschen Atum, der Atem. Es ist der Odel, der einem den Odem verschlägt.




Löwenzahn liebt Stickstoff




Der Anblick einer blühenden Löwenzahnwiese mag einen unbefangenen Beobachter in Verzückung geraten lassen. In Wirklichkeit ist er das Symptom für eine ökologische Katastrophe: für die gravierende Überdüngung ganzer Landschaften mit Gülle.

Gülle ist eine flüssige Mischung aus Tierkot, Harn und Einstreu. Im Frühjahr, wenn der Odelwagen hinter dem Haus auffährt und seine Fracht großflächig versprüht, eilen Hausfrauen, ihre Wäsche von der Leine zu holen: der Odel ist der Verursacher der sprichwörtlichen „guten Landluft“.

In der traditionellen Grünlandwirtschaft waren die Kühe im Sommer auf der Alm oder auf den Weiden; mit dem Heu der Talwiesen kam das Vieh über den Winter. Die Talwiesen rings um den Hof wurden nur mit Stallmist gedüngt; es gab zwei, selten drei Grasschnitte im Jahr. Für die gibt es traditionelle Namen: Heu für den ersten, Grummet für den zweiten und – weniger bekannt – Pofel für den dritten Schnitt.

Die nicht oder nur mit Stallmist gedüngten Grünflächen waren die archetypischen „Wiesen“ unserer Kindheit, mit Margerite, Wiesensalbei, Lichtnelke, Schafgarbe, Glockenblume. 40 bis 45 Pflanzenarten kamen da zusammen. Nährstoffarme Magerwiesen kommen auf bis zu 80 Arten. Bei den Nährstoffen gilt: weniger ist mehr. Auf dem Bauernhof herrschte ein annähernd geschlossener Nährstoffkreislauf. Was die Kuh im Stall fraß, kam von den Wiesen, was aus der Kuh hinten rauskam, ging auf die Wiesen zurück.

Seit einigen Jahren hat sich die Landwirtschaft stark gewandelt. Durch die ökonomischen Rahmenbedingugen und durch die Subventionspolitik der EU getrieben, sind die Bauern der Alpen gezwungen, mehr zu produzieren, Kühe mit immer höherer Milchleistung zu halten. Die können mit den überdimensionierten Eutern und schwachen Gelenken kaum gehen. Das hofeigene Futter reicht bei weitem nicht aus. Ihre hohe Milchleistung erbringen sie durch Kraftfutter, das die Bauern zukaufen. Das ist vor allem südamerikanische Soja, im Zweifelsfall auf gerodeten Regenwaldflächen gewonnen und gentechnisch verändert. Da ist es schnell vorbei mit dem stolzen: „Gentechnik? Nicht bei uns“.


Mit dem zugekauften Kraftfutter ist der geschlossene Nährstoffkreislauf aufgebrochen:  Nährstoffe von außen kommen in die Kuh und damit auch auf die Wiese. Die Bauern wissen oft nicht mehr wohin mit der Gülle – der Botaniker Helmut Wittmann (s.unten) sagt: „Die Gülle wird nur noch in die Landschaft entsorgt.“ Besonders die Überdüngung mit Stickstoff aus der Gülle ist ein Problem. Stickstoff ist normalerweise knapp in den Böden – wenn viel davon auf die Wiese kommt, treibt er das Pflanzenwachstum. Auf diesen Flächen sind stickstoffliebende Pflanzen die Gewinner. Löwenzahn ist besonders stickstoffliebend, er verdrängt auf den Flächen fast alle anderen Pflanzen. Zusammen mit ihm treten noch Scharfer Hahnenfuß und Bibernelle massenhaft auf. Der Löwenzahn steht also für überdüngte, artenarme Fettwiesen. Überdüngte Wiesen belasten auch die Gewässer durch ausgewaschenen Stickstoff.

Es gibt aber keinen Grund für ein Bauern–Bashing. Bauern unterliegen großen Zwängen, kämpfen gegen Weltmarktpreise und gegen die Konkurrenz der Großbauern der Ebene. Vielleicht bringt eine Neuordnung der EU-Landwirtschaftspolitik ab 2013 hier Neues.


Mittlerweile dreht der Wiesen-Wahnsinn schon eine neue, subventionsgetriebene Runde: um Energiepflanzen für Biogasanlagen und "Bio"-Sprit zu haben, pflügen immer mehr Bauern ihre Fettwiesen unter und bauen Mais an. Was der Löwenzahn in der Wiese, ist der Mais im Acker: äußerst stickstoffhungrig. Außerdem wird die Ackerkrume leicht weggeschwemmt, weil die flachwurzelnde Maispflanze den Boden nicht festhalten kann.


Albtraum der Taxonomen


Was das jetzt wieder heißt? Taxonomen sind jene Wissenschaftler, die Lebewesen (Pflanzen, Tiere, Bakterien, Pilze) mit ihrem zweiteiligen wissenschaftlichen Namen benennen. Dieser Namen zeigt auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Organismen untereinander.


Die Einteilung der Pflanzen und Tiere, ihre Verwandtschaft untereinander, hat die Menschen über Jahrtausende beschäftigt. Aristoteles sann schon vor über 2000 Jahren darüber nach. Die heute noch gültige Lösung fand vor 200 Jahren der geniale Schwede Carl von Linné. Er klassifizierte Pflanzen und Tiere nach ihren Geschlechtsorganen und damit nach ihrer Fruchtbarkeit untereinander. Er erfand das binominale System: der Name eines Organismus besteht aus zwei Teilen, dem Gattungs- und dem Artnamen.Taraxacum ist der Gattungsname, officinalis der Artname des Löwenzahns. Den Gattungsnamen Taraxacum tragen auch seine engsten Verwandten, zum Beispiel die Gletscher-Kuhblume Taraxacum glaciale.
„Das ist eine schwierige Verwandtschaft“. Diese Aussage tätigte Helmut Wittmann, Botaniker im Haus der Natur in Salzburg öfter auf einem Bergblumenseminar in den Hohen Tauern, an dem ich teilnahm. Die Rede war von Pflanzen, die sich nur schwer klassifizieren lassen, die Unterarten, geographische Ausprägungen, ungeschlechtliche Ableger wie Zwiebeln, Erdsprosse, oder „Kindeln“ bilden.
Bei manchen Pflanzen würde man meinen, sie würden sich nur deshalb so unübersichtlich verhalten, um die Botaniker zur Verzweiflung zu treiben. Ganz arg treibt es – man staune – unser Löwenzahn. In den Bestimmungsbüchern heißt es zu ihm lapidar: „Umfasst viele sehr ähnliche Arten,“ oder „schwierige und formenreiche Gruppe“. „Nach der 147. Unterteilung haben wir aufgegeben“, sagt Helmut Wittmann. Der langweilige Löwenzahn hat also erstaunliche Facetten.


Bei oberflächlicher Betrachtung unterscheidet man nur wenige Formen, zum Beispiel den größeren Löwenzahn der Fettwiesen vom kleineren Typus der trockenen Standorte. Spezialisten unterscheiden hingegen bis an die 150 Kleinarten, die sich sehr ähnlich sind und trotzdem ihre genetischen Unterschiede unverändert vererben. Der Grund dafür liegt in einer besonderen Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, die beim Löwenzahn neben der „normalen“ geschlechtlichen häufig vorkommt. Die wird Apomixie genannt. Hier entwickeln sich die Samen aus der weiblichen Eizelle, die nicht von Pollen befruchtet werden. Die Samen sind mit der Mutterpflanze genetisch identisch. Es bilden sich örtlich gut angepasste Formen, die diese vielen Kleinarten ausmachen. Die sind in sog. Sektionen zusammengefasst, die Ruderalia, Borealia oder Spectabilia heißen.


Doch sollen uns solche Feinheiten nicht weiter berühren. Betrachten wir die Löwenzahnwiesen weiterhin mit einer Mischung aus Faszination und Grauen!


Montag, 18. April 2011

Netzblatt-Schwertlilie


Eulenblick sucht den Superstar

Das schönste Bleameal auf der Welt,das ist das Edlweiß / |: es blüaht vasteckt auf steiler Höh ganz zwischen Schnee und Eis. :|

So weiß es der Volksmund. Doch wenn unsere Blume des Monats blüht, kann man schon ins Grübeln kommen, welches nun wirklich das schönste Bleamal oder Bleamerl (oder Bliaml, sorry Südtirol) auf der Welt ist.

Zeitig im Frühjahr, wenn man das erste Blühen nicht erwarten kann, ist für mich der erste von vielen Besuchen des Jahres im Botanischen Garten München angesagt. Im Gebirgspflanzen-Gewächshaus, von Ernst von Siemens gestiftet, haben die Gärtner die schönsten wilden Gebirgspflanzen aus aller Welt zur Blüte gebracht: winzige wilde Tulpen aus den asiatischen Gebirgen, die verschiedensten Primeln, Steinbreche und Enziane. Im Frühlingsgarten in der Nähe blühen vor allem frühblühende Sträucher wie die Zaubernuss; Narzissen, Krokus und Schneeglöckchen. Auch im berühmten Alpinum, einem Minigebirge, in dem Gebirgspflanzen aus der ganzen Welt gezogen werden, blühen die Frühlingsblumen.

An allen drei Orten begegnet man der

Netzblatt - Schwertlilie (Iris reticulata),







einem Bliamal, das für mich in die Endausscheidung von "Eulenblick  sucht den Superstar" kommt! Man stelle sich vor, man wandert im zeitigen Frühjahr in 2700 m Höhe durch die steinigen Gebirge Ostanatoliens, des Nord - Irak oder Nord - Iran. Der Weg biegt um die Ecke und man steht vor dieser Blume! Die Netzbaltt-Schwertlilie wir nur 7 bis 10 cm hoch, die Blüten sind sehr groß im Verhätltnis zur Höhe der ganzen Pflanze; nur die dünnen Blätter wachsen im Sommer bis auf 30 cm. Die spektakulären violetten Blüten weisen die gelb gestreifte Zunge auf, die bestäubenden Insekten (Bienen, Hummeln) als Landebahn zu den Fortpflanzungsorganen dienen. Ihren etwas komplizierten Namen hat die Lilie von den geäderten äußeren Hüllblättern der unterirdischen Zwiebeln.


Nachdenken über Regenwürmer

Als minderbegabter Naturbeobachter habe ich bis heute nicht ergründet, was um Himmels Willes Charles Darwin auch nach jahrzehntelanger Beobachtung von Regenwürmern immer noch Spannendes an ihnen finden konnte. Auch die Meditation über Seepocken (die kleinen "Muscheln", die in großen Kolonien auf Felsen in der Brandungszone des Meeres aufsitzen) über Jahre ist für mich nicht vorstellbar. Charles Darwin hat über beide Themen Abhandlungen geschrieben. Wir Heutigen, die wir von seinen Erkenntnissen profitieren, müssen aber dankbar sein, dass er seine Leidenschaft auf Regenwürmer und nicht etwa auf die Fuchsjagd oder das Kartenspiel gerichtet hatte.

Darwin war bekanntlich der erste, der die Veränderung von Tier- und Pflanzenarten über die Generationen in seinem großen Werk Die Entstehung der Arten (1759) erschöpfend beschrieb. Die Brisanz seiner Behauptung, dass die Organismen, denen wir heute begegnen, nicht jene sind, die Gott "im Anfang" gemacht hat, war ihm wohl bewusst. Er nähert sich seinem Thema deshalb auf Katzenpfoten, äußerst vorsichtig. Einer der Umwege, den er machte, war jener über das Thema der Züchtung von domestizierten Pflanzen und Tieren.

Darwin beschreibt im 1. Kapitel wie z.B. Rinderzüchter mit geschultem Auge immer jene Kühe und Stiere weiterzüchten, die die erwünschten Eigenschaften aufweisen, meist gesteigertes Muskelwachstum oder ergiebige Milchproduktion. Und wenn über viele Generationen immer wieder bestimmte erwünschte Eigenschaften weitergezüchtet werden, entwickeln sich aus dem ursprünglichen Organismus verschiedene Rassen oder "Varietäten", wie Darwin es nannte. Er betonte vor allem, dass die verschiedensten Haustierrassen von einem gemeinsamen Vorfahren hervorgegangen sein mussten und bekämpfte den Einwand mancher Konservativer, dass jede  dieser Rassen von einem - mittlerweile ausgestorbenen - eigenen Urahn abstammen sollte. Er polemisiert: Die Lehre von der Abstammung unserer verschiedenen Haustierrassen von verschiedenen wilden Stammformen ist von einigen Schriftstellern bis zu einem abgeschmackten Extrem getrieben worden.......Hiernach müsste es wenigstens zwanzig wilde Rinder-, ebenso viele Schaf- und mehrere Ziegenarten allein in Europa und mehrere selbst schon innerhalb Großbritanniens gegeben haben...

Darwin hielt sich ...fast alle englischen Hühnerrassen...und studierte besonders die verschiedenen Varietäten der Haustaube.....Ich habe alle Rassen gehalten, die ich mir kaufen oder sonst verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit Bälgen aus verschiedenen Weltgegenden bedacht worden.....Ich habe mich in zwei Londoner Taubenclubs aufnehmen lassen....Wie groß nun aber die Verschiedenheit zwischen den Taubenrassen sein mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen, richtig ist....Nur beim Hund konzediert er mehrere wilde Vorfahren; die enge Verwandtschaft von dänischer Dogge und Chihuahua konnte er sich nicht vorstellen. Diesen Fehler machte aber auch noch Konrad Lorenz, der im Schakal den Vorfahren einiger Hunderassen sah. Durch die modernen zellgenetischen Verfahren heute wissen wir, dass tatsächlich alle Hunde vom Wolf abstammen.

Über die postulierte genetische Veränderlichkeit der Vorfahren unserer Nutztiere - und Pflanzen tastete sich Darwin langsam an das heiße Eisen heran, dass nämlich die Natur selbst, ohne Zutun des Menschen, auch solche Varietäten, wenn auch viel langsamer, hervorbringen sollte. So vorsichtig drückte er sich aus, dass bei der ersten Vorstellung seiner Erkenntnisse vor der Royal Society keiner der gelehrten Zuhörer die Brisanz seiner Behauptung erkannte. Werden nicht jene Naturforscher....doch annehmen, dass viele von unseren Haustierrassen von gleichen Eltern abstammen - werden sie nicht vorsichtig sein lernen, wenn sie die Annahme verlachen, dass Arten im Naturzustand in gerader Linie von anderen Arten abstammen?

Außer den Tier- und Pflanzenzüchtern, den Bauern, waren es vor allem die Gärtner, die seit Jahrtausenden immer wieder neue "Varietäten" von Zierpflanzen hervorbrachten. Die Gärtner arbeiten dabei mit allen Tricks, denn außer der geschlechtlichen Fortpflanzung über Samen gibt es bei Pflanzen viele Formen der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, z.B. über Sprossung, Pfropfen, oder "Zwiebeln" in Blattachseln, wie zum Beispiel bei den Irisarten. Natürlich blieb unsere Netzblatt-Schwertlilie nicht lange unentdeckt. Schon lange wird sie gezüchtet. Es sind über ein Dutzend Sorten bekannt, meist mit Blüten unterschiedlicher Blau- und Violettfärbung. In München habe ich vier solcher Zuchtsorten gefunden, eine schöner als die andere. Doch während bei anderen Pflanzen die Zuchtformen die Wildform oft an Farben- und Blütenpracht übertreffen, fällt es schwer, bei unserer Iris reticulata zu entscheiden, was schöner ist, die Wildpflanze oder die Zierformen. Entscheidet selbst, hier sind sie:


    Harmony:








Clairette:





Joyce:



Violet beauty


alle Fotos: Angelika Schneider

Montag, 14. März 2011

Haselnuss




Haselnuss Corylus avellana

Die Nachtigall schlagt auf kein' Tannenbaum
Sie schlagt in der Haselnussstaud'n

Aus einem Volkslied



aus den Tafeln von G. Hempel und K. Wilhelm

Für Allergiker, die  auf Frühblüher wie Birke, Erle und Hasel reagieren, beginnt langsam die Leidenszeit. Die böse  Birke gibt noch Ruhe, die Hasel aber legt schon los: an Waldrändern und in Gärten blühen die männlichen Kätzchen und lassen den gelben Pollen fliegen.













Schnief: der Pollen der männlichen Kätzchen macht Allergikern zu schaffen.




Die Haselnuss blüht lange, bevor die Blätter austreiben. Männliche und weibliche Blüten sind nicht in einer Blüte vereinigt, man spricht von zweihäusigen Blüten. Sie wachsen aber auf dem selben Strauch, deshalb ist die Haselnuss eine einhäusige Pflanze. Die weiblichen Blüten sind sehr unscheinbar; sie schauen bei oberflächlicher Betrachtung wie Knospen aus. Es ragen aber die wenige Millimeter langen roten Narben heraus, an denen der Pollen haftenbleibt . An ihrer Basis reifen bis zum Herbst - oft paarweise - die Haselnüsse heran. Sie sind von einer Blätterhaube gekrönt, daher kommtder wissenschaftliche Name der Haselnuss: Corylus kommt aus dem Griechischen Kerys, Helm. Avellana geht zurück auf die süditalienische Stadt Avellino, eine Hochburg des Haselnussanbaus seit den Zeiten der Römer.

Die Haselnuss ist ein Strauch. Was unterscheidet eigentlich Strauch und Baum? Bäume verzweigen sich einige Meter hoch über dem Boden, bei den Sträuchern treiben die Äste aus Knospen knapp über dem Boden aus. Viele Bäume, vor allem Laubbäume, kommen in Baum- und Strauchform vor. Die Äste der Haselnuss wachsen gerade empor, aus ihnen werden im manchen Alpengegenden die bekannten Bergstecken geschnitten. Dabei wird der noch lebende Zweig "geringelt", wächst noch ein Jahr weiter und bildet das rund um den Stecken verlaufende Narbengewebe aus. Das schmückt und erleichtert die Handhabung. Die Hasel wird bis 10 (15) m hoch und höchstens 60 bis 70 Jahre alt.


















Lebend eingeschnitten, ein Jahr weitergewachsen: der geringelte Bergstecken.


Die Blätter des Haselstrauches sind bis 15 cm lang, an der Basis herzförmig, mit deutlicher Blattspitze und doppelt gezähnten Blatträndern. Behaart und dunkelgrün ist die Oberseite, hellgrau und noch mehr behaart die Unterseite.

Die Haselnuss ist heute in ganz Europa verbreitet, auch in Kleinasien und Nordafrika. Ihre große Zeit erlebte sie vor 9.000 Jahren, in einer frühen Warmzeit nach dem Ende der Eiszeit. Der Golfstrom schuf ein ozeanisch getöntes mildes Klima.  Die Haselnuss breitete sich vor allem in Westeuropa aus, in einer für Botaniker erstaunlichen Geschwindigkeit. Haselbüsche sind außerhalb der Vegetationszeit sehr kälteresistent, ja, sie brauchen, um blühen zu können, um die 600 Stunden mit Temperaturen von unter 7 Grad Celsius. Dieses Phänomen nennt sich Hibernation. In der Vegetationsperiode, wenn die Blätter da sind, braucht die Hasel Wärme. Die nacheiszeitliche Wärmeperiode führte dazu, dass sich die Haselnuss auf Kosten anderer Bäume ausbreiten konnte, gegen Fichten und Birken etwa. Die "explosionsartige"  (Hansjörg Küster*) Ausbreitung der Hasel ist mit natürlichen Mitteln allein aber nicht gut zu erklären.  Die Samen der Hasel, die Haselnüsse, sind groß und schwer, sie fliegen nicht weit. Sie werden von Vögeln wie Eichelhähern verbreitet, oder von Mäusen oder Bilchen. Unter natürlichen Bedingungen verbreitet sich die Haselnuss deshalb nicht sehr rasch. Fachleute nehmen an, dass an der nacheiszeitlichen Ausbreitung schon der nomadisierende Mensch der mittleren Steinzeit beteiligt gewesen sein, der essbare Haselnüsse mit sich führte und sie absichtlich (?) aussamte. Die Haselnuss wäre somit eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt.

In Deutschland wurden Haselnüsse vor allem seit dem Mittelalter angebaut und gezüchtet. In manchen Gegenden kannte man ein Dutzend oder mehr Sorten von Haselnüssen. Heute gibt es einen solchen Anbau kaum noch, die alten Sorten verwildern, das Wissen um sie geht verloren. Der größte Haselnussproduzent ist heute die Türkei, sie exportiert Haselnüsse in alle Welt.

Sexy Nüsse

Tja, man muss darüber reden: die paarweise am Strauch hängenden Haselnüsse erinnern an…. genau!  Außer den Nüssen gibt es noch die gerade empor wachsenden Äste. Sie erinnern an…...eben! Auch die nahrhaften Früchte und die frühe Blüte im Frühling ließen die Haselnuss zu einem bedeutenden Fruchtbarkeitssymbol in der Volkskultur werden. An Volksliedern kennt man vor allem das arme Schwarzbraun ist die Haselnuss, das ein - unverdientes - Image als Marschlied der Nazis hat. Die schwarzbraune Haselnuss ist viel älter und wurde ursprünglich von den fortschrittlichen Wandervögeln gesungen.  Das Lied von der Nachtigall in der Haselnussstaud'n vereinigt die im Frühling, der Zeit der Fortpflanzung, singende Nachtigall mit den sexuellen Konnotationen des Haselbusches.

*Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart.München 1998
Fotos: Wolf Schröder (2)